Die Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Brennnesseln (Urtica) in der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae). Weitere deutsche Trivialnamen sind Ukrainische Brennnessel, Sumpf-Brennnessel, Russische Brennnessel, Kiewer Brennnessel und Ufer-Brennnessel.
Beschreibung Vegetative Merkmale Die Röhricht-Brennnessel ist eine sommergrüne, ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von selten 30, meist 60 bis 200 Zentimetern erreicht. Neben den wenigen, an den oberen Teilen der Pflanze allerdings dichter stehenden Brennhaaren sind verstreut Borstenhaare vorhanden. Der am Grund liegende, aufsteigende Stängel bildet an den unteren Knoten (Nodien) reichlich Wurzeln. Er besitzt einen Durchmesser von 5 bis 8 Millimetern und ist kaum kantig. Die unteren Internodien sind hohl.
Die gegenständigen Laubblätter sind in Blattstiel und einfache Blattspreite gegliedert. Der Blattstiel ist mindestens halb so lang wie die Blattspreite. Die über 5 cm lange Blattspreite ist länglich mit zugespitztem oberem Ende und herzförmigem Spreitengrund. Der Blattrand ist grob gesägt. Die hellgrüne Blattoberseite glänzt stark. Die Blattunterseite besitzt auffallend gelblich-weiße Blattadern. Die Nebenblätter sind breit eiförmig und am Grund bis zu 15 Millimeter breit. Die Nebenblätter der oberen Blätter sind paarig bis zur Mitte verwachsen.
Generative Merkmale Die Röhricht-Brennnessel ist einhäusig getrenntgeschlechtig (monözisch). Die oberen Rispen sind weiblich, die unteren männlich. Die männlichen Blütenstände sind in der Regel kürzer als der Blütenstiel und die weiblichen länger. Das Perigon der weiblichen Blüten ist bis 2/3 geteilt, ihre Zipfel sind in der Mitte am breitesten. Die Frucht ist schmal elliptisch mit einer Länge von 1,6 bis 2 mm. Die Blütezeit reicht von Juli bis August.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 26.
Lebensweise und Fortpflanzung Es handelt sich um einen sommergrünen, rosettenlosen Hemikryptophyten, der ein Rhizom ausbildet. Die Bestäubung findet durch den Wind statt. Die Samenausbreitung findet über Stoß- und Klettausbreitung statt.
Vorkommen und Gefährdung Die Röhricht-Brennnessel ist ein Florenelement des submeridionalen bis südtemperaten, kontinentalen Europas. Vorkommen sind aus folgenden floristischen Territorien bekannt: Deutschland, Dänemark, Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Belarus, Ukraine, Europäisches Zentral-, Ost- und Süd-Russland sowie Israel. Der östlichste Fundort liegt am Fluss Ural. Beim Vorkommen in der israelischen Hula-Ebene wird Einschleppung durch Zugvögel vermutet.
Die deutschen Vorkommen wurden erst 1936 durch eine Arbeit des ungarischen Botanikers Bálint Zólyomi (1908–1997) bekannt. Die Röhricht-Brennnessel kommt selten im Nordosten Sachsen-Anhalts an der Havel, in Mittel- und West-Brandenburg im Havelgebiet, am Müggelsee und bei Baruth sowie in Mecklenburg-Vorpommern in Teterow und im Faulenroster Holz vor. Sie gilt bundesweit als „ungefährdet“, wird jedoch in den Roten Listen für Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf Länderebene als „potenziell gefährdet“ angesehen. In einer Ausgrabungsstätte bei Friesack im Havelland wurde sie anhand ihrer Früchte aus mesolithischen Schichten nachgewiesen und ihr Status als alteingesessene Art bestätigt.
In Österreich ist die Röhricht-Brennnessel auf die niederösterreichischen March- und Thaya-Auen beschränkt und wird als „gefährdet“ eingestuft.
Die Röhricht-Brennnessel wächst in wärmebegünstigten Stromtälern und Niederungen in Staudenfluren, Röhrichten, Auenwiesen und Auengebüschen. Sie kommt vor in Gesellschaften der Verbände Phragmition und Alno-Ulmion.
Taxonomie Die Erstbeschreibung von Urtica kioviensis erfolgte 1843 durch Afanassi Semjonowitsch Rogowitsch. Hugh Algernon Weddell ordnete sie 1856 der Urtica dioica als Varietät Urtica dioica var. kioviensis unter. Urtica kioviensis wurde aber in der Folge von Gustav Hegi als selbstständige Art beibehalten. Weitere Synonyme sind Urtica radicans , Urtica bollae und Urtica hulensis .
Verwendung Die Röhricht-Brennnessel ist zur Gewinnung hochwertiger Nesselfasern geeignet. Sie kann ähnlich wie die Große Brennnessel zu Nahrungszwecken verwendet werden. So können Suppen, Aufläufe, Salate etc. hergestellt werden. Es gibt neuerdings Wurzelextrakte, die der Prostatavergrößerung entgegenwirken sollen. Die Röhricht-Brennnessel könnte in Zukunft möglicherweise als Futterpflanze für verschiedene Tiere dienen.
Literatur
Weblinks
Urtica kioviensis Rogowitsch - Erste Fossilnachweise aus Brandenburg Zahlreiche Detailaufnahmen bei botanische-spaziergaenge.at
Thomas Meyer: Datenblatt mit Bestimmungsschlüssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben)
Einzelnachweise Afanassi Semjonowitsch Rogowitsch: Urtica kioviensis, species nova plantarum. In: Bulletin de la Société impériale des naturalistes de Moscou. Band 16, Nr. 2, 1843, S. 324–326, Steffen G. Fleischhauer: Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen. 1500 Pflanzen Mitteleuropas. AT Verlag, Aarau 2003, ISBN 3-85502-889-3.
Siegfried Schlosser, Lutz Reichhoff, Peter Hanelt: Wildpflanzen Mitteleuropas. Nutzung und Schutz. Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin 1991, ISBN 3-331-00301-8. Hugh Algernon Weddell: Monographie de la famille des Urticées. In: Archives du Muséum d'Histoire Naturelle, Paris. Band 9, Nr. 1–2, 1856, S. 1–592 (hier: S. 78), Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mittel-Europa. Mit besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Oesterreich und der Schweiz. Band III. Dicotyledones. J. F. Lehmanns, München 1912, S. 141,
Bálint Zólyomi: Urtica kioviensis Rogowitsch neu für die deutsche Flora. In: Verhandlungen des Botanischen Vereins der Provinz Brandenburg. Band 76, 1936, S. 152–156. , abgerufen am 15. Februar 2013. , abgerufen am 15. Februar 2013. Steffen Wolters, Felix Bittmann, Volker Kummer: The first subfossil records of Urtica kioviensis Rogow. and their consequences for palaeoecological interpretations. In: Vegetation History and Archaeobotany. Band 14, Nr. 4, 2005, S. 518–527, DOI:10.1007/s00334-005-0084-9. Pertti Uotila: Urticaceae. Urtica kioviensis In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Berlin 2011, abgerufen am 16. Februar 2013. Michael Zohary, Naomi Feinbrun (Begr.), A. Danin, D. Heller, O. Fragman-Sapir, M. Kislev, H. Vered-Leschner, U. Plitmann (Hrsg.): Flora Palaestina. Part 1. Ferns, Gymnosperms, Angiosperms: Salicaceae – Caryophyllaceae. 2. Auflage. Israel Academy of Sciences and Humanities, Jerusalem 2012, Internet-Veröffentlichung, [ Urtica kioviensis online bei Tropicos], abgerufen am 16. Februar 2013.
Kategorie:Brennnesselgewächse Kategorie:Faserpflanze Kategorie:Blattgemüse Kategorie:Heilpflanze