mini|Teilansicht des Zentrums von Lyrbe 2012
Lyrbe () ist eine antike Ruinenstätte in der antiken Landschaft Pamphylien in den südlichen Ausläufern des Taurusgebirges (Süd-Türkei) im Landkreis Manavgat (Provinz Antalya).
Lage und Erreichbarkeit Die Ruinenstätte von Lyrbe (altgriechisch „Λύρβη“)Ladislav Zgusta: Kleinasiatische Ortsnamen (= Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge, Beiheft 21). Heidelberg 1984, S. 347., heute auch bekannt als „Hisar“ (Burg, Zitadelle), erreicht man ungefähr 10 km nördlich der Kreisstadt Manavgat und etwa 3,5 km oberhalb nördlich des Dorfes Bucakşeyhler (früher Şıhlar). Der an drei Seiten von steilen Flanken umgebene Ort liegt in den südlichen Vorbergen des Mittleren Taurus im Manavgat-Teilbecken des östlichen miozänen Antalya-Beckens. Er erstreckt sich an der Südseite einer Erhebung der Karpuzçay-Formation, einer hügeligen und vielfältigen, überwiegend klastischen Abfolge mariner Ablagerungen. Die Sedimente bestehen aus grünem bis grauem, dünn- bis dickbankigem Sandstein und dünn bis massig laminierten Siltstein- und Tonstein-Wechsellagerungen mit linsenförmigen Einlagen von bis zu mehreren Meter mächtigen Konglomeratbänken. Das Alter der Karpuzçay-Sedimente wurde als Serravallium-Tortonium (4.–5. Stufe des Miozäns, etwa 7–13 Mio. Jahre) bestimmt.
Noch im April 2016 lagen die Ruinen der antiken Siedlung weitgehend versteckt in einer Waldung mit hochstehenden Pinien. Ein Blick auf das entsprechende Google-Earth-Satellitenbild vom 4. April 2025 offenbarte allerdings, dass inzwischen weitgehend der Wald im gesamten Ruinenareal einem Brand zum Opfer gefallen war – nach lokalen Zeitungsberichten offenbar im Juli/August 2021. Die damaligen Waldbrände breiteten sich unter anderem im Taurusgebirge mit besonders schweren Auswirkungen in Gebieten bei Manavgat in der Nähe von Lyrbe aus, wo sie Spuren hinterließen – sowohl Schäden als auch neue archäologische Funde im Umfeld der Ruinenstätte.
Der im Oktober 2025 schlecht ausgeschilderte Ruinenplatz ist über die Staatsstraße D400 von Antalya kommend am besten von Manavgat aus zu erreichen: Man verlässt die D400 dort beim Abfahrts-Hinweis „Otogar / Sorgun / Titriyengöl“ auf der parallel verlaufenden Ausfahrtstraße für 1300 m, biegt an der 2. Ampelanlage unter der D400 nach links (Norden) auf den Demograsi Bulvarı ab und folgt dessen Straßenverlauf und der anschließenden Hastahanı Caddesi leicht nordostwärts über 4 km bis zum Manavgat-Wasserfall (Manavgat Şelalesi; Şelale ist ausgeschildert). Dieser lokalen Verbindungsstraße zum Manavgat-Stausee weiter entlang erreicht man – vorbei an der historischen Brücke „Naras Köprüsü“ über den Kargıçay bei Dikmen (1,5 km, liegt links) – nach 3,7 km bei „Tomris Garden“ den Abzweig halblinks nach „Bucakşeyhler“, auf dem man vorbei am Rest der antiken Wasserleitung nach Side (Side Sukemeri) ins Dorf Bucakşeyhler kommt. Dort geht es, der Beschilderung (?) nach, durch das Dorf weiter nordwärts für 3,5 km durch hügeliges Buschland auf dem asphaltierten Fahrweg bergauf bis zum Parkplatz bei Lyrbe.
Forschungsgeschichte Soweit bislang bekannt ist, besuchte der österreichische Anthropologe und Archäologe Felix von Luschan die Ruinenstätte bei Bucakşeyhler im 19. Jahrhundert als erster neuzeitlicher Forscher.Karl Lanckoroński: Städte Pamphyliens und Pisidiens. Band 2, Wien 1892, S. 186–187 (Digitalisat). Vom Schweizer Numismatiker Friedrich Imhoof-Blumer wurde die damals nur dem Namen nach bekannte Stadt Lyrbe in die Landschaft Pisidien eingereiht und von seinem britischen Kollegen, dem Numismatiker Barclay Vincent Head dagegen unter Kilikien mit der Notiz: „Der genaue Standort dieser Stadt ist noch nicht bestimmt. Wahrscheinlich lag sie an der Grenze zwischen Isaurien und Pisidien oder Pamphylien, in der Nähe der Seen Caralis [Karalis, Beyşehir-See] und Trogitis [Suğla-See] und nicht weit von den Städten Carallia [Karallia, bei Gözübüyük 20 km nordwestlich von Alanya], Casa [Kasai] und Colybrassus [20 km nördlich von Alanya] entfernt.“ Und zu den Münzen der Stadt bemerkt Head: „Es gibt kaiserliche Münzen von Lyrbe, Severus Alexander bis Saloninus mit der Inschrift ΛYΡBEITΩN sowie Typen, die sich auf den Kult von Serapis, Helios, Hermes, Ares, Asklepios und Pallas beziehen.“ Der österreichische Archäologe Rudolf Heberdey und sein Landsmann, der Epigraphiker Adolf Wilhelm, besuchten den Ort am 10. April 1892. Sie identifizierten ihn mit Seleukeia in Pamphylien basierend auf den Angaben im Stadiasmus Maris Magni, ein Name, der lange Zeit bestehen blieb.Stadiasmus Maris Magni 216; Danach wurde es weitgehend still um die Bergstadt Lyrbe.
Ausgrabungen und Forschungen vor Ort wurden erst zwischen 1972 und 1979 von einem Team unter der Leitung der Klassischen Archäologin Jale İnan, Professorin am Archäologischen Institut der Universität Istanbul, durchgeführt. Allerdings hatte sich bereits seit den späten 1960er Jahren zwischen einzelnen Wissenschaftlern eine Diskussion zum Namen der Siedlung entwickelt: Lyrbe oder Seleukeia in Pamphylien? Da direkte Hinweise vor Ort nicht gefunden wurden, konnte eine endgültige Zuordnung bislang nicht wirklich gefestigt werden. Früher wurden die Stadtruinen von Hisar mit dem Ort Seleukeia gleichgesetzt (s. oben). In den 1980er Jahren hatte Johannes Nollé darauf verwiesen, dass die Ruinen bei Bucakşeyhler der Platz des antiken Lyrbe sein müssen. Er schreibt dazu:
Johannes Nollé argumentierte in dieser Richtung weiter, indem er vermerkte, dass auf den kaiserzeitlichen Münzen der Stadt ein Kultbezirk abgebildet ist, dessen Mittelpunkt ein heiliger Stein (Baitylos) und ein Baum bilden. Er interpretiert dies als Zeichen eines uralten Kultes, der weit in die vorgriechische Zeit zurückreicht. Lyrbe wäre damit ein sehr alter Siedlungsplatz gegenüber der seleukidischen Gründung Seleukeia. Zudem habe Lyrbe wegen seiner Lage in engem Kontakt mit Side gestanden. Der Ort Lyrbe war aufgrund seiner Münzprägung weit bedeutender als Seleukeia in Pamphylien und führte seine Waren über den Hafen von Side aus. Side war demnach die Hafenstadt für Lyrbe, während umgekehrt die Bewohner von Lyrbe die Pässe der Straßen kontrollierten, die nach Norden durch das Taurusgebirge führten.Jörg Wagner: Südtürkei. Von Kaunos bis Issos (Artemis Kunst- & Reiseführer). München/Zürich 1991, S. 238. Auch der Archäologe Jacques Elsner sah das ähnlich und begründete im Ausschlussverfahren, dass die antike Stadt im Hinterland von Manavgat nur mit Lyrbe identisch sein könne, da der Ort Seleukeia in Pamphylien laut römischer Portolane am Mittelmeer lag. Gegenargumente brachte 1992 der deutsche Althistoriker Hartwin Brandt ins Spiel, wonach eine ins 2. Jahrhundert v. Chr. datierte Inschrift aus Telmessos einen Anhaltspunkt zugunsten von Beans Annahme liefere und die Lokalisierung Lyrbes bei Şihlar bislang auch nur eine Vermutung darstelle, während dieses Zeugnis aus Telmessos für die Identität von Şihlar mit Seleukeia spreche, was sich auch in einer Bilingue (s. u.) widerspiegele. So ist die Lage der durch ihre Münzprägung und die Nennung in einer sidetischen Inschrift als eigene Polis ausgewiesenen Siedlung Lyrbe bislang nicht wirklich gesichert. Aber die Liste von Ptolemaios, der Lyrbe zusammen mit Laertes, Kolybrassos, Kasai und Kibyra nennt, deutet auf den ost-pamphylischen Raum.
Seit 2021 finden in Lyrbe Surveys unter Leitung von Işıl R. Işıklıkaya-Laubscher von der Universität Frankfurt statt.Vorberichte: Işıl R. Işıklıkaya-Laubscher: Lyrbe Archaeological Survey - 2021 (Season One). In: ANMED. News Bulletin on Archaeology from Mediterranean Anatolia 20, 2022, S. 46–49 (Digitalisat)Işıl R. Işıklıkaya-Laubscher, Selma Bulgurlu Gün: Lyrbe (?) Archaeological Survey – 2022. In: ANMED. News Bulletin on Archaeology from Mediterranean Anatolia 21, 2023, S. 12–16 (Digitalisat)Işıl R. Işıklıkaya-Laubscher, Selma Bulgurlu Gün: Lyrbe (?) Archaeological Survey – 2023. In: ANMED. News Bulletin on Archaeology from Mediterranean Anatolia 22, 2024, S. 42–46 (Digitalisat). Seit 2023 arbeitet das Labor für Bauforschung und Vermessung der Hochschule RheinMain Wiesbaden dabei im Rahmen des Surveys an einem archäologisch-bauforscherischen Projekt, das die Erfassung und Rekonstruktion des Kerngebiets der antiken Stadt Lyrbe zum Ziel hat.
Geschichte Die schriftliche Überlieferung zu Lyrbe ist spärlich. Von Hekataios von Milet (5./4. Jahrhundert v. Chr.) wird der Ort als Polis „Kyrbē“ erwähnt.Ladislav Zgusta: Kleinasiatische Ortsnamen (= Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge, Beiheft 21). Heidelberg 1984, S. 314. Neben zahlreichen Überresten innerhalb der Stadt, deren Funktionen bislang noch nicht zur Gänze geklärt sind, deutet eine Bilingue auf Griechisch und Sidetisch (Sprache im antiken Südanatolien), die auf das Ende des 4./Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. datiert wird und 1972 bei Ausgrabungen entdeckt wurde, auf enge soziale und wirtschaftliche Verbindungen Lyrbes zur südlich gelegenen antiken Stadt Side an der Mittelmeerküste hin.Johannes Nollé: Zur Geschichte der Stadt Etenna in Pisidien. In: Elmar Schwertheim (Hrsg.): Forschungen in Pisidien (= Asia Minor Studien. Band 6). Bonn 1992, S. 61–141, hier S. 70. Lyrbe erscheint in der antiken Geographie als Binnenstadt (μεσόγειος πόλις) der zu Pamphylien gehörigen Kilikia Tracheia sowie als Stadt Pisidiens.Johannes Nollé: Zur Geschichte der Stadt Etenna in Pisidien. In: Elmar Schwertheim (Hrsg.): Forschungen in Pisidien (= Asia Minor Studien. Band 6). Bonn 1992, S. 61–141, hier S. 70. Der Ort wird im 2. Jahrhundert bei Dionysios Periegetes, der die Stadt in Pisidien lokalisiertDionysius Periegetes 859; Eustathios von Thessalonike, Kommentar zu Dionysius Periegetes 368. und von Claudius Ptolemäus erwähnt, der sie als Binnenstadt der zu Pamphylien gehörigen Kilikia Tracheia nennt.Claudius Ptolemäus 5, 5, 8.
Der deutsche Althistoriker, Epigraphiker und Numismatiker Johannes Nollé hat recherchiert, dass in christlicher Zeit der Bischof von Lyrbe dem Metropoliten von Side unterstand, und dass in einer Inschrift aus Side aus der Zeit vor 241 n. Chr. ein siegreicher Ringer aus Lyrbe gefeiert wurde, der an dem sidetischen Agon Phoibeios teilgenommen hat, einem lokalen historischen Wettkampf-Festival zu Ehren des Apollo Phoebus in Side. Er erwähnt auch die Abschrift eines Papyrus aus Herakleopolis über einen Sklavenkaufvertrag aus der Zeit des Kaisers Decius vom 11. Februar 250, wonach ein gewisser Aurelius Heraklius am 11. Februar 250 in Lyrbe von einem M. Aurelius Nemesianus einen 13-jährigen Sklaven namens Carus aus dem Pontos kaufte.Johannes Nollé: Pamphylische Studien. In: Chiron. Band 16, 1986, S. 199–212, DOI:10.34780/9cu4-1u12 (Open Access), hier S. 206–208. 382 n. Chr. nahm Bischof Gaius aus Lyrbe am Konzil von Konstantinopel teil und 451 Bischof Tarianos von Lyrbe am Konzil in Chalkedon (Kadıköy, asiatische Seite Istanbuls). Der byzantinische Autor Hieroklēs vermerkte den Ort im 6. Jahrhundert noch im Verzeichnis der administrativen Gliederung des Byzantinischen Reiches in der spätantiken Provinz Pamphylia. In den Notitiae Episcopatuum Ecclesiae Constantinopolitanae wird Lyrbe noch bis ins 12. Jahrhundert als Bistum der Pamphylia I (Metropolis Side) verzeichnet, obwohl die Stadt nach den arabischen Raubzügen im 7. Jahrhundert nicht mehr besiedelt war. Umso erstaunlicher ist der partiell gute Erhaltungszustand mancher Bauten im Ort. Das Bistum Lyrbe existiert nominell als Titularbistum der katholischen Kirche weiter.
Münzprägung mini|Münze von Lyrbe Bekannt sind Münzprägungen aus der Zeit Marc Aurels (121–180) bis zu Salonina (254–268).; George C. Watson: Connections, Communities, and Coinage. The System of Coin Production in Southern Asia Minor, AD 218–276 (= Numismatic Studies. 39). The American Numismatic Society, New York 2019, ISBN 978-0-89722-358-4; Münzen von Lyrbe bei Roman Provincial Coinage online.
Stadtstruktur mini|300x300px|Situationsskizze der Ruinenstätte Lyrbe