Ober-Hörgern ist der kleinste Stadtteil von Münzenberg im südhessischen Wetteraukreis.
Geografie und Verkehr Das Straßendorf liegt nordwestlich von Münzenberg in der Wetterau auf der Nordseite des Wettertales. Nördlich des Ortes verläuft die Bundesautobahn 45. Durch den Ort führt die ehemalige Bundesstraße 488.
Ortsgeschichte Mittelalter Die älteste Erwähnung des Dorfes stammt aus dem Jahr 1222. In diesem Jahr schenkten Wezzile von Nidda und seine Frau Sophia dem Kloster Arnsburg ihr Gut in „Hergeren“.StAD Bestand A 14, Nr. 4850. Zugleich ist es die erste urkundlich belegte Übertragung von Besitz an das Kloster Arnsburg.Andreas Kuczera: Grangie und Grundherrschaft. Zur Wirtschaftsverfassung des Klosters Arnsburg zwischen Eigenwirtschaft und Rentengrundherrschaft 1174-1400. Dissertation. Darmstadt und Marburg 2003. Hrsg.: Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen. = Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 129. S. 166.
1232 heißt es in einem Kopiar: „... Albertus de Hergeren ...“Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau (AUB). Darmstadt 1851. Nr. 19, S. 12. In dieser Urkunde wird Hergeren als „villa“ bezeichnet. Der Ort hatte also die Siedlungsform Dorf. 1285 wird erstmals Ober-Hörgern erwähnt: „... in terminis ville Hergeren superioris ..“ (im Gebiet des Dorfes Ober-Hörgern). Zehn Jahre später erscheint auch Nieder-Hörgern urkundlich: „... decimam nostram in inferiori Hergeren ...“ (unser Zehnte in Nieder-Hörgern).Ludwig Baur: AUB: Nr. 261, S. 135. Nieder-Hörgern fiel um 1400 wüst.Karl Müller: Ein ausgegangener Ort im Altkreis Friedberg – die Wüstung Nieder-Hörgern. In: Wetterauer Geschichtsblätter 35 (1986). Verlag Bindernagel Friedberg 1986. ISBN 3-87076-050-8, S. 31–33.
Der Ortsname wird in der Namensforschung als „Siedlung der Familie der Heriger“ erklärt. Im Plural wird der Rufname als Familienname verstanden. Im Dativ Plural benennt Heriger eine Siedlung nach der Familie, die sie bewohnt.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 192 f, S. 193.
In Hörgern gab es eine niederadlige Familie, die 1232 erstmals belegt ist. Am 11. November 1319 bekannte „Hermannus de Hergern“, Armiger, dass ihm sein Vater Cuno, Ritter von Gießen, den Zehnten von Wohnbach vererbt hatte, der ein Lehen der „de Hanoywe“ war.Eugen Rieß, Dieter Wolf: „Vom Leben in einem kleinen Dorf. Die Ortsgeschichte von Wohnbach. Band 1: Alte Zeiten.“ Herausgegeben vom Arbeitskreis Dorferneuerung Wohnbach und der Gemeinde Wölfersheim. 2022. Eugen Rieß: Adel und Patriziat. S. 113-156. S. 141.
Neuzeit 1589 werden die Orte „Niederhergerenn“ und „Oberhergerenn“ gemeinsam erwähnt. Nieder-Hörgern ist zu diesem Zeitpunkt bereits wüst gefallen.Friedrich Battenberg: Solmser Urkunden. Regesten zu den Urkundenbeständen und Kopiaren der Grafen und Fürsten von Solms im Staatsarchiv Darmstadt (Ab. B 9 und F 24 B), im gräflichen Archiv zu Laubach und im fürstlichen Archiv zu Lich, 1131-1913. = Hrsg. Hessische Historische Kommission Darmstadt 1986. = Repertorien des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt 151-5. Band 3. Nr. 3540.
Die Evangelisch-reformierte Kirche wurde im Jahr 1729 anstelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaus errichtet. Nur der gotische Flankenturm wurde beibehalten. Er erhielt im Jahr 1778 einen neuen Helmaufbau.
1766 arbeitete der geschworene Geometer „Johann Herbelius Geo[meter]“ in Ober-Hörgern.Eugen Rieß, Dieter Wolf: „Vom Leben in einem kleinen Dorf. Die Ortsgeschichte von Wohnbach. Band 1: Alte Zeiten.“ S. 164.
Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Ober-Hörgern:
Hessische Gebietsreform (1970–1977) Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Ober-Hörgern im Landkreis Gießen zum 21. Dezember 1971 auf freiwilliger Basis in die zuvor neu neugebildete Stadt Münzenberg im Landkreis Friedberg eingegliedert. Für Ober-Hörgern wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Ober-Hörgern angehört(e):
vor 1718: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Hohensolms, Amt Nieder-Weisel ab 1718: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Hohensolms-Lich, Amt Nieder-Weisel ab 1792: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Solms-Hohensolms-Lich, Amt Nieder-Weisel ab 1806: Großherzogtum Hessen (Souveränitätslande), Fürstentum Oberhessen, Amt Nieder-Weisel (des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich) ab 1815: Großherzogtum Hessen (Souveränitätslande), Provinz Oberhessen, Amt Nieder-Weisel (des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich) ab 1820: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Nieder-WeiselPatrimonialgericht: Standesherrliches Amt Nieder-Weisel des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich. ab 1822: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk HungenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Lich; 1822 gingen die Rechte des „standesherrlichen Amts Nieder-Weisel“ an das Landgericht über, wo sie im Namen der Standesherren ausgeübt wurden) und Verwaltung ab 1837:Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Friedberg ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Friedberg ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1918: Deutsches Reich (Weimarer Republik), Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis Gießen ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Friedberg, Stadt Münzenberg ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Wetteraukreis, Stadt Münzenberg
Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ eingerichtet. Es war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Die zweite Instanz für die Patrimonialgerichte waren die standesherrlichen Justizkanzleien. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Ober-Hörgern ab 1806 das „Patrimonialgericht der Fürsten Solms-Hohensolms-Lich“ in Nieder-Weisel zuständig.
Mit der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übergingen. Ab 1822 ließen die Fürsten Solms-Hohensolms-Lich ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Lich“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht das für Ober-Hörgern zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde verzichtete der Fürst 1823. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.
Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Lich“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen. Gleichzeitig wechselte Ober-Hörgern in den Sprengel des nunmehrigen Amtsgerichts Butzbach. 2004 wurde das Amtsgericht Butzbach aufgelöst und in das Amtsgericht Friedberg integriert. Jetzt sind die übergeordneten Instanzen das Landgericht Gießen, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011
Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Ober-Hörgern 378 Einwohner. Darunter waren 9 (2,4 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 57 Einwohner unter 18 Jahren, 141 waren zwischen 18 und 49, 102 zwischen 50 und 78 und 618 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 159 Haushalten. Davon waren 36 Singlehaushalte, 57 Paare ohne Kinder und 48 Paare mit Kindern, sowie 12 Alleinerziehende und 3 Wohngemeinschaften. In 27 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 102 Haushaltungen leben keine Senioren.
Einwohnerentwicklung
Religionszugehörigkeit • 1830: 323 evangelische Einwohner • 1961: 288 evangelische, 71 katholische Einwohner
Erwerbstätigkeit • 1961: Erwerbspersonen: 124 Land- und Forstwirtschaft, 61 Produzierendes Gewerbe, 20 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, 9 Dienstleistungen und Sonstiges.
Religion Ober-Hörgern gehört zum Kirchspiel Gambach.
Wappen Am 7. März 1966 wurde der Gemeinde Ober-Hörgern im Landkreis Gießen ein Wappen mit folgender Blasonierung verliehen: Auf blauem Schild ein goldener, von links nach rechts gewendeter, durch einen goldenen Steigbügel laufender Gurt, beseitet von 6 weißen sechseckigen Salzkristallen (3:3).
Kultur und Sehenswürdigkeiten Ober-Hörgern wurde Sieger im vom hr-fernsehen ausgerichteten Wettbewerb Dolles Dorf 2016.Dolles Dorf 2016
Kulturdenkmäler
Südlich des Dorfes liegt die Doppelmühle. Zu ihr führt eine Bruchsteinbrücke über die Wetter.
Infrastruktur Im Dorf gibt es ein Dorfgemeinschaftshaus.
Söhne und Töchter des Ortes Wilhelm Fenchel (1873–1938), hessischer Politiker (HBB, DVP) und ehemaliger Abgeordneter des Landtags des Volksstaates Hessen in der Weimarer Republik sowie der 2. Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen Rudolf Mulch (1907–1989), deutscher Dialektologe und Lexikograph.
Anmerkungen und Einzelnachweise Anmerkungen
Einzelnachweise (Zahlen aus Web-Archiv)
Literatur
Weblinks
Ortsgeschichte Ober-Hörgern. In: Webauftritt der Stadt Münzenberg.
Kategorie:Ort im Wetteraukreis Kategorie:Geographie (Münzenberg) Kategorie:Ehemalige Gemeinde (Wetteraukreis) Kategorie:Ersterwähnung 1222 Kategorie:Gemeindeauflösung 1971