mini|hochkant=1.5|Die Zucht von Nutz- und Haustieren mit bestimmten Eigenschaften ergibt unterschiedliche „Rassen“ (Gruppen unterhalb einer biologischen Tierart)

Rasse ist (außer im Zuchtwesen) eine umstrittene Bezeichnung für eine Gruppe von Individuen der gleichen (Tier-)Art, die anhand von Ähnlichkeiten des Phänotyps (Aussehen, physiologische Merkmale, Verhalten) klassifiziert werden. Mit der Abgrenzung zu einer bestimmten „Rasse“ wird oft eine direkte genetische Abstammungslinie aller Gruppenmitglieder unterstellt.

Seit jeher unscharf definiert, wurde der Ausdruck „Rasse“ früher auf alle möglichen Ebenen angewendet (etwa anstelle von „Art“ oder „Spezies“). Seit Beginn des 20. Jahrhunderts fand eine Festlegung auf subspezifische Gruppen statt (unterhalb der Ebene der Art). Damit wurde (geographische) „Rasse“ weitgehend synonym zur Bezeichnung „Unterart“.Stefan Richter, Torben Göpel (2021): Rasse ohne Realität. Warum das Konzept der Unterarten fragwürdig und das der Menschenrassen überholt ist. Biologie in unserer Zeit 51 (2): 179–188.

In der Biologie wird die Bezeichnung etwa seit Beginn der 1970er-Jahre vermieden. Von „Rassen“ wird nur noch in Zusammenhang mit der Tierzucht gesprochen, die absichtlich eigene Populationen mit bestimmten Merkmalen züchtet.

Die Einteilung auch der Spezies Mensch in Rassen oder Unterarten hingegen ist aus wissenschaftlicher Sicht überholt (vergleiche Rassentheorie). Die sichtbaren Unterschiede von Menschen aus verschiedenen geographisch getrennten Gebieten führen nicht zu objektiv abgrenzbaren Gruppen, weil sichtbare Unterschiede nicht notwendig auf das Vorhandensein genetischer Unterschiede jenseits des Phänotyps hindeuten – die genetische Variationsbreite innerhalb der sog. „Rassen“ ist zwar nicht immer, aber oft größer als zwischen ihnen:

„Beim Menschen besteht der mit Abstand größte Teil der genetischen Unterschiede nicht zwischen geographischen Populationen, sondern innerhalb solcher Gruppen. […] Äußere Merkmale wie die Hautfarbe, die für die typologische Klassifikation oder im alltäglichen Rassismus verwendet werden, sind eine höchst oberflächliche und leicht wandelbare biologische Anpassung an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten.“

Zur Beschreibung der individuellen Zugehörigkeit zu einer Völkergruppe ist allgemein die Bezeichnung Ethnie üblich. Wenn es um geographische Nähe mit Genaustausch geht, lässt sich der Begriff Population verwenden.

Begriffsverwendung, Definition mini|Die Zuchtziele auf bestimmte Rassemerkmale kann kranke, deformierte, „überzüchtete“ Individuen hervorbringen, siehe auch Qualzucht – Foto: Nacktkatze

Aktuell wird die Bezeichnung „Rasse“ taxonomisch nur noch für Haustiere verwendet (vergleiche Rasse (Züchtung) bzw. Sorte bei Pflanzen). In der übrigen Biologie wird die Bezeichnung seit den 1950er-Jahren immer seltener gebraucht. Obwohl manche Biologen der Ansicht sind, es sei möglich, menschliche Populationen mit genetischen Unterschieden zu finden, die in etwa verschiedenen Ökotypen bei anderen biologischen Arten entsprechen, haben diese Populationen nichts mit den traditionell definierten Menschenrassen gemein, und eine Verwendung des Begriffs Rasse im taxonomischen Sinn sei aufgrund des umfangreichen Genflusses zwischen ihnen nie gerechtfertigt.Massimo Pigliucci, Jonathan Kaplan: On the Concept of Biological Race and Its Applicability to Humans. In: Philosophy of Science. Band 70, 2003, S. 1161–1172.

Die natürlich entstandene Vielfalt innerhalb einer Art wird mittlerweile als „genetische Variation“ bezeichnet.

Eine Definition aus der Tierzucht wurde von Hans Hinrich Sambraus formuliert:

Eine mögliche allgemeinere Definition von Rasse ist (im Zusammenhang mit Genetik):

Diese Definition geht wesentlich auf den Genetiker Theodosius Dobzhansky (1900–1975) zurück.

Aktuell gilt unter Haustiergenetikern jedoch ebenso die Formel „Eine Rasse ist eine Rasse, wenn dies genügend Leute bezeugen“,Günter Jaritz, Elisabeth Wögerbauer, Florian Schipflinger (Hrsg.): Rote Listen gefährdeter Tiere Österreichs. Band 14/4: Alte Haustierrassen: Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde, Esel, Hunde, Geflügel, Fische, Bienen. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2009, ISBN 978-3-205-78280-3, S. 9, ursprünglich „a breed is a breed if enough people say it is“, Keith Hammond, Leiter der Farm Animal Genetic Diversity Unit der FAO die deutlich macht, dass es auch hier keine einheitliche und allgemein verwendbare Definition des Begriffs gibt.

Die zunehmende Meidung der Bezeichnung beruht vor allem auf der Verwendung für „Menschenrassen“. Dieses Konzept wurde und wird noch immer als Begründung für Rassismus herangezogen. Nach Forschungen zur Genetik menschlicher Populationen ist das Konzept der Menschenrasse wissenschaftlich überholt. Anthropologen und Humangenetiker vor allem in den USA verwenden den – nicht ganz deckungsgleichen – Begriff „race“ aber teilweise weiter. Auch die Verwendung im Rahmen der biomedizinischen Forschung ist in Nordamerika weiterhin gängig und hat im Rahmen der genomischen Forschung im Zusammenhang mit der personalisierten Medizin seit etwa 2000 eher wieder zugenommen, auch wenn dies fachlich tendenziell kritisch gesehen wird.

Die französische Nationalversammlung beschloss am 12. Juli 2018 auf Initiative Präsident Macrons und seiner Partei La République en Marche einstimmig, „Rasse“ aus Artikel 1 der französischen Verfassung zu streichen: Der nach dem Zweiten Weltkrieg seit 1946 darin ursprünglich als Gegensatz zu den deutschen nationalsozialistischen Rassentheorien aufgeführte Begriff sei veraltet. Im Diskriminierungsverbot des Artikel 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland wird „Rasse“ nach wie vor aufgeführt. Obwohl es Zweifel daran gab, ob der Begriff an der Stelle noch opportun sei und seine Streichung oder Ersetzung lange diskutiert wurde, entschied sich die Bundesregierung im Februar 2024 mangels eines passenderen Begriffs für dessen Beibehaltung. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich für den Erhalt ausgesprochen, weil man befürchtete, dass die Streichung des Begriffs „Rasse“ aus dem Grundgesetz die Erinnerung an die Shoah gefährden könnte. In den Landesverfassungen Brandenburgs und des Saarlands wurde der Begriff 2013 bzw. 2024 gestrichen; in der thüringischen Verfassung ist er nicht enthalten.

Begriffsgeschichte, Etymologie mini|Der Begriff Rasse enthielt seit jeher eine wertende Komponente, die bei der Anwendung auf den Menschen in der eurozentrischen Idee einer angeblich höherwertigen „weißen Rasse“ gipfelte.

Die genaue Herkunft des Wortes „Rasse“ ist unklar; es werden unterschiedliche, stark voneinander abweichende Erklärungen vertreten. In der Literatur werden häufig Ableitungen vom lateinischen „radix“ (Wurzel im genealogischen Sinne), von „generatio“ (Geschlecht im genealogischen Sinne, aber auch „Art“, im Sinne von „Wesen eines Dings“), sowie „ratio“ (ebenfalls in der Bedeutung „Wesen eines Dings“ oder „Art und Weise“) beschrieben.Werner Conze, Antje Sommer: Rasse. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 5, Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-91500-1, S. 135–178, hier S. 137 (erstveröffentlicht 1984).

Eine alternative Herleitung des Wortes führt nach Spanien; es wird als Hispanisierung des arabischen zu raza gedeutet.Nabil Osman: Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft. 6. Auflage. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47584-1, S. ??. Belegt sind einzelne Verwendungen in den romanischen Sprachen seit dem frühen 13. Jahrhundert. In Frankreich ist das Wort seit dem 15./16. Jahrhundert bezeugt; es ist entlehnt aus ital. razza, 14. Jahrhundert.Kluge-Seebold, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25. Auflage, De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 746f. Eine weitere Herleitung aus einem langobardischen Rechtsausdruck *raisa (zu reißen als „Abstammungslinie“) erscheint allerdings weitgehend spekulativ.

Die früheste bislang bekannte Verwendung in der spanischen Literatur erfolgte 1438 durch den Priester Alfonso Martínez de Toledo:

Dieser frühe Text beinhaltet bereits die Vorstellung unveränderlicher, durch Natur und Abstammung festgelegter Wesenszüge im Kontext der weltlichen und kirchlichen Feudalherrschaft. Abweichend von der späteren naturwissenschaftlichen Bedeutung einer durch gemeinsame somatische Merkmale gekennzeichneten Gruppe lag hier die Vorstellung einer langen Ahnenreihe zugrunde, innerhalb derer sich hervorragende Qualität nicht notwendigerweise gebunden an erkennbare physische Charakteristika vererbt. In entsprechender Weise wurde die Bezeichnung parallel auch in der Pferdezucht gebräuchlich.Christian Geulen: Geschichte des Rassismus. Beck, München 2007, S. 13/14.

Eingang in das Recht erfuhr die Bezeichnung in den „Estatutos de limpieza de sangre“ (Statuten von der «Reinheit des Blutes»), die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden und als früher Vorläufer der Nürnberger Rassegesetze gelten. Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. Jahrhundert.Georg Bossong: Die Sepharden: Geschichte und Kultur der spanischen Juden. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56238-9, S. 66.

In Frankreich trug im 16. Jahrhundert der Streit zwischen dem Geburts- (französisch noblesse de race) und dem Amtsadel (noblesse de robe) dazu bei, dass die Bezeichnung race gebräuchlich wurde. In der Folgezeit breitete sie sich auch in anderen Ländern aus.Christian Geulen: Geschichte des Rassismus. Beck, München 2007, S. 36/37.

Im 17. Jahrhundert benutzte der französische Forscher François Bernier die Bezeichnung noch synonym zu „espèce“ (Art). Er gilt als der erste Forscher, der die Bezeichnung im Rahmen einer anthropologischen Taxonomie zum Zwecke der Klassifikation von Menschen verwendete.Imanuel Geiss: Geschichte des Rassismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11530-8, S. 16/17. Obwohl die Unterscheidung der Menschheit in die konventionellen, unter anderem durch die Hautfarbe definierten „Menschenrassen“ im 18. und 19. Jahrhundert üblich war, war die Bezeichnung „Rasse“ dafür zunächst keineswegs unumstritten. So teilte der Begründer der modernen Taxonomie, Carl von Linné, in Systema Naturæ die Art Mensch (Homo sapiens) in vier (zuletzt in fünf) Varietäten einMats E Svensson (2015): How Linnaeus classified humans: why red, white, yellow and black people were assigned particular temperaments. Annals of the History and Philosophy of Biology 17: 303–315.; Johann Friedrich Blumenbach, einer der Begründer der Anthropologie, unterschied fünf Varietäten.Johann Friedrich Blumenbach: De generis humani varietate nativa. Medizinische Doktorarbeit Universität Göttingen. Rosenbusch, Göttingen 1775; Derselbe: Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlecht. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1798, S. 204 (). (Zur weiteren Verwendung für Menschenrassen vergleiche Geschichte der Rassentheorien.)

Seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Rasse als „ein naturgeschichtlicher Ordnungsbegriff zur Bezeichnung einer Tier- beziehungsweise Pflanzengruppe mit übereinstimmenden typischen, vererbbaren Merkmalen des äußeren Erscheinungsbildes“ verwendet, oft im eingeschränkten Sinne eines durch Züchtung gewonnenen „edlen Geschlechts mit ausgeprägten, hervorragenden Eigenschaften“.Wolfgang Pfeifer (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1995, ISBN 3-423-03358-4, S. 1084–1085.

Im Deutschen war seit dem 18. Jahrhundert bis zur Rechtschreibreform von 1901 die am Französischen orientierte Schreibweise Race üblich. Die Bedeutung war relativ weit und unbestimmt im Sinne von „Geschlecht, Stamm, Abstammung, Nachkommenschaft, Gattung, Sorte, Art (von Menschen und Tieren), also für eine Gruppe von Individuen mit bestimmten gemeinsamen Eigenschaften“ gefasst.