mini|Rustizierung (Palazzo Medici Riccardi, Florenz)
Rustizierung meint im Bauwesen bei Quadersteinen und im engeren Sinne das Stehenlassen einer unbearbeiteten Bosse als Ansichtsfläche. In der Regel handelt es sich um eine mit Absicht hergestellte raue Oberfläche, um so den Eindruck von „bäurischer“ Grobheit zu erzielen.Rustika. In: Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar. 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X, S. 398 (= Kröners Taschenausgabe, Band 194); unifr.ch (PDF; 15 MB). Rustika (fem.) oder Rustikamauerwerk (neutr.) als Synonyme bezeichnen ein Sichtmauerwerk mit kunstvoll rauer Oberfläche.
Wortherkunft Das Wort rustizieren bzw. rustifizieren leitet sich ab von rustikal ( „bäuerliches Werk“;Rustika. In: Lexikon der Kunst. Band 4: R–Stadt. E. A. Seemann Verlag, Leipzig 1994, S. 315. Penther 1744: „Bauerisch Werck“Johann Friedrich Penther: Ausführliche Anleitung zur bürgerlichen Bau-Kunst (Band 1): Enthaltend ein Lexicon Architectonicum oder Erklärungen der üblichsten Deutschen, Französischen, Italiänischen Kunst-Wörter der Bürgerlichen Bau-Kunst […]. Johann Andreas Pfeffel, Augspurg 1744, S. 16; ub.uni-heidelberg.de) und bedeutet „mit einer Rustika-Oberfläche versehen“.In allgemeinen Wörterbüchern, Lexika und Enzyklopädien und in Kunstnachschlagewerken wird das Stichwort Rustika von Fall zu Fall erklärt, die Begriffe Rustizierung und rustiziert (im architektonischen Sinn) werden jedoch nicht berücksichtigt. Das Gleiche trifft für Bandrustika und Bänderrustika zu. Die hier gegebene Darstellung bezieht sich auf den üblichen Gebrauch der Begriffe in der kunsthistorischen Literatur. Im Lexikon der Kunst, siehe unter Literatur, wird unter dem Stichwort Rustika das Wort rustiziert im Zusammenhang verwendet, aber nicht definiert.
Übersetzungen: Sprache Wortformen Deutsch Rustika rustizieren (rustifizieren) Bandrustika (Bänderrustika) Englisch rustication to rusticate banded rustication Französisch le bugnato Italienisch il bugnato rustico il bugnato liscio Spanisch el almohadillado almohadillar
Unterscheidungen
Rustizierung Im weiteren Sinne meint Rustizierung (Rustika) jede Art einer mehr oder weniger stark reliefierten Sichtmauerwerk-Oberfläche, egal ob sie steinmetzmäßig aus Naturstein oder imitiert als gezogener Quaderputz ausgeführt wurde.
Die Übergänge zum Bossenwerk und zum Buckelquadermauerwerk sind fließend.
Bandrustika Wenn die Rustika keine Stoßfugen aufweist oder nur auf schmale Bänder beschränkt ist, spricht man von einer Bandrustika oder Bänderung.
Plattenrustika Die Plattenrustika oder Steinschnittquaderung zeigt keine raue Oberflächen des Mauerwerks, sondern ein stark reliefiertes Mauerwerk mit mehr oder weniger glatten Quaderfronten (Spiegelquader) und tiefen Fugen.
Diese Variante ist verwandt mit Wandverkleidungen durch Marmorplatten (Inkrustation), wie sie aus Antike und Protorenaissance überliefert sind. Auch moderne Natursteinfassaden können als Plattenrustika ausgeführt werden.Teils wörtlich übernommen aus dem Abschnitt Plattenrustika. projekte.kunstgeschichte.uni-muenchen.de; abgerufen am 9. Januar 2024. Eine besonders kunstvolle Form der Plattenrustika ist die Diamantquaderung.
Eckrustizierung Bei der Eckrustizierung beschränkt sich die Rustizierung auf die Ecken eines Gebäudes. Sie besteht in seltenen Fällen aus Werksteinen. Häufiger werden die Ecken mit Putzprofilen in die gewünschte Form gebracht oder Mal- bzw. Sgraffito-Techniken verwendet.
Geschichte und Verwendung Rustiziertes Mauerwerk kam in der Antike bereits an hellenistischen Stadtmauern vor, war in Rom an der frühkaiserzeitlichen Umfassungsmauer des Augustusforums zu finden, kennzeichnete viele Festungsanlagen der Stauferzeit in Italien und Deutschland, wurde im Florentiner Palastbau seit dem 13. Jahrhundert verwendetAnja Eckert: Das Bossenmauerwerk der Florentiner Stadtpaläste. In: Burgen und Schlösser, Heft 3/2002, S. 151–161; ub.uni-heidelberg.de und hatte sich seit den 1420er Jahren über KonstanzFrank Mienhardt: Das Haus „Zur Katz“ und das Empfangsgebäude des Bahnhofs. Italienrezeption im Konstanzer Stadtbild über die Jahrhunderte hinweg. In: Jürgen Klöckler (Hrsg.): Konstanz und Italien. Transalpine Beziehungen durch die Jahrhunderte. UVK Verlag, München 2023 (Kleine Schriftenreihe des Stadtarchivs Konstanz; 23), ISBN 978-3-7398-3232-6, S. 155–180. (Google Books) auch erneut nördlich der Alpen verbreitet. Rustizierungen als ausdrucksstarke Zierformen erhielten sich bis in die Barockarchitektur und wurde teilweise auch im Verputz nachgeahmt. Sie wurden im Historismus des 19. und 20. Jahrhunderts bei Fassaden von Repräsentationsbauten wiederaufgenommen.
Rustizierung wurde in den Fassaden vor allem für die Erdgeschosse und zur Verstärkung der Ecken verwendet. Die Rustika konnte sich aber auch auf die ganze Fassade, auf einzelne Stockwerke oder auf einzelne Bauglieder einer Fassade (Lisenen, Ecklisenen, Pilaster, Blendsäulen, Fenster- und Türrahmungen) erstrecken. Außer Fassaden und Fassadenelementen wurden auch freie Bauglieder wie z. B. Pfeiler und Säulen rustiziert.
mini|Übersetzung des Rustikaprinzips in unverputztes Backsteinmauerwerk (Bei der St. Johanniskirche 3, Lüneburg) Eine Sonderform der Rustizierung ist in der Barockzeit die Übertragung des Quaderprinzips auf unverputztes Backsteinmauerwerk, wie sie beispielsweise vom 1784 bis 1787 erbauten „Haus des Superintendenten“ in Lüneburg bekannt ist.
Historische Beschreibung der Rustizierung Der Göttinger Architekturtheoretiker Johann Friedrich Penther hat 1744 die verschiedenen Formen der Rustizierung zur Barockzeit in seinem Lexicon Architectonicum unter dem Lemma Bossage so beschrieben: mini|Varianten der Bossage bzw. Rustika nach Johann Friedrich Penther, 1744Johann Friedrich Penther: Ausführliche Anleitung zur bürgerlichen Bau-Kunst. Band 1: Enthaltend ein Lexicon Architectonicum oder Erklärungen der üblichsten Deutschen, Französischen, Italiänischen Kunst-Wörter der Bürgerlichen Bau-Kunst […]. Johann Andreas Pfeffel, Augspurg 1744, Tafel XXII (Ausschnitt); ub.uni-heidelberg.de
Siehe auch Rustico (Gebäude) Bossenwerk Buckelquader Diamantquader Quaderputz
Literatur Rustika. In: Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar. 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X, S. 398 (= Kröners Taschenausgabe, Band 194);. Rustika. In: Lexikon der Kunst. Band 4: R–Stadt. E. A. Seemann Verlag, Leipzig 1994, S. 315.
Weblinks
Zur Plattenrustika. projekte.kunstgeschichte.uni-muenchen.de
Einzelnachweise
Kategorie:Kunstgeschichte Kategorie:Fassadengliederung Kategorie:Mauerwerksbau Kategorie:Architekturtheorie Kategorie:Ornamentik