Unter Männergesundheit wird die körperliche, psychische und soziale Gesundheit von Jungen und Männern aller Lebensalter verstanden. Männergesundheit betrifft alle öffentlichen und privaten Bereiche wie Familie, Beziehungen, Sexualität, Erziehung, Alltag, Kindergarten und Schule, Jugendarbeit, Politik oder das Arbeitsleben.

Definition Der Begriff „Männergesundheit umfasst diejenigen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit, die insbesondere für Männer und Jungen relevant sind.“Bardehle u. a.: Was ist Männergesundheit? 2015. Gesundheit ist physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden, das aus einer Balance von Risiko- und Schutzfaktoren entsteht, die sowohl in individueller, partnerschaftlicher als auch kollektiver Verantwortung liegen. Als Schutzfaktoren wirken ein gesunder und achtsamer Lebensstil, Akzeptanz der eigenen Stärken, aber auch Schwächen als Mann, Sinnerfahrung und Lebensfreude, soziale Unterstützung und Anerkennung. Die Risiko- und Schutzfaktoren sind insbesondere bei Männern in Abhängigkeit von Bildung, Herkunft, Einkommen und beruflicher Stellung ungleich verteilt. Die gesundheitlichen Probleme der Männer bedürfen im gesamten Lebenslauf besonderer Präventions- und Versorgungsangebote, die größtenteils noch zu entwickeln sind.Bardehle u. a.: Was ist Männergesundheit - Eine Definition. 2015.

Männergesundheit kann auch folgendermaßen definiert werden: Männergesundheit definiert sich und grenzt sich ab über spezifische körperliche Organe (Penis, Hoden, Prostata usw. ),Weissenrieder Stier: Jugendmedizin. über spezifische soziale und kulturelle Bedingungen des Aufwachsens und Lebensvollzugs von Jungen und Männern (Jungesein, Mannsein)Altgeld: Männergesundheit. sowie (teilweise daraus resultierend) über den genderbezogen spezifischen Umgang mit Gesundheit (Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit).Klotz Stiehler: Männerleben und Gesundheit.Petra Kolip und Thomas Altgeld: Geschlechtergerechte Gesundheitsförderung und Prävention.

Themen Männergesundheit beschränkt sich im Gegensatz zu den medizinischen Teilgebieten Andrologie und Urologie nicht auf rein medizinische Fragen, sondern greift auch politische und soziale Fragen auf. Zudem befasst sie sich – etwa mit der Perspektive auf Themen der JungengesundheitStier, Winter: Jungen und Gesundheit – auch mit der Genese und mit Bedingungen von Gesundheit und Gesundheitsrisiken der Männer. Im Mittelpunkt stehen geschlechtsspezifische Risikobilder, Gesundheitsressourcen, Krankheiten und Zugänge der Gesundheitsförderung. Die Männergesundheitsforschung ist dabei einerseits an aktuellen Fragestellungen interessiert: z. B. die gegenüber Frauen fünf Jahre geringere Lebenserwartung von Männern, Chancen und Risiken von PSA-Tests oder Hormonsubstitutionstherapien.

Männergesundheitsforschung stellt andererseits aber auch historische Bezüge dazu her, wie Männer in der Geschichte mit Gesundheit und Krankheit umgegangen sind, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung gestellt oder auch verweigert wurden. Dabei kommt die historisch recht unterschiedliche Bedeutung von Verhältnissen, Verhalten und Versorgung für die Männergesundheit in den Blick.Dinges: Medizin- und gesundheitsgeschichtliche Paradigmen. 2011.Dinges: Männergesundheitsgeschichte. 2015. Ausgangspunkt der Forschung war der Gender-Gap in der Lebenserwartung.M. Dinges, A. Weigl: Gender-specific life expectancy. 2016. Außerdem wurden geschlechterspezifische Aspekte des Alltags untersucht,S. Hoffmann: Gesunder Alltag im 20. Jahrhundert? 2010. der geschlechtsspezifische Arzneimittelkonsum,A. Hoffmann: Arzneimittelkonsum und Geschlecht. 2014. jüngst die Prävention in beiden deutschen StaatenJ. Linek, P. Pfütsch: Geschlechterbilder und Gesundheitsaufklärung. 2016. und die psychische Gesundheit.Ch. Schwamm: Irre Typen? Männlichkeit und Krankheitserfahrung. 2018.

Spezifische Themen der Männergesundheit sind von Krankheitsbildern abgeleitet (insbesondere im Urogenitalbereich), oder aber durch männliche Lebens- und Verhaltensweisen begünstigt (v. a. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs- und Lebererkrankungen, Verkehrs- und Arbeitsunfälle, Suizid).

Entwicklung der Männergesundheit: Organisationen, Initiativen und Studien

Entwicklung der Männergesundheit in Deutschland 2005 wurde der Urologe Frank Sommer auf den ersten Lehrstuhl für Männergesundheit im deutschsprachigen Raum am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berufen. In: uke news. Hamburg Oktober 2005, S. 31. Sein Team ist spezialisiert auf die Behandlung erektiler Dysfunktion und die Rückoperation von Sterilisationen bei Männern (Refertilisierung des Mannes). Im selben Jahr entstand das „Netzwerk für Männergesundheit“.

2006 gründeten der Unternehmer Olaf Theuerkauf und der Urologe Lothar Weißbach die Stiftung Männergesundheit. Von 2006 bis 2012 führte die Stiftung die HAROW-Studie durch, eine der größten Versorgungsstudien in Deutschland, die die Behandlung von Patienten mit lokal begrenztem Prostatakrebs untersuchte. Seit 2008 diskutierten Organisationen der Männer-, Jugend- und Väterarbeit in Deutschland über eine Zusammenarbeit auf Bundesebene. Dies führte 2010 zur Gründung des Bundesforums Männer - Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V. 2024 zählte es 38 Mitgliedsorganisationen und mehrere Einzelmitglieder. Als bundesweiter Dachverband vernetzt das Forum seitdem Akteure in diesen Bereichen.

2010 veröffentlichte die Stiftung Männergesundheit zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit den ersten deutschen Männergesundheitsbericht.Stiehler Bardehle: Männergesundheitsbericht. Es folgten vier weitere Berichte: 2013 zur psychischen Gesundheit von Männern,Stiehler Weißbach: Männergesundheitbericht. 2013. 2017 zur Sexualität von Männern,Stiftung Männergesundheit (Hrsg.): 3. Männergesundheitsbericht. 2017. 2020 über den Übergang in die Rente und 2022 über junge Männer und ihre Gesundheit. Alle Berichte sind im Auftrag der Stiftung Männergesundheit erstellt und können dort bezogen werden.

2012 wurde in Stuttgart das „Kompetenzzentrum Jungen- und Männergesundheit Baden-Württemberg“Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg (2015): Jungen- und Männergesundheit in Baden-Württemberg gegründet, das seitdem durch vielfältige Veranstaltungsformate das Bewusstsein für das Thema im Land gestärkt hat. 2015 veröffentlichte das Zentrum den ersten Bericht zur Jungen- und Männergesundheit in Baden-Württemberg. Inzwischen ist das Thema Männergesundheit in verschiedenen Beratungen der Landesgremien verankert.

Ebenfalls 2012 startete das Bundesministerium für Gesundheit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) das Männergesundheitsportal maennergesundheitsportal.de, das geprüfte Informationen zu Themen wie Sport, Ernährung, Alkohol, Rauchen, psychische Gesundheit und Früherkennung bietet. Ergänzt wird es durch das Portal „Gesund & aktiv älter werden“.https://www.gesund-aktiv-aelter-werden.de/start/ Das Robert Koch Institut (RKI) hat 2014 in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt und Experten aus Wissenschaft und Praxis einen Bericht zur gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland veröffentlicht. Darin werden die gesundheitlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen beleuchtet. Der Bericht liefert detaillierte Analysen zu Themen wie Gesundheitsstatus, Gesundheitsverhalten, Arbeitswelt, Lebensformen und Familie sowie Prävention und verdeutlicht die spezifischen gesundheitlichen Herausforderungen, denen Männer gegenüberstehen. Die Ausgabe 08/2016 des Bundesgesundheitsblattes widmet sich vollständig dem Thema Jungen- und Männergesundheit.

2015 veröffentlichte die Stiftung Männergesundheit die erste Ausgabe der Wissensreihe „Männergesundheit“ – den ersten Gesundheitsratgeber, der sich gezielt an Männer richtet. Bis 2024 wurden insgesamt 34 Ausgaben publiziert, die kostenfrei zum Download bereitstehen.

Seit 2021 arbeiten das Netzwerk Jungen- und Männergesundheit, das Bundesforum Männer und die Stiftung Männergesundheit an der Entwicklung einer nationalen Männergesundheitsstrategie für Deutschland. Ziel ist es, bestehende Projekte besser zu koordinieren und eine ganzheitliche, langfristige Strategie zu etablieren, die sich an internationalen Modellen wie der WHO-Euro-Strategie orientiert. Die Strategie ist jedoch noch nicht verabschiedet und wird weiterhin diskutiert.

Entwicklung der Männergesundheit in Österreich Im Jahre 1999 wurde von der Gesundheitsplanung der Stadt Wien der „Wiener Männergesundheitsbericht“ vorgelegt.Anita Schmeiser-Rieder, Michael Kunze: Wiener Männergesundheitsbericht. 1999. Dieser differenzierte und vielschichtige Bericht umfasst umfangreiche gesundheitliche Dimensionen wie etwa Lebenserwartung, Epidemiologie, Arbeit und Gesundheit, Lifestyle, Sexuelle Gesundheit, Seelische Gesundheit, Gesundheitliche Versorgung, Gesundheitsförderung, Senioren in Wien. Auf Seite 229 des Berichtes heißt es: „Das Gesundheitspotential von Männergesundheit ist als besonders hoch einzuschätzen, besonders in Wien, da die Wiener Männer im Vergleich zu anderen Bundesländern bei vielen Erkrankungs- und Todesursachen die höchsten Morbiditäts- und Mortalitätsraten aufweisen. Die überdurchschnittlich vielen verlorenen Lebensjahre können gewonnen werden, insbesondere durch Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsförderung. Die Maßnahmen müssen sich vor allem konzentrieren auf:

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und dabei vor allem auf die Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit Krebserkrankungen, dabei vor allem auf die Risikofaktoren für Lungen-, Darm- und Blasenkrebs Unfallverhütung im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz Chronische Lungenerkrankungen

Die Zusammenhänge der Männergesundheit mit sozioökonomischen Faktoren sind besonders stark. Geringer Ausbildungsstatus, geringeres Einkommen und ein Arbeitsplatz mit niedrigem Qualifikationsprofil stellen für Männer ein enormes Risiko für einen schlechten Gesundheitszustand und eine erhöhte Mortalität dar“. Dieser Bericht war der Stadt Wien Anlass zur Finanzierung des Wiener Männergesundheitszentrums MEN,men-center.at welches 2002 gegründet wurde. Es wurde organisatorisch in das Institut für Frauen- und Männergesundheit eingebettet. Damit konnte einerseits eine umfassende gendersensible Gesundheitsförderung gewährleistet, andererseits den Schwerpunkt der Aktivitäten auf sozial benachteiligen Zielgruppen gelegt werden. Das Männergesundheitszentrum MEN bearbeitet eine breite Palette an Gesundheitsthemen, zu denen persönliche Beratungen, vielfältige Kursangebote, Angebote zur Aktivierung väterlicher Gesundheitsressourcen, Betriebliche Gesundheitsförderung, aufsuchende Angebote im Setting Wiener Wohnungslosenhilfe, Kinder und Jugendpräventionsangeboten sowohl aufsuchend als auch vor Ort, Unterstützung und Opferschutz für Männer als Betroffene von Menschenhandel, Netzwerkarbeit, psychologische und psychotherapeutische Versorgung, die im Bedarfsfall auch in verschiedenen Sprachen angeboten werden kann, gehören.

Im Jahr 2004 gab das Österreichische Sozialministerium beim Österreichischen Institut für Gesundheitswesen den 1. Österreichischen Gesundheitsbericht in Auftrag. Dieser stellt ebenfalls eine vielschichtige Untersuchung der gesundheitlichen Lage der männlichen Bevölkerung Österreichs dar, die sich in vielen Ergebnissen mit dem Wiener Vorgängerbericht deckt.