mini|Der Schutzbau Der Mosesbrunnen in der Chartreuse de Champmol in Dijon ist das Hauptwerk Claus Sluters (um 1350–1405/06). Er steht außerhalb des Stadtzentrums im Garten des ehemaligen Klosters Champmol im Bereich der ehemaligen Grabkirche der Herzöge von Burgund. Heute befindet sich hier eine psychiatrische Anstalt.
Der von 1395 bis 1405 geschaffene Brunnen war ursprünglich als Teil eines monumentalen Kalvarienbergs für den Kreuzgang ausgeführt, der mit dem Kloster in der Französischen Revolution abgerissen wurde. Die Prophetengruppe bildete einst den Sockel eines Kruzifixes, das sich über einem Brunnen an dem beliebten Wallfahrtsort erhob.
mini|hochkant=3|Der Mosesbrunnen
Sechs Prophetenfiguren – Mose, David, Jeremia, Sacharja, Daniel und Jesaja – stehen auf kleinen Basen um den Brunnensockel. Jeder Prophet hält ein Spruchband mit seiner Weissagung zum Tod des Messias. Bekrönt wurde der Brunnen durch eine Kreuzigungsgruppe mit Christus am Kreuz, sowie Maria, Johannes und Magdalena zu seinen Füßen, die nur noch fragmentarisch erhalten ist und schon vor der Französischen Revolution weitgehend zerstört oder verschwunden war. Die erhaltene Brunnenanlage befindet sich heute in einem kapellenartigen Schutzbau mit Glasfenstern.
Der Mosesbrunnen ist das dritte und bekannteste Werk Sluters, welches als Höhepunkt seines Schaffens gesehen wird. Wahrscheinlich beruht der Brunnen auf der Idee des fons vitae, des Lebensbrunnens. Zwischen dem 24. September 1405 und dem 31. Januar 1406 starb der niederländische Bildhauer Claus Sluter in Dijon. Sein Werk lässt erkennen, dass er zu diesem Zeitpunkt die Höhe seines Lebens bereits überschritten hatte.
David und Jeremias David mit der Königskrone – rechts daneben Jeremias mit dem Buch. Ein sechsstimmiger Klagegesang steigt von den Spruchbändern zum ehemals vorhandenen Kreuz empor. Auf diesen Bändern stehen Aussagen Christi. Der große niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga hat den Brunnen folgendermaßen beschrieben: „Die ganze Darstellung bietet im höchsten Maße Züge des geistlichen Spieles. Das liegt in dem außergewöhnlich stark Sprechenden der Darstellung. Das geschriebene Wort der Aufschriften nimmt in dieser Gruppe einen wichtigen Platz ein. Man dringt zum Verständnis des Werkes erst durch, wenn man die ganze heilige Tragweite jener Texte in sich aufnimmt.“ Bei David: „Foderunt manus meas et pedes meos, dinumeravi omnia ossa mea“ („Sie haben meine Hände und Füße durchgraben; ich kann alle meine Gebeine zählen“). Der Text auf dem Spruchband des Jeremias lautet: „O vos omnes qui transitis per viam, attendite et videte si est dolor sicut dolor meus“ – „O ihr alle, die ihr vorübergehet: schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz“.
Daniel Der Spruch des Daniel lautet: „Post ebdomades sexaginta duas occidetur Christus“ („Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte getötet werden“). Nahaufnahmen zeigen, mit welcher detailgenauen Charakterisierung Sluter diese herrschaftliche Figur ausgestattet hat. Eine gewisse Ähnlichkeit zu den hundert Jahre jüngeren Figuren des Michelangelo ist nicht zu übersehen.
Moses Die mächtigste Gestalt der ganzen Gruppe ist Moses. Diese alttestamentliche Prophetenfigur ist das wohl berühmteste Werk Claus Sluters mit seiner für die damalige Zeit und auch heute noch spürbaren ungeheueren Wucht, die allein schon durch die Gewandfaltung hervorgerufen wird. Auch Michelangelo hat später bei seinem Moses mit solchen Mitteln gearbeitet. Vom eigentlichen Körper des Moses sind nur die fast verdeckten Finger der Hände und der Teil des Gesichtes zu sehen, der nicht von dem mächtigen Bart überdeckt wird.
Der Blick des Mannes beweist die zürnende Entschlossenheit, mit der er bereit ist, sein Volk durch alle Widerstände hindurch ins Gelobte Land zu führen. Der Betrachter wird durch diesen Blick unmittelbar angesprochen. Von philosophischer Reserviertheit und gedanklicher Reflexion ist hier keine Rede. Das sind in erster Linie handelnde Figuren. Spruch: „Immolabit agnum universa multitudo filiorum Israhel ad vesperam“ („Die ganze Gemeinde Israel soll das Lamm schlachten gegen Abend“).
Man muss sich das Werk auch noch in seiner Vielfarbigkeit vorstellen, die sich aus den erhaltenen Farbresten rekonstruieren lässt, so wie es Jean Maelweel (oder auch geschrieben Jean Malouel) bemalt und Hermann von Köln vergoldet hatte. Hier war kein bunter oder drastischer Effekt ausgespart. Auf den grünen Sockeln standen die Propheten in goldenen Mänteln, Moses und Sacharja in roten Übergewändern, die Mäntel blau gefüttert, der des David ganz in Blau mit goldenen Sternen, bei Jeremias in Dunkelblau, bei Jesaias, dem Betrübtesten von allen, in Brokat. Goldene Sonnen und Initialen füllten die freien Stellen, nicht zu vergessen die Wappen etc.
Kunstgeschichtliche Bedeutung Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich schrieb über dieses Werk im Vergleich zu Donatello:Ernst Gombrich: Die Geschichte der Kunst. Phaidon, Köln 1952 (Engl. Originalausgabe: Phaidon, London 1950), dt. Neuauflage: Phaidon, Berlin 2009, ISBN 978-0-7148-9137-8, S. 235.
mini|Heiliger Georg von Donatello, Bargello-Museum, Florenz
Literatur Evelyn Theresia Kubina: Der Mosesbrunnen im Kontext. Diplomarbeit an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 2008 (Online-Version) Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Stuttgart 1975, S. 375. Bart van Loo: Burgund – Das verschwundene Reich – Kapitel Schönheit und Wahnsinn S. 187 ff.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Brunnen in Frankreich Dijon Kategorie:Monument historique in Dijon Kategorie:Bauwerk in Dijon Kategorie:Skulptur (15. Jahrhundert) Kategorie:Kalksteinskulptur Kategorie:Monument historique seit 1840 Kategorie:Monument historique (Brunnen) Kategorie:Monument historique (Objekt)