Früher als andernorts trat der Nationalsozialismus in Coburg in Erscheinung. Schon Ende der 1920er Jahre entwickelte sich die NSDAP zur bestimmenden Partei in der Stadt Coburg. Sie errang am 23. Juni 1929 bei 43,1 % Wählerstimmen mit 13 von 25 Stadtratssitzen eine absolute Mehrheit, am 18. Januar 1931 wehte erstmals in Deutschland an einem öffentlichen Gebäude, dem Coburger Rathaus, die Hakenkreuzfahne. Am 16. Oktober 1931 wählte der Stadtrat den Nationalsozialisten Franz Schwede zum Ersten Bürgermeister Coburgs und am 26. Februar 1932 verlieh Coburg als erste deutsche Stadt Adolf Hitler die Ehrenbürgerrechte. Coburg führte den Ehrentitel „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“.
Soziologische Struktur nach dem Ersten Weltkrieg Anfang der 1920er prägte kleinstädtisches Bürgertum mit Beamten, Angestellten sowie Pensionisten und Rentnern das wirtschaftliche und soziale Bild der ehemaligen Residenzstadt, die mit der Vereinigung des Freistaates Coburg mit dem Freistaat Bayern am 1. Juli 1920 bayerisch wurde. Politisch war traditionell eine bürgerlich-liberale bis nationalkonservative Einstellung vorhanden. Die Abdankung des Herzogs Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha hatte zu einem Identitätsverlust der Bevölkerung geführt. Nur ein Viertel der Bevölkerung gehörte zur Arbeiterschaft. Die Industrie und das Gewerbe siedelten an den Stadträndern, kleine Korbmacherbetriebe waren dominierend. Unter den größeren Betrieben gab es die Fleisch- und Wurstwarenfabrik C. Großmann mit 100 Mitarbeitern, die Karosseriefabrik N. Trutz mit 175 Mitarbeitern, zwanzig metallbearbeitende Betriebe mit insgesamt 600 Mitarbeitern und sechs Brauereien. Die dominierenden Korbflechter waren vor allem Wähler der Sozialdemokraten. Gemäß der Volkszählung von Juni 1925 hatte Coburg rund 24.300 Einwohner und war stark protestantisch geprägt. 90 % der Bevölkerung waren evangelisch, 7,3 % katholisch und 1,3 % mosaischen Glaubens.Rainer Hambrecht: Coburg-Ein Experimentierfeld und die nationalsozialistische Machtergreifung?. In: Voraus zur Unzeit. Coburg und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland. S. 9.
Parteipolitisch Rechte Anfang 1920er Anfang der 1920er Jahre war in Coburg die parteipolitische Rechte stark zersplittert. Es gab im Januar 1920 die Einwohnerwehr mit 250 Mann, unterstützt durch den vormaligen Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha; sie wurde im Juni 1921 aufgelöst. Die Nachfolgeorganisation Bund Bayern und Reich war ab Herbst 1923 beim Nordbayerischen Grenzschutz aktiv und hatte 1923 zwischen 200 und 1000 Mitglieder in der Stadt. Daneben existierte eine Coburger Stahlhelmgruppe, in der unter anderem der spätere Bürgermeister Wilhelm Rehlein aktiv war.
Eine gewisse Bedeutung hatte der Coburger Wikingbund und der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, dessen Ortsgruppe mit Hans Dietrich als Vorsitzendem im Dezember 1922 zirka 400 Mitglieder zählte. Außerdem war seit Sommer 1922 noch der Jungdeutsche Orden in der Stadt vertreten. Der Organisation gehörten im April 1923 1800 Personen unter der Führung der Pfarrer Johnsen aus Gauerstadt und Döbrich aus Neustadt an. Insgesamt 17 Vereine und Verbände waren in Coburg in der Vaterländischen Arbeitsgemeinschaft organisiert. Am Jungdeutschen Tag, am 8. Juli 1923, feierte Döbrich einen Gottesdienst auf dem Schlossplatz und Johnson weihte die Fahnen der Ballei Franken. Später zogen 6000 bis 7000 Teilnehmer durch Coburg, in der unter anderem Hakenkreuzfahnen und antijüdische Parolen aufgehängt waren.Liesa Weber: Handlungsspielräume und Handlungsoptionen von Pfarrern und Gemeindegliedern in der Zeit des Nationalsozialismus. Eine vergleichende Studie für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern anhand der oberfränkischen Dekanate Bayreuth und Coburg. (= Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte – Band 116). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-525-56466-0, S. 70.
Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung Anfang 1919 erhielten die bürgerlich-konservativen Parteien in der Stadt Coburg eine absolute Mehrheit der Wählerstimmen, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands rund 45 %.Initiative Stadtmuseum Coburg e. V.: Voraus zur Unzeit. Coburg und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, Coburg 2004, ISBN 3-9808006-3-6, S. 37. Bei der Reichstagswahl im Juni 1920 stimmten für die DDP 25 %, die Deutsche Volkspartei 23,6 % und die Linken, bestehend aus SPD und USPD, 40 % der Wähler. Ähnlich waren die Verhältnisse nach der Stadtratswahl im November 1921, als die Bürgerliche Parteienliste von 61 % der Abstimmenden und die beiden linken Parteien von 34 % gewählt wurden.
Deutscher Tag miniatur|Delegation der NSDAP am 15. Oktober 1922 vor dem Gästehaus der Veste, ganz links mit Pfeife und Hut Oskar Körner, 2. Vorsitzender der NSDAP, der beim Hitlerputsch starb Die Zeit des Nationalsozialismus begann in Coburg mit dem Deutschen Tag im Oktober 1922. Dem Coburger Lehrer Hans Dietrich, Gauleiter des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes (DVSTB) Nordbayern, gelang es, den Dritten Deutschen Tag, eine Tagung des DVSTB mit anderen völkischen Verbänden und Parteien für das Wochenende am 14. und 15. Oktober 1922 nach Coburg zu holen, unter anderem mit Hinweis auf Coburgs nationale Tradition und weil der DVSTB in Bayern nicht verboten war. Als Organisator lud er auch die Münchner Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit Adolf Hitler und „einigen Herren seiner Begleitung“ ein, in der Hoffnung, dass deren kompromisslose Radikalität die Bedeutung der Veranstaltung steigern würde.
Hitler nutzte die propagandistische Möglichkeit, seine Partei auch außerhalb von München bekannt zu machen, sagte die Teilnahme zu und fuhr am 14. Oktober mit einem Sonderzug und etwa 650 SA-Begleitern, mit Bergstöcken oder Gummiknüppeln ausgerüstet, unter Mitnahme einer Musikkapelle und von Fahnenschmuck nach Coburg. In Begleitung Hitlers befanden sich unter anderem Alfred Rosenberg, Julius Streicher, Max Amann, Fritz Sauckel, Martin Mutschmann und Otto Hellmuth. Außer der Münchner Abordnung kamen weitere 20 NSDAP-Abordnungen aus Deutschland in die Stadt. Am 14. Oktober kamen etwa 3000 und am 15. Oktober 4000 Besucher zum Deutschen Tag nach Coburg.
Obwohl von der Regierung von Oberfranken untersagt, marschierte die SA im geschlossenen Zug mit Musik und Fahnen durch Coburg zum Tagungsort, dem großen Saal der Hofbräugaststätten in der Mohrenstraße (1971 abgerissen), und später zur Unterkunft, dem alten Schützenhaus am Anger (1978 abgerissen). Dabei kam es mit 500 bis 600 Gegendemonstranten, Arbeitern aus Coburg und Südthüringen, zu Straßenschlachten. Es gab mehrere Verletzte auf beiden Seiten, auch unter den Polizisten der Coburger Stadtpolizei und Bayerischer Landespolizei. Hitler wird hier das erste und einzige Mal persönlich gewalttätig (soweit dokumentiert).Christian Boseckert: Vor 100 Jahren. Der Dritte Deutsche Tag in Coburg - Ein chronologischer Überblick. In: Coburger Geschichtsblätter Jahresband 2022, S. 6.
Am Abend fand in dem mit etwa 3000 Personen überfüllten großen Saal der Hofbräugaststätte die Hauptveranstaltung statt, bei der in Anwesenheit von Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha sowie seiner Gemahlin Viktoria Adelheid Hitler einer der Hauptredner war und die Zuhörer begeisterte. Nach ihm sprachen noch Dietrich Eckart, Anton Drexler und Hermann Esser. Seitdem wurde Carl Eduard zu den Anhängern und Förderern der NSDAP gezählt.
In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober kam es in der vor allem von Arbeitern bewohnten Gemeinde Ketschendorf, damals ein Vorort Coburgs, wieder zu schweren Zusammenstößen zwischen der SA und Arbeitern. Für den Sonntag, den 15. Oktober, war um 14 Uhr ein Zug des Deutschen Tages zur Veste oberhalb Coburgs vorgesehen. Diesem kam Hitler um 13 Uhr mit einem eigenen Zug zuvor, rund 2000 Anhänger begleiteten ihn. Auf der Veste fand eine Parade der SA-Hundertschaften statt und nach einer kurzen Ansprache Hitlers kehrten die Teilnehmer ins Tagungslokal in Coburg zurück. Nach der Schlussveranstaltung im Hofbräuhaus, auf der Hitler eine weitere Ansprache hielt, marschierten die Nationalsozialisten gegen 22 Uhr mit Fahnen und Musik zum Bahnhof Coburg. Dabei gab es aus der Bevölkerung teilweise Beifall.
Am Sonntag kam es außerdem zu verschiedenen antisemitischen Kundgebungen durch SA-Männer. Dabei wurde unter anderem dem Direktor der Fleischfabrik Großmann, Abraham Friedmann, mit Totschlag gedroht, da dieser angeblich 100.000 Reichsmark an Linksextreme gezahlt habe, damit die Veranstaltungen gestört würden. Hitler würdigte den „Zug nach Koburg“ in seinem Buch Mein Kampf als Markstein der Bewegung.
Gründung und Aufstieg der NSDAP mini|hochkant|Gründungslokal der Coburger NSDAP-Ortsgruppe in der Judengasse 36 Nach der Massenveranstaltung am Deutschen Tag mit Hitlers Auftritt trafen sich am 24. Oktober desselben Jahres 86 Coburger im Gasthaus Weißes Ross in der Judengasse 36 zur Bildung einer NSDAP-Ortsgruppe. Die eigentliche Gründung der NSDAP-Ortsgruppe-Coburg folgte am 14. Januar 1923 mit etwa 40 Mitgliedern. Erster Coburger Ortsgruppenleiter war der Elektrotechniker Riechers, der jedoch bald durch seinen Stellvertreter, den Oberinspektor Heinrich Bergmann, abgelöst wurde. Zeitgleich wurde die Coburger SA aufgestellt. Ortsgruppenleiter war ab dem 1. April 1923 Franz Schwede, die in den folgenden Jahren bestimmende Person der NSDAP in Coburg. Bis Juni 1923 hatte die NSDAP rund 200 Mitglieder, im September waren es mindestens 600.
Nach dem gescheiterten Hitlerputsch vom 9. November 1923 wurde die NSDAP verboten. Die Coburger Mitglieder kamen beim Wikingbund oder, wie Schwede, beim Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund unter. Am 29. Dezember 1923 wurde Schwede zum Vorsitzenden der Coburger Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Freiheitspartei gewählt.
Bei der Landtagswahl in Bayern 1924 kam es in Coburg zu einem Rechtsruck, als der Völkische Block, der rechts von der DNVP angesiedelt war, mit 53,1 % das höchste Stimmenergebnis in Bayern auf sich vereinigen konnte und der Pfarrer Helmuth Johnsen aus Gauerstadt als einziger Vertreter der Völkischen Blocks ein Direktmandat errang. Am 7. Dezember desselben Jahres erreichten bei den Stadtratswahlen die konservativen Gruppierungen Wirtschaftsblock sowie Bürger- und Wirtschaftsblock – ein Zusammenschluss von DNVP, BVP und des Nationalliberalen Verbandes – zusammen 42,3 % der Stimmen beziehungsweise 11 Stadtratsmandate, während die Völkischen mit mehreren ehemaligen NSDAP-Mitgliedern 14,8 % der Wählerstimmen erhielten. In den Coburger Stadtrat wurden der Bäckermeister Ernst Bernhardt, der Holzhändler Georg Linke, der Maschinenmeister Franz Schwede und der Fabrikant Gustav Neutsch gewählt. Mit der Neugründung der NSDAP am 27. Februar 1925 folgte noch im selben Monat die Reaktivierung der NSDAP-Ortsgruppe Coburg mit 100 bis 150 Mitgliedern. Bernhardt, Linke und Schwede wechselten in die neue nationalsozialistische Stadtratsfraktion, während Neutsch, Coburger Ortsvorsitzender des DVSTB, nicht folgte.
mini|hochkant 2.0|Ergebnisse der Coburger Stadtratswahlen von 1919 bis 1929