mini|Uwe Tellkamp (2009) Uwe Tellkamp (* 28. Oktober 1968 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller. Sein bekanntester Roman Der Turm (2008) handelt von den letzten sieben Jahren der DDR bis zur Wende aus Sicht des Bildungsbürgertums in einem Dresdner Villenviertel. Er wurde als Wenderoman eingeordnet und mit mehreren Preisen ausgezeichnet, insbesondere mit dem Deutschen Buchpreis 2008.
Leben mini|Haus in der Oskar-Pletsch-Straße 10, gegenüber Tellkamps Geburtshaus (Foto: 2011) Uwe Tellkamp wuchs als Sohn eines Arztes im Dresdner Villenstadtteil Weißer Hirsch in der Oskar-Pletsch-Straße 11 auf. Um sein geplantes Medizinstudium abzusichern, verpflichtete er sich nach dem Abitur 1987 zu einem dreijährigen Dienst als Unteroffizier auf Zeit in der NVA. Seine Tätigkeit dort bezeichnete er später als „Panzerkommandant“. Schon vor dem Oktober 1989 wurde Tellkamp wegen „politischer Diversantentätigkeit“ auffällig, da er Texte von West-Autoren und Wolf Biermann bei sich führte. Trotzdem blieb Tellkamp bis zum Oktober 1989 NVA-Unteroffizier.
Weil seine Einheit angeblich gegen Oppositionelle, unter denen Tellkamp seinen Bruder vermutete, ausrücken sollte, habe er den entsprechenden Befehl verweigert. Den Vorgang beschreibt Tellkamp in einem Interview folgendermaßen:
„Das Ganze hing zusammen mit der Ausreisebedingung über Prag, wo die deutsche Botschaft besetzt wurde. Als Genscher an den Balkon trat und sagte, sie können ausreisen, wurden die Züge von dort über Dresden in die Bundesrepublik geleitet. […] Sehr, sehr viele Menschen sind dann raus zum Bahnhof und haben versucht, sich an die Züge ranzuhängen, um rauszukommen und zu flüchten. Das ist die Vorgeschichte. Die Kaserne, in der ich war, hatte dann am 5. Oktober den Einsatzbefehl, gegen die aus dieser Anarchie hervorgegangene Gruppe 20, eine Oppositionsbewegung, vorzugehen.“Philipp Engel: Uwe Tellkamp, Bestseller-Autor und Gewinner des Deutschen Buchpreises über die DDR, den Finanzkapitalismus, das Schreiben und sein nächstes Buch. Ruhrbarone, 17. Februar 2009.
Tellkamp sei für zwei Wochen inhaftiert gewesen und danach beurlaubt worden. Es folgten 1989 Tätigkeiten als Gehilfe auf einem Braunkohleförderbagger und Hilfsdreher in einem Lichtmaschinenwerk sowie 1990 die Arbeit als Hilfspfleger auf einer Intensivstation in Dresden.
Sein Studium der Medizin absolvierte er nach der deutschen Wiedervereinigung an der Universität Leipzig, in New York und Dresden. Nach seinem akademischen Abschluss arbeitete er als Arzt an einer unfallchirurgischen Klinik in München, gab den Beruf aber 2004 zugunsten seiner Schriftstellerkarriere auf.
In einem Interview 2004 gab Tellkamp an, er habe seine Berufung zum Schriftsteller am 16. Oktober 1985 um 15:30 Uhr entdeckt: An jenem Tag habe er in seinem heimischen Garten die Schönheit roter Rosen wahrgenommen und den Wunsch verspürt, dieses Bild in Versen auszudrücken. Nach einer Stunde habe er den Text in Prosa formuliert.Elmar Krekeler: „Die Jungen müssen wieder fighten“. Welt online, 13. August 2004.
Tellkamps erster satirischer Text wurde 1987 im Magazin Eulenspiegel veröffentlicht.. Seinen ersten öffentlichen Auftritt als Schriftsteller hatte er 1992 in Dresden.Ulrich Rüdenauer: Börsenblatt, 20. Oktober 2008.
Tellkamp ist Vater zweier Töchter und eines Sohnes. Er lebte zeitweise in München, Karlsruhe und Freiburg im Breisgau. Seinen Hauptwohnsitz hat er seit 2009 wieder im Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch.
Werke Veröffentlichte Werke Tellkamp veröffentlichte zahlreiche Beiträge in Literaturzeitschriften (u. a. Akzente, comma, du, EDIT, entwürfe, Lose Blätter, ndl, Schreibheft und Sprache im technischen Zeitalter) sowie Anthologien. Gelegentlich verfasst er auch Essays für Zeitungen. Im Jahr 2000 erschien sein erster Roman Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café, der im Dresdner Hechtviertel in der Zeit nach der Wende spielt.Comeback für einen Debüt-Roman: Uwe Tellkamps „Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café“. In: Leipziger Internet Zeitung. (LIZ), 19. Juli 2009.
Im Juni 2004 trug Tellkamp in Klagenfurt einen Auszug aus seinem Roman Der Schlaf in den Uhren vor und gewann dafür den Ingeborg-Bachmann-Preis 2004. In den Jahren 2008 und 2009 wurde dieser Auszug im Fach Deutsch im Abitur in Niedersachsen behandelt.
2005 erschien der Roman Der Eisvogel. Im Herbst 2008 erschien der Roman Der Turm. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz vom Suhrkamp-Verlag empfahl persönlich den „große[n] Wenderoman der jüngeren Generation“. Elmar Krekeler behandelte am 13. September 2008 den Roman als „Buch der Woche“.Elmar Krekeler: Bei Uwe Tellkamp ticken die Uhren der DDR noch. Welt online, 13. September 2008. Für den Roman erhielt Tellkamp den Deutschen Buchpreis 2008 sowie am 1. November 2009 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.. Eine dramatisierte Fassung des Romans wurde am 23. September 2010 in Dresden uraufgeführt. Am 3. und 4. Oktober 2012 zeigte die ARD ihre zweiteilige Verfilmung des Romans und erreichte damit rund 7,5 Millionen Zuschauer.Süddeutsche Zeitung. Nr. 230 vom 5. Oktober 2012, S. 35 („Medien“).
In der Insel-Bücherei veröffentlichte Tellkamp im September 2009 ein „Gedicht in vierzig Kapiteln“ mit dem Titel Reise zur blauen Stadt (IB 1323) und im August 2017 einen Prosaband mit dem Titel Die Carus-Sachen (IB 1460). Letzterer erzählt die Geschichte der Familie Hoffmann weiter und reichert sie mit Betrachtungen über den Dresdner Arzt und Künstler Carl Gustav Carus an. Die Geschichte beruht auf einem bereits 2011 von Tellkamp veröffentlichten Essay.Uwe Tellkamp. Die Carus-Sachen. Erzählung. Perlentaucher.de, 18. August 2017. Auf der Festveranstaltung zum 100-jährigen Jubiläum der IB im Jahr 2012 in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig hielt er eine extemporierte Rede über sein besonderes Verhältnis zu dieser Buchreihe und las aus dem ersten Reihenband, Rilkes Cornet, und der Reise zur blauen Stadt.
Projekte mini|Uwe Tellkamp signierend (2009) Die Erzählung Der Schlaf in den Uhren trägt den Untertitel „Auszug aus dem Roman Der Schlaf in den Uhren“. In einem Interview von 2005 sagte Tellkamp, er habe den Roman nach 100 abgefassten Seiten zurückgestellt und wolle ihn nach der Arbeit am Turm beenden.Im Gespräch: Uwe Tellkamp. Sendung des Bayerischen Rundfunks vom 30. April 2005 (29 Minuten). . In einem Interview mit Volker Hage sagte er, dass der Roman Der Turm der erste Teil eines umfassenden Romanprojektes sei.Buchpreisgewinner Tellkamp: „Am Ende herrschte Sprachverwirrung“. Spiegel Online, 17. Oktober 2008. Im Wesentlichen solle sich der daran anschließende Roman mit der ereignisreichen Zeit zwischen November 1989 und Oktober 1990 befassen. Der Arbeitstitel dieses Romans sollte einem Plan vom September 2012 zufolge ursprünglich Lava lauten.Martin Machowecz, Stefan Schirmer: Uwe Tellkamp: „Es wird wieder marodierende Banden geben“. Zeit online, 23. September 2012. Im Dezember 2012 gab Tellkamp an, dass Lava nur den ersten Romanabschnitt betiteln, der ganze Roman aber wie ursprünglich geplant Der Schlaf in den Uhren heißen solle.Andreas Platthaus: Warum setzen Sie „Der Turm“ fort? FAZ.net, 29. Dezember 2012. Im Mai 2014 kündigte er an, dass er den Roman, der doch den Namen Lava tragen solle, 2015 fertigstellen wolle.Dierk Wolters: Die Zeit ist eine unsichtbare Last. Frankfurter Neue Presse, 22. Mai 2014. Zum „Tag der deutschen Einheit“ 2014 lieferte Tellkamp als Essay ein Exposé seines neuesten Romans.Uwe Tellkamp: Wendezeit. Eastern Time. Berner Zeitung, 3. Oktober 2014. Der ursprünglich auf 2020 festgesetzte neue Veröffentlichungstermin wurde auf 2021 verschoben. Uwe Tellkamp nennt als Hauptgrund für die Verzögerung, dass dem Verlag ein Roman in einem Band als zu umfangreich erschienen sei. Deshalb enthalte der Roman Lava nicht mehr die Zeit ab 2015. 2021 werde ein Buch mit dem Titel Der Schlaf in den Uhren. 1. Band: Lava – offener Roman, oder: Nachrichten aus der Chronik. erscheinen. Die Zeit ab 2015 werde in einem zweiten, Archipelago betitelten Band, behandelt. Er sei aber noch nicht fertig und werde deshalb später veröffentlicht.
Tellkamps auf drei Bände geplantes Nautilus-Projekt entwickelt sich laut Tomas Gärtner wahrscheinlich zu einem „Lebensprojekt“. In Band 1 mit dem Titel Das Aschenschiff soll es vor allem um Politik und Geschichte gehen, orientiert an der Höllenreise in Dantes Werk Die Göttliche Komödie. Band 2 (Falter) hat im Gegensatz dazu das Paradies als motivischen Mittelpunkt. Band 3 (Vineta) soll eine Reise durch Dresden, aber auch andere Städte und Stadtstaaten werden, die bis nach Utopia reicht.Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27. Juli 2004. In dem Interview mit Volker Hage kündigte Tellkamp einen Gedichtband an, in Publikumsdiskussionen nach Lesungen im Herbst 2008 zudem einen Band über Autoren und Literatur und eine Sammlung von Porträts.
Anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Deutschen Freimaurer im Juni 2017 stellte Uwe Tellkamp in einer Rede dar, was ihn zum Schreiben motiviere:
„Mich interessieren Geschichten, sprich Handlungsverläufe, Seinszusammenhänge, beispielsweise die Geschichte eines Menschen, der sich vor ca. 25 Jahren engagiert hat in der Bürgerbewegung der DDR und der meinte, jetzt breche er zu neuen Ufern auf, jetzt dämmere die Sonne einer Freiheit im Kopf. […] Nun sehe ich diese Geschichte jedoch im Zusammenhang: Ich sehe sie bis heute, ich sehe denselben Mann, dieselbe Frau mit ihrem Engagement irgendwo in der zweiten Reihe, in der Politik versandet, die Ideale gebrochen, das Programm heißt Desillusionierung, und die Freiheit ist nicht die, von der man träumte, sondern man erwachte in Nordrhein-Westfalen, um ein vielzitiertes Wort zu wiederholen. werden Helligkeits- und Dunkelheitskategorien vergeben. Wobei die Dunkelheit interessanterweise im Osten verortet wird. Und es werden Verbiegungen, Mechanismen, Talkshows mit Ein- und Ausladungspolitiken betrieben, die mich erschüttern und die diese Figur erschüttern, über die ich schreibe, weil sie sie an die Zeit vor 30 Jahren erinnern. Und diese Figur fragt sich, ob man mittlerweile in einer DDR 2.0 lebt – und wenn ja, warum.“Uwe Tellkamp: Erwiderung von Uwe Tellkamp zum Kulturpreis. Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer Deutschland, 8. Juni 2017.
Tellkamps Arbeitsweise Bei Autorenlesungen trägt Tellkamp in unregelmäßigen Abständen Auszüge aus noch unveröffentlichten umfassenden Werken vor, die teilweise auch als Auszüge veröffentlicht werden. Beispiele dafür sind sein Langgedicht Nautilus in der Tradition Homers, aber auch die Romane Der Schlaf in den Uhren und Der Turm. Tellkamp verändert dabei oft Kleinigkeiten (indem er beispielsweise den aus dem Romanauszug Der Schlaf in den Uhren bekannten „Niklas Buchmeister“ während der Arbeit an dem Roman Der Turm in „Niklas Tietze“ umbenennt).
Uwe Tellkamp selbst beschreibt in der Zeitschrift Bella triste sein literarisches Schaffen mit den Worten: „Der moderne Dichter, wie ich ihn verstehe, ist wie der Dom-Baumeister; er ist damit, wie diejenigen, die sich aufmachten, Kap Hoorn zu umsegeln oder einen Seeweg nach Indien zu finden, zwangsläufig pathetisch – was er in Kauf nehmen kann, wenn es ihm gelingt, die grundlegenden menschlichen Empfindungen wieder zu gestalten.“
In einem Interview mit dem Oberpfalznetz charakterisiert Tellkamp sein Schreiben als einen „Versuch, Heimat wiederzugewinnen“, die durch den Ablauf der Zeit verloren gegangen sei. Damit stellt er sich in die Tradition von Marcel Proust (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit).Meine Heimat ist ein Schiff aus Papier. www.oberpfalznetz.de
Tellkamp schreibt Manuskripte mit Füller und Schreibmaschine.
Rezeption mini|Uwe Tellkamp (2008) Tellkamps erster Roman Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café (2000) stieß beim Publikum nur auf geringes Interesse. Der Roman wurde im Juni 2009 gegen den erklärten Willen des Autors wieder aufgelegt. Eine Taschenbuchausgabe erschien im November 2009.