miniatur|Die russische RPG-7 Eine rückstoßfreie PanzerabwehrhandwaffeSchwere Panzerfaust 84 mm/Leuchtbüchse 84 mm In: Deutschesheer.de, Stand: 13. Juni 2019 ist eine tragbare und freihändig benutzbare Waffe (Handwaffe) zur Panzerabwehr, bei der ein Teil der Verbrennungsgase der Treibladung nach hinten aus dem an beiden Enden offenen Rohr ausgestoßen wird, wodurch kein Rückstoß auftritt.Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 41 Die meisten Waffen dieser Gattung nutzen, allerdings in kleinerer Bauform, dasselbe Antriebsprinzip wie ein rückstoßfreies Geschütz, bei anderen kommt ein kurzbrennender Raketenmotor zum Einsatz. Als Gefechtskopf werden zur Panzerbekämpfung meist Hohlladungen oder Tandemhohlladungen verwendet, die auch bei geringen Geschossgeschwindigkeiten eine hohe Durchschlagskraft besitzen. Je nach Modell können aber auch andere Geschosse wie Splitter- oder Nebelgranaten verschossen werden.Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 41

Abzugrenzen sind die nach dem Abschuss fast immer ungelenkten rückstoßfreien Panzerabwehrhandwaffen von den deutlich komplexeren raketengetriebenen Panzerabwehrlenkwaffen.Truppenübungsplatz Wildflecken in: streitkraeftebasis.de, Stand: 12.10.16Gordon L. Rottman: The Rocket Propelled Grenade, Osprey Publishing, 2010, ISBN 9781849081535, S. 4

Bezeichnung

Obwohl mit dem Oberbegriff Panzerabwehrhandwaffe durchaus auch andere Waffen wie Gewehrgranatwerfer und Granatpistolen beschrieben sind,André Deinhardt: Panzergrenadiere – eine Truppengattung im Kalten Krieg: 1960 bis 1970, Verlag Walter de Gruyter, 2015, ISBN 9783486853704, S. 130 wird dieser Begriff in der Regel verkürzend für die rückstoßfreien Panzerabwehrhandwaffen verwendet.Zentralrichtlinie A2-226/0-0-4710 Gefechtsdienst aller Truppen (zu Lande), Bundeswehr, November 2015 Die gleiche Verkürzung fand bei der Bezeichnung reaktive Panzerbüchse statt.Ullrich Rühmland: NVA: Nationale Volksarmee der DDR in Stichworten, Verlag Bonner Druck- und Verlagsgesellschaft, 1977, S. 182

Die alternative Bezeichnung Panzerbüchse (eigentlich bezeichnet Büchse ein Gewehr mit gezogenem Lauf) für diese Waffen hat ihren Ursprung in der Geschichte. Die ursprünglichen Panzerbüchsen waren übergroße Gewehre. Die Bezeichnung wurde schon von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf die Raketenpanzerbüchse 54, eine rückstoßfreie Panzerabwehrhandwaffe mit Raketenantrieb, übertragen.Fritz Hahn: Waffen und Geheimwaffen des deutschen Heeres 1933–1945. Band 1: Infanteriewaffen, Pionierwaffen, Artilleriewaffen, Pulver, Spreng- und Kampfstoffe. Bernard U. Graefe Verlag, 1986, ISBN 978-3763758319, S. 81, 95 Später hat sich reaktive Panzerbüchse bzw. nur Panzerbüchse vor allem in der NVA der DDR gehalten.Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 41 Reaktiv ist dabei im Sinne von rückstoßfrei gemeint.Moderne Kriegstechnik, Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, 1958, S. 88 Wilfried Schober: Als Grenzsoldat in der Mitte Deutschlands: Briefe und Erinnerungen aus den Jahren 1969/1970, Verlag Engelsdorfer Verlag, 2015, ISBN 9783960080299, S. 276

Umgangssprachlich wird oft Panzerfaust als Synonym gebraucht, benannt nach der deutschen Panzerfaust des Zweiten Weltkriegs. Die häufig international eingesetzte englische Bezeichnung lautet bzw. (raketenangetriebene Granate) (kurz RPG).Einsatz-Lexikon in: bundeswehr.de, Stand: 15.12.17 Dieses ist ein Backronym aus dem russischen Rutschnoi Protiwotankowy Granatomjot (RPG). Dies ist aber technisch irreführend, weil nur die ersten Waffen der Serie nach diesem Prinzip funktionieren.Gordon L. Rottman: The Rocket Propelled Grenade, Osprey Publishing, 2010, ISBN 9781849081535, S. 6 Daneben existieren noch weitere Umschreibungen wie Schulterwaffe für die Panzerabwehr oder leichtes Panzerabwehrgerät (LPAG).

Entwicklung In der Sowjetunion wurde bereits 1931 die Panzerabwehrrakete RS-65 entwickelt. Sie wurde von der Schulter abgefeuert und hatte einen Schutzschild. Das Kaliber betrug 6,5 cm, als Antrieb diente Cellulosenitrat (Pyroxilin). 1938 wurde die Produktion eingestellt.Peter Gosztony: Die Rote Armee. Geschichte und Aufbau der sowjetischen Streitkräfte seit 1917. München 1980, S. 190. Dort befindet sich auf S. 160 ein Foto der Waffe. Da der Gefechtskopf aus konventioneller Sprengladung, und nicht wie später aus einer Hohlladung, bestand, war die Waffe nicht effektiv genug.Gordon L. Rottman: The Rocket Propelled Grenade, Osprey Publishing, 2010, ISBN 9781849081535, S. 11

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde deutlich, dass die konventionellen Panzerbüchsen bei neueren Panzermodellen bald nicht mehr die geforderten Durchschlagleistungen erreichten. Verschiedene kriegführende Länder entwickelten deswegen leichte Infanteriewaffen mit Hohlladungsgeschossen; Einsatzreife erreichten vor Kriegsende nur die von Deutschland und den USA.Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 35

Mit der zunehmenden Verbreitung von Reaktivpanzerung und Verbundpanzerung im Panzerbau, entstanden in den 1980er-Jahren rückstoßfreien Panzerabwehrhandwaffen mit Tandemhohlladungen, wie die RPG-26 und RPG-29.

Funktion Für rückstoßfreie Panzerabwehrhandwaffen gibt es zwei verschiedene AbschussprinzipienHeinz Dathan: Waffenlehre für die Bundeswehr (4. neu bearbeitete Aufl.), Mittler & Sohn Verlag, 1980, ISBN 3-87599-040-4, S. 82–83:

Rückstoßfreies Geschütz, z. B. Panzerfaust Raketenantrieb, z. B. Bazooka

miniatur|US-Soldaten mit der Bazooka

Der Raketenantrieb ist beim Start nachteilig, weil die heißen Abgase den Schützen gefährden. Entweder wird daher die Brenndauer so beschränkt, dass der ganze Treibsatz abgebrannt ist, sobald die Rakete das Abschussrohr verlässt, wie bei der Bazooka, oder es muss ein Schutzschild, wie der Raketenpanzerbüchse 54Modell Panzerfäuste 30 und 54 Darstellung reaktiver Panzerbüchsen auf Seite des Deutschen Historischen Museums, Berlin. Abgerufen am 18. September 2019. vorhanden sein. Das rückstoßfreie Prinzip ist für den Start gut, allerdings haben die Geschosse aufgrund der geringen Geschwindigkeit eine stark ballistische Bahn und eine geringe Reichweite. Dabei wird ein Großteil der Ladung nicht zum Antrieb des Geschosses verwendet, sondern entweicht hinten aus dem Rohr und bildet einen Gegenimpuls, so dass die Waffe praktisch rückstoßfrei ist.

Die meisten modernen rückstoßfreien Panzerabwehrhandwaffen kombinieren das rückstoßfreie Prinzip, um die Granate aus einem Startrohr zu verschießen, und einen Raketentreibsatz, der einige Zeit nach dem Verlassen des Startrohres zündet. Das ist ein Kompromiss, um die Reichweite der Granaten zu erhöhen und den Schützen vor dem Feuerstrahl des Raketentreibsatzes zu schützen. Die sowjetische RPG-7 ist eine sehr erfolgreiche Waffe nach diesem Prinzip.

miniatur|Feuerstrahl einer AT4

Personen hinter dem Schützen sind durch die heißen Gase gefährdet, und die Stellung des Schützen wird durch den Feuerstrahl und die Rauchentwicklung verraten. Abschuss aus geschlossenen Räumen ist problematisch, deswegen werden bei modernen Fabrikaten (z. B. Armbrust) Gegenmassen zur Aufnahme des Reaktionsimpulses verwendet.

Einsatz Je nach Einsatzzweck können unterschiedliche Granaten verwendet werden. Auch Sprenggranaten zur Bekämpfung infanteristischer Ziele sowie Leuchtgranaten zum Ausleuchten des Gefechtsfeldes bzw. Brandmittel können von manchen Modellen verschossen werden. Neben den gepanzerten Fahrzeugen können auch befestigte Stellungen, tieffliegende Hubschrauber sowie „weiche“ Ziele wie Lastkraftwagen, Lager usw. aus geringer Entfernung bekämpft werden. Für Übungszwecke können spezielle Exerziergeschosse Verwendung finden.Exerziergeschoss für Reaktive Panzerbüchse RPG 2 Beschreibung auf der Seite der Deutschen Digitalen Bibliothek. Abgerufen am 18. September 2019.

Rückstoßfreie Panzerabwehrhandwaffen werden meist von der Schulter, in stehender, kniender oder liegender Stellung abgeschossen, einige Systeme kann man jedoch auch mit einer Lafette sowie einem Ballistikcomputer ausrüsten, um ihre Reichweite und Treffergenauigkeit zu erhöhen.

Manche Modelle haben eine fest eingebaute Munition und können nicht nachgeladen werden (z. B. M72). Bei nachladbaren Modellen wird unterschieden zwischen Kalibermunition und Überkalibermunition. Kalibermunition hat außen den Innendurchmesser des Abschussrohrs und kann von hinten geladen werden. Das hat den Vorteil, dass der Schütze nicht die Deckung und Schussposition zu wechseln braucht, während der Ladeschütze die Waffe nachlädt. Überkalibermunition hat zum Teil einen größeren Durchmesser als das Abschussrohr, ragt aus diesem heraus und muss demnach von vorne geladen werden.

Beispiele mini|Panzerfaust 3 der Bundeswehr Armbrust (Deutschland)Lidschun, Reiner: Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Schwend, Schwäbisch Hall 1990 Panzerfaust (Deutschland)Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 35 + S. 226ff. Panzerfaust 3 (Deutschland) Panzerfaust 44 (Deutschland) Raketenpanzerbüchse 54 (Deutschland)Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 225 Matador (Deutschland) RPG-7 (Sowjetunion)Lidschun, Reiner: Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Schwend, Schwäbisch Hall 1990 C90 (Spanien) RPG-22 (Sowjetunion) RPG-32 (Russland) FFV Carl Gustaf (Schweden)Lidschun, Reiner: Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Schwend, Schwäbisch Hall 1990 AT4 (Schweden)Lidschun, Reiner: Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Schwend, Schwäbisch Hall 1990 Bazooka (USA)Reiner Lidschun, Günter Wollert: Infanteriewaffen – Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Brandenburgisches Verlagshaus, 1998, ISBN 3-89488-057-0. S. 35, S. 576ff. M72 (USA) SMAW (USA) LAW 80 (Vereinigtes Königreich)Lidschun, Reiner: Illustrierte Enzyklopädie der Infanteriewaffen aus aller Welt, Schwend, Schwäbisch Hall 1990 Raketenrohr 80 (Schweiz) Bulspike (Bulgarien) M80 Zolja (Jugoslawien) Typ 5 45-mm-Panzerfaust (Japan)

Literatur

Thomas Stamm-Kuhlmann (Hrsg.), Reinhard Wolf (Hrsg.): Raketenrüstung und internationale Sicherheit von 1942 bis heute. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08282-4, S. 51.

Einzelnachweise

!Rückstoßfreie Panzerabwehrhandwaffe