mini|Der unter dem Lapis Niger gefundene Inschriftenstein Der ( „Schwarzer Stein“) ist eine quadratische Fläche aus schwarzen Marmorplatten auf dem Forum Romanum in Rom, unter der eine beschriftete, oben abgebrochene Stele gefunden wurde. Diese wird als Forum-Cippus und teilweise auch fälschlich als Lapis Niger bezeichnet. Die in altertümlichem Latein verfasste Inschrift auf diesem Stein besteht aus Resten eines Kultgesetzes (lex sacra) und bezieht sich entweder auf einen König (rex) oder einen Opferkönig (rex sacrorum), einen in der frühen römischen Republik für religiöse Zeremonien zuständigen Beamten. Die Angaben zur zeitlichen Einordnung schwanken stark, allerdings legen neue Forschungen eine Datierung in das 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr., also wohl noch in die römische Königszeit, nahe.

Archäologischer Befund mini|Lageplan des Lapis Niger. A: U-förmiger Altar, B: kleiner Stein auf dem Altar, C: Rest einer runden Säule, D: Stein mit Inschrift, E: Fläche vor dem Altar Der Lapis Niger wurde im Mai 1899 durch den Archäologen Giacomo Boni bei Ausgrabungsarbeiten auf dem Forum Romanum entdeckt. Er befindet sich zwischen dem Septimius-Severus-Bogen und der Curia Iulia, nahe den republikanischen Rostra des Forums.Zum Fundort des Lapis Niger siehe Giuseppe Lugli: Roma Antica. Il centro monumentale. Bardi, Rom 1946, S. 115–131. Der heute noch sichtbare Teil der Anlage ist eine 3,5 × 4 m große Fläche aus schwarzen, 25 bis 30 cm dicken Marmorplatten, von der sich der Name Lapis Niger herleitet. Ihre Datierung wird sehr unterschiedlich angegeben; die Vorschläge reichen vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis in das 4. Jahrhundert n. Chr.Christian Hülsen: Jahresbericht über neue Funde und Forschungen zur Topographie der Stadt Rom. Neue Folge. I: Die Ausgrabungen auf dem Forum Romanum 1898–1902. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 17, 1902, S. 1–97, hier S. 30 f.

mini|links|Unter dem Lapis Niger gefundene Statuetten Etwa 1,4 m unter diesen Steinplatten fand man einen frührömischen Baukomplex: Dieser bestand aus Resten eines Altars,Eine knappe Beschreibung der Befunde bietet die ursprünglich anscheinend zu dem Volcanal, einem Heiligtum des Feuergottes Vulcanus, gehörten,Filippo Coarelli: Il Foro Romano. Band 1: Periodo arcaico. Ed. Quasar, Rom 1983, ISBN 88-85020-44-5, S. 161–178. und aus einem viereckigen Inschriftenstein (Cippus). An archäologischen Funden kamen verschiedene Votivgaben, Kleinplastiken, Keramikstücke sowie zahlreiche Knochen von Rindern, Schafen und Schweinen zutage.Theodor Kissel: Das Forum Romanum. Leben im Herzen der Stadt. Artemis & Winkler, Düsseldorf u. a. 2004, S. 36–38.

Der Vulcanus-Altar und der Cippus sind vermutlich die einzigen Überreste des alten Comitiums der Stadt Rom, einer frühen Versammlungsstätte, die ein Vorgänger des Forums war und ihrerseits aus einer archaischen Kultstätte des 8. oder 7. Jahrhunderts v. Chr. hervorgegangen war. Diese kultische Stätte befand sich bereits im frühesten Rom im Zentrum des öffentlichen Lebens.Johannes Stroux: Die Foruminschrift beim Lapis niger. In: Philologus. Band 86, Nummer 4, 1931, S. 460–491, hier S. 461. Dass man sie viele Jahrhunderte später beim Ausbau des Forums nicht zerstörte, sondern sorgfältig mit auffälligen Steinplatten abdeckte, zeigt, dass man ihr auch zu diesem Zeitpunkt noch eine besondere Bedeutung beimaß. Vermutlich wusste man noch um das besondere Alter der darunter liegenden Kultstätte und verstand sie daher als Relikt der eigenen Frühzeit. Gleichzeitig war aber wohl schon damals nicht klar, welche Funktion die Befunde beim Lapis Niger ursprünglich gehabt hatten, da man sie mit unterschiedlichen mythologischen Persönlichkeiten in Verbindung zu bringen versuchte (siehe das Kapitel Erwähnung in antiken Schriftquellen).

mini|zentriert|600px|Zeichnung der Befunde unter dem Lapis Niger auf dem Forum; der Inschriftenstein befindet sich hinter dem runden Säulenrest im rechten Teil der Zeichnung

Erwähnung in antiken Schriftquellen Mehrere antike Schriftquellen erwähnen ein Monument am Comitium beziehungsweise dem Forum Romanum und verknüpfen es mit verschiedenen Persönlichkeiten der mythischen römischen Frühgeschichte. Einige der Texte nennen dabei einen Lapis Niger, andere geben lediglich die ungefähre Position an. So soll sich dem Dichter Horaz zufolge das Grab des mythischen Stadtgründers und ersten römischen Königs Romulus am Forum befunden haben.Horaz, Epoden 16,13 f. Zwei antike Kommentare (Scholien) zum Werk des Schriftstellers geben präzisere Angaben dazu: Das Horaz-Scholion des Pomponius Porphyrio verortet das Romulus-Grab hinter den Rostra („post rostra“),Pomponius Porphyrio, Scholion zu Horaz, Epoden 16,13 (online). das entsprechende Werk des „Pseudo-Acron“ nahe den Rostra („in Rostris“).Pseudo-Acron, Scholion zu Horaz, Epoden 16,13. Beide berufen sich auf das Werk des Gelehrten Marcus Terentius Varro als Quelle, die entsprechende Stelle daraus ist aber nicht direkt erhalten. Pseudo-Acron erwähnt darüber hinaus zwei Löwen, die die Grabstätte flankiert haben sollen, und erklärt, durch die in der Nähe liegende Grabstätte des Stadtgründers sei der Brauch entstanden, vor den Rostra die öffentlichen Leichenreden auf verstorbene Römer zu halten.

Der Lexikograph Sextus Pompeius Festus gibt in seiner Abhandlung De verborum significatu („Zur Bedeutung der Wörter“) genauere Erläuterungen zu dem „Niger lapis“:

Festus zitiert also die beiden zu seiner Zeit kursierenden Vermutungen, dass unter dem Lapis Niger entweder Faustulus, der Ziehvater des Romulus und seines Bruders Remus, oder aber Hostus Hostilius, der Großvater des dritten mythischen römischen Königs Tullus Hostilius, bestattet sei. Auch der antike Geschichtsschreiber Dionysios von Halikarnassos verortete an zwei unterschiedlichen Stellen seines Werkes sowohl eine als Bestattung des Faustulus angesehene Löwenstatue als auch das mit einer Inschrift versehene Grab des Hostus Hostilius auf dem Forum Romanum, ersteres „nahe der Rostra“,Dionysios von Halikarnassos, Römische Altertümer 1,87,2 (englische Übersetzung der Stelle). zweiteres an einer nicht weiter präzisierten Stelle im Hauptteil des Forums.Dionysios von Halikarnassos, Römische Altertümer 3,1,2 (englische Übersetzung der Stelle). In einer dritten Passage nennt Dionysios einen inschriftlichen Tatenbericht des Romulus, der sich nahe einem Opferplatz für Vulcanus befinde und in griechischen Buchstaben abgefasst sei.Dionysios von Halikarnassos, Römische Altertümer 2,54,2 (englische Übersetzung der Stelle). Es wurde vermutet, dass es sich dabei um den Cippus beim Lapis Niger handele und der Geschichtsschreiber das darauf verwendete archaische Alphabet als griechische Buchstaben gedeutet habe.Carmine Ampolo: La Storiografia su Roma Arcaica e i Documenti. In: Emilio Gabba (Hrsg.): Tria Corda. Scritti in onore di Arnaldo Momigliano (= Bibliotheca di Athenaeum. Band 1). Edizioni New Press, Como 1983, S. 9–26, hier S. 19–26.

Die archäologischen Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass die Baureste beim Lapis Niger nicht zu einem Grabmal oder einem politischen Monument (wie man es sich etwa als Aufstellungsort für einen Tatenbericht vorstellen würde), sondern zu einem Altar gehörten.Markus Hartmann: Die frühlateinischen Inschriften und ihre Datierung. Eine linguistisch-archäologisch-paläographische Untersuchung. Hempen Verlag, Bremen 2005, ISBN 3-934106-47-1, S. 212. Vermutlich handelt es sich daher bei den Angaben in den antiken Schriftquellen um Ätiologien, also um mythische Erzählungen, die die Römer der späteren Zeit entwickelten, um ein altehrwürdiges Bauwerk im Stadtzentrum und eine ihnen unverständliche Inschrift darauf irgendwie erklären zu können. Gleichzeitig scheinen dies alles jedoch verschiedene uneinheitliche Spekulationen eher diffusen Charakters gewesen zu sein, da man eine traditionell und allgemein als Romulus-Grab gedeutete Anlage wohl kaum einfach zugepflastert hätte.Andreas Hartmann: Zwischen Relikt und Reliquie. Objektbezogene Erinnerungspraktiken in antiken Gesellschaften (= Studien zur Alten Geschichte. Band 11). Verlag Antike, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-938032-35-0, S. 302 f. Eine deutlich größere Bedeutung für das Selbst- und Geschichtsbewusstsein der Römer wird dem Lapis Niger von Hans Beck zugeschrieben: Hans Beck: The Discovery of Numa’s Writings: Roman Sacral Law and the Early Historians. In: Kaj Sandberg, Christopher Smith (Hrsg.): Omnium annalium monumenta. Historical writing and historical evidence in Republican Rome (= Historiography of Rome and its Empire. Band 2). Brill, Leiden/Boston 2018, ISBN 978-90-04-35544-6, S. 90–114, hier S. 91.

Eine andere potenzielle Verbindung zur mythischen Frühgeschichte Roms wird durch den Bericht in der Romulus-Biographie des Plutarch hergestellt, der behauptet, Romulus sei im Heiligtum des Vulcanus („ἐν τῷ ἱερῷ τοῦ Ἡφαίστου“) ermordet worden. Dabei muss es sich jedoch nicht um das Volcanal auf dem Forum Romanum handeln, vielmehr deutet einiges darauf hin, dass dort ein von Romulus gegründetes Vulcanus-Heiligtum außerhalb der Stadt gemeint ist.Rene Pfeilschifter: Die Römer auf der Flucht. Republikanische Feste und Sinnstiftung durch aitiologischen Mythos. In: Hans Beck, Hans-Ulrich Wiemer (Hrsg.): Feiern und Erinnern. Geschichtsbilder im Spiegel antiker Feste (= Studien zur Alten Geschichte. Band 12). Verlag Antike, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-938032-34-3, S. 109–139, hier S. 121 f. mit Anm. 45 (Pfeilschifter lehnt jedoch auch die von Coarelli vorgeschlagene Gleichsetzung von Volcanal und Lapis Niger ab).

Der „Forum-Cippus“ mini|Lapis Niger: Abzeichnung der vier Seiten des Cippus Beschreibung des Steins Die Stele besteht aus dunklem Tuffstein aus der Gegend von Veji; sie hat eine Grundfläche von 47 cm × 52 cm und eine Höhe von zwischen 45 cm und 61 cm. Es dürfte sich ursprünglich um eine rechteckige Säule gehandelt haben, deren oberer Teil abgeschlagen wurde – vermutlich als die darüber aufgefundenen Steinplatten verlegt wurden. Die Schrift verläuft „bustrophedon“ (wörtlich: „wie der Ochse beim Pflügen geht“), das heißt, dass die Schreibrichtung zwischen den Zeilen jeweils abwechselt. Der Cippus unter dem Lapis Niger weist die Besonderheit auf, dass die Schreibrichtung hier nicht zwischen linksläufig und rechtsläufig wechselt, sondern der Text senkrecht von unten nach oben bzw. von oben nach unten geschrieben ist. Eine Ausnahme sind die elfte und zwölfte Zeile der Inschrift, die beide in dieselbe Richtung verlaufen.Robert E. A. Palmer: The king and the comitium. A study of Rome’s oldest public document. Franz Steiner, Wiesbaden 1969, S. XI. Diese für das Lesen des Textes eher unpraktische Gestaltung könnte religiös-kultische Gründe gehabt haben.

Beschrieben sind alle vier Seiten des Steines, sie werden als Seiten A bis D bezeichnet. Als der Schreiber – wohl erst im Zuge der Einmeißelung – feststellte, dass der Platz für den unterzubringenden Text nicht ausreichen würde, schrägte er die Ecke zwischen der Seite D und der Seite A ab und brachte die letzte Zeile in kleinerer Schrift auf dieser Kante an. Die Buchstabenhöhe schwankt daher stark und beträgt zwischen 12,4 und 3,5 cm.Markus Hartmann: Die frühlateinischen Inschriften und ihre Datierung. Eine linguistisch-archäologisch-paläographische Untersuchung. Hempen Verlag, Bremen 2005, ISBN 3-934106-47-1, S. 129. Wie viel von der Inschrift durch das Abschlagen des oberen Teils verloren gegangen ist, lässt sich nicht erschließen.

mini|Der Lapis Niger auf dem Forum Romanum.

Datierung