mini|hochkant=1.4| Die Nickelhütte Aue (NHA), beheimatet im Auer Ortsteil Niederpfannenstiel, kann auf eine fast 400-jährige Geschichte zurückblicken und zählt damit zu den ältesten deutschen Hüttenwerken. Das Werk ging aus dem historischen Blaufarbenwerk Niederpfannenstiel hervor, das 1635 von Veit Hans Schnorr dem Älteren am Pfannenstiel bei Aue in der Herrschaft Schönburg gegründet wurde.

Das mittelständische Unternehmen beschäftigte (per Stand 2024) 485 Mitarbeiter und gehört der Siegfried-Jacob-Metallgruppe (SJM) an, die ihren Sitz in Ennepetal hat. Gegenwärtig umfasst die Produktionspalette des Traditionsbetriebes Nichteisenmetallkonzentrate, Nickel-, Kupfer- und Kobaltsalze, Blocklegierungen, Vanadiumverbindungen und Energie.

Als Rohstoffe kommen industrielle Rückstände, Schrotte und andere Nichteisenmetall haltige Abfälle zum Einsatz. Außerdem verwertet das Unternehmen Alttransformatoren, handelt mit Buntmetallen und ist führend beim Recycling von Lithium-Ionen-Batterien aus dem Bereich Elektromobilität.

Lage Der Kernbereich des Industriebetriebes befindet sich in Niederpfannenstiel, einem Ortsteil von Aue-Bad Schlema. Mit der Aufnahme neuer Geschäftsfelder in den frühen 1990er Jahren und dem damit verbundenen Ankauf von Liegenschaften und Gebäuden der SDAG Wismut und der Auerhammer Metallwerke weitete sich das Betriebsgelände beträchtlich aus und umfasst heute mit etwa 50 ha auch einen Großteil der Auer Neustadt. Neben den Produktionsbereichen befinden sich hier auch ein Kino, eine Eislauf- und Bowlinghalle sowie Sport- und Fitnesseinrichtungen. Das Gelände wird vom Schwarzwasser und dem Rumpelsbach (auch Kuttenbach genannt) durchflossen.

Vorgeschichte der Gründung mini|links|Kobaltglanz war ein typisches Erz des Schneeberger Bergbaus und diente als Rohstoff für die Herstellung von Kobaltgläsern und Pigmenten. Die färbende Wirkung des Übergangsmetalls Kobalt auf eine Glasschmelze wurde schon im Altertum empirisch genutzt. Unter anderem verwendeten es Ägypter und Babylonier zur Herstellung blauer Gläser und Glasuren. Das Wissen dazu scheint aber zwischenzeitlich verlorengegangen zu sein, jedenfalls beginnt die neuzeitliche Geschichte der Kobaltglaserzeugnisse in Mitteleuropa erst im Jahr 1520. In jenem Jahr soll einem Peter Weidenhammer in Schneeberg die Wiederentdeckung des Kobaltblaus gelungen sein.

In den folgenden Jahrzehnten setzte ein lebhafter Export von Kobalterzen und kobalthaltigen Halbzeugen aus dem Erzgebirge nach Holland ein, wo mehrere Farbmühlen entstanden. Ab 1610 basierte der Kobalthandel auf kurfürstlich kontrollierten Verträgen, den so genannten Kobaltkontrakten. Darin verkaufte der Kurfürst die gesamte Rohstoffförderung mehrerer Jahre zu festgelegten Preisen. Diese Praxis wurde nur dann unterbrochen wenn sich, z. B. in Kriegs- und Krisenzeiten, keine zahlungskräftigen Kontrahenten fanden. Zwar garantierten die Kontrakte den Kobaltzechen nun ein festes Einkommen, dennoch waren es nach wie vor holländische Kaufleute und Farbmühlen, die den größten Nutzen aus den Verträgen zogen. Holländische Kobaltglaserzeugnisse wurden vor allem als Delfter Kacheln in alle Welt exportiert.

Schon zum Ende des 16. Jahrhunderts überflügelte der Kobaltbergbau im Schneeberger Revier die Silbergewinnung hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Bedeutung bei weitem. Dass es besser wäre, die gesamte Wertschöpfung im Inland zu etablieren, war klar. Dennoch scheint es anfangs sowohl an den nötigen Technologien als auch an fachkundigem Personal gefehlt zu haben. Ab 1610 erschwerten die Kobaltkontrakte mit ihren meist ausländischen Kontrahenten solche Unternehmungen zusätzlich. So schlugen zunächst alle Versuche, in Kursachsen selbst Blaufarbenwerke in Betrieb zu nehmen, fehl. Das änderte sich erst 1635 mit der Gründung der Pfannenstieler Farbmühle, aus der die heutige Nickelhütte Aue in direkter Linie hervorging.

Gründung der Blaufarbenmühle mini|hochkant=1|links|Ansicht des Blaufarbenwerkes Niederpfannenstiel, aus dem die heutige Nickelhütte Aue hervorging. Die Lithografie aus dem Jahre 1858 ist die früheste bekannte Abbildung des Hüttenwerkes. Am 20. Februar 1635 erhielt Veit Hans Schnorr (1614–1664) von den Gebrüdern Otto Albrecht und Veit von Schönburg, Herren zu Glauchau und Waldenburg das Privileg zum Bau einer Farbmühle.Hauptstaatsarchiv Dresden, Finanzarchiv 10036, Rep.IX, Loc. 36155, Nr. 2592 Neben dem erforderlichen Brennholzdeputat enthielt das Schreiben auch die wichtige Zusicherung, dass innerhalb von fünf Jahren keine weiteren Farbmühlen in der Herrschaft Schönburg errichtet werden durften. Das erforderliche Grundstück hatte der Besitzer ergiebiger Kobaltgruben in Schneeberg und Neustädtel am 12. Februar 1635 von Gabriel Günther erworben.Staatsarchiv Chemnitz, 30584, Nr. 1903 Auf der Fläche, unweit von Aue und dem Dorf Zelle gelegen, befanden sich bereits ein Hammerwerk und eine Schneidmühle, die noch bis 1660 existierten und dann zugunsten der Erweiterung des Blaufarbenwerks aufgegeben wurden.Staatsarchiv Chemnitz, 30584, 1890 Auf jeden Fall erleichterte die bereits vorhandene Wehr- und Grabenanlage des derart erschlossenen Grundstückes den Aufbau der Farbmühle ganz erheblich.

Veit Hans Schnorr, den man später den Älteren nennen wird, wählte als Standort für sein Blaufarbenwerk die Herrschaft Schönburg, da diese nicht der kurfürstlich-sächsischen Gerichtsbarkeit unterworfen war. In Kursachsen wäre ihm das nötige Privileg aus dem Grund verweigert worden, da die Bergbehörden eine Benachteiligung anderer Grubenbesitzer oder gar des Staatsfiskus befürchteten. Jedenfalls waren schon einige vorangegangene Vorhaben aus dem nämlichen Grund gescheitert. Auf den ersten Blick verwundert auch der Zeitpunkt der Gründung, immerhin befinden wir uns mitten im Dreißigjährigen Krieg, noch 1633 waren Schneeberg und Aue von kaiserlichen Truppen geplündert worden. Der Bergbau lag darnieder, ausländische Kaufleute, die bisher die Kobaltförderung aufkauften, mieden die Gegend. Außerdem war der Luxusartikel Kobaltblau in jenen schweren Zeiten ohnehin kaum gefragt. Seit 1628 bestand kein Kobaltkontrakt mehr. Der freie Kobaltverkauf zog einen erheblichen Preisverfall des Rohstoffes nach sich und führte zu einem bisher beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang.

Bei näherer Betrachtung ergeben sich aus dieser Situation aber auch Vorteile. Der Kurfürst hatte nämlich, heute würden wir sagen, um die Wirtschaft anzukurbeln, auf einen großen Teil der Einnahmen aus dem Bergbau verzichtet. So wurde statt des üblichen Zehnten als Steuer nur der zwanzigste Teil des Kaufpreises erhoben. Tatsächlich setzte nach 1635 wieder eine Erholung ein, an der die neu errichtete Pfannenstieler Farbmühle voll partizipieren konnte. Abgesehen von dem Risiko, dass der Krieg ins Westerzgebirge zurückkehren konnte, waren die Voraussetzungen also gar nicht so schlecht, wie man zunächst glauben könnte. Offen bleibt dagegen die Frage, woher Schnorr das technologische Wissen hatte, dass zur Erzeugung von Smalte und den daraus abgeleiteten kobaltblauen Glaserzeugnissen unumgänglich erforderlich war. Immerhin handelte es sich bei dem Verfahren um Hochtechnologie der damaligen Zeit. Die Antwort auf die Technologiefrage enthält der „Ober-Ertz-Gebürgische Wismuth-Grauppen und Kobelt-Schatz“, eine zeitgenössische Geschichtsschreibung des sächsischen Blaufarbenwesens, dessen einziges Exemplar im Werksarchiv der Nickelhütte Aue verwahrt wird. Darin wird glaubhaft dargestellt, dass Schnorr sich niederländischer Farbmacher bediente, die er mit „ziemlichem Aufwand“ bei einer Reise nach Holland abgeworben hatte. Überdies ist anzunehmen, dass die Prozesse nach der Gründung der Pfannenstieler Farbmühle durch eigene Forschungen zügig verfeinert und verbessert wurden. mini|hochkant|Rosina Schnorr (1618–1679) übernahm, nachdem ihr Mann Veit Hans 1648 verschollen war, die Leitung des Pfannenstieler Blaufarbenwerks. Abbildung nach einem Gemälde im Besitz der Familie Schnorr von Carolsfeld. mini|hochkant|Veit Hans Schnorr d. J. (1644–1715) leitete ab 1677 das Pfannenstieler Blaufarbenwerk. Er war maßgeblich an der Gründung des Blaufarbenwerkskonsortiums 1694 beteiligt und gilt bis heute als einer der bedeutendsten Unternehmer des Westerzgebirges. Einen Rückschlag erlitt das junge Unternehmen im Jahre 1648, als der Werksgründer von einer Reise zur Leipziger Messe nicht mehr in seinen Heimatort Schneeberg zurückkehrte. Um das urplötzliche Verschwinden Veit Hans Schnorrs d. Ä. ranken sich einige Legenden. Eine zeitgenössische Schilderung der Ereignisse geht davon aus, dass er nach Russland entführt wurde, um als Fachmann dem dortigen, noch sehr rückständigem Berg- und Hüttenwesen, auf die Sprünge zu helfen. Nach vielen Jahren in unfreiwilligen russischen Diensten soll er dann auf der Rückkehr 1664 in Wien verstorben sein. Die Geschichte wurde vom Schneeberger Stadtchronisten Christian Melzer überliefert und sogar in jüngster Zeit als Teil einer Romanvorlage aufgegriffen. Auf jeden Fall übernahm nun seine Gattin, Rosina Schnorr (1618–1679), die Leitung des Blaufarbenwerks. Ihr gelang es, sowohl in den folgenden Kobaltkontrakten als Kontrahentin akzeptiert zu werden als auch den Betrieb der Farbmühle erfolgreich fortzuführen. Als sie sich 1677 aus der Leitung des Werkes zugunsten ihres zweiten Sohnes, Veit Hans Schnorr dem Jüngeren (1644–1715) zurückzog, konnte sie ihm ein florierendes Unternehmen überlassen. Veit Hans Schnorr d. J. (ab 1687 Veit Hans Schnorr von Carolsfeld) wiederum gilt bis heute als einer der erfolgreichsten Unternehmerpersönlichkeiten der Region. Neben dem Pfannenstieler Blaufarbenwerk besaß er eine Vielzahl von Berg- und Hammerwerken. Auch die berühmt gewordene Weißerdenzeche St. Andreas in Aue, die den Rohstoff für die Meißner Porzellanmanufaktur lieferte, gehörte ihm. Er war es übrigens auch, der 1694 unter Einbeziehung der weiteren, zwischenzeitlich in Kursachsen entstandenen Blaufarbenwerke das Blaufarbenwerkskonsortium schmiedete. Fortan beherrschte diese monopolartige Vereinigung den Weltmarkt der Kobaltglaserzeugnisse.

Gründung weiterer Blaufarbenwerke und Bildung des Blaufarbenwerkskonsortiums Die Impulse, die zur Wiederbelebung des Schneeberger Montanwesens nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges von der Schnorrschen Gründung ausgingen, können gar nicht überschätzt werden. So entstanden bis 1649 drei weitere Blaufarbenwerke im Erzgebirge, deren Gründer alle bedeutende Kobaltgewerke und Kobaltkontrahenten waren. Der als „Hauptkobaltkontrakt“ bezeichnete Vertrag vom 5. September 1641 umfasste alle Schneeberger und Neustädtler Kobaltgruben, denen ein Absatz von 2.400 Zentnern Erz zugesichert wurde. Als Käufer traten Veit Hans Schnorr d. Ä., der Hamburger Kaufmann Hans Friese und der Schneeberger Bergherr und spätere Stadtrichter Johannes Burckhardt auf. Letzterer machte seine Teilnahme am Kontrakt von der Bedingung abhängig, selbst ein Blaufarbenwerk errichten zu dürfen. Nach einigen Verzögerungen, so fand sich zunächst kein geeigneter Bauplatz, gründete er schließlich 1644 das Blaufarbenwerk Oberschlema. Als Burckhardt 1651 ohne leibliche Nachkommen verstarb, erbte der sächsische Kurprinz, der spätere Kurfürst Johann Georg II das Blaufarbenwerk.Bergarchiv Freiberg, 40136, 360 Unter landesherrlicher Regie wurde es 1677 mit der zwischenzeitlich entstandenen Farbmühle Jugel bei Johanngeorgenstadt vereinigt und bildete fortan das kurfürstliche Doppelblaufarbenwerk. Fortan erhielt das Werk Oberschlema zwei Fünftel und die anderen drei Werke je ein Fünftel des Kobalterzes vertraglich zugeteilt und erzeugte die doppelte Menge an Kobaltglasprodukten als die Privatwerke. Als staatliches Unternehmen existierte es noch bis 1964, musste dann aber aufgrund erheblicher Bergschäden durch den Uranbergbau der Wismut-AG. aufgegeben werden.