Die lateinische Grammatik behandelt in systematischer Form Aufbau und Funktionsweise der lateinischen Sprache. Diese lässt sich dem italischen Zweig des Indogermanischen zuordnen; ihre Grammatik zeigt viele Ähnlichkeiten mit den anderen historisch bekannten Sprachen dieser Familie. Aus ihrer gesprochenen Form, dem sogenannten Vulgärlatein, haben sich die romanischen Sprachen entwickelt.
Latein ist, ebenso wie Altgriechisch, Sanskrit und andere indogermanische Sprachen, eine typische flektierende Sprache mit synthetischem Ausdruck grammatischer Information.
Verglichen mit der rekonstruierten Grammatik des Urindogermanischen lassen sich Prozesse erkennen, die meist als Vereinfachungen angesehen werden. Dies schlägt sich etwa in den einheitlichen Suffixen zur Bildung von Tempora und Kasus (Synkretismus) nieder, der Verringerung auf vier Verb- und fünf Substantivklassen oder der Reduktion von acht Kasus der Ursprache auf sechs im Lateinischen (Kategorienabbau). Die Begriffe, die sich zur Beschreibung und Diskussion der klassischen Sprachen einschließlich des Lateinischen historisch entwickelt haben, werden heute sowohl in der Linguistik als auch im allgemeinen Sprachgebrauch selbst für nicht-indogermanische Sprachen häufig verwendet.
Das hier vorgestellte System bezieht sich auf das „klassische“ Latein, eine normierte literarische Kunstsprache, die so im Wesentlichen nur im ersten Jahrhundert vor Christus von den zeitgenössischen römischen Autoren gebraucht wurde und heute im Lateinunterricht an den Schulen gelehrt wird.
Phonologie
Wortbildung Die Wortbildung im Lateinischen zeichnet sich vor allem durch Derivation aus, wobei sowohl Verbalwurzeln (Deverbativ) wie auch Nominalwurzeln (Denominativ) Ausgangspunkt von Ableitungen sein können. Es existiert eine große Zahl von Wortbildungssuffixen, mit denen neue Substantive und Adjektive gebildet werden können. Ebenso können auch Verben aus Nomina abgeleitet werden.
Ebenso wie im Deutschen kann auch im Lateinischen die Grundbedeutung von Verben wie auch Nomina durch eine Vielzahl von Präfixen variiert werden.
Mittels des Suffixes -sc- werden Verba Inchoativa gebildet.
Anders als im Altgriechischen und Sanskrit – oder auch dem Deutschen – sind dem Lateinischen Substantivkomposita fremd – ein Wesenszug, der in den romanischen Sprachen fortgesetzt wird. Im Mittellateinischen lassen sich allerdings einige Substantivkomposita wie („Mannwolf, Werwolf, Lykanthrop“) und („Gottmensch“) finden.Siehe: Peter Stotz: Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters. Zweiter Band. Bedeutungswandel und Wortbildung. Verlag C.H. Beck, München 2000, § 159.10, S. 454 ( bei Google Books). Zitat: „Nur ganz schwach – und anscheinend nur in Lehnbildungen – vertreten ist der etwa im Dt. so verbreitete Zssg’stypus Haustür ‚des Hauses Tür‘, somit: eine Folge zweier Substantive im gleichen Kasus, von denen das erste das Bestimmungsglied, das zweite das Grundglied darstellt.“ Als Beispiele werden (nach ) und (nach angelsächsisch ) angeführt. Beide Beispiele werden als wenig gebräuchlich oder okkasionell charakterisiert. Peter Stotz: Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters. Fünfter Band. Bibliographie, Quellenübersicht und Register. Verlag C.H. Beck, München 2000, S. 1041. Zitat: „, ‚Werwolf‘“.
Wortarten Die Wortarten oder -klassen der lateinischen Sprache lassen sich zunächst auf einer übergeordneten Ebene in flektierbare (veränderbare) und nicht flektierbare Wörter einteilen. Die flektierbaren Wörter der lateinischen Sprache lassen sich in deklinierbare Wörter bzw. Nomina (Substantive einschließlich Eigennamen, Pronomina, Adjektive, Zahlnennwörter) und konjugierbare Wörter (Verben) einteilen. Wie alle alten indogermanischen Sprachen besitzt auch das Lateinische eine reichhaltige Formenlehre, was mit einem entsprechend großen Lernaufwand verbunden ist.
Nicht flektierbare Wortklassen des Lateinischen sind: Adverbien Präpositionen (einschließlich Postpositionen) Konjunktionen (einschließlich Subjunktionen) Interjektionen
Anders als das Deutsche und ebenso wie die meisten slawischen Sprachen kennt das Lateinische weder bestimmte noch unbestimmte Artikel. (Im Mittellatein tauchten auch Artikel auf, siehe hierzu den Artikel Mittellatein#Syntax.)
Die Flexion im Lateinischen Die Unterscheidung der grammatischen Funktionen bzw. Kategorien im Rahmen der Flexion (Deklination und Konjugation) kann im Lateinischen auf verschiedene Arten erfolgen: Suffigierung Veränderung des Wortstamms Reduplikation (nur Konjugation)
Anders als Suffixe sind Präfixe im Lateinischen keine grammatischen Morpheme, sondern sie dienen allein der Wortbildung. Das Lateinische unterscheidet sich hierin von manchen anderen indogermanischen Sprachen, in denen auch Präfixe als grammatische Bildungsmorpheme fungieren können (z. B. die Augmentierung im Altgriechischen oder das Präfix ge- bei der Bildung des Partizip Perfekt der Verben im Deutschen).
Die Suffigierung ist die bei weitem gebräuchlichste Form der Flexion. Sie überwiegt bei der Konjugation und ist das fast ausschließliche Mittel der Deklination. Jedes Suffix kann, wie in flektierenden Sprachen üblich, stets gleichzeitig mehrere grammatische Kategorien bezeichnen (z. B. das Suffix -arum: Plural und Genitiv). Es können mehrere diskrete Suffixe hintereinander treten. Die Suffixe werden an den Wortstamm bzw. andere Suffixe angefügt.
Die Veränderung des Wortstamms oder gar der Wurzel selbst (sogenannte Wurzelflexion) ist ein von der indogermanischen Protosprache ererbtes Merkmal, das beispielsweise auch noch im Deutschen starke Verwendung findet (insbesondere als Ablaut bei den starken Verben). Der ursprüngliche urindogermanische Ablaut ist im Lateinischen allerdings nur noch in Resten erhalten. Ein Beispiel ist der Wechsel des Stammauslauts -o- der zweiten Deklination zu -e im Vokativ Singular ( zu ), wobei es sich um einen aus der indogermanischen Ursprache ererbten e-Ablaut handelt (siehe Vokativbildung in den indogermanischen Sprachen). Ansonsten hin und wieder auftretende Veränderungen des Stammauslauts (z. B. [„alt“] mit dem Lautwandel von u zu e) sind rein phonologische Erscheinungen und grammatisch bedeutungslos. Eine Wurzelflexion findet im Lateinischen vor allem bei der Bildung des Perfektstamms statt (siehe unten). Darüber hinaus bietet die Konjugation der Kopula („sein“) im Lateinischen noch ein gutes Beispiel für die Weiterführung der indogermanischen Wurzelflexion (siehe Urindogermanische Kopula und Deklinationstabelle von ).
Substantive Kategorien der Deklination Am Substantiv werden die folgenden grammatischen Kategorien unterschieden: Genus (grammatisches Geschlecht): Maskulinum, Femininum, Neutrum Numerus (Zahl): Singular, Plural Kasus (Fall): Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Ablativ, Lokativ
Wenn von der KNG-Kongruenz die Rede ist, stimmen zwei Vokabeln im Kasus, Numerus und Genus überein.
Genus (Geschlecht) Wie die meisten alten indogermanischen Sprachen und auch das Deutsche kennt die lateinische Sprache drei grammatische Geschlechter.
Bei Personenbezeichnungen folgt das grammatische dem natürlichen Geschlecht: Maskulina: „Landmann, Bauer“, „Mann“, „Herr“, (männliche Eigennamen) Feminina: „Jungfrau“, „Frau“, „Herrin“, (weibliche Eigennamen)
Lateinische Neutra zeigen die für das Indogermanische typische (und auch im Deutschen erhaltene) Besonderheit, dass die Nominativ- und Akkusativformen sowohl im Singular als auch im Plural übereinstimmen. Außer für alle substantivischen Neutra gilt das auch für die (vorhandenen) Neutrum-Formen aller Adjektive, Partizipien, Pronomina und Numeralia.
Numerus (Zahl) An Numeri werden wie im Deutschen Singular und Plural unterschieden. In einigen wenigen Wörtern sind darüber hinaus noch Reste alter Dualformen erkennbar, welche durch die Endung -o gekennzeichnet werden, z. B. „zwei“, „beide“.
Kasus (Fälle) Das Lateinische kennt fünf ausgeprägte Kasus: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und Ablativ. Hinzu kommt der Vokativ, der jedoch bei rein lateinischen Wörtern nur bei einer einzigen Substantivklasse (2. Deklination) im Singular Maskulinum eine eigene Form hat, sonst ist er stets gleich dem jeweiligen Nominativ. Bei Städtenamen, einigen Wörtern () sowie einigen erstarrten Adverbien erscheinen überdies Reste des Lokativs.
Oft sind mehrere Kasus formgleich.
Nominativ Im Nominativ ist das Subjekt eines Satzes anzugeben.
Im Nominativ Plural hat das Lateinische die indogermanischen Nominativendungen -s bzw. -es bewahrt. Nur bei a/o/e-Stämmen wurden die Formen des Pronomens übernommen (beispielsweise „jene“, „Herren“, ; „jene“, „Herrinnen“, ).
Ansonsten steht im Plural meist die Endung -es, die mit vorausgehendem Vokal verschmilzt (beispielsweise ); Neutra haben immer die Endung -a (z. B.: ).
Genitiv Der Genitiv gibt den Besitz oder die Beziehung zu einem anderen Wort an. Er kann im Lateinischen sowohl attributiv als auch prädikativ verwendet werden.
Der Genitiv hat die Endungen -i (wird bei den a-Stämmen orthographisch als ae realisiert, die klassische Aussprache ist ai) bzw. -is im Singular, -rum bzw. -um im Plural (z. B.: ).
Die ursprüngliche indogermanische Genitiv-Singular-Endung war -os, das Lateinische hat dagegen die ablautige Form -is (entwickelt aus -es); auch bei den a-Stämmen stand ursprünglich -as – diese Endung ist jedoch nur bei Wendungen wie erhalten geblieben. Im Plural hat das Lateinische die Endung -um (von -om). Die a/o-Stämme haben im Plural die Endungen der Pronomen übernommen (beispielsweise „von jenen“, „der Herren“, ).
Der Genitiv kann in folgenden Kasus-Funktionen auftreten:
Konstruktion Lateinisches Beispiel Übersetzung Genitivus subjectivus amor patris die Liebe des Vaters Genitivus objectivus amor patris die Liebe zum Vater Genitivus possessivus(Genitiv des Besitzes) domus patris das Haus des Vaters Domus patris est. Das Haus gehört dem Vater. (prädikative Verwendung) Genitivus qualitatis(Genitiv der Eigenschaft, der Beschaffenheit) puer novem annorum ein neunjähriger Junge Amicus erat corporis parvi. Der Freund war von kleinem Körperbau. (prädikative Verwendung) Genitivus pretii(Genitiv der Wert- oder Preisangabe) aestimare parvi für wenig wertvoll halten Genitivus partitivus (totius)(Genitiv des Teils bzw. des geteilten Ganzen) multum laboris viel Mühe Genitivus explicativus(Genitiv zur näheren Bestimmung eines allgemeinen Begriffs) verbum libertatis das Wort „Freiheit“ Genitivobjekt(bei Verben des Gedenkens und Vergessens, der gerichtlichen Handlung und bei unpersönlichen Verben der Gefühlsäußerung) noli oblivisci mei Vergiss mich nicht! (wörtl.: Wolle meiner nicht vergessen!) aliquem stultitiae arguere jemanden der Dummheit beschuldigen me taedet istius sermonis mich ekelt dieses Geschwätz an Genitiv in Abhängigkeit von einigen Adjektiven(„begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll“ und bei deren Gegenteilen) cupidus contionis streitsüchtig ignarus linguae Latinae ohne Lateinkenntnisse expers rationis ohne Vernunft
Dativ Der Dativ kommt als Richtung oder Empfänger im Dativobjekt (indirektes Objekt) vor. Er ist im Singular meist durch die Endung -i (z. B. ), bei den a/o-Stämmen durch -ae (z. B. dominae) bzw. -o (z. B. ) gekennzeichnet.
Im Plural steht bei den a/o-Stämmen -is, sonst -(i)bus (z. B. ). Da jedoch beispielsweise sowohl der Dativ von als auch der von sein kann, findet sich in diesen und ähnlichen Fällen gelegentlich die Endung -abus für die a-Stämme (beispielsweise „den Göttern und Göttinnen“). u-Stämme hatten ursprünglich die Endung -ubus, die unter anderem bei erhalten ist.Otto Schulz: Ausführliche lateinische Grammatik für die oberen Klassen gelehrter Schulen. Halle 1825, S. 108 ( bei Google Books).
Im Dativ Singular steht lateinisch -i, entstanden aus -*ei; bei den o-Stämmen wurde altlateinisch -oi zu -o. Im Plural steht lateinisch -bus, entstanden aus -*bhjos.
Akkusativ