Chaldäische Orakel (griechisch λόγια Χαλδαικά lógia Chaldaiká) ist eine erstmals im 5. Jahrhundert bezeugte Bezeichnung für ein antikes religiöses Lehrgedicht (oder eine Sammlung von Gedichten) in griechischer Sprache. Es behandelt die Kosmologie und die Seelenlehre unter dem Gesichtspunkt der angestrebten Erlösung und gibt Verhaltensregeln und Anweisungen für die Theurgie, mit der die Erlösung erlangt werden soll. Die Orakel standen in den Kreisen, in denen sie als authentische Offenbarungen von Göttern galten, in höchstem Ansehen.

Überlieferung

Die Dichtung ist als Ganzes nicht erhalten geblieben. Von den wohl in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstandenen Versen (Hexametern) sind nur 210 sicher authentische und 16 zweifelhafte Fragmente erhalten. Auch das kommentierende Schrifttum der antiken Neuplatoniker ist verloren.

Rund vier Fünftel der Fragmente stammen von dem spätantiken Neuplatoniker Proklos; sie sind teils in seinen erhaltenen Werken, teils in Zitaten aus einem verlorenen Werk überliefert. Der Rest ist größtenteils dem spätantiken Neuplatoniker Damaskios zu verdanken.

Die Fragmente hat Wilhelm Kroll gesammelt und 1894 in einer lateinisch abgefassten Abhandlung veröffentlicht.Wilhelm Kroll: De oraculis Chaldaicis, Breslau 1894, Nachdruck Olms, Hildesheim 1962. Französische Übersetzung: Discours sur les oracles chaldaïques. Traduit du latin par Henri-Dominique Saffrey. Paris: J. Vrin, 2016. (Textes et tradition, 28). ISBN 978-2-7116-2746-2. Heute werden die Fragmente nach der Nummerierung in der erstmals 1971 erschienen kritischen Ausgabe von Édouard des Places zitiert.

Entstehung

Als Verfasser der Orakel gilt traditionell Julian der Theurg, der zusammen mit seinem Vater Julian dem Chaldäer im 2. Jahrhundert gelebt und mit ihm bei der Aufzeichnung der Offenbarungen zusammengewirkt haben soll. Über seine Tätigkeit berichtet der ihm gewidmete Eintrag in der Suda, einem byzantinischen Lexikon: Julian, der Sohn des Vorgenannten (Julians des Chaldäers), lebte zur Zeit des Kaisers Marcus Antoninus (Mark Aurel). Auch er verfasste Theurgika, Telestika und Sprüche in Versen sowie weitere von Verborgenem handelnde Werke über diese Art von Wissen. Einmal soll er, als die Römer am Verdursten waren, dunkle Gewitterwolken herbeibeschworen und schweren Regen mit aufeinander folgenden Donnerschlägen und Blitzen erzeugt haben. Es heißt, Julian habe dies durch ein gewisses Wissen vollbracht. Andere behaupten jedoch, der ägyptische Philosoph Arnouphis habe das Wunder verrichtet.Ada Adler (Hrsg.): Suidae Lexicon, Bd. 2, Leipzig 1931, S. 642 (Adler-Nr. I 434). Online: .

Die in der Suda angeführten „Sprüche in Versen“ (Lógia di' epōn) Julians des Theurgen werden mit den Chaldäischen Orakeln identifiziert.Richard Goulet: Iulianus (Julien) le Théurge. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 978–979, hier: 978. Von dem „Regenwunder“ berichtet auch der Geschichtsschreiber Cassius Dio; es ereignete sich während eines Feldzugs Mark Aurels. Die Römer wurden an einem Ort ohne Wasser von den Feinden eingeschlossen und waren am Verdursten, als ein plötzlich auftretendes Gewitter die Rettung brachte. Die christliche Version der Legende behauptete, das Gebet der Christen im Heer habe die Rettung bewirkt.

Der in der Suda erwähnte Ägypter Arnouphis ist eine auch inschriftlich bezeugte historische Gestalt. Cassius Dio bezeichnet ihn als Gefährten Mark Aurels und erwähnt, dass ihm das Regenwunder zugeschrieben wurde. Daher geht die Forschung davon aus, dass in der ursprünglichen Version der Erzählung Arnouphis als tatsächlicher oder zumindest möglicher Urheber des Wunders Erwähnung fand und dass seine Rolle erst viel später – im späten dritten oder frühen vierten Jahrhundert – auf Julian den Theurgen übertragen wurde, entweder weil Julian damals bekannter war als Arnouphis oder weil man ihm dadurch Autorität verschaffen wollte.Garth Fowden: Pagan Versions of the Rain Miracle of A.D. 172. In: Historia 36, 1987, S. 83–95, hier: 87–94; Henri-Dominique Saffrey: Les Néoplatoniciens et les Oracles Chaldaïques, in: Revue des Études Augustiniennes 27, 1981, S. 209–225, hier: 213f.; Helmut Seng: Kosmagoi, azonoi, zonaioi, Heidelberg 2009, S. 145–147. Wenn dies zutrifft, ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Julian der Theurg und sein Vater erfundene Gestalten sind, denn in der Zeit vor dem späten dritten Jahrhundert sind in den Quellen keine Hinweise auf ihre Existenz zu finden.Skepsis hinsichtlich der Historizität von Vater und Sohn äußert Rowland Smith: Julian’s Gods, London 1995, S. 92–97. Vgl. Henri-Dominique Saffrey: Les Néoplatoniciens et les Oracles Chaldaïques, in: Revue des Études Augustiniennes 27, 1981, S. 209–225, hier: 210–215; John Vanderspoel: Correspondence and Correspondents of Julius Julianus. In: Byzantion 69, 1999, S. 396–478, hier: 459–463. Falls Julian der Theurg nicht der Verfasser der Orakel ist, sind sie vielleicht erst im 3. Jahrhundert entstanden. John Vanderspoel nimmt Entstehung im Zeitraum 280–305 an und vermutet, der Verfasser könne Iulius Iulianus sein, der Großvater des Kaisers Julian.John Vanderspoel: Correspondence and Correspondents of Julius Julianus. In: Byzantion 69, 1999, S. 396–478, hier: 459–465. Anderer Meinung ist Polymnia Athanassiadi; sie hält die Zuschreibung der Chaldäischen Orakel an Julian den Theurgen für glaubwürdig.Polymnia Athanassiadi: Julian the Theurgist: Man or Myth? In: Helmut Seng, Michel Tardieu (Hrsg.): Die Chaldäischen Orakel: Kontext – Interpretation – Rezeption, Heidelberg 2010, S. 193–208; Polymnia Athanassiadi: The Chaldaean Oracles: Theology and Theurgy. In: Polymnia Athanassiadi, Michael Frede (Hrsg.): Pagan Monotheism in Late Antiquity, Oxford 1999, S. 149–183, hier: 150.

Unklar ist, ob die Bezeichnungen „chaldäisch“ und „Chaldäer“ konkret oder metaphorisch zu verstehen sind oder beides. Sie können sich darauf beziehen, dass Julian der Chaldäer (tatsächlich oder angeblich) aus Chaldäa (oder allgemeiner: aus dem Orient) stammte, oder darauf, dass man die in den Orakeln dargelegten Lehren mit „chaldäischer“ (orientalischer) Weisheit in Verbindung brachte und Julian in einem solchen übertragenen Sinn „den Chaldäer“ nannte. Allerdings werden Chaldäer in den erhaltenen Fragmenten nicht erwähnt und die überlieferten Lehren zeigen einen griechischen Charakter.

Inhalt

Wegen des fragmentarischen Charakters der Überlieferung lässt sich der Inhalt der Orakel nur umrisshaft rekonstruieren. Der Verfasser war offenbar mit dem Weltbild des Platonismus vertraut, insbesondere mit Platons Dialog Parmenides, auf dessen Gedankengut er zurückgriff.Gerald Bechtle: A neglected testimonium (fragment?) on the Chaldaean Oracles. In: Classical Quarterly 56, 2006, S. 563–581, hier: 563–565, 579. Hinsichtlich der überlieferten Einzelheiten ist zu berücksichtigen, dass die Neuplatoniker, auf welche die vorliegenden Informationen zurückgehen, die Orakel im Sinne ihrer eigenen philosophischen Modelle interpretierten und damit den ursprünglichen Sinn möglicherweise erheblich veränderten.Ruth Majercik: Chaldaean triads in Neoplatonic exegesis: some reconsiderations. In: Classical Quarterly 51, 2001, S. 265–296; Otto Geudtner: Die Seelenlehre der chaldäischen Orakel, Meisenheim am Glan 1971, S. 2f., 4.

Die Orakelsprüche werden verschiedenen Göttern zugeschrieben. Sie sind Antworten der Götter auf Fragen von Menschen, doch sind die Fragen nicht überliefert. Eine besonders wichtige Rolle spielt die Göttin Hekate. Im Gegensatz zu einer volkstümlichen Tradition, in der Hekate vorwiegend als furchteinflößende Gestalt erscheint, wird sie hier als wohlwollende, hilfreiche Göttin dargestellt. Sie ist das lebenspendende Prinzip, aus dem die Weltseele hervorgeht. Nach einer älteren Forschungsmeinung ist sie mit der Weltseele gleichzusetzen, doch in der neueren Forschung hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass sie der Weltseele übergeordnet und deren Ursprung ist. Hekate ist auch die Quelle der Tugend oder Vortrefflichkeit (aretḗ).Siehe dazu die Untersuchung von Sarah Iles Johnston: Hekate Soteira. A Study of Hekate's Roles in the Chaldean Oracles and Related Literature, Atlanta (Georgia) 1990. Johnston hat ihre Deutung der Rolle Hekates später modifiziert; siehe John F. Finamore, Sarah Iles Johnston: The Chaldaean Oracles. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 1, Cambridge 2010, S. 161–173, hier: 165f. und Anm. 15. Vgl. Helmut Seng: Un livre sacré de l'Antiquité tardive: les Oracles Chaldaïques, Turnhout 2016, S. 52–56, 81–84.

Der Überlieferung zufolge stammen die Orakel von der göttlichen Trias (Dreiheit), auf welche die hierarchisch aufgebaute Weltordnung zurückzuführen ist. Nach der Lehre der Orakel gipfelt die Trias in dem intelligiblen „Vater“, dem obersten Prinzip, das als Feuer charakterisiert wird. Dieses Prinzip stellt eine Einheit dar, doch da es die Welt der Zahlen transzendiert, wird seine Bezeichnung als „das Eine“ abgelehnt. Die beiden anderen Bestandteile der Trias sind die „Kraft“ (dýnamis) und der Intellekt (nous). Sie sind dem Vater untergeordnet, bilden aber in gewisser Hinsicht eine Einheit mit ihm. Der Intellekt existiert zweifach, es gibt zwei Intellekte mit unterschiedlichen Funktionen (die Bedeutung der Lehre von den zwei Intellekten und ihren Funktionen ist unklar und in der Forschung umstritten). Der Vater hat sich „entzogen“, das heißt, er hat sich zurückgezogen und damit aus seiner ursprünglichen Einheit mit der Kraft und dem Intellekt gelöst (zumindest in gewisser Hinsicht). Durch diesen Trennungsakt hat er ermöglicht, dass es außer der undifferenzierten göttlichen Einheit auch Verschiedenheit und damit eine mannigfaltige Welt gibt. Der Vater ist nicht selbst als Weltschöpfer tätig, sondern diese Aufgabe übernimmt der Intellekt als Demiurg.Siehe dazu Gerald Bechtle: A neglected testimonium (fragment?) on the Chaldaean Oracles. In: Classical Quarterly 56, 2006, S. 563–581, hier: 566, 576–581.

Die platonischen Ideen werden in den Orakeln als die Gedanken des Vaters aufgefasst. Auf der Ebene des Vaters, aus dem sie hervorgehen, bilden sie eine undifferenzierte Einheit. Von dort steigen sie zur Ebene des Intellekts hinab, auf der sie sich differenzieren. Über die Weltseele wirken sie auf die sinnlich wahrnehmbare Welt ein.John F. Finamore, Sarah Iles Johnston: The Chaldaean Oracles. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 1, Cambridge 2010, S. 161–173, hier: 164.

Der menschlichen Seele ist es grundsätzlich möglich, den Vater zu erkennen. Die Gotteserkenntnis vollzieht sich jedoch nicht wie die Erkenntnis der Dinge, denn die höchste Gottheit ist kein Einzelding. Benötigt wird eine besondere Fähigkeit, ein Instrument der Seele, das die Orakel „Blüte des Intellekts“ nennen. Eine Voraussetzung des Erkenntnisakts ist, dass der Geist von allen seinen Inhalten entleert wird und in einen passiven Zustand der Empfänglichkeit eintritt. Er richtet sein „Auge“ dann nicht direkt auf die Gottheit, sondern wird von ihr erreicht.John F. Finamore, Sarah Iles Johnston: The Chaldaean Oracles. In: Lloyd P. Gerson (Hrsg.): The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity, Bd. 1, Cambridge 2010, S. 161–173, hier: 167.