mini|Titelblatt von Julius Stindes Schrift „Berliner Kunstkritik“
Berliner Kunstkritik mit Randglossen ist eine von Julius Stinde (1841–1905) unter dem Pseudonym Quidam veröffentlichte Schrift, die im Oktober 1883 im Berliner Verlag Freund & Jeckel erschienen ist.
Beschreibung Der Verlag hat das Erscheinungsjahr auf dem Titelblatt aus verkaufstechnischen Gründen auf 1884 festgesetzt. Das Buch behandelt die Kritiken, die anlässlich der 56. akademischen Kunstausstellung im Jahre 1883 in Berliner Zeitungen erschienen sind.
Stinde hat über 400 Einzelurteile aus 16 Zeitungen zusammengestellt und die Kürzel der zitierten Kritiker beigefügt, damit kritische Leser die Richtigkeit der Zitate auch nachprüfen können. Vorangestellt sind vier Seiten „Eingangsbetrachtungen“ und am Ende gibt es eine Sammlung von Stilblüten, zwölf Seiten „Schlußbetrachtung“ und ein „Register der Merkwürdigkeiten“, das auch die Namen der besprochenen Künstler enthält. Mit dieser Zusammenstellung sollte die Nutzlosigkeit und Überflüssigkeit der Kunstkritik in Zeitungen nachgewiesen werden.
Wirkungsgeschichte An die „Berliner Kunstkritik“ knüpfte sich ein Streit zwischen Karl Frenzel und Anton von Werner in der National-Zeitung, der ein Echo auch in anderen Publikationen gefunden hat.
Karl Frenzel hatte in der Morgenausgabe der National-Zeitung vom 23. November 1883 das Buch rezensiert und auf „die völlige Subjektivität aller ästhetischen Urtheile“ hingewiesen und im Verlauf seiner Besprechung geschrieben: „Daß die Kritik sich widerspricht – ganz abgesehen davon, daß sie sich aus Nothwendigkeit, eben aus der verschiedenen Individualität der Kritiker widersprechen muß – bietet den Künstlern die einzige Gewähr, sich zu entfalten und zu entwickeln.“ Und weiter: „Lobend oder tadelnd macht sie, was die Hauptsache ist, das Publikum auf einzelne Werke in der Ausstellung aufmerksam. Die Künstler, die jeden tadelnden Kritiker für einen unverständigen und frechen Eindringling in ihr Gebiet und jeden sie lobenden für eine Kunstautorität ersten Ranges erklären, sollten sich doch einmal eine Vorstellung machen, was denn geschehen würde, wenn die gesammte Kunstkritik Berlins, von Ludwig Pietsch bis herab zu dem kleinsten Kunst-Reporter in der kleinsten Zeitung, nur ein Vierteljahr lang keinen Federstrich für ihre Unsterblichkeit thäte.“ Frenzel stellt sogar das Kritikertum über die Künstlerschaft, wenn er schreibt: „Während seine Thätigkeit für die Kulturgeschichte unvergleichlich nützlicher ist als Hunderte von Dutzendlandschaften und Dutzendportraits; während der Fleiß und die geistige Anstrengung, die er darauf verwenden muß bei Weitem die Arbeit und die Zeit übersteigen, die ein Fa Presto unter den Künstlern braucht, um mit Hülfe zweier oder dreier Photographien eine riesige Leinwand mit Farben zu bedecken, glaubt sich jeder Lehrling, der die Palette in die Hand nimmt, berechtigt, ihm einen Dummkopf an den Kopf zu werfen.“ Schließlich erlaubte sich Frenzel noch eine provokante Behauptung: die Künstler stünden täglich an seiner Klingeltür. Im Wortlaut: „Die Kritik zuckt gelassen die Schultern über all dieses Gerede in den Wind: sie weiß, daß ganz andere Größen und Talente, [. . .] den Hut in der Hand, jeden Tag an ihrer Klingelthür erscheinen.“ Dies sollte eine Anspielung darauf sein, dass alle Berliner Kritiker Eintrittskarten zur Eröffnung des von Anton von Werner geschaffenen Sedan-Panoramas erhalten hatten. Sofort sieht sich daraufhin die „Berliner Panorama-Gesellschaft“ gedrungen, in einer Richtigstellung zu betonen,
Anton von Werner schildert die Folgen dieses Aufsatzes von Frenzel ausführlich in seinen Memoiren:
Nach einigen zum Thema gehörigen anekdotischen Einschüben kommt Anton von Werner auf Seite 393 wieder auf das Hauptskandalon des Frenzel-Artikels zu sprechen: „Noch eine andere ernstere Frage als die der Klingeltür, erregte damals die Berliner Künstlerschaft, die als Illustration zu dem Thema ‚Kunstgelehrte contra Künstler‘ aufgefaßt wurde: das Mißverhältnis zwischen den im Extraordinarium des Staatshaushaltetats 1884/85 für die Berliner Museen eingestellten und später vom Landtag auch bewilligten 4.795.000 Mark und den – 4918 Mark für die Berliner Kunstakademie. Diese und die Klingeltürfrage wurden auf dem Akademiker-Weihnachtsfest, das am 8. Dezember in der Philharmonie stattfand und das zugleich eine Huldigung für den allgemein beliebten Professor Bellermann zu seinem 50-jährigen Künstlerjubiläum war, in drolliger Weise verwertet. In dem Festspiel wurde malerisch sehr wirkungsvoll der Aufenthalt Bellermanns in Venezuela, wohin er auf Veranlassung von Alexander v. Humboldt vor 30 Jahren gesandt worden war, behandelt und in der Schlußszene dem Jubilar angesichts seiner in der tropischen Walddekoration aufgestellten bekränzten Büste von den Studierenden eine schöne Bronzeuhr verehrt. Die Stimmung des Abends beherrschte aber der Konflikt zwischen Künstlern und Kritikern, der dann auch in mitunter sehr scharfen Witzen seinen Ausdruck fand. Ganz besonders wurde ein von dem Chemiker Dr. Jacobsen verfaßtes Lied enthusiastisch applaudiert, das dem Texte zu einem damals vielbekannten allerliebsten Kinderbildchen der Kate Greenaway: ‚Five little sisters . . .‘ nachgebildet war und also lautete: Fünf kleine Kritiker, all’ in einer Reih’, jeder hat ’ne Klingeltür, ein Künstler steht dabei“.
Über diese Angelegenheit wurde in vielen Zeitungen berichtet. In der Breslauer Zeitung vom 7./9. Dezember 1883 schrieb Heinrich Hart über das „Duell“:
mini|Umschlagtitel von Julius Stindes Schrift „Berliner Kunstkritik“
Im Kladderadatsch, zu dessen Beiträgern Julius Stinde auch gehörte, stand zu lesen:
Auch Fontane befasst sich mit dem Streit. Er schreibt an Friedrich Stephany:
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Einzelnachweise
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