hochkant=1.7|mini|Wachstumdynamik des BIP nach Kaufkraftparität im Vergleich zu den Vereinigten Staaten Die Wirtschaft Polens war 2021, gemessen am damaligen Bruttoinlandsprodukt, in Höhe von 679 Mrd. USD, die 23. größte Volkswirtschaft der Welt. Sie war 2021 die sechstgrößte Volkswirtschaft in der Europäischen Union.

Geschichte Polen-Litauen

Deutsche Besetzung Polens In einer Besprechung mit höheren Offizieren der Wehrmacht hatte Hitler bereits am 23. Mai 1939 auch wirtschaftliche Beweggründe für den Entschluss zum Überfall auf Polen angegeben.Hans-Erich Volkmann: Ökonomie und Expansion – Grundzüge der NS-Wirtschaftspolitik, München 2003, S. 222. Das OKH erließ deshalb am 3. Oktober 1939 folgenden Grundsatz: „Die wirtschaftlichen Kräfte des Landes werden voll und ganz in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft gestellt.“Zitat nach Robert Seidel: Deutsche Besatzungspolitik in Polen – Der Distrikt Radom 1939–1945. Paderborn/München/Wien/Zürich 2006, S. 89. Diesem Zweck diente schließlich auch die Verschleppung von 2,81 Millionen polnischen Staatsbürgern zur Zwangsarbeit.Bogdan Musial: Das Schlachtfeld zweier totalitärer Regime, in: Klaus-Michael Mallmann, Bogdan Musial (Hrsg.): Genesis des Genozids – Polen 1939–1941. Darmstadt 2004, S. 18.

Volksrepublik Polen Zur Durchsetzung der kommunistischen Herrschaft in der Volksrepublik Polen erfolgten von 1944 an auch Weichenstellungen für den Nachkriegsstaat. So legten zwei Dekrete die Maximalgrößen für landwirtschaftliche Betriebe regional unterschiedlich auf 50 beziehungsweise 100 Hektar fest und die Mindestgröße auf fünf Hektar. Einen wesentlichen Beitrag zur Nahrungsmittelversorgung leistete bis 1946 auch die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen. Polen war von Anfang an Mitglied Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW, Comecon). Władysław Gomułka bremste die unter seinen Vorgängern noch nicht vollzogene Kollektivierung der privaten Landwirtschaft, erlaubte im begrenzten Rahmen private Kleinunternehmen und konzentrierte sich auf die Modernisierung der bereits in Staatsbesitz befindlichen Produktion. Mit dieser Wirtschaftsstrategie erzielte die Wirtschaft in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren hohe Wachstumsraten. Im März 1963 richteten Polen und die Bundesrepublik Deutschland Handelsmissionen im jeweils anderen Land ein.

Nachdem im Dezember 1970 mit der Bundesrepublik der Warschauer Vertrag geschlossen worden war, glaubte die Regierung, sie könne die Situation für eine Preiserhöhung nutzen und erhöhte die Preise für Konsumgüter um 13 bis 38 Prozent. Es kam zu einem Aufstand der Bevölkerung. Die Auslandsschulden betrugen 1970 1,2 Mrd. US-Dollar. Nach dem Aufstand zögerte die Regierung, zunächst weitere Preiserhöhungen zu erlassen; am 24. Juni 1976 musste sie die Preise drastisch erhöhen. So wollte sie die Preise für Butter und Käse um 50 %, für Fleisch um 68 % und für Zucker um 100 % erhöhen. Nachdem es wiederum zu Streiks und Demonstrationen gekommen war, erklärte die Regierung, es wären nur Pläne gewesen.

1980 betrug die Auslandsverschuldung 24,1 Mrd. US-Dollar; ein großer Teil der aufgenommenen Kredite war in Konsumausgaben geflossen. Zum 1. Juli 1980 wurden die Fleischpreise erneut erhöht. Bei den nachfolgenden Ausschreitungen kam es zur Bildung der Gewerkschaft Solidarność.

Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft mini|hochkant=1.3|Skyline von Warschau 1988 begannen die ersten Reformen mit dem Ziel, die polnische Zentralplanwirtschaft in eine Marktwirtschaft umzuwandeln. Im Unterschied zu den anderen sozialistischen Ländern waren bereits 1988 etwa 20 Prozent der Unternehmen in privater Hand.Andrzej Chwalba: Kurze Geschichte der Dritten Polnischen Republik. Wiesbaden 2010, S. 79 Zum 1. Januar 1989 wurde per Gesetz die Gründung von Privatunternehmen und die Anmeldung von Gewerbetätigkeit erleichtert. Im März 1989 wurde die Möglichkeit geschaffen, private Wechselstuben zu errichten. Am 1. August 1989 wurde die zentrale Preisgestaltung für Lebensmittelprodukte aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt wurden diese Produkte jedoch kaum noch in Geschäften angeboten, sondern vorwiegend auf Wochenmärkten verkauft.Andrzej Chwalba: Kurze Geschichte der Dritten Polnischen Republik. Wiesbaden 2010, S. 72

Im Oktober 1989 wurde der sogenannte Balcerowicz-Plan von Leszek Balcerowicz vorgestellt. Der Plan sah eine rasche Transformation des sozialistischen Wirtschaftssystems in eine Marktwirtschaft vor. Ein Schuldenmoratorium, das von Balcerowicz erreicht werden konnte, gab Polen die benötigte Handlungsfreiheit für die Reformen. Am 27. Dezember 1989 verabschiedete der Sejm zehn Wirtschaftsgesetze, welche die Regierung zehn Tage zuvor vorgelegt hatte. Diese unter Leitung von Balcerowicz ausgearbeiteten Gesetze gelten als einer der wichtigsten Grundsteine für die Wirtschaftsreformen. Die Staatseinnahmen brachen 1990 und 1991 wegen der allgemeinen Rezession stark ein. Die Inflation betrug 1990 585 Prozent, sank aber 1991 schon auf 160,4 Prozent.Andrzej Chwalba: Kurze Geschichte der Dritten Polnischen Republik. Wiesbaden 2010, S. 76 Die Industrieproduktion sank um 27 Prozent, die Reallöhne um 30 Prozent.Brigitte Jäger-Dabek, Polen – Eine Nachbarschaftskunde. Bonn 2006, ISBN 3-89331-747-3, S. 147 Am 16. April 1991 wurde die Warschauer Wertpapierbörse (GPW) eröffnet. Am 1. Januar 1995 wurde im Rahmen einer Währungsreform der Złoty mit 10.000 alten zu einem neuen Złoty (PLN) neu bewertet.Andrzej Chwalba: Kurze Geschichte der Dritten Polnischen Republik. Wiesbaden 2010, S. 73–74

Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft sank auch die Bedeutung des Bergbaus. Die bisherige Bedeutung als Devisenbringer schwand und die Branche musste sich dem Wettbewerb stellen. 1989 waren 404.000 Menschen im Bergbau tätig, drei Jahre später waren es nur noch 350.000.Andrzej Chwalba: Kurze Geschichte der Dritten Polnischen Republik. Wiesbaden 2010, S. 96

1989 waren 5,1 Millionen Beschäftigte in der Landwirtschaft tätig, die 1990 fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschafteten. Die Zahl der in dieser Branche Tätigen sank bis 2002 auf 2,9 Millionen Beschäftigte, die 2004 nur mehr rund drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachten. Dabei sind aber ein großer Teil der als Landwirte Tätigen nur als solche registriert, um in den Genuss von Förderungen zu kommen; etwa ein Viertel geht zusätzlich anderen Tätigkeiten nach.Andrzej Chwalba: Kurze Geschichte der Dritten Polnischen Republik Wiesbaden 2010, S. 99 Durch die Wirtschaftsreformen nahm der Anteil der Bauern, die nur zur Selbstversorgung produzierten, stark ab.

Entwicklung seit 1989 mini|BIP nach Kaufkraftparität im Vergleich zu Ukraine Auch ohne massive Hilfe aus dem Westen erholte sich so die Wirtschaft Polens nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems schneller als die Wirtschaft Ostdeutschlands und die anderer Staaten des ehemaligen Ostblocks.Klaus-Peter Schmid: Schnell, schnell, Geld!. Die Zeit. 13. Juni 2001Berthold Merkle: Von wegen „Polnische Wirtschaft“ – Nach-Wende-Bilanz. rp-online. 11. März 2015 Freilich kam es auch zu skandalösen Zwischenfällen wie der Art-B-Affäre.

Der lange Zeit anhaltende Erfolg der Wirtschaft PolensPolens Entwicklung gleicht einem Wunder. Die Welt. 16. Oktober 2011 im Vergleich zu anderen postkommunistischen Staaten sorgte dafür, dass der Begriff polnische Wirtschaft seine negative Bedeutung verlor. Allerdings klagte im Februar 2015 eine polnische Stadtführerin in Warschau über deutsche Touristen: „Polen als Erfolgsgeschichte? Das glauben viele einfach nicht.“Ulrich Halasz: . Blickpunkt Wirtschaft. 26. Februar 2015

In zwischenzeitlichen Veröffentlichungen zur Wirtschaft Polens wurde das positive Urteil über diese relativiert. So kritisierte Nils Kreimeier in einem „Wie verloren ist Polen?“ betitelten Artikel in der Ausgabe September 2016 des Wirtschaftsmagazins Capital, dass die polnische Regierung einen „antideutschen und EU-feindlichen Kurs“ fahre und damit „ausgerechnet an den beiden Säulen, die den Wirtschaftsboom befeuert haben“, rüttele. Folge: „Die ersten Indikatoren zeigen schon nach unten“.Nils Kreimeier: Wie verloren ist Polen?. In: Capital. September 2016, S. 67f. Diese beobachtete Tendenz setzte sich bis 2021 jedoch nicht durch, insgesamt wuchs die polnische Wirtschaft bis zur Corona-Krise weiterhin deutlich und verhielt sich auch unter den Bedingungen der Krise robuster als andere Volkswirtschaften.https://polen.diplo.de/pl-de/02-themen/02-3-wirtschaft/02-wirtschaftslage-polen/-/2313784 sowie https://www.handelsblatt.com/politik/international/coronakrise-polens-kleines-wirtschaftswunder/26902564.html

Donald Tusk, welcher Ende 2023 gewählt wurde, schlug einen neuen pro-europäischen Kurs ein. Nach der Wahl reagierte der Finanzmarkt positiv auf seine Regierung. Der WIG-20-Aktienindex und der polnische Złoty verzeichneten seitdem signifikante Zuwächse. Jedoch warnen Experten vor zu hohen Erwartungen an Tusks Versprechen, die negativen Auswirkungen der vorherigen PiS-Regierung zu überwinden.

Bruttoinlandsprodukt Das Bruttoinlandsprodukt ist regional sehr unterschiedlich. Die reichsten Regionen sind Masowien (133 % des Landesdurchschnitts) und Niederschlesien (114 %). Die ärmsten Regionen sind Lublin (68 % des Landesdurchschnitts), Karpatenvorland (71 %) und Heiligkreuz (74 %).Regiony Polski – Regions of Poland. (PDF; 2,7 MB) Główny Urząd Statystyczny, Warszawa 2009 + Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in % gegenüber dem Vorjahr Jahr 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018201920202021202220232024 Wachstumsrate 6,1 6,5 4,6 4,6 4,6 1,2 2,0 3,6 5,1 3,5 6,2 7,0 4,2 2,8 3,6 5,0 1,6 1,4 3,3 3,8 3,1 4,8 5,44,72,06,95,60,22,9 Quelle: Eurostat

Inflation + Entwicklung der Inflationsrate in % gegenüber dem Vorjahr Jahr 1950 1951 1952 1953 1954 1955 1956 1957 1958 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 Inflationsrate 7,5 9,6 14,4 41,9 6,3 2,4 1,0 5,4 2,7 1,1 1,8 0,7 2,5 0,8 1,2 0,9 1,2 1,5 1,6 1,4 1,1 0,1 0,0 2,8 7,1 3,0 4,4 4,9 8,1 7,0 9,4 21,2 100,8 22,1 15,0 15,1 17,7 25,2 60,2 251,1 585,8 70,3 43,0 35,3 32,2 27,8 19,9 14,9 11,8 7,3 10,1 5,5 1,9 0,8 3,5 2,1 1,0 2,5 4,2 3,5 2,6 4,3 3,7 0,9 0,0 0,9 0,6 2,0 1,6 2,3 3,4 5,1 Quelle: GUS

Arbeitsmarkt mini|hochkant=1.7|Arbeitslosigkeit in Polen, 2016 1990 betrug die offizielle Arbeitslosigkeit 6,1 Prozent (1,13 Millionen Menschen); 1991 betrug sie 11,4 Prozent. Die höchste Arbeitslosigkeit der Dritten Polnischen Republik wurde in den Jahren 2002/2003 mit 20,0 Prozent (etwa 3,2 Millionen Menschen) erreicht. Im Juni 2008 lag die Quote bei 9,6 Prozent,Aktualności – Sytuacja na rynku pracy w czerwcu 2008 r. Ministerstwo Pracy i Polityki Społecznej, vom 4. Juli 2008 was ungefähr 1,5 Mio. Menschen im erwerbsfähigen Alter ausmachte. 1990 erhielten 80 % der registrierten Arbeitslosen Arbeitslosengeld, im November 2006 waren es noch 13,2 %. Die Arbeitslosigkeit in Polen ist regional sehr unterschiedlich verteilt. In den Städten Posen und Warschau liegt die Arbeitslosigkeit unter 3 %, in den ländlichen Regionen Masurens liegt sie bei über 20 %. Insgesamt erreichte Polen bis zur Corona-Krise im Frühjahr 2020 mit einer Arbeitslosenquote von 3,4 % praktisch Vollbeschäftigung.https://polen.diplo.de/pl-de/02-themen/02-3-wirtschaft/02-wirtschaftslage-polen/-/2313784 In verschiedenen Branchen ist es in den letzten Jahren zu einem anhaltenden Fachkräftemangel gekommen.https://polen.diplo.de/pl-de/02-themen/02-3-wirtschaft/02-wirtschaftslage-polen/-/2313784