hochkant|mini|Westgotische Adlerfibel, Zellenschmelz-Technik mit Bronze und Glaspaste, 6. Jahrhundert, Iberische Halbinsel mini|hochkant|Cloisonné-Vase, China, 17. Jahrhundert Cloisonné (Kurzform von französisch émail cloisonné; zu cloison „Scheidewand“), auch Zellenschmelz oder Zellenemail genannt, ist eine kunsthandwerkliche Technik bei Emaillearbeiten. Zur Fertigung werden auf eine meist aus Kupfer bestehende Trägerplatte (ein Schmuckstück oder eine kleine Plastik) dünne Drähte oder Metallstreifen aufgelötet und zwischen ihnen verschiedenfarbige Glasflüsse eingelassen. Die Metallstege trennen die einzelnen Farbfelder und verhindern ein Ineinanderlaufen der Farben. Der Rohling wird danach bei ca. 750–800 °C gebrannt, sodass auf der Trägerplatte ein Muster aus farbigem Glas entsteht. Durchsichtiger Glasfluss wird transluzid genannt, undurchsichtiger hingegen opak.Hans Schlagintweit, Helene K. Forstner: Kunstgeschichte: Stile erkennen – von der Antike bis zur Moderne. Basel 1991, S. 66.
Geschichte mini|hochkant|Grabplatte des Guy de Mejos, Limoges, 1307, Louvre
Entstehung Die Geschichte der Entdeckung und die frühe Nutzung von Email ist unklar, aber die Technik scheint unabhängig voneinander an verschiedenen Orten angewandt worden zu sein. Jeder Handwerker, der die Fertigkeit hatte, mit Glas und Metall zu arbeiten, hat vermutlich das dekorative Potenzial erkannt, die beiden Materialien kombiniert anzuwenden, also Metalloberflächen so zu färben, so dass sie den Eindruck eines wertvollen Steins erwecken.Campbell, S. 8. Vorarbeiten zur späteren Emailtechnik wurden vermutlich in Ägypten gelegt, indem dort die Kunst des Einlegens in Zellen sehr ausgeprägt betrieben wurde. Da die Technik der Zelleneinlage zum Schmelzen des frühen ägyptischen Glases eine sehr hohe Schmelztemperatur benötigt hätte, war sie nicht für die Anwendung mit Metall geeignet. Zwei Anhänger, die bei Enkomi auf Zypern gefunden wurden, sind wohl ägyptischen Ursprungs, füllen aber die Zellen nicht ganz aus und werden daher als Drahtemail bezeichnet. Weitere Fundorte von Email sind auf der Krim und in Etrurien nachgewiesen. Aus der griechischen Kunst der Antike ist kein Schmelzverfahren überliefert, die Etrusker dürften die Technik demnach eher aus Kleinasien übernommen haben.Burger, S. 5–6.
Das älteste bekannte Email stammt von einem mykenischen Schmuckstück um 1450 v. Chr.Campbell, S. 8. Das erste bekannte vollständige Cloisonné, ein Goldzepter, stammt vermutlich aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. und wurde bei Ausgrabungen in einem königlichen Grab im zyprischen Kourion entdeckt.Tait 2016. Siehe dazu den englischsprachigen Eintrag zu Enamelwork Hugh Tait, Encyclopedia Britannica 2016
Byzantinisches und europäisches Mittelalter Byzantinische Emails stammen vermutlich von Vorläufern der antiken Griechen. Die meist aus Cloisonné-Email bestehenden, auf kostbarem Metall, meistens Gold, gefertigten Objekte wurden mehrheitlich für Gegenstände mit liturgischer oder zeremonieller Bedeutung verwendet oder für Schmuck. Emails aus der Zeit vor dem Ikonoklasmus (726–842) sind sehr selten, da in dieser Zeit viele religiöse Kunstwerke zerstört wurden. Das älteste erhaltene Stück stammt etwa aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert.Campbell, S. 10. Als Beispiel siehe Byzantinisches Cloisonné
Beachtung sollte hierbei auf das frühe Mittelalter gerichtet werden, da diese Technik nicht nur Glasfluss, sondern auch aus der Einlage von Edelsteinen wie z. B. Almandinen, oder Granaten in das Zellwerk besteht. Ein gutes Beispiel bieten hierfür reich ausgestattete Gräber der Merowingerzeit, wie beispielsweise das Grab Childerich I.
mini|Vasenpaar in „offener“ Cloisonné-Technik, China, ca. 1770–1820 Karl Woermann erwähnt diese Kunsttechnik in seiner Geschichte der Kunst (1905): In Domschätzen und Sammlungen des Abendlandes hat sich eine erhebliche Anzahl derartiger Kunstwerke erhalten. Berühmt ist die goldene Vorderwand (Pala d’oro) des Hochaltars der Markuskirche zu Venedig. Der Doge Pietro Orseolo I. verwendete Emails aus Konstantinopel. Aber nur die Schmelzbilder ihrer oberen Reihe, zum Beispiel das Medaillonbild des Erzengels Michael und die sechs Bilder aus der Leidens- und Apostelgeschichte, gehören dieser goldenen Zeit der byzantinischen Kunst an; die übrigen sind später hinzugefügt. Berühmt ist ferner die goldene Kreuzlade (Staurothek) im Dom zu Limburg an der Lahn.Karl Woermann: Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker. 6 Bände, Band 2. Bibliographisches Institut, Wien/Leipzig 1905, S. 72.
Ostasiatische Kunst Die Cloisonné-Technik ist ebenfalls in der chinesischen Kunst verwendet worden. Vereinzelte Funde von Bronzen mit Glasflusseinschlüssen aus der Shang-Zeit belegen eine frühe Verwendung dieser Technik in China. Diese Arbeiten waren jedoch Ausnahmeerscheinungen und unterschieden sich grundsätzlich von den Cloisonné-Arbeiten der späteren Zeit.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 24. Vermittelt über die islamischen Länder erreichte die europäische Cloisonné-Kunst das „Reich der Mitte“ erst in der frühen Ming-Zeit (1368–1644) und wurde als guǐguóyáo (, wörtlich „Ware aus dem Teufelsland“)Gunhild Avitabile: Nach achtunddreißig Jahren … In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 18. bezeichnet. Eine erste Blütezeit erlebte das Cloisonné während der Xuande-Zeit (1425–1435). Der heute in China für Cloisonné gebrauchte Begriff ist jǐngtàilán (; wörtlich „Blau der Jingtai[-Ära]“) (1450–1457) und ist auf den in dieser Zeit entwickelten und bis heute gebräuchlichen tiefblauen Glasguss zurückzuführen. Die kurze Regierungszeit des Kaisers Jingtai gilt als der Höhepunkt der Cloisonné-Kunst in China.
In Cloisonné-Technik wurden Schalen, Vasen, Kerzenständer und Weihrauchbrenner hergestellt, ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vereinzelt auch andere Gebrauchsgegenstände wie z. B. Schnupftabakfläschchen. Kaiserliche Cloisonné-Objekte tragen seit der Xuande-Zeit oft Periodenmarken in Regelschrift, seit der Qianlong-Zeit zum Teil auch in Siegelschrift.
Anders als z. B. Keramik hatte Cloisonné, jap. shippō-yaki (, wörtlich „Sieben-Schätze-Ware“), im japanischen Kunsthandwerk bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nur eine untergeordnete Rolle. Aus der Muromachi- und Edo-Zeit sind nur wenige in Japan gefertigte kleinteilige Arbeiten in dieser Technik, wie Griffe für Schiebetüren, Wassertropfer für die Herstellung von Tusche, Tsuba und anderer Schwertschmuck, bekannt. Die Kunst des Cloisonnés wurde erst gegen Ende der Edo-Zeit und zu Beginn der Meiji-Zeit (1868–1912) in größerem Umfang ausgeübt. Die frühen japanischen Cloisonné-Arbeiten der 1830er Jahre und zum Teil bis in den Anfang der 1870er verweisen noch stark auf chinesische Vorbilder und werden wegen ihrer relativ breiten Stege und stumpfen Farben auch als doro shippō (, dt. „Schlamm-Cloisonné“) bezeichnet.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 26. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich das japanische Cloisonné jedoch zu einer Kunsthandwerksform von höchster handwerklicher und künstlerischer Perfektion.
Das Erblühen dieser speziellen Handwerkskunst in Japan ist auf die erzwungene Öffnung des Landes, den in Europa und den USA entstehenden Japonismus und die mit der Modernisierung und Industrialisierung für Japan entstehenden Kosten zurückzuführen.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 25. Unter der Meiji-Regierung wurde systematisch nach herausragenden und rentablen Produkten gesucht, mit deren Verkauf die japanische Regierung die Finanzierung der Erneuerungen des Landes sicherstellen konnte. Beteiligt an dieser Auswahl war unter anderem der deutsche Chemiker Gottfried Wagener, der sowohl ein Pionier der Entwicklung eines japanischen Ingenieurstudiengangs war als auch wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Cloisonné-Techniken in Japan lieferte.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 22. Neben Porzellan, Bronze- und Silberarbeiten sowie der traditionellen Textilproduktion wurde die Produktion von Cloisonné-Arbeiten in der Meiji-Zeit ein Wirtschaftsfaktor JapansStephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 23. und insbesondere als Exportware konnten durch sie nennenswerte Einkünfte erzielt werden.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 29.
Ausgebildete Metallhandwerker, die nun nicht mehr die Ausrüstungen für die überflüssig gewordenen Samurai anfertigen konnten und deren Überleben durch die rasch anwachsende Industrieproduktion gefährdet war, fanden ein neues Betätigungsfeld. Um auf dem Exportmarkt Erfolg zu haben, orientieren sich die japanischen Kunsthandwerker bei der Gestaltung der Arbeiten sowohl an traditionellen japanisch/chinesischen Formen und Dekoren als auch am europäischen Geschmack.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 21.
Einzelne Stücke der zeitgenössischen Cloisonné-Produktion wurden bereits auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1867 mit Erfolg präsentiert. Zum Beispiel erwarb das Londoner Victoria and Albert Museum bei dieser Gelegenheit einen wohl aus Nagoya stammenden und in Cloisonné-Technik gearbeiteten Konfektkasten für 50 britische Pfund (nach heutigem Wert ca. 57.000 Euro; Stand 2019) und auf der Wiener Weltausstellung 1873 ging der erste Preis an die erst 1871 gegründete „Nagoya Cloisonné Company“. Weitere Preise, insbesondere für Arbeiten des Künstlers Namikawa Yasuyuki (1845–1927), folgten auf den Ausstellungen 1876, 1878, 1900 und 1904.Stephan von der Schulenburg: Japanisches Cloisonné. In: Stephan von der Schulenburg, Mattias Wagner: Sieben Schätze. Eine Wunderkammer des japanischen Cloisonnés. Wienand Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86832-516-4, S. 27.
Als Pionier des modernen japanischen Cloisonnés gilt ein verarmter Samurai namens Kaji Tsunekichi (1803–1883) aus Nagoya, der 1838 eine chinesische Cloisonné-Arbeit erworben hatte und nach deren Studium selbst zumeist kleinformatige Arbeiten in dieser Technik anfertigte. In Tsunekichis Folgezeit entstand rund um Nagoya neben Kyōto und Tokyō das bedeutendste der drei Zentren der japanischen Cloisonné-Produktion und nordwestlich von Nagoya entstand in Toshima die Shippo-chō, die „Cloisonné-Stadt“, in der zeitweise bis zu 70 % des japanischen Cloisonnés gefertigt wurde.