Die Westmöwe (Larus occidentalis) ist eine an der Westküste Nordamerikas beheimatete Vogelart innerhalb der Möwen (Larinae). Unter den Möwen ist sie die einzige Art, die entlang des gesamten Abschnitts der Pazifikküste von Vancouver Island im Norden bis zur mexikanischen Halbinsel Niederkalifornien im Süden brütet.
Die Westmöwe gehört zu den großen Möwen und unterscheidet sich von der gemeinsam vorkommenden Beringmöwe (Larus glaucescens) durch ihren dunkleren Rücken, ihre schwarzen anstatt grauen Markierungen an den Flügelspitzen und ihre bernsteingelbe Iris mit einem orangegelben bis blassrosa Orbitalring anstelle einer braunen Iris mit einem rötlich-violetten Orbitalring. Im nördlichen Teil des Verbreitungsgebietes der Westmöwe kommt es zu einer intensiven Hybridisierung mit der Beringmöwe, was die Bestimmung erschwert.
Im Gegensatz zu anderen Möwenarten ist die Westmöwe nur äußerst selten im Inland anzutreffen. Sie brütet bevorzugt unweit der Pazifikküste auf felsigen Inseln wie Southeast Farallon Island, wo mehr als 30 % der Gesamtpopulation beheimatet ist.
Die Westmöwe ist wie die meisten Möwen ein Allesfresser, ernährt sich aber vor allem von Fischen und wirbellosen Tieren. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, ernährt sie sich auch von Aas und menschlichen Abfällen.
Aufgrund ihres ausgedehnten Verbreitungsgebietes und der großen Gesamtpopulation wird die Art von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft. Da die Westmöwe ihre Nahrung hauptsächlich im Meer findet, ist sie potentiell durch Wetterphänomene wie El Niño und menschliche Einflüsse wie Ölverschmutzungen, Plastikabfälle sowie Belastungen durch Pestizide bedroht.
Merkmale Körperbau und Farbgebung mini|thumbtime=29|300px|Westmöwen bei Bodega Head (1 Minute 22 Sekunden, 20,6 MB). Die Aufnahmen aus dem Februar 2016 zeigen Westmöwen an der Felsenküste von Sonoma County, Kalifornien. Die Westmöwe gehört mit einer Länge von 62 bis 66 cm und einer Flügelspannweite von 135 bis 140 cm zu den größeren Möwenarten.„Western Gull. Larus occidentalis“, in: Klaus Malling Olsen / Hans Larsson, Gulls of Europe, Asia and North America, London 2004, S. 165–177, hier S. 165. Bei adulten Tieren sind Kopf, Hals und Unterseite sowie der Schwanz weiß; Kopf und Hals der Nominatform können im Winter mit grauen Stricheln durchsetzt sein. Oberseite und obere Flügeldecken sind bleigrau, die Flügel sind grau und haben schwarze Handschwingen. Die Spitzen der hintersten Armschwingen sind hellgrau bis weiß. Der gelbe Schnabel trägt einen roten Fleck am Gonysfleck, dem Winkel an der Schnabelunterseite. Die Füße sind fleischfarben. Adulte Exemplare der beiden Unterarten L. o. occidentalis und L. o. wymani lassen sich am einfachsten anhand der Farbe ihres Mantels unterscheiden. Bei der Unterart occidentalis ist dieser schieferfarben, während derjenige der Unterart wymani dunkler ausfällt.
Bei Westmöwen dauert die Entwicklung zum adulten Tier – wie bei den meisten der größeren Möwen – vier Jahre. In dieser Zeit durchlaufen die jungen Möwen verschiedene Stadien der Farbgebung, was die exakte Altersbestimmung erschwert. Die Ausprägung der Farbgebung ist individuell sehr variabel und hängt unter anderem von dem Zeitpunkt der Mauser ab. Einige grobe idealtypische Merkmale umfassenAngaben nach Western Gull, Identification, All About Birds, Bird Guide, The Cornell Lab of Ornithology, abgerufen am 3. Februar 2016, sowie Malling Olsen / Larsson, Gulls of Europe, Asia and North America, S. 166 f.: Jugendkleid: Recht einheitlicher dunkelbrauner Kopf und Körper. Rücken und Flügel dunkel mit hellen Federrändern. Schwanz dunkelbraun. Schwungfedern auf der Oberseite der Flügel schwärzlich, auf den Unterseiten glänzend grau. Schwarzer Schnabel. Beine dunkelgrau und leicht rosa. Iris dunkelbraun. Erster Winter: Das erste Schlichtkleid ähnelt dem Jugendkleid, weist aber – in stark unterschiedlichem Umfang – graue Federn auf Kopf, Hals, Brust und bei den Schulterfedern auf. Schwarzer Schnabel mit blasser Färbung unten. Iris dunkelbraun. Zweiter Winter: Kopf und Unterseite mehr weiß, aber im Nacken immer noch graue Streifen. Rücken gescheckt und dunkelgrau. Unterseite weiß, Hals gestreift. Weiße Flügelspitzen. Dunkler Schwanz. Schnabel blass fleischfarben, mit schwärzlichem Streifen hinter den Nasenlöchern. Weiße Schnabelspitze. Iris blass strohfarben oder braun. Dritter Winter: Nacken und Kopf mit einigen braunen Federn, ansonsten weiß. Rücken dunkelgrau mit nur wenigen braunen Federn. Unterseite weiß. Schwanz größtenteils weiß mit einigen dunklen Sprengseln. Handschwingen schwarz mit weißen Spitzen. Armschwingen dunkelgrau mit breiten weißen Spitzen. Schnabel gelblich mit schwärzlichem Streifen hinter den Nasenlöchern. Iris gelb oder gelbbraun.
Flugbild und Fortbewegung mini|Flugbild einer präadulten Westmöwe An Land bewegen sich Westmöwen üblicherweise mittels Gehen oder Laufen fort.Hierzu und zum folgenden vgl. Pierotti / Annett, Western Gull, in: Birds of North America, Abschnitt „Behavior“. Um höhergelegene Plätze zu erreichen, stoßen sich die Tiere mit den Beinen vom Boden ab und sorgen gleichzeitig mit einem Flügelschlag für eine Aufwärtsbewegung. Bei der Auseinandersetzung mit Widersachern laufen Westmöwen mit teilweise aufgestellten Flügeln. Hüpfen wird nicht zur Fortbewegung eingesetzt.
Im Flug bewegen sich Westmöwen sehr häufig gleitend fort. Zum Sturzflug werden die Flügel angewinkelt. Bei der Annäherung an Gruppen von Seevögeln, die auf dem Wasser schwimmend nach Nahrung suchen, fliegen Westmöwen häufig in immer kleiner werdenden Kreisen bei gleichzeitigem schnellen Schlagen der Flügel. Eindringlinge in ihr Territorium vertreiben Westmöwen im Sturzflug, wobei sie ihre Feinde mit Flügelschlägen und mit den Füßen angreifen.
Beim Schwimmen auf dem Wasser setzen Westmöwen ihre Beine zur Fortbewegung ein. Das Tauchen nach Nahrung findet entweder von der Wasseroberfläche aus oder aus geringer Höhe statt. Beim Tauchen können die Tiere allerdings nur Tiefen von höchstens ein bis zwei Metern erreichen.Pierotti / Annett, Western Gull, in: Birds of North America, Abschnitt „Behavior“.
Lautäußerungen mini|thumbtime=23|300px|Jauchzen einer Westmöwe bei Bodega Head (27 Sekunden, 7,3 MB) Westmöwen verfügen über ein komplexes Repertoire von 12 bis 15 Rufen.Hierzu und zum folgenden vgl. Pierotti / Annett, Western Gull, in: Birds of North America, Abschnitt „Sounds“, sowie Judith L. Hand, A comparison of vocalizations of Western Gulls (Larus occidentalis occidentalis and L. o. livens), in: The Condor 83 (1981), S. 289–301, hier: S. 291. Einschlägig ist Hands 1979 erschienene Dissertation mit dem Titel Vocal communication of the Western Gull (Larus occidentalis). Zwei dieser Rufe treten nur bei Jungvögeln auf und drei weitere nur in der Brutzeit.
Das Jauchzen der Westmöwe (engl. long call) ist eine lautstarke Rufreihe von mehr als sechs, in schneller Folge hintereinander erzeugten Tönen. Männliche Tiere verwenden das Jauchzen gegenüber Rivalen im Zuge der Revierbildung sowie vor der Brut. Im Vergleich zu artverwandten Möwen ist das Jauchzen der Westmöwe kürzer, tiefer und weniger klar.
Der „Katzenruf“ (engl. mew call) klingt wie das langgezogene Miauen einer Hauskatze. Er ist vor allem in Brutkolonien zu hören und wird von Westmöwen zumeist während der Partnerwerbung, der Interaktion mit ihren Jungen sowie in Konflikten mit benachbarten Brutpaaren geäußert.
Als „Stößellaut“ (engl. choking call) wird eine Reihe von gutturalen huo-huo-huo-Lauten bezeichnet, die bei aggressivem Verhalten gegenüber Artgenossen sowie bei der Auswahl des Nistplatzes auftreten.
Ihren Alarmruf (Eh-Eh, HaHaHa, oder Kek-Kek) verwenden Westmöwen, sobald sie einen Eindringling erspähen, dieser jedoch noch keine unmittelbare Bedrohung darstellt.
Lebensraum, Verbreitung und Wanderung mini|hochkant|Verbreitung der Westmöwe. Orange: nur im Winter, Grün: ganzjährig Das Verbreitungsgebiet der Westmöwe erstreckt sich von Vancouver Island bis zur Südspitze der mexikanischen Halbinsel Niederkalifornien. Die jeweils äußeren Abschnitte des Verbreitungsgebietes im Norden und im Süden dienen den Tieren lediglich als Winterquartier.
Dabei kommt die Westmöwe fast ausschließlich in Küstennähe vor und ist – anders als andere Möwenarten – nur äußerst selten im Inland zu finden. Eine Ausnahme bildet die Laichzeit der Lachse im Pazifischen Nordwesten, während der die Westmöwen den Lachsen für einige Kilometer flussaufwärts folgen.Arnold Small, California birds: their status and distribution, Vista 1994, S. 116. Im Winter suchen die Tiere in großen Buchten wie dem Puget Sound und der San Francisco Bay Schutz vor Stürmen.
Bei der Brut bevorzugt die Westmöwe vor allem Inseln und Felsen vor der Küste, häufig in der Nähe von Kolonien des Kalifornischen Seelöwen (Zalophus californianus). Die mit mehr als 13.000 Paaren größte Brutkolonie befindet sich auf Southeast Farallon Island, einer vulkanischen Felseninsel rund 43 Kilometer westlich des Golden Gate.Teresa M. Penniman / Malcolm C. Coulter / Larry B. Spear / Robert J. Boekelheide, Western Gull, in: David G. Ainley / Robert J. Boelkelheide (Hrsg.), Seabirds of the Farallon Islands: ecology, dynamics, and structure of an upwelling system community, Palo Alto 1990, S. 218–244, hier S. 219.
Tiere der Unterart L. o. occidentalis entfernen sich nur in begrenztem Umfang von ihrer Kolonie. Untersuchungen von auf South East Farallon Island beringten Vögeln in den 1970er und -80er Jahren ergaben, dass nur wenige Individuen dauerhaft die Insel verließen.Larry B. Spear / Peter Pyle / Nadav Nur, Natal Dispersal in the Western Gull: Proximal Factors and Fitness, in: Journal of Animal Ecology 67, 2 (1998), S. 165–179, hier S. 166. Dabei bleiben ältere Vögel fast ganzjährig in ihrem Brutgebiet, während jüngere Individuen im Sommer nördlich in nahrungsreichere Gebiete wandern, um dann im Winter wieder nach Süden zurückzukehren.
Einige wenige Westmöwen der Unterart L. o. wymani ziehen bis an der Küste des mexikanischen Bundesstaates Sonora auf der östlichen Seite des Golfs von Kalifornien.Burger / Gochfeld / Garcia, Western Gull (Larus occidentalis), in: Handbook of the Birds of the World Alive, Abschnitt „Movements“ Etwa 20.000 bis 30.000 Individuen überwintern in der Nähe der kalifornischen Stadt Santa Cruz.Malling Olsen / Larsson, Gulls of Europe, Asia and North America, S. 172.
Lebensweise Nahrungserwerb und Nahrung mini|Westmöwen verschlingen kleinere Beutetiere in einem Stück (hier einen Seestern). Wie die meisten Möwen sind auch Westmöwen Allesfresser. Sie ernähren sich vor allem von Fischen wie der Amerikanischen Sardelle (Engraulis mordax) und wirbellosen Tieren wie Krill, Tintenfischen, Quallen, Seesternen, Muscheln und Schnecken. Darüber hinaus ernähren sie sich von Eiern und Jungtieren von anderen Westmöwen und artverwandten Vögeln. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, ernähren sie sich auch von Aas und durchsuchen menschliche Abfälle nach brauchbaren Resten.