Die Michel, benannt nach dem Hamburger Michel, war ein im Zweiten Weltkrieg unter der Bezeichnung Schiff 28 für den Einsatz bei der Kriegsmarine vereinnahmtes ehemals polnisches Frachtschiff. Bei der britischen Royal Navy war die Michel als Raider H bekannt.
Geschichte Das Schiff war 1939 von der polnischen Gdynia America Line bei der Danziger Werft als Frachter in Auftrag gegeben worden und sollte den Namen Bielsko tragen. Bei der deutschen Besetzung Polens fiel das noch unfertige Schiff in deutsche Hand. Vom Norddeutschen Lloyd noch 1939 unter dem Namen Bonn in Dienst gestellt, wurde es 1940 von der Kriegsmarine requiriert, um in Danzig auf der Schichau-Werft zum Lazarettschiff (Schiff 26) umgebaut zu werden. Schließlich wurde das Schiff jedoch zum Hilfskreuzer umgebaut und am 17. September 1941 als Handelsstörkreuzer 9 (HSK 9) in Dienst gestellt.
Bewaffnung Die Hauptbewaffnung des Schiffs bestand aus sechs 15-cm-Schnellfeuergeschützen, für die 1.800 Granaten mitgeführt wurden. Je zwei Geschütze waren (jeweils eines auf jeder Seite) im Bug, auf dem Vorderschiff und in den Heckaufbauten versteckt, konnten aber innerhalb von Sekunden enttarnt werden. Diese Anordnung hatte den Nachteil, dass eine Breitseite nur drei Geschütze umfasste. Außerdem verfügte das Schiff über sechs Torpedorohre, vier in Zwillingssätzen beidseitig im Vorschiff versteckt, die beiden anderen einzeln starr unterhalb der Wasserlinie. Es wurden 24 Torpedos mitgeführt. Weiterhin war das Schiff mit einer 10,5-cm-Flak 38 auf dem Achterdeck ausgestattet, für die 400 Schuss vorhanden waren. Auch verfügte es über vier 3,7-cm-Flugabwehrkanonen (8.000 Schuss) und vier 2-cm-Flugabwehrkanonen (8.000 Schuss). Die 15-cm-Geschütze sowie zwei der vier 3,7-cm-Flugabwehrkanonen und alle vier 2-cm-Flak wurden aus dem kurz zuvor zurückgekehrten und ausgemusterten Hilfskreuzer Widder übernommen. Lediglich die 10,5-cm-Flak und zwei der 3,7-cm-Flugabwehrkanonen waren neu.
Zur Aufklärung von feindlichen Schiffen, die eine mögliche Beute oder Gefahr darstellten, führte der Hilfskreuzer zwei Wasserflugzeuge des Typs Arado Ar 196 A-1 mit. Diese befanden sich im hinteren Laderaum und wurden mit einem Kran ausgesetzt und wieder eingeholt. Auch ein Schnellboot LS 4 (Esau) befand sich an Bord. Dieses schnelle und wendige Beiboot, das mit einer 2-cm-Flak (400 Schuss, in Plexiglaskuppel) und zwei 45-cm-Torpedorohren im Bug bewaffnet war, war speziell für den Einsatz auf Hilfskreuzern entworfen worden und deshalb besonders leicht sowie selbst bei starkem Seegang einsetzbar. Es wurde wie die beiden Flugzeuge im hinteren Laderaum gelagert und war wie diese mit einem Kran ein- und ausladbar.
Besatzung Als erster Kommandant wurde 1940 Korvettenkapitän Hellmuth von Ruckteschell bestimmt, der bereits Kommandant der Widder gewesen war und somit große Erfahrung in der Handelskriegsführung mitbrachte. Von Ruckteschell wählte sowohl den Namen des Schiffs als auch die Besatzung der Michel persönlich aus, so dass diese einen Großteil der früheren Offiziere und Mannschaften der Widder umfasste.
Bevor die Besatzung im Dezember 1940 auf das Schiff kam, wurde sie in speziellen Trainingskursen auf das Leben an Bord vorbereitet. Während die meisten die üblichen Marinekurse besuchten, wurden einige Besatzungsmitglieder in besondere Kurse geschickt, in denen sie Malen, Zeichnen, Bildhauerei, Theater, verschiedene Instrumente und sogar Puppenspielen lernten. Dies geschah auf Befehl von Ruckteschells, der die Auswirkungen einer langen Reise auf die Besatzung kannte und für Abwechslung sorgen wollte. Auch der Leiter einer Musikschule wurde verpflichtet, der Chorleiter und Leiter des Schiffsorchesters sein sollte.
Name Als Schiff 28 Anfang 1941 in Dienst gestellt werden sollte, fragte Erich Raeder bei Korvettenkapitän von Ruckteschell an, welchen Namen er dem Schiff geben wolle, da es üblich war, dass der Kommandant dem Hilfskreuzer einen Namen gab. Dieser antwortete, dass er dem Schiff den Namen Michel geben wolle.
Es gibt mehrere Theorien, wie von Ruckteschell auf diesen Namen kam. Eine ist, dass sich Michel auf den Deutschen Michel bezogen habe. Einer anderen Theorie nach soll sich der Name auf den Erzengel Michael bezogen haben, der als Schutzheiliger der Deutschen gegen den Teufel kämpft.
Obwohl der Name bei der Besatzung sehr beliebt war, stieß er in offiziellen Kreisen in Berlin auf wenig Gegenliebe, da weder der häufig karikierte Deutsche Michel noch der christliche Erzengel als passende Namensgeber erschienen.
Daher riet Raeder von Ruckteschell, einen anderen Namen zu wählen, und schlug selbst Götz von Berlichingen vor. Von Ruckteschell lehnte den Namen jedoch ab und verwies auf Berlichingens bekannten Satz: „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“.
Angesichts der sturen Haltung von Ruckteschells gab Raeder schließlich nach und taufte das Schiff am 7. September 1941 persönlich auf den Namen Michel.
Einsatz Erste Fahrt Am 9. März 1942 verließ die Michel Kiel, verholte zuerst nach Cuxhaven und dann nach Vlissingen.
Von dort aus sollte sie als Sperrbrecher 26 getarnt den Ärmelkanal durchqueren, um in La Rochelle letzte Vorbereitungen für ihre eigentliche Mission zu treffen.
Am Abend des 13. März, also nur 300 Stunden nach dem erfolgreichen Kanaldurchbruch der Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau, lief die Michel alias Sperrbrecher 26 in Begleitung von neun Minenräumbooten sowie den Torpedobooten Iltis, Jaguar, Seeadler, Falke und Kondor aus Vlissingen aus.
Schon nach wenigen Stunden wurde der Konvoi von mehreren Motortorpedobooten angegriffen, die jedoch mit Hilfe der leichten Flugabwehrkanonen und der Begleitboote ausgeschaltet werden konnten. Wenig später wurde der Verband von neun Motortorpedobooten und fünf Zerstörern attackiert, die nur mit Hilfe naher Küstenbatterien und der enttarnten Hauptgeschütze der Michel abgewehrt werden konnten. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die Royal Navy jetzt von der Existenz eines weiteren Hilfskreuzers Kenntnis hatte.
Nur geringfügig beschädigt und mit nur einem gefallenen Offizier erreichte der Konvoi am 14. März Le Havre und am folgenden Tag Saint-Malo, wo Treibstoff und Munition nachgefüllt wurden. Am 17. März erreichte die Michel La Rochelle, wo sie am 20. März ablegte, um im Zentralatlantik Handelskrieg zu führen. Später sollte sie mit dem weiter südlich operierenden Hilfskreuzer Thor in den Indischen Ozean vorstoßen.
Am 5. April wurde der Äquator überquert, und elf Tage später, am 16. April, traf man mit dem Tanker Charlotte Schliemann zusammen, um die Treibstoffvorräte aufzufüllen. Um nicht entdeckt zu werden, tarnte sich die Michel von nun an als norwegischer Frachter.
Am 19. April wurde das erste feindliche Handelsschiff gesichtet. Es handelte sich um den britischen Tanker PatellaAngaben zur MT Patella (1927) der Anglo-Saxon Petroleum Co., der mit 10.000 t Öl auf dem Weg von Trinidad nach Südafrika war. Nach einem Warnschuss und dem Hissen der Reichskriegsflagge erhöhte der Tanker jedoch seine Geschwindigkeit und sendete RRR, das Notsignal bei einem Angriff durch einen Hilfskreuzer (Raider). Nach weiteren Schüssen, die unter anderem die Brücke und den Funkraum zerstörten, ergab sich die Besatzung; das Schiff wurde mit Sprengladungen versenkt. Die Michel nahm 60 Überlebende auf.
Drei Tage später, am 22. April, wurde ein weiterer Tanker gesichtet, und von Ruckteschell beschloss, das mitgeführte Schnellboot Esau zum Einsatz zu bringen. Die Michel folgte dem Schiff ungesehen bis in die Nacht hinein und bestimmte Geschwindigkeit und Kurs. In der Nacht wurde die Esau zu Wasser gelassen. Diese fuhr in einem großen Bogen ungesehen um das feindliche Schiff herum und wartete im Schutz der Dunkelheit auf den Tanker. Im Morgengrauen schoss die Esau zwei Torpedos auf den Tanker ab, der in einem Feuerball explodierte. Die herannahende Michel konnte 13 Überlebende retten, die das Schiff als 8.684 BRT große ConnecticutAngaben zur DT Connecticut (1938) und Bild der Esau der US-amerikanischen Texas Company identifizierten, die ebenfalls nach Südafrika unterwegs gewesen war.
Am Morgen des 1. Mai wurde die 10.307 BRT große Menelaus der britischen Blue Funnel Line südlich von St. Helena gesichtet. Die Michel gab sich als britisches Patrouillenboot aus und forderte den Passagierdampfer zum Anhalten auf. Der Kapitän der Menelaus weigerte sich jedoch und forderte von der Michel, den Erkennungscode zu senden. Da dies nicht möglich war, befahl von Ruckteschell, das Feuer zu eröffnen und die Esau zu Wasser zu lassen. Die Menelaus begann daraufhin, Notsignale auf allen Frequenzen zu senden und sich mit Höchstgeschwindigkeit von der Michel zu entfernen, so dass sie bald außer Reichweite war. Da sie auch den Torpedos der Esau auswich, ließ von Ruckteschell mit Blick auf die bald eintreffenden feindlichen Kriegsschiffe abdrehen. Dies war das einzige Mal während des Zweiten Weltkriegs, dass ein von einem Hilfskreuzer angegriffenes Schiff entkommen konnte.
Nach diesem Misserfolg ließ von Ruckteschell die Michel Kurs nach Süden in das vormals von der in den Indischen Ozean ausgewichenen Thor überwachte Gebiet setzen, um sich erneut mit dem Tanker Charlotte Schliemann zu treffen. Das Rendezvous fand am 8. Mai statt. Die Michel erhielt neuen Treibstoff und gab die Gefangenen an die Charlotte Schliemann ab.
Am 20. Mai wurde auf der Route Montevideo–Kapstadt ein weiterer Frachter entdeckt. Es handelte sich um den 4.245 BRT großen norwegischen Frachter KattegatAngaben zur in Dänemark gebauten MS Kattegat (1936), der im Ballast auf dem Weg nach La Plata war. Da mit den ersten Salven Brücke, Maschinenraum und Funkraum zerstört worden waren, konnte der Frachter weder entkommen noch ein Notsignal funken. Es gab keine Verletzten, und alle 20 Männer konnten auf die Michel übernommen werden, bevor die Kattegat mit Sprengladungen versenkt wurde.
Zwei Wochen später fing der Funker der Michel das Notsignal eines Liberty-Frachters ab, der weiter nördlich einen Maschinenschaden erlitten hatte. Obwohl man drei Tage entfernt war, entschied von Ruckteschell, Kurs auf den Frachter zu setzen, und entdeckte ihn am 5. Juni, als die Besatzung es gerade geschafft hatte, den Motorschaden zu beheben. Obwohl die Esau das Schiff torpedierte und beide Torpedos trafen, gelang es nicht, das Schiff zu versenken. Stattdessen sendete das jetzt als 7.176 BRT große George ClymerAngaben zur George Clymer (1942) identifizierte Schiff einen Notruf ab und besetzte die Bordkanone. Da ein britischer Kreuzer angekündigt wurde, beschloss man auf der Michel, hinter dem Horizont abzuwarten. Der Kreuzer stellte sich als Alcantara heraus, die bereits gegen die Thor gekämpft hatte und dabei schwer beschädigt worden war. Diese nahm die Besatzung der sinkenden George Clymer auf und entfernte sich, bevor die Michel eingreifen konnte.
Am 11. Juni entdeckte der Ausguck den 5.187 BRT großen britischen Frachter Lylepark,Angaben zur Lylepark (1929) der mit Flugzeugteilen auf dem Weg von Kapstadt nach New York war. Der Frachter wurde ohne Vorwarnung unter Beschuss genommen und nach kurzer Zeit versenkt. Die Michel nahm 22 der 27 Besatzungsmitglieder auf.
Am 21. Juni traf die Michel mit dem von der Atlantis erbeuteten Blockadebrecher Doggerbank zusammen, an den sie ihre 124 Gefangenen abgab.54 von der britischen Patella, 22 von der britischen Lylepark, 32 von der norwegischen Kattegat und 16 von der amerikanischen Connecticut. Zu den beiden Schiffen stieß am nächsten Tag noch der Tanker Charlotte Schliemann, von dem sie mit Treibstoff versorgt wurden. Nach dem Treffen lief die Michel nach Norden, um im Golf von Guinea nach weiteren Frachtern Ausschau zu halten, die diese Strecke fuhren, um deutschen U-Booten auszuweichen.