mini|alternativtext=Ein Bild von einem entfernten Nebennierenrindenkarzinom. Die Schnittfläche ist sehr ungleichmäßig mit ungleichmäßigem und mehrfahrbigem Wachstum.|Schnitt durch ein NNK von etwa 17 cm Durchmesser. Da angrenzende Organe ebenfalls befallen waren, mussten Niere (glatt, links oben) und Milz (dunkelviolett, unten) mitentfernt werden. Das Nebennierenrindenkarzinom (NNK, auch Nebennierenkarzinom oder Adrenokortikales Karzinom, (ACC)) ist ein von der Nebennierenrinde ausgehender seltener, endokriner Tumor. Es kann alle 3 Schichten der Nebennierenrinde betreffen.W. Siegenthaler: Klinische Pathophysiologie. Thieme Verlag, 2006, ISBN 3-13-449609-7, S. 343–344, books.google.de Da es sich bei der Nebenniere um Drüsengewebe handelt, beschäftigt sich federführend das medizinische Fachgebiet der Endokrinologie mit dem Nebennierenrindenkarzinom.

Vorbemerkung Die wesentlichen Fakten für diesen Artikel basieren auf internationalen Leitlinien zu Nebennierentumoren.Martin Fassnacht, Stylianos Tsagarakis, Massimo Terzolo, Antoine Tabarin, Anju Sahdev, John Newell-Price, Iris Pelsma, Ljiljana Marina, Kerstin Lorenz, Irina Bancos, Wiebke Arlt, Olaf M Dekkers: European Society of Endocrinology clinical practice guidelines on the management of adrenal incidentalomas, in collaboration with the European Network for the Study of Adrenal Tumors. In: European Journal of Endocrinology. Volume 189, Issue 1, July 2023, ISSN 0804-4643, Pages G1–G42, https://doi.org/10.1093/ejendo/lvad066 [abgerufen am 6. Juli 2024] Martin Fassnacht, Olaf Dekkers, Tobias Else, Eric Baudin, Alfredo Berruti, Ronald. R. de Krijger, Harm R. Haak, Radu Mihai, Guillaume Assie, Massimo Terzolo: European Society of Endocrinology clinical practice guidelines on the management of adrenal incidentalomas, in collaboration with the European Network for the Study of Adrenal Tumors. In: European Journal of Endocrinology. Volume 179, Issue 4, October 2018, Pages G1–G46, https://doi.org/10.1530/EJE-18-0608 [abgerufen am 10. November 2024]M. Fassnacht, G. Assie, E. Baudin, G. Eisenhofer, C. de la Fouchardiere, H. R. Haak, R. de Krijger, F. Porpiglia, M. Terzolo, Berruti, on behalf of the ESMO Guidelines Committee: Adrenocortical carcinomas and malignant phaeochromocytomas: ESMO - EURACAN Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up. In: Annals of Oncology. Volume 31, Issue 11, August 2020, Pages 1476–1490, https://doi.org/10.1016/j.annonc.2020.08.2099 [abgerufen am 10. November 2024]

Vorkommen Nebennierenkarzinome sind selten (pro Jahr ca. 0,7 bis 2,0 Fälle auf 1 Mio.). Jährlich erkranken in Deutschland pro Jahr etwa 100 bis 200 Personen hieran.Anika Mifka: Nebennierenkarzinom – Cushing-Syndrom als Leitsymptom, in: Journal Onkologie, online, 17. April 2023, aktualisiert am: 11. Juli 2025 Ein Nebennierenkarzinom kann in jedem Lebensalter auftreten, wobei die höchste Inzidenz zwischen 40 und 60 Jahren liegt. Frauen sind häufiger betroffen (55 bis 60 %) als Männer (40 bis 45 %). Nebennierenkarzinome treten bei Erwachsenen meistens sporadisch auf. Mitunter kommen sie aber auch als Teil erblicher Syndrome vor, wie z. B.: Li-Fraumeni-Syndrom Lynch-Syndrom Multiple endokrine Neoplasie (MEN) Familiärer adenomatöser Polyposis (siehe auch Adenomatose)

Pathogenese Zwar konnte in den vergangenen Jahren mittels Studien die Pathogenese besser verstanden werden, jedoch weist nur ein kleiner Teil der Nebennierenkarzinome die Krankheit erzeugende Veränderungen im Genom von Tumorzellen auf, die das Zellwachstum und die Zellvermehrung eines Tumors begünstigen können.

Symptome Hormonüberschuss Bei etwa 50 bis 60 % der Patienten mit Nebennierenrindenkarzinom tritt ein Überschuss von der Nebenniere ausgeschütteten Hormonen unabhängig von äußeren Einflüssen auf. Meist treten Hypercortisolismus (Cushing-Syndrom) oder gemischte Cushing- und Virilisierungssyndrome auf. Dabei ist ein reiner Überschuss an Androgenen eher selten, während ein Überschuss an Östrogen oder Mineralocorticoiden sehr selten ist. Ein Überschuss von Östrogen kann zu Gynäkomastie, ein Überschuss von Mineralocorticoiden zu Hypertonie führen. Jedoch bedeutet nicht jede neu auftretende Gynäkomastie oder Hypertonie automatisch das Vorhandensein eines Nebennierenrindenkarzinoms.

Unspezifische Krankheitszeichen Zu den unspezifische Krankheitszeichen, die durch eine Raumforderung im Bauchraum verursacht werden, zählen Bauchbeschwerden (z. B. Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl) oder Rückenschmerzen. Klassische mit Bösartigkeit assoziierte Symptome wie z. B. Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Müdigkeit oder Fieber treten selten auf.

Diagnostik Zufallsfund: Inzidentalom Ca. 30 % der Karzinome der Nebenniere werden zufällig diagnostiziert (Inzidentalome). Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einem Inzidentalom der Nebenniere um ein Karzinom der Nebennierenrinde handelt, sehr gering. Viel häufiger sind in dieser Situation Adenome. Es können aber auch andere gut- oder bösartige Tumore dahinterstehen.

Übergreifende Empfehlungen im Rahmen der Diagnose Alle Patienten mit vermutetem oder nachgewiesenem Nebennierenrindenkarzinom werden möglichst zum Zeitpunkt der Erstdiagnose im Rahmen der Sitzung eines Tumorboards besprochen. Da das Nebennierenrindenkarzinom selten ist, ist es sinnvoll, dass Patienten in einem spezialisierten Nebennierentumor-Zentrum vorgestellt und behandelt werden. Interdisziplinäre Teams mit Erfahrung in diesem seltenen Tumor sind erforderlich, damit die Diagnostik und Therapie optimal durchgeführt wird. Zusätzlich ergibt sich evtl. die Option an Studien (z. B. Deutsche Nebennierenkarzinom-Studiengruppe) zu Erkrankung und Behandlung teilzunehmen, bzw. Daten oder biologisches Material für Forschungsregister (z. B. ENS@T registry) und andere strukturierte Forschungsprogramme zur Verfügung zu stellen. Die Zielsetzung hierbei ist mittels Erkenntnisgewinn in der medizinischen Forschung die Diagnose und Behandlung zu verbessern.

Diagnoseverfahren bei Verdacht auf Nebennierenrindenkarzinom Allgemeine Empfehlungen Die Diagnosestellung des Nebennierenrindenkarzinom ist oft nicht einfach und auch nicht immer eindeutig. Tumore der Nebennieren können bösartig oder gutartig sein. Dabei gilt: Karzinome weisen Malignität auf, sind also bösartig; Adenome weisen Benignität auf, sind also gutartig. Um keine Zeit zu verlieren, ist es sinnvoll so schnell wie möglich festzustellen, ob eine Veränderung der Nebennierenrinde bösartig ist. Daher werden alle erforderlichen Methoden der Diagnostik möglichst ohne Zeitverzug angewendet. Jeder Patient mit Verdacht auf Nebennierenrindenkarzinom sollte sich daher einer sorgfältigen Untersuchung unterziehen. Dazu gehört neben der geeigneten Bildgebung (Funktionelle Bildgebung) auch die Anamnese, die klinische Untersuchung auf Symptome und Anzeichen von einem Überschuss an von den Nebennieren ausgeschütteten Hormonen und eine entsprechend ausführliche Labordiagnostik.

Prüfen auf Hormonüberschuss Alle Patienten mit Verdacht auf Nebennierenrindenkarzinom durchlaufen eine detaillierte hormonelle Untersuchung, um einen möglichen, von äußeren Einflüssen unabhängigen, Überschuss an Glucocorticoide Sexualhormonen Mineralocorticoiden Vorläufern (Prohormonen) von Hormonen der Nebennierenrinde zu identifizieren. Außerdem ist vor allem bei Tumoren ohne Hormonauffälligkeiten notwendig ein Phäochromozytom auszuschließen.

Bildgebung Bei allen Patienten mit Verdacht auf Nebennierenrindenkarzinom wird geeignete Bildgebung durchgeführt, die auf die Nebenniere fokussiert ist. Dabei werden bei akutem Verdacht auf Nebennierenrindenkarzinom zusätzlich zu einer Bildgebung mittels Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) des Bauchraumes ein Thorax-CT durchgeführt. Teilweise ist ergänzend eine funktionelle Bildgebung (z. B. FDG-PET/CT) hilfreich. Die Durchführung zusätzlicher Bildgebung (z. B. Bildgebung von Knochen und Gehirn) ist nur bei klinischem Verdacht auf Metastasen notwendig. Die Durchführung einer Biopsie der Nebenniere ist bei der diagnostischen Abklärung von Patienten mit Verdacht auf Nebennierenrindenkarzinom in der Regel nicht ratsam. Ausnahme: Es liegen Hinweise auf Metastasen vor, die eine Operation ausschließen und deshalb einen histopathologischer (siehe Histologie und Pathologie) Nachweis zur Information über die onkologische (siehe Onkologie) Behandlung erforderlich machen.

Prognose Vorbemerkung Die wesentlichen Fakten für diesen Artikel basieren auf internationalen Leitlinien zu Nebennierentumoren.Martin Fassnacht, Olaf Dekkers, Tobias Else, Eric Baudin, Alfredo Berruti, Ronald. R. de Krijger, Harm R. Haak, Radu Mihai, Guillaume Assie, Massimo Terzolo: European Society of Endocrinology clinical practice guidelines on the management of adrenal incidentalomas, in collaboration with the European Network for the Study of Adrenal Tumors. In: European Journal of Endocrinology. Volume 179, Issue 4, October 2018, Pages G1–G46, https://doi.org/10.1530/EJE-18-0608 [abgerufen am 10. November 2024]M. Fassnacht, G. Assie, E. Baudin, G. Eisenhofer, C. de la Fouchardiere, H. R. Haak, R. de Krijger, F. Porpiglia, M. Terzolo, Berruti, on behalf of the ESMO Guidelines Committee: Adrenocortical carcinomas and malignant phaeochromocytomas: ESMO - EURACAN Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up. In: Annals of Oncology. Volume 31, Issue 11, August 2020, Pages 1476–1490, https://doi.org/10.1016/j.annonc.2020.08.2099 [abgerufen am 10. November 2024]

Allgemeine Aussagen Die Prognose ist insgesamt nicht günstig, das Ansprechen auf eine medikamentöse Therapie unbefriedigend.W. Siegenthaler: Klinische Pathophysiologie. Thieme Verlag, 2006, ISBN 3-13-449609-7, S. 343–344, books.google.de Der Median des Gesamtüberleben aller vom Nebennierenkarzinom betroffenen Patienten beträgt etwa drei bis vier Jahre. Die Prognose ist jedoch nicht einheitlich. Derzeit gilt die vollständige chirurgische Entfernung als einzige Möglichkeit der Heilung. Neben der vollständigen chirurgischen Entfernung gibt es weitere voneinander unabhängige Einflussgrößen für die Prognose: Stadium der Erkrankung Zellwachstums und Zellvermehrung / Tumorgrad Überschuss an Cortisol Die Fünf-Jahres-Überlebensrate beträgt 60 bis 80 % bei Tumoren, die auf den Raum der Nebenniere beschränkt sind, 35 bis 50 % bei lokal fortgeschrittener Erkrankung, 0 % bis 28 % bei aufgetretenen Metastasen. Die Datenbasis für diese Zahlen ist nach wie vor begrenzt, da die Erkrankung selten ist. Ausnahmen kommen vor.

Stadieneinteilung und Prognosefaktoren Der aktuelle Stand der Forschung führt zu den nachfolgenden Aussagen und Empfehlungen hinsichtlich der Stadieneinteilung und Prognosefaktoren des Nebennierenkarzinoms: Im Rahmen der Erstdiagnose wird empfohlen die Stadieneinteilung des Europäischen Netzwerks für die Untersuchung von Nebennierentumoren (ENSAT) zu verwenden.

+ Einteilung der Stadien nach ENSAT ENSAT-Stadium Parameter I T1, N0, M0 II T2, N0, M0 III T1–T2, N1, M0 T3–T4, N0–N1, M0 IV T1–T4, N0–N1, M1 Definition T1: Tumor ≤ 5 cmT2: Tumor > 5 cmT3: Tumor ist in umliegendes Gewebe eingedrungenT4: Tumor ist in benachbarte Organe eingedrungen oder Tumor verstopft ganz oder teilweise Hohlvene bzw. Nierenvene;N0: kein positiver Lymphknoten (Lymphknoten enthält keine Tumorzellen);N1: positiver Lymphknoten (Lymphknoten enthält Tumorzellen);M0: keine Fernmetastasen vorhanden;M1: Fernmetastasen vorhanden Ebenso werden im Rahmen der Erstdiagnose bei der Beurteilung der Prognose und der Alternativen der Behandlung die folgenden Faktoren berücksichtigt: Stadium des Tumors Status der Resektion Ki-67-Index (oder Mitosezahl) Ausschüttung von Cortisol, unabhängig von äußeren Einflüssen Allgemeinzustand des Patienten. Während der Nachsorge wird die Prognose nach jeder Untersuchung neu bewertet, um die Strategie der Behandlung entsprechend anpassen zu können.

Therapie Vorbemerkung