mini|Jude im Osmanischen Reich (Zeichnung um 1779) Türkische Juden sind in der Türkei lebende Menschen jüdischen Glaubens. Im weiteren Sinne werden damit die Krimtschaken, Chasaren und Karäer bezeichnet. (türkisch, englisch)

Die größte Gruppe unter den türkischen Juden bilden die Sepharden aus Spanien und Portugal mit ca. 96 %. Es gibt in der Türkei auch Aschkenasen, die aus Mittel- und Osteuropa stammen, allerdings in weit geringerer Zahl, ebenso Nachkommen von Juden, die schon in der Antike und byzantinischen Zeit auf dem Gebiet der heutigen Türkei lebten. Etwa hundert Karäer, die die rabbinische Tradition nicht anerkennen, leben in der Türkei.Türkisch Jüdisches Archiv-Webseite zur Geschichte der Juden im Osmanischen Reich und der Türkei. auf juedisches-archiv-chfrank.de

Heute leben in der Türkei etwa 14.500 Juden (Stand 2022); im Jahr 2016 waren es noch 17.000 bis 18.000, vor 2010 waren es noch 26.000,Musevicemaati.com Offizielle Internetpräsenz der türkischen Juden (türkisch, englisch) und vor der Gründung Israels 1948 waren es 120.000. Die in der Türkei lebenden Juden genießen Minderheitenrechte, die im Vertrag von Lausanne am 24. Juli 1923 definiert wurden.

Geschichte Antike mini|Flaggschiff, das Bayezid II. sandte, um die Juden aus Spanien zu retten Archäologische Funde und literarische Quellen lassen darauf schließen, dass sich die Existenz jüdischer Gemeinden auf dem Gebiet der türkischen Ägäis bis in das 4. vorchristliche Jahrhundert, in Sardes bis 220 v. Chr. zurückverfolgen lässt. Der Historiker Flavius Josephus berichtet, dass Aristoteles Juden auf seinen Reisen durch Kleinasien kennenlernte und mit ihnen in Gedankenaustausch kam. Die auf das 6. Jahrhundert n. Chr. datierte Synagoge von Sardes, ein großer und reich ausgestatteter Bau, der auf eine umfangreiche Gemeinde hindeutet, gilt als bedeutendes Zeugnis jüdischer Kultur der Spätantike.Webseite der deutschsprachigen türkischen Zeitung Yeni Vatan:

Osmanisches Reich mini|Jüdische Gemeinden im Osmanischen Reich. Hellgrün: um 1683; Dunkelgrün: um 1914 Ab 1492, dem Ende der Reconquista, standen die Juden in Spanien vor der Alternative, zum Christentum überzutreten oder das Land zu verlassen. Am 31. Juli 1492 wurden aufgrund des Alhambra-Edikts, unterzeichnet von Ferdinand II. und Isabella I. von Kastilien, zwischen 120.000 und 150.000 Juden aus Spanien ausgewiesen, die ihr Gold und sonstige Schmuckgegenstände sowie Geld der katholischen Regierung überlassen sollten. Die Mehrheit von ihnen – etwa 100.000 – flohen nach Portugal, von wo sie aber 1496/97 auch vertrieben wurden. Der Sultan des Osmanischen Reiches Bayezid II. ließ ein Dekret veröffentlichen, in dem die Juden in seinem Reich willkommen geheißen wurden. Daraufhin wanderte eine große Zahl der spanischen und portugiesischen Juden ins Osmanische Reich aus. Der Begriff, der im Dekret benutzt wurde, heißt: Sürgün, das heißt ähnlich dem hebräischen Galut Exil oder Wiederansiedlung, aber auch Bann. Oft wurde die Migration der Juden auch in gewissem Grad gelenkt, so dass Juden gezielt an wichtigen Handelsorten angesiedelt wurden. Zum Beispiel wurden nach der Eroberung Konstantinopels jüdische Migranten angesiedelt, um die Stadt mit ihrer Hilfe wieder aufzubauen. Auch Juden aus eroberten Gebieten wurden oft durch diese strategischen Umsiedlungen in wichtige jüdische Bezirke umgesiedelt, so zum Beispiel nach der Eroberung Budas.

Die Bezeichnung Sephardim stammt aus dem Hebräischen und bedeutet: „Die aus Sepharad (d. h. der iberischen Halbinsel) kommen“. Die sephardischen Einwanderer etablierten den Buchdruck auf türkischem Boden, nachdem sie eine Buchdruckerei mit Erlaubnis des Sultans in Konstantinopel gründen durften. Auch wenn diese vom Volk oft kritisch beäugt wurde, ist sie als einer der Meilensteine in der Etablierung des Buchdrucks im osmanischen Reich zu sehen. Auch dienten Juden nicht selten in der osmanischen Armee als Berater und seit 1909 als reguläre Soldaten, manchmal als Minister, hin und wieder als Übersetzer und oft auch als Ärzte am Hofe der Sultane, wo sie im 15. und frühen 16. Jh. großen Einfluss erlangt haben. Ihre Handelsbeziehungen stammen vor allem aus dem Kontakt mit ihrer Heimat, woher sie Sprach-, Personen- und Kulturkenntnisse mitgebracht hatten. Mit dem Erlöschen dieser Verbindungen, einige Generationen nach den großen Judenmigrationen, sank auch ihre Position im Handelswesen.

Die gewährte religiöse Freiheit brachte viele berühmte Rabbiner zu Tage, die Kommentare zum Alten Testament lieferten. Als Ethnarch der jüdischen Gemeinde im Osmanischen Reich fungierte seit dem 15. Jahrhundert der Hahambaşı in Istanbul. Vor allem erlangten die sephardischen Juden durch die Masse der Migranten einen großen Einfluss in den Regionen, in welchen sie sich ansiedeln durften. So entstand in Saloniki die erste mehrheitlich jüdische Stadt, welche massive Wichtigkeit im Woll- und Stoffhandel und der Produktion dieser Produkte entwickelte und sogar die osmanischen Janitscharen-Korps belieferte.

Seitdem Sultan Orhan I. im 14. Jahrhundert regierte, durften Juden im Osmanischen Reich unter Auflage einer Sondersteuer (Khanadji) Grundbesitz frei erwerben. In Konstantinopel gab es bereits im 16. Jahrhundert 44 Synagogen. Laut einigen jüdischen Briefen des 15. und 16. Jahrhunderts war den Juden im Osmanischen Reich eine recht große religiöse und sozio-ökonomische Freiheit zuteilgeworden. Der Rabbiner Isaak Zarfati sandte im Jahre 1454 auf Hebräisch ein Rundschreiben an deutschsprachige jüdische Gemeinden, in dem er sie dazu aufforderte, sich im Osmanischen Reich anzusiedeln oder auch in und um Palästina, da die muslimischen Gemeinden ihnen ein freieres und besseres Leben ermöglichen würden. mini|links|Handelsflagge der Juden im Osmanischen Reich

1648 spaltete sich ein Teil der türkischen Juden ab und schloss sich dem selbsternannten Messias Schabbtai Zvi an.Türkische Tageszeitung Hürriyet: Artikel vom 2. April 2001 zum Thema Shabbetaj Zvi (türkisch) Ein großer Teil der Nachfahren dieser Gruppe gehört heute dem muslimischen Glauben an und wird manchmal auch als Dönme bezeichnet. Ein kleiner Teil lebt auch heute noch nach den Regeln Schabbtai Zvis.

Die Geschichte der Juden in der Türkei war nicht immer nur positiv geprägt. So erließ zum Beispiel der Sultan Murad III. ein Gesetz, sämtliche Juden im Reich zu töten. Dieses Gesetz trat allerdings nicht in Kraft. Weitere Schikanen waren ein Gesetz aus dem Jahre 1702, das es Juden gebot, gelbe Pantoffeln zu tragen, und ihnen auferlegte, sich nur in Kleidung aus schwarzem Leder zu kleiden. Im Jahr 1728 mussten die Juden, die neben der Valide-Moschee lebten, ihre Häuser an Muslime verkaufen.

Erst im 19. Jahrhundert wurden die Juden den Muslimen formal rechtlich gleichgestellt.

Während des Türkischen Befreiungskriegs wurden die Juden von den Griechen wie auch von den Türken verfolgt. So brandschatzten die Griechen in Manisa und Turgutlu jüdische Gemeinden. Nach Ende des Befreiungskrieges waren die jüdischen Gemeinden von Manisa, Aydın, Denizli, Nazilli, Tire, Kasaba und Milas zerstört und verlassen.

Gründung der Republik mini|Das jüdische Krankenhaus Or Ahayim im Istanbuler Stadtteil Fatih (20. Mai 2009) Nach der Gründung der Republik waren die Juden nach dem Vertrag von Lausanne neben den Griechen und Armeniern als Nichtmuslime eine anerkannte Minderheit der Türkei. Die Türkei erwartete aber von den Minderheiten, dass sie die ihnen zuerkannten Rechte als Minderheiten zurückweisen. Die jüdische Gemeinde gab am 15. September 1925 öffentlich bekannt, dass sie die Rechte, die ihnen im Artikel 42 des Vertrags von Lausanne zugesichert werden, ablehnen. Des Weiteren wurden die Juden dazu angehalten, Türkisch statt Ladino zu sprechen.

Gleichzeitig mit der Trennung von Staat und Religion im türkischen Staat erfuhr auch die jüdische Gemeinschaft eine Wandlung von einer religiösen Gemeinschaft zu türkischen Juden, dann zu jüdischen Türken und schließlich zu Türken mosaischen Glaubens.Rıfat N. Bali: Les Relations entre Turcs et Juifs dans La Turquie Moderne. Isis, Istanbul 2001.

Im Juni und Juli 1934 fanden jedoch Pogrome gegen die Juden Ost-Thrakiens statt, deren Ziel die vollständige Türkisierung des europäischen Teils der Türkei war. Diese Ereignisse werden auch als das Thrakien-Pogrom bezeichnet. Nach Sule Toktas wird angenommen, dass die Hälfte der zuvor in Thrakien lebenden Juden nach Istanbul emigriert sind. Diejenigen, die blieben, mussten ihren Besitz billig verkaufen. Nach dem Pogrom wurden die Bürgermeister und Gouverneure, deren Regierungsgewalt den Pogrom hätte verhindern können, von der nationalen Regierung abgesetzt.

Im Jahre 1942 kam es zur Einführung einer Vermögenssteuer (Varlık Vergisi) für Nicht-Muslime, die äußerst rigoros angewendet wurde und manche der Betroffenen in die Armut trieb. Als Folge dieser Repressalie, vor allem aber nach der Gründung des Staates Israel 1948, wanderten bis zu 30.000 Juden ins Ausland aus.Faik Ökte: The tragedy of the Turkish Capital Tax. Kent 1987. Im August 2011 entschied der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan durch einen Erlass, den Juden in der Vergangenheit konfiszierte Immobilien und Sakralbauten zurückzugeben. auf Tagesschau de, 30. August 2011. Abgerufen am 30. August 2011.

Holocaust Zwar verbot die türkische Republik bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, ausländischen Juden Visa zu erteilen, doch wurde dieses Dekret durch manche türkische Diplomaten umgangen, indem sie vielen Juden die türkische Staatsbürgerschaft verliehen und sie so vor den Konzentrationslagern retteten. So hat zum Beispiel die zentrale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel den damaligen türkischen Konsul in Rhodos, Selahattin Ülkümen, mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet, weil er den Juden der heute griechischen Insel Rhodos (das damals zu den italienischen Ägäis-Inseln gehört hatte) unter Einsatz seines Lebens zur Flucht verholfen hatte. Der Generalkonsul der Türkei in Marseille, Behiç Erkin, stellte für 18.000 Juden zumeist osmanischer Abkunft türkische Papiere aus und rettete sie so vor dem Holocaust.Turkish Daily News: (englisch)Emir Kivircik, Büyükelçi (de: Botschafter), Goa, ISBN 978-9944-291-02-6 (türkisch)

Wegen des generellen Einreiseverbots sowie auf britischen Druck wurde Anfang 1942 dem Schiff Struma mit 769 jüdischen Flüchtigen aus Rumänien die Landung auf türkischem Boden verwehrt. Es sank kurz darauf im Schwarzen Meer, nach Torpedobeschuss durch das sowjetische U-Boot Schtsch-213, es gab nur einen Überlebenden.Türkisch Jüdische Freundschafts Webseite zur Geschichte der Juden im Osmanischen Reich und der Türkei. science.co.il (englisch) Ab Ende 1942 war Istanbul der Sitz der Organisation Vaad Ha-Hatzalah der Jewish Agency for Israel, die die Aufgabe hatte, auf legalen und halb-legalen Wegen möglichst vielen Juden aus Europa zur Flucht nach Palästina zu verhelfen.Evyatar Friesel: Atlas of Modern Jewish History. Jerusalem (Carta) 1990, 110 mit Karte 124.

Im Holocaust wurden auch Juden türkischer Staatsangehörigkeit ermordet. Alleine 1.282 der 67.488 Personen, die vom Sammellager Drancy in die verschiedenen KZ eingeliefert wurden, waren türkische Staatsbürger.Yeni Vatan (Neue Heimat): Über den Holocaust und türkisch jüdische Opfer.

Am 16. September 2005 wurde im KZ Dachau eine Gedenktafel für die vom nationalsozialistischen Deutschland verfolgten türkischen Staatsbürger angebracht.Grußwort des bayrischen Staatsministers Siegfrid Schneider anlässlich der Anbringung einer Gedenktafel für die verfolgten türkischen Staatsbürger:

Nach dem Zweiten Weltkrieg Im Pogrom von Istanbul 1955 gab es Übergriffe, bei denen neben Griechen und Armeniern auch Juden zur Zielscheibe wurden.Thomas Seibert: Heikler Jahrestag für Ankara. Der Tagesspiegel, 7. Februar 2005.