Schloss Reichersbeuern, auch Schloss Sigriz genannt, ist ein Wasserschloss in der Gemeinde Reichersbeuern. Es steht am Fuß der Vorberge der Bayerischen Alpen, sechs Kilometer östlich von Bad Tölz. Noch vor 955 entstand es als Wasserburg, sein heutiges Erscheinungsbild entspricht dabei den Umgestaltungen, die ab dem 16. Jahrhundert vorgenommen wurden. Heute beherbergt es die Max-Rill-Schule, ein privates Gymnasium mit Ganztagsschule und Internat. Die Anlage ist unter der Aktennummer D-1-73-140-2 als denkmalgeschütztes Baudenkmal von Reichersbeuern verzeichnet. Ebenso wird sie als Bodendenkmal unter der Aktennummer D-1-8235-0068 im Bayernatlas als „untertägige mittelalterliche und frühneuzeitliche Befunde im Bereich von Schloss Sigriz in Reichersbeuern und seiner Vorgängerbauten“ geführt.
Geschichte mini|Lageplan von Schloss Reichersbeuern auf dem Urkataster von Bayern Reichersbeuern, der Name des Schlosses, leitet sich wie der zugehörige Ort vom mittelhochdeutschen „Richerispuira“ ab, und bezeichnet damit das „Haus des Richer“. Die ursprüngliche Ortsbezeichnung „Puron“, vom althochdeutschen „burrion“, bedeutete schlicht „bei den Häusern“, ein Namensbestandteil, der sich auch bei anderen Orten, wie Benediktbeuern oder Beuerberg wiederfindet. Wer der namensgebende Richer war, der wohl seinen Hoheitssitz vor Ort hatte, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei bestimmen. Der Name bezeichnete schlicht einen „richmann“, also reichen Mann. Vermutlich entstammte dieser dem Geschlecht der Huosi, einem der bayerischen Uradelsgeschlechter, die bereits vor den Aribonen an der Spitze Baierns standen.
Nach der Gründung des Klosters Tegernsee 746 wurde Reichersbeuern diesem als Lehen zugeführt. Unter der Leitung des Klosters sollten die Bewohner das Isartal weiter roden und besiedeln. Als weiteres Zentrum wurde dabei auch die Festung Altenpraeche-Untermberg gegründet, als Vorläufer der Hohenburg, die sich später zum wichtigsten Herrschaftssitz der Region entwickelte. Nach der Eingliederung Baierns in das karolingische Reich 788 wurde das Kloster Tegernsee zum Reichskloster, geleitet von einem Vogt, der direkt dem Kaiser unterstand. Nach der Niederlage bei Pressburg, zur Zeit der Ungarneinfälle, wurde es von Herzog Arnulf dem Bösen säkularisiert, die Schätze und Ländereien des Klosters an verarmte Landadelige verteilt, teils auch verkauft, um ein schlagkräftiges Reiterheer ausheben zu können. Dadurch gelangte Reichersbeuern in den Besitz der Rapotonen, der Vorfahren der Grafen von Dießen und Andechs.
Aus diesem Geschlecht ließ Rasso, vornehmlich zum Schutz der Bevölkerung vor den Ungarneinfällen und als Militärstützpunkt, in Reichersbeuern eine Wasserburg errichten. Diese entstand auf einer erhöhten Landzunge, an drei Seiten von vier Weihern umgeben. Zusätzlich wurde der Dorfbach in die Weiher umgeleitet, um die Verteidigungskraft weiter zu erhöhen. Da Rasso noch vor der Schlacht auf dem Lechfeld verstarb, lässt sich ableiten, dass die Burg vor 955 erbaut wurde. mini|Schloss Reichersbeuern, Holzschnitt von Jost Amman, erschienen 1568 in Philipp Apians Landtafeln In einem Codex des Klosters Tegernsee wurde 1045 ein Graf Meginhard de Richersspuren als Zeuge erwähnt. Dieser entstammte dem Geschlecht der Grafen von Gilching am Starnberger See und war mit den Grafen von Dießen verschwägert. Von diesen erhielt er die Burg Reichersbeuern als Lehen des Klosters Tegernsee. Dieser führte den Panther im Wappen, der bis heute das Reichersbeurer Wappen ziert. Im Zuge des Investiturstreits erlangte das Kloster die Burg zurück, entsandte dorthin fortan ritterliche Ministerialfamilen zur Ausübung der vogteilichen Gewalt. Als Bewohner des Schlosses übten sie das Personen- und Besitzrecht des Klosters aus. Vom Kloster erhielten sie das Amt des Truchsess. Als Ministeriale standen sie als Freie in einem Beamtenverhältnis, hatten jedoch Dienst und Gehorsam zu leisten. 1209 leitete Alban von Reichersbeuern daher die Leitung des von Ludwig dem Kelheimer im Andechser Krieg belagerten Klosters. Dieses Lehen wurde von den Herren von Reichersbeuern weitervererbt, wie auch die Pflicht zum Dienst.
Diese Ministerialfamilien beherrschten Reichersbeuern bis zu ihrem Aussterben Mittel des 14. Jahrhunderts. Der Letzte daraus, Ritter Albanus IV., zerstritt sich mit dem Kloster aufgrund von Nutzungs- und Fahrrechte der Reichersbeurer und Greilinger Bauern auf die Wälder am Kehrberg. Dazu kam es, als Kaiser Ludwig der Baier 1321 und 1330 die Freiheiten der Klöster bestätigte und diesen rechtliche Verfügungen, sowie die niedere Gerichtsbarkeit in ihren klösterlichen Bezirken zusprach. Zu einer Aussöhnung zwischen Albanus IV. und dem Kloster Tegernsee kam es nicht mehr, da dieses 1353 das Amt des Truchsess nicht mehr an Albanus übertrug. Stattdessen übertrug das Kloster das Amt des Truchsess an die Familie Hohenrainer, die jedoch nicht aus Reichersbeuern stammten. Die Kinderlosigkeit von Albanus IV. veranlasste ihn dazu, all seine Besitztümer in Reichersbeuern ab 1358 zu veräußern. Die Burg verkaufte er dabei an die Pienzenauer.
Neuer Besitzer der Burg wurde so Otto I. von Pienzenau, der bereits Pfleger von Aibling und Landrichter von Kufstein und Kitzbühel war. Er entstammte einer der reichsten und mächtigsten Familien des Herzogtums und wird als einer der drei kaiserlich-herzoglichen Schiedsleute genannt. Als sehr frommer Mann stiftete er Reichersbeuern 1388 ein Benefizium, auch, damit Reichersbeuern einen ständigen Geistlichen, einen Vikar, erhielt und nicht mehr als Diasporagemeinde von Oberwarngau, einem Stift des Klosters Tegernsee, abhängig war. Die Kirche in Reichersbeuern erwarb er zuvor schon vom Kloster. Die kaiserliche Macht war weitgehend erloschen und inzwischen übten die Wittelsbacher die Herrschaft über Bayern aus. Diese reformierten die gesamte Gerichtsorganisation. Diese lag bislang in den Händen von Vögten und Grafen, ging nun aber auch verbeamtete Richter über. So erhielt auch die Burg Reichersbeuern eine Hofmark, der Reichersbeuern, Greiling und Sachsenkam angehörten, in der der Gutsbesitzer oder der eigens angestellte Richter die niedere Gerichtsbarkeit ausübte. 1384 wird dabei ein Herzog Stephan der Jüngere von Reichersbeuern erwähnt. Diese Hofmark sicherte den Fortbestand der Burg. mini|Schloss Reichersbeuern, Kupferstich von Michael Wening (1701) Aufgrund der dichten Wälder und zahlreichen Sümpfen, gestaltete sich die Viehzucht in Reichersbeuern aufgrund weniger Weideflächen als schwierig. Hauptnahrung der Burgbewohner waren dabei vor allem Fische, die in den umliegenden Weihern gezüchtet wurden. Aufgrund der geringen Tiefe erfroren jedoch viele Fische im Winter, die Jagd stellte daher eine weitere, wichtige Quelle dar. Auch aufgrund der Jagdgebiete ertauschte Herzog Stephan III. 1388 die Burg, die Hofmark und den Burgstall Hoheneck. Otto II. von Pienzenau, der die Burg 1371 beim Tod seines Vaters übernahm, erhielt dafür das Schloss Hartmannsberg.
1341 begann ein Jahrzehnte andauernder Streit um Jagd- und Holzschlagerechte am Karberg, zwischen den jeweiligen Hofmarksherren von Reichersbeuern und dem Gerichtspfleger von Tölz. Die Herren von Reichersbeuern, Eckprecht und Alban IV., einigten sich in einem Vergleich vor einem Gericht Kaiser Ludwigs des Baiern. Sie verkauften den zur Burg gehörenden Bergwald an das Kloster Tegernsee, unter der Bedingung, dass die Einwohner von Reichersbeuern und Greiling dessen Holz weiterhin zum Eigenbedarf nutzen dürfen. Als die Burg an die Wittelsbacher fiel, nahmen diese von ihrem Recht Gebrauch, am Berg Holz zu schlagen. Nach der Zerstörung der ersten Tölzer Burg beim „Großen Brand“ ließ Herzog Albrecht III. ab 1454 in Tölz ein neues Schloss erbauen. Das Holz dafür ließ er dem Karberg entnehmen. Nach Jahrzehnten der Bautätigkeit erhob Jakob Tänzl von Tratzberg, der neue Besitzer der Burg Reichersbeuern, Einspruch gegen diesen Holzschlag. Der Tölzer Pfleger, der die Interessen des Herzogs vertrat, verwies auf Gewohnheitsrecht. Tänzl von Tratzberg hingegen berief sich auf bestehende Besitzrechte. Das Hofkammergericht lehnte Tänzl von Tratzbergs Anliegen jedoch ab.
Aus Dankbarkeit für die Treue beim Kampf gegen den Löwlerbund belehnte Herzog Albrecht IV. Kaspar II. Winzerer mit der Hofmark. Der Pfandschilling verblieb jedoch bei der Wittib Christina Maxlrainer von Hohenburg, der Schwiegermutter Wolfgang von Schellenbergs. Aufgrund finanzieller Probleme veräußerte Kaspar III. Winzerer die Burg an Veit Jakob von Tratzberg, die Kaufabrede kam aber zwischen ihm und Wolfgang von Schellenberg zustande. Die Familie Tänzl stammte aus Innsbruck, wo Großvater Jakob II. Tänzl Ritter, Ratsbürger, Kirchenprobst und Bürgermeister (1437–1477) war. Sein Sohn Christian Tänzl (1448–1491), der Vater des späteren Reichersbeurer Schlossbesitzers, erlangte durch Silberbergwerke am Falkenstein in Schwaz großen Reichtum und erwarb zahlreiche Anwesen. Nach seinem Tod erbten seine Söhne Jakob und Simon Tänzl ein stattliches Vermögen. Jakob Tänzl, Pfleger auf der Rottenburg, zu Rattenberg und zu Aibling wird urkundlich zwischen 1490 und 1530 genannt. 1498 tauschten die Brüder Burg Berneck und die Fischweid des Kaunerbaches gegen Schloss Tratzberg mit Kaiser Maximilian I. Nachdem dieses Schloss 1480 von einem Brand verheert wurde, begannen sie mit ausgiebigen Restaurierungsarbeiten und Umbaumaßnahmen. Nach 1500 setzten sie diese in der mittlerweile ziemlich verwahrlosten Burg Reichersbeuern fort, wobei sie diese im Stil der frühen Renaissance zu einem Wasserschloss umgestalteten. Die Ausstattung entsprach der von Schloss Tratzberg, wie die bis heute erhaltene Kapelle, die Kassettendecken sowie die Ausstattung der beiden Ecktürme zeigen. Der heutige Haupteingang kam erst später hinzu. Der damalige Eingang des Schlosses begann an der Wendeltreppe im Zentrum der Burg, die einen der ältesten bestehenden Teile des Schlosses darstellt. Die Schlosskapelle ließ Tänzl erbauen und erhielt 1516 eine Ablass-Verleihung durch mehrere Kardinäle. mini|Schloss Reichersbeuern, weiterer Kupferstich von Michael Wening (1701) Veit Jakob von Tänzl galt den Wittelsbachern aufgrund seiner Tiroler Herkunft dennoch als Dorn im Auge. Zunächst zugesprochene Fischrechte am Walchensee wurden ihm rasch wieder aberkannt. Mit dem Erwerb der Burg Reichersbeuern erhielt er zwar auch Rechte zur Nutzung von Scharwerken und das Recht, Steuern zu erheben, dennoch trat er nie als Unterzeichner von Urkunden in Bezug auf die Hofmark auf. Daher scheint ihm die Jurisdiktion nicht zugesprochen worden zu sein. Seine Bestrebungen, ein weiteres Schloss bauen zu können, scheiterten ebenfalls. Sein Geschäftssinn zeigte sich jedoch daran, dass er Mühlen und den Nagelbach bei Tölz erstand, dass er 1519 den Stallauer Weiher zur Fischzucht anlegen ließ und massiv Flößerei förderte, wozu er vor allem Flößer aus Lenggries beauftragte. Da er keine eigenen Kinder hatte, erbten nach seinem Tod am 16. April 1530 seine Neffen, die Söhne seines Bruders, seine Güter. Da sie über die Aufteilung der Güter heillos zerstritten waren, verfiel der bestehende Reichtum rasch. In den 1550er Jahren wurden alle Besitzungen in Tirol veräußert. Ab 1573 lebten sie in Unterwallbach, beim schwäbischen Burgau, als völlig verarmte Landadelige zog sich die Familie rund 100 Jahre später nach Oberbechingen zurück.