Jenseits des Lustprinzips ist eine Abhandlung von Sigmund Freud, die in den Jahren 1919 und 1920 entstand und 1920 veröffentlicht wurde. Ausgehend von einer Analyse des Wiederholungszwangs entwirft Freud eine Konzeption der Verdrängung und des Triebes. Die Abhandlung gilt als Wende in Freuds theoretischer Entwicklung. mini|Jenseits des Lustprinzips. Ausgabe 1921 Die Arbeit enthält drei theoretische Neuerungen: Die Beziehung zwischen dem psychischen System, das die Verdrängung ausübt, und dem Verdrängten wird neu gefasst. Als verdrängende Instanz gilt Freud jetzt nicht mehr, wie in seinen früheren Arbeiten, das Bewusstsein, sondern ein Ich, das in seinem Kern unbewusst ist. Die Triebe werden keineswegs nur vom Lustprinzip beherrscht, also dem Streben, Lust zu gewinnen und Unlust zu vermeiden, wie er früher annahm. Primär ist vielmehr für einen Trieb der Drang, einen früheren Zustand wiederherzustellen. Dieser Drang ist unabhängig vom Lustprinzip wirksam, nimmt also Unlust in Kauf, etwa in Form von Angst, und kann das Lustprinzip außer Kraft setzen. Es gibt zwei Triebgruppen, die Lebenstriebe und die Todestriebe. Die Lebenstriebe erschienen, unter anderem Namen, bereits in früheren Schriften Freuds; ihre Energie ist die Libido, die in zwei Formen auftritt, als Narzissmus und als objektbezogene Liebe. Das Konzept der Todestriebe wird in dieser Schrift eingeführt; Freud bezeichnet damit die Tendenz zur Selbstzerstörung, und die davon abgeleitete Neigung zur Aggression und zur Destruktion. Die Lebenstriebe zielen auf die Herstellung immer größerer Einheiten, die Todestriebe auf Rückführung des Organismus in einen anorganischen Zustand.
Inhalt Übersicht In früheren Schriften hatte Freud die Ansicht vertreten, die seelischen Vorgänge würden durch das Lustprinzip und das Realitätsprinzip reguliert. Das Lustprinzip besteht im Streben nach Lust und im Vermeiden von Unlust, wobei die Lustempfindung, Freud zufolge, in einer Verringerung der Spannung besteht, beruhend auf der Abfuhr von Energie. Die Unlust hat ihren Grund in einer Steigerung der Spannung, in der Zunahme von Energie. Unter dem Einfluss der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird das Lustprinzip durch das Realitätsprinzip abgelöst. Dieses zielt, wie das Lustprinzip, auf Lustbefriedigung, sorgt jedoch dafür, dass hierbei unlustvolle Umwege in Kauf genommen werden – das Realitätsprinzip ist eine Modifikation des Lustprinzips. (Teil I)
Nun gibt es aber den Wiederholungszwang: bestimmte Unlusterfahrungen werden hartnäckig wiederholt. Dazu gehören die Unfallträume von Menschen, die an traumatischer Neurose erkrankt sind, sowie Kinderspiele, in denen Trennungserfahrungen re-inszeniert werden. Widersprechen sie dem Lustprinzip? Zumindest die Wiederholungsspiele der Kinder lassen sich durchaus im Rahmen des Lustprinzips deuten: als Befriedigung des Bemächtigungstriebs durch nachträgliche aktive Bewältigung eines passiv erfahrenen Erlebnisses oder als Befriedigung eines Racheimpulses. Das meiste, was der Wiederholungszwang in diesem Fall wiederbelebt, bringt zwar dem Ich Unlust, aber eine Unlust, die dem Lustprinzip nicht widerspricht: Unlust für das Ich und Lust für das Unbewusste. (Teil II)
In der psychoanalytischen Therapie jedoch kommt es zu Formen des Wiederholungszwangs, die keineswegs dem Lustprinzip unterstehen. Wesentliche schmerzhafte Kindheitserinnerungen, etwa die Erfahrung des Zurückgewiesenwerdens durch die Eltern, werden nicht erinnert, sondern wiederholt, und zwar in der Beziehung zum Arzt, in der Übertragung. Ein ähnliches Phänomen findet man bei nicht-neurotischen Personen, die unter einem „Schicksalszwang“ stehen, d. h. die gezwungen sind, immer wieder Beziehungen herzustellen, die auf gleiche Weise schmerzlich enden, etwa im Verratenwerden durch einen Freund. In der Therapie zielt die Wiederholung des Patienten darauf ab, die Behandlung abzubrechen. Damit steht sie im Dienste des Widerstands des Ichs gegen die Aufdeckung des Verdrängten. Die Motive dieses Widerstands sind unbewusst. Also ist das Ich in seinem Kern unbewusst. (Teil III)
Der Wiederholungszwang, der nicht dem Lustprinzip untersteht, hat zwei Quellen. Er beruht auf Erregungen, die von außen kommen, und auf solchen, die von innen stammen, vor allem von den Trieben. Um den Wiederholungszwang, der durch Einwirkung äußerer Reize entsteht, aufzuklären, bedient sich Freud eines Modells des „psychischen Apparats“, dessen Arbeitsweise er zunächst darlegt. Die im Apparat vorhandenen Erregungen entstehen durch Energien, die in zwei Formen existieren, als „freie“ und als „gebundene“ Energien: Im Unbewussten herrscht der „Primärvorgang“, das heißt, die hier vorhandenen Erregungen resultieren aus freier Energie, aus einer Energieform, die nach sofortiger Abfuhr drängt, was als Streben nach Spannungsverminderung empfunden wird. Im Vorbewussten (denjenigen Vorstellungen, die zwar aktuell nicht bewusst sind, die aber jederzeit bewusst gemacht werden können) und im Bewusstsein herrscht der „Sekundärvorgang“; die Erregungsabläufe beruhen hier auf einem anderen Typ von Energie, nämlich auf gebundener (oder ruhender) Energie. Diese drängt nicht danach, sofort abzufließen, sie kann vielmehr gespeichert werden und ihre Abfuhr – die vor allem durch die Motorik erfolgt – kann auf kontrollierte Weise stattfinden. Zum Schutz gegen allzu große von außen kommende Erregungsmengen dient dem Apparat der Reizschutz, vor allem in Form der Angstbereitschaft. Eine traumatische Überflutung des Apparats durch eine übergroße Reizmenge kommt dann zustande, wenn das Individuum unvorbereitet ist und einen Schreck erleidet, d. h. wenn der Reizschutz ausfällt und keine Angstbereitschaft entwickelt wird. Der psychische Apparat steht dann vor der Aufgabe, die eingedrungene Erregungsmenge zu bewältigen: sie zu binden, in gebundene Energie zu überführen. Zu diesem Zweck wird das Lustprinzip vorübergehend außer Kraft gesetzt; Unlust, etwa in Form von Angst, wird akzeptiert. Damit lässt sich die Wiederholung von Unfallträumen erklären. In diesen Träumen wird versucht, die durch den Unfall eingedrungene Reizmenge zu bewältigen, und zwar dadurch, dass die Wiederholung nachträglich mit der damals fehlenden Angstbereitschaft verbunden wird. (Teil IV)
Der Wiederholungszwang beruht aber auch auf solchen Erregungen, die aus dem Inneren des psychischen Apparats stammen, von den Trieben. Um den intern verursachten Wiederholungszwang zu erklären, entwirft Freud eine neue Version seiner Triebtheorie. Die beiden Hauptthesen lauten: Alle Triebe streben nach Wiederholung. Und: Es gibt genau zwei große Triebgruppen: Lebenstriebe und Todestriebe. Wiederholungscharakter der Triebe – Ein Trieb ist ein dem belebten Organismus innewohnender Drang, einen früheren Zustand wiederherzustellen, ein ursprüngliches Befriedigungserlebnis zu wiederholen. Dieses Ziel kann aufgrund der Verdrängung niemals erreicht werden, es kann aber auch nicht aufgegeben werden. Triebe sind also konservativ, regressiv. Es gibt keinen Trieb zur Höherentwicklung; alle Höherentwicklung beruht auf äußerer Einwirkung.
Zwei Triebgruppen – Freud unterscheidet zwei Arten von Trieben, Lebenstriebe (oder „Eros“, griechisch für: Liebe) und Todestriebe. Er nimmt an, dass diese beiden Triebarten in jedem lebendigen Organismus am Werk sind, beginnend beim Einzeller. Die Todestriebe streben danach, das Lebewesen in den anorganischen Zustand zurückzuführen. „Das Ziel alles Lebens ist der Tod.“ (S. 248) Zu dieser Triebgruppe gehören das Streben nach Selbstzerstörung und die daraus abgeleitete Neigung zur Aggression und zur Destruktion. Die Lebenstriebe zielen darauf ab, das Leben für längere Zeit zu erhalten und es zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen. Zu ihnen gehören der Narzissmus und die hieraus hervorgehenden objektbezogenen Sexualtriebe. Zwischen Lebenstrieben und Todestrieben gibt es einen Gegensatz, der, neben den von außen kommenden Störkräften, die Entwicklung der Lebewesen bestimmt. (Teil V)
Freud sieht keine Möglichkeit, seine Annahmen über die beiden Triebgruppen wissenschaftlich zu untermauern. Eine Bestätigung scheinen sie zu finden in August Weismanns Unterscheidung zwischen dem sterblichen Teil des Körpers, dem Soma, und den Keimzellen, die bei Verschmelzung unsterblich sind. Jedoch hält Weismann den Tod für eine späte Erfindung der Evolution, er sieht darin nicht, wie Freud, eine von Anfang an in allem Lebendigen wirksame Kraft. Kann Ewald Herings Theorie als Bestätigung dienen, wonach die Vorgänge in der lebendigen Substanz in zwei Richtungen gehen, eine aufbauende Richtung – assimilatorisch – und eine abbauende Richtung – dissimilatorisch? Freud lässt die Frage offen. Eine Stütze für seine Spekulation findet er allein bei den Philosophen: für die Todestriebe bei Schopenhauer und für die Lebenstriebe, den Eros, bei Platon. Die Behauptung vom regressiven Charakter der Triebe beruht allerdings, so erklärt er, auch auf beobachtbarem Material, nämlich auf den Tatsachen des Wiederholungszwangs. (Teil VI)
Freud schließt die Abhandlung mit Anmerkungen zur Beziehung zwischen den Trieben, dem Lustprinzip und dem Verhältnis von freier und gebundener Energie: Das Lustprinzip steht sowohl im Dienste der Todestriebe als auch der Lebenstriebe. Es zielt darauf ab, das Erregungsniveau konstant zu halten (Konstanzprinzip) oder vielleicht sogar auf Null zu bringen (Nirwanaprinzip); damit unterstützt es die Todestriebe, die Zurückführung zu einem anorganischen Zustand. Es wirkt jedoch zugleich in die entgegengesetzte Richtung: Es wacht über Triebreize, die die Lebensaufgabe erschweren, und damit dient es den Lebenstrieben. Die im Unbewussten ablaufenden Vorgänge – hervorgerufen durch die freien Erregungsvorgänge des Primärprozesses – rufen weit intensivere Lust-/Unlust-Empfindungen hervor als die im Ich ablaufenden Denk- und Wahrnehmungsprozesse, die auf den gebundenen Erregungsvorgängen des Sekundärprozesses basieren. Am Anfang des Seelenlebens des Individuums gab es einzig den Primärprozess. In ihm herrschte das Lustprinzip, dies jedoch keineswegs uneingeschränkt, „es muss sich häufige Durchbrüche gefallen lassen“ (S. 271), Unterbrechungen durch den Wiederholungscharakter der Triebe. In späteren Zeiten, mit der Entwicklung des Ichs, ist die Herrschaft des Lustprinzips sehr viel stärker gesichert.
Freud entlässt den Leser mit der Erklärung, man müsse bereit bleiben, einen Weg wieder zu verlassen, wenn man den Eindruck gewonnen hat, dass er zu nichts Gutem führe. (Teil VII)
Trieb-Terminologie Die in Jenseits des Lustprinzips vorgestellte dualistische Triebkonzeption wird von Freud bis ans Lebensende beibehalten. Die Terminologie jedoch ist schwankend:
In Jenseits des Lustprinzips von 1920 heißen die beiden Triebgruppen „Lebenstriebe“ (oder „Eros“) und „Todestriebe“. In Das Ich und das Es von 1923 spricht Freud von „Sexualtrieben“ (oder „Eros“) im Gegensatz zu den „Todestrieben“; der Ausdruck „Lebenstrieb“ wird in dieser Arbeit nicht verwandt. Der Terminus „Destruktionstrieb“ dient hier dazu, den unter dem Einfluss der Sexualtriebe gegen die Außenwelt gerichteten Todestrieb zu bezeichnen. In Das Unbehagen in der Kultur von 1930 werden die beiden Triebgruppen als „Eros“ (oder „Lebenstrieb“) und als „Todestrieb“ bezeichnet. „Destruktionstrieb“ wird hier als Synonym für den Todestrieb verwendet; „Aggressionstrieb“ ist hier die Bezeichnung für einen Abkömmling des Todestriebs, nämlich den nach außen gerichteten Todestrieb. In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 1933 stellt er die „Sexualtriebe“ (oder den „Eros“ oder die „erotischen Triebe“) den „Aggressionstrieben“ (oder dem „Todestrieb“) gegenüber; auch hier wird der Ausdruck „Lebenstrieb“ nicht verwendet. Im Abriss der Psychoanalyse von 1939/1940 spricht er vom „Eros“ (oder „Liebestrieb“) im Gegensatz zum „Destruktionstrieb“.