mini|Sonderausgabe von 1934 mini|Max Weber 1894
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ist ein Werk von Max Weber. Es erschien im November 1904 und Juni 1905 in Form zweier Abhandlungen im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. XX und XXI (I.: Das Problem; II.: Die Berufsethik des asketischen Protestantismus). Eine von Weber gegen Ende seines Lebens erstellte, überarbeitete und ergänzte Fassung wurde 1920 unter dem Titel Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus veröffentlicht.„Die Überarbeitung besteht im Textteil im wesentlichen in Einfügungen, im Fußnotenteil in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit der inzwischen erschienenen Literatur, insbesondere mit den Arbeiten von Werner Sombart und Lujo Brentano.“ Wolfgang Schluchter, Die Entstehung des modernen Rationalismus. Frankfurt am Main 1998, S. 273, Fußnote 1 Es zählt neben Wirtschaft und Gesellschaft zu Webers wichtigsten Beiträgen zur Soziologie und ist ein grundlegendes Werk der Religionssoziologie.
Entstehung Bevor Weber mit der Protestantischen Ethik begann, war „das wiederkehrende Motiv [seiner Arbeiten] die Frage nach den Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen des Kapitalismus, dessen revolutionierende Kraft Max Weber in allen bisher behandelten Arbeiten unter immer neuen Aspekten erforschte.“Dirk Kaesler, Max Weber. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, Frankfurt am Main ³2003, S. 99 Nachdem er sich bereits 1897 in einem Vortrag dem Thema angenähert hatte (vgl. Bd. 2 [siehe unten bei Ausgaben], S. 150), wurde Weber – laut Dirk Kaesler – zur Ausarbeitung durch zwei Umstände angeregt:
Zum einen durch Werner Sombarts zweibändiges Werk Der moderne Kapitalismus (1902), das der Bedeutung des Calvinismus und des Quäkertums für die Entwicklung des Kapitalismus nachging und in dem bereits von einem „kapitalistischen Geist“ die Rede ist,Luc Boltanski/Eve Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz, 2003, S. 605, Fußnote 11, sie verweisen auf ein Essay von H. Bruhns, 1997, S. 105 sowie durch eine seit Jahren unter deutschen Historikern und Ökonomen geführte Diskussion über die Zusammenhänge zwischen religiösen und ökonomischen Entwicklungen.Dirk Kaesler 2003, S. 99f
Den unmittelbaren Anknüpfungspunkt bildete dann eine empirische Studie seines Schülers Martin Offenbacher.Vgl. Dirk Kaesler 2003, S. 100 f.
Weber schrieb die Protestantische Ethik vor und nach seiner Reise in die USA von August bis November 1904. Jedoch wirkten sich die dort gesammelten Eindrücke kaum auf die Schrift (bzw. deren unmittelbar anschließend verfassten zweiten Teil) aus. Anders verhält es sich mit dem 1906 erschienenen Aufsatz „‚Kirchen‘ und ‚Sekten‘“, in dem Weber mehrfach auf Gespräche und Beobachtungen während jener Reise Bezug nahm. Zu den Eindrücken, die er hier „gewann, gehörten insbesondere die protestantischen Sekten, die Organisation der politischen „Maschinerie“, die Bürokratisierung in den USA, die Präsidentschaft und die amerikanische politische Struktur überhaupt.“Dirk Kaesler 2003, S. 27
Die Fragestellung Die Ausgangsfrage lautet, weshalb die moderne Kultur gerade im Okzident entstanden sei und sich z. B. nicht (auch) in China oder Indien bzw. im Orient entwickelt habe bzw. warum sie in Westeuropa nicht schon früher aufgetreten sei. Weber führt dies auf einen „spezifisch gearteten Rationalismus der okzidentalen Kultur“ (Bd. 1, S. 20) zurück. Sein Ziel ist daher, die besondere Eigenart des okzidentalen Rationalismus und insbesondere seiner modernen Variante zu erkennen und ihre Entstehung zu erklären.
Zwischen der protestantischen Ethik und dem Beginn der Industrialisierung bzw. des Kapitalismus in Westeuropa besteht nach Weber ein enger Zusammenhang. Die Kompatibilität („Wahlverwandtschaften“) der Ethik oder religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und des kapitalistischen Prinzips der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen waren ein idealer Hintergrund für die Industrialisierung.
Besonders wichtig ist ihm die Frage nach der Bedingung der Entstehung einer Wirtschaftsgesinnung: des Ethos einer Wirtschaftsform, durch bestimmte religiöse Glaubensinhalte. Dieser Frage geht er am Beispiel der Zusammenhänge des modernen Wirtschaftsethos mit der rationalen Ethik des asketischen Protestantismus (Bd. 1, S. 21) nach. Er behauptet, dass der Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums vorwiegend protestantisch sei, und konstatiert, dass Protestanten eine eher technische, Katholiken eher eine humanistische Schulbildung hätten, sowie eine auffallend „geringere Beteiligung der Katholiken am modernen Erwerbsleben in Deutschland“ (Bd. 1, S. 32). Er will keine umfassende Kulturanalyse vorlegen, sondern die Entwicklung des „Menschentums“ darstellen, welches durch das Zusammentreffen bestimmter religiöser und ökonomischer Bedingungen geschaffen wurde.
Zur gleichen Zeit beschäftigen sich zwei weitere Wissenschaftler mit ähnlichen Themen. Ernst Troeltsch befasste sich mit der Geschichte des Protestantismus und fragte nach „Aufgabe und Erkenntnisziele[n] in der Darstellung des religiösen Elements des Protestantismus und seiner Stellung zu den kulturgeschichtlichen Umgebungszusammenhängen“ (Bd. 2, S. 192). Werner Sombart wollte schildern, wie der Geist seiner Zeit geworden ist, zumal dessen repräsentativer Träger, als den er die Bourgeoisie bestimmt – nicht nur im Geistigen, sondern auch in ihren sozialen Beziehungen. Weber, Troeltsch und Sombart beeinflussten einander inhaltlich und in der methodischen Vorgehensweise.
Webers Aufgabenstellung im Besonderen Die Aufgabe, die Max Weber sich stellte, beschreibt er wie folgt: „… in meinem Fall durch die Aufdeckung einer – allerdings m. E. einer ganz besonders wichtigen – Ursachenreihe beizutragen, welche die Herausbildung einer (wiederum besonders wichtigen) konstitutiven Komponente des Geistes der modernen kapitalistischen Wirtschaft bedingte: einer Färbung desselben also, welche vom Altertum und Mittelalter in wichtigen Punkten spezifisch verschieden war, …“ (Bd. 2, S. 284 f.)
Da es sich bei dieser Aufgabenstellung um eine sehr komplexe historische Erscheinung handelt, sucht er „einen ideal-typischen Begriff, ein Gedankengebilde, … dem sich die faktischen Durchschnittsinhalte des Historischen in sehr verschiedenen Grade annähern.“ (Bd. 2, S. 304) Weber verfährt so, „dass ich [Weber] zunächst 1. die von niemandem bisher bezweifelte Tatsache der auffällig starken Kongruenz von Protestantismus und modernen Kapitalismus …, durch Beispiele in Erinnerung rief, sodann 2. illustrativ einige Beispiele vorführte für solche ethische Lebensmaximen (Franklin),…, und die Frage stellte, wodurch sich diese ethischen Lebensmaximen von abweichenden, speziell von den Lebensmaximen des Mittelalters, unterscheiden, und dann 3. die Art, wie solche seelische Attitüden sich zu dem Wirtschaftssystem des modernen Kapitalismus kausal verhalten, wiederum durch Beispiele zu illustrieren suchte, wobei ich 4. auf den Berufs-Gedanken stieß, dabei an die längst … festgestellte, ganz spezifische Wahlverwandtschaft des Calvinismus … zum Kapitalismus erinnerte, und gleichzeitig 5. aufzuzeigen suchte, dass unser heutiger Begriff des Berufs irgendwie religiös fundiert sei.“ (Bd. 2, S. 304 f.)
Die Studie ist Weber zufolge nicht abgeschlossen (Bd. 2, Anmerkung 39, S. 186) und müsse wenigstens noch durch Folgendes ergänzt werden (vgl. Bd. 1, S. 189 und Bd. 2, S. 322):
eine sehr viel differenziertere Analyse der Wirkung calvinistischer, täuferischer und pietistischer Ethik auf den Lebensstil eingehende Untersuchungen der Ansätze ähnlicher Entwicklungen im Mittelalter und im antiken Christentum eine Untersuchung, inwieweit ökonomische Bedingungen den asketischen Protestantismus förderten Ausführungen über die Bedeutung des asketischen Protestantismus auf die sozial-politische Ethik, d. h. also auf Gemeinschaften von der Familie bis zum Staat ferner eine Analyse über den Einfluss des asketischen Protestantismus auf die Entwicklung des philosophischen und wissenschaftlichen Empirismus.
Die protestantische Ethik Die religiösen Vorstellungen von Luther und Calvin Die protestantische Ethik entwickelt sich nach Weber aus zwei entscheidenden Ideen: Die eine ist Luthers Reformation, die andere ist – sich aus dieser unter dem Einfluss Calvins entfaltend – die innerweltliche Askese, ein konstitutiver Bestandteil des „modernen kapitalistischen Geistes“.
Die Einschätzung der Berufe wandelt sich bei Luther von der Anschauung, dass die Individuen in jedem Stande selig werden können, es also sinnlos ist, auf die Art des Berufes Wert zu legen, zu der Anschauung, dass der Beruf eine von Gott gestellte Aufgabe ist. Um Gott wohlzugefallen, ist die Erfüllung der irdischen Pflichten, also die Arbeit mit Fleiß auszuführen, zu der er den Menschen berufen hat, unter allen Umständen der einzige Weg, und nicht eine Überbietung der innerweltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese.
Diese Wandlung führt Weber u. a. darauf zurück, dass das gestiegene Handelsvolumen zu Luthers Zeit die Bedeutung der Berufsarbeit fördert. Gleichzeitig entwickelt sich – u. a. hervorgerufen durch die Arbeit an der Bibelübersetzung – bei Luther der Gedanke, dass das Leben des Einzelnen vorherbestimmt ist und das Individuum sich dem Willen Gottes zu fügen hat. Konkret heißt dies, „… der Einzelne soll grundsätzlich in dem Beruf und Stand bleiben, in den ihn Gott einmal gestellt hat, und sein irdisches Streben in den Schranken dieser seiner gegebenen Lebensstellung halten.“ (Bd. 1, S. 71)
Dabei ist jeder erlaubte Beruf vor Gott gleich viel wert – die geistlichen genauso viel wie die weltlichen Berufe.
Diese Vorstellung ist immer noch sehr traditionalistisch gebunden, und dies führt Weber u. a. auf den Vorsehungsgedanken Luthers zurück. Auch die ökonomischen Vorstellungen waren bei Luther noch traditionalistisch. Luther tritt energisch gegen das Zinsnehmen ein, wie er überhaupt gegen kapitalistischen Erwerb war.
Die Entwicklung des orthodoxen Luthertums zeigte nach Weber nur etwas Negatives: „Wegfall der Überbietung der innerweltlichen durch asketische Pflichten [Weber meint wohl inner-weltliche Sittlichkeit durch mönchische Askese], verbunden aber mit der Predigt des Gehorsams gegen die Obrigkeit und der Schickung in die gegebene Lebenslage, war hier zunächst der einzige ethische Ertrag.“ (Bd. 1, S. 72)
Luthers Intentionen – der bloße Gedanke der Berufsarbeit – sind nur von problematischer Tragweite. Weber sucht nach „Ausprägungen des Protestantismus“, „bei denen ein Zusammenhang der Lebenspraxis mit dem religiösen Ausgangspunkt leichter als beim Luthertum zu ermitteln ist.“ (Bd. 1, S. 73) In den verschiedenen Glaubensrichtungen, die sich nach Luther gebildet haben, sieht Weber die entscheidenden geschichtlichen Träger. Neben dem Calvinismus sind dies der Pietismus, der Methodismus, sowie die aus den verschiedenen täuferischen Bewegungen hervorgegangenen Sekten, namentlich die Quäker.
Weber konstatiert, dass es den Reformatoren nicht um ethische Reformprogramme (vgl. Bd. 1, S. 75) gegangen sei; stattdessen bildete die Frage nach dem Seelenheil den Angelpunkt ihrer religiösen und theologischen Gedanken. Insofern geht es auch völlig an Webers Zielsetzung vorbei, wenn der Kapitalismus als Ergebnis der Reformation verstanden wird. Vielmehr soll festgestellt werden „ob und in welchen Punkten bestimmte Wahlverwandtschaften zwischen gewissen Formen des religiösen Glaubens und der Berufsethik erkennbar sind.“ (Bd. 1, S. 77) Die „Wahlverwandtschaften“ sieht Weber beim Calvinismus – auf die anderen Glaubensrichtungen geht er hier nicht ein – in der methodischen Lebensführung und der Berufsauffassung. Dieses begründet sich wesentlich in der Prädestination – der Lehre von der Gnadenwahl.