Ein fliehendes Pferd ist ein deutscher Kinofilm aus dem Jahr 2007. Er basiert auf Martin Walsers 1978 veröffentlichter gleichnamiger Novelle über ein Paar mittleren Alters, dessen in Routine erstarrte Lebensweise durch die Urlaubsbegegnung mit einem aufdringlichen alten Bekannten und dessen junger Partnerin in Frage gestellt wird. Das Drehbuch entstand unter Walsers Aufsicht und Mitarbeit, orientiert sich frei an den Motiven der literarischen Vorlage und betont sowohl ihre komödiantischen als auch ihre erotischen Elemente. Der unter der Regie von Rainer Kaufmann hauptsächlich am Bodensee gedrehte Film kam im September 2007 mit moderatem Erfolg in die Kinos.
Die Kritik lobte mehrheitlich die große Spielfreude der vier Hauptdarsteller Ulrich Noethen, Katja Riemann, Ulrich Tukur und Petra Schmidt-Schaller, war ansonsten jedoch gespalten. Während viele Rezensenten eine gelungene Sommerkomödie mit Tiefgang und sehr hohem Unterhaltungswert sahen, erkannten andere ein gehobenes Fernsehspiel mit Hang zum platten Klamauk, in dem wichtige Aspekte der Novelle zu kurz kommen. Martin Walser zeigte sich glücklich über das filmische Ergebnis.
Handlung mini|links|Strandbad Überlingen-Nußdorf, Drehort der Anfangsszene Lehrer Helmut Halm, Mitte vierzig, verbringt mit seiner Ehefrau Sabine seit vielen Jahren die Ferien am Bodensee und wohnt dort in einem vergitterten Bungalow am Ufer. Er ist ein zurückgezogener Melancholiker, der im Urlaub Schopenhauer liest und frühmorgens das Ehebett verlässt, um seltene Vögel zu beobachten. Im Strandbad wird er unverhofft von einem alten Schulkameraden angesprochen. Der penetrant gut gelaunte Klaus Buch ist in Begleitung seiner weit jüngeren, attraktiven Freundin Helene, genannt Hel. Er fängt sogleich an, für Helmut mehr oder weniger peinliche Jugenderinnerungen auszubreiten und ihn mit seiner heutigen Leblosigkeit zu konfrontieren.
Helmut möchte sich bald klammheimlich aus dem Staub machen, doch Sabine, die unter Helmuts geschwundenem Interesse an ihr und unter dem allzu ruhigen Eheleben leidet, ist der Abwechslung und dem Kontakt zum prahlerischen und lebenslustigen Klaus nicht abgeneigt. So kommt es auf dessen Einladung zu einem gemeinsamen Segeltörn beider Paare. Helmut, der es auf dem Wasser kaum aushält und weitere Demütigungen durch Klaus ertragen muss, kann sich damit trösten, dass Hel Interesse an seiner ruhigen Intellektualität zeigt und ihn mit zweideutigen Anspielungen und der Präsentation ihrer körperlichen Reize herausfordert.
mini|Sonnenuntergang bei Unteruhldingen – in dieser Atmosphäre singt Hel während der Einladung bei den Halms ein schwedisches Volkslied und rührt Helmut zu Tränen Eine von Sabine ausgesprochene abendliche Einladung bei den Halms beginnt mit Flirts zwischen Sabine und Klaus sowie Helmut und Hel, endet jedoch mit dem Rauswurf der Besucher durch Helmut, nachdem Klaus ihm zum wiederholten Male vorwirft, dass sein Leben eigentlich schon vorbei sei. Die aufgeladene Atmosphäre bei den Halms entlädt sich zu Sabines Freude in Sex. Für seine mangelnde Ausdauer dabei macht Helmut den Alkohol verantwortlich, hat doch aber eher Hel vor Augen als seine eigene Frau.
Schon am nächsten Morgen tauchen Klaus und Hel wieder auf – als neue Mieter des Nachbarhauses. Helmut führt die Paare auf Anregung der Gäste zur Vogelbeobachtung ins Ried, wo ihn Klaus lächerlich macht, als er nach langer vergeblicher Suche nach der seltenen Rohrdommel den Vogel simuliert und Helmut darauf hereinfällt. Sabine ist von Klaus beeindruckt, als der ein entlaufenes Pferd einfängt und mit einem rasanten Ritt zurückbringt. Die Flirts mit den Partnern der anderen gehen weiter und eskalieren. Klaus und Sabine kommen sich beim Joggen näher und baden anschließend nackt, Hel massiert währenddessen, knapp bekleidet, nicht nur Helmuts Verspannungen, sondern auch seine Erektion. Sabine warnt Helmut daraufhin, dass sie von den Besuchern verführt würden und aufpassen sollten.
Nachdem Hel in einer Schiffs-Disco seinen Annäherungsversuch abweist, beschafft Helmut sich in seiner Verzweiflung „was zu rauchen“. Im beginnenden Drogenrausch gesteht er Klaus die Unzufriedenheit mit seinem Leben. Am nächsten Tag holt der ihn zu einem Segeltörn zu zweit in einer kleinen Jolle ab. Klaus schlägt vor, einen gemeinsamen Neuanfang im Ausland zu versuchen. Das aufziehende Gewitter nutzt er, um das Boot mutig gegen die Wellen zu lenken, während der ängstliche Helmut umkehren möchte. Nachdem er triumphierend gesteht, dass Sabine darum gebettelt habe, mit ihm zu schlafen, wird Klaus durch eine falsche Lenkbewegung Helmuts ins tosende Wasser geworfen. Helmut verweigert ihm die rettende Hand und Klaus verschwindet in den Fluten.
Die Suche der Wasserschutzpolizei nach Klaus bleibt vergeblich. Helmut macht sich verzweifelte Vorwürfe, Sabine glaubt nicht an deren Aufrichtigkeit. Hel lässt sich von Sabine und Helmut trösten und möchte Klaus, den sie erst seit einem halben Jahr kannte, am nächsten Morgen symbolisch im See bestatten. Da steht Klaus auf einmal unerwartet lebendig hinter ihnen. Nach einer kurzen Aussprache sind Klaus und Helene plötzlich wortlos verschwunden und lassen Helmut und Sabine allein zurück.
Sabine wirft Helmut vor, sich nicht aus seiner Verbitterung holen lassen zu wollen, Helmut antwortet, Sabine traue sich aus Angst vor sich selbst nicht, ihren eigenen Weg zu gehen. Dadurch provoziert, wendet sich Sabine von ihm ab, steckt ihre Kreditkarte in den Badeanzug und schwimmt auf den See hinaus in Richtung Schweiz. Nach kurzem Zögern legt Helmut seine Kleidung ab und folgt ihr. Schließlich lassen sich beide, gemeinsam an einen schwimmenden Baumstamm geklammert, weiter ins Ungewisse treiben.
Entstehung Ein fliehendes Pferd wurde von Rikolt von Gagerns Münchener Firma Gate Film in Koproduktion mit Clasart und dem ZDF sowie in Zusammenarbeit mit der Tele München Gruppe hergestellt. Es stand ein Budget von 3,6 Millionen Euro zur Verfügung.Presseheft, S. 20. Der FilmFernsehFonds Bayern, die MFG Filmförderung Baden-Württemberg sowie die Filmförderungsanstalt unterstützten Herstellung und Vertrieb mit insgesamt 1,15 Millionen Euro. Kostensparend war die Konzentration der Handlung auf vier Hauptpersonen; nur wenige Komparsen wurden benötigt, aufwändige Kulissen oder Nachbauten entfielen. Die eigentlichen Dreharbeiten dauerten sieben Wochen, von August bis Oktober 2006.
Idee und Drehbuch Die Idee zur Verfilmung stammte von Produzent Rikolt von Gagern, der Martin Walser ein von Producer Paul Günczler erarbeitetes Konzept vorschlug. Er stand damit in Konkurrenz zum ähnlichen Projekt eines anderen Produzenten. Walser entschied sich für von Gagerns Konzept, da es bereits das Humorvolle der Story hervorhob.Presseheft, S. 10. Die Entwicklung des Drehbuchs dauerte fast zwei JahreRainer Kaufmann: Presseheft, S. 12. und geschah in Zusammenarbeit mit Martin Walser. Der ließ den Drehbuchautoren Ralf Hertwig und Kathrin Richter großen Spielraum für eine Modernisierung und Anpassung des Ausgangsstoffes an die Erfordernisse eines Kinofilms. Walser „dressierte“ und „disziplinierte“ nach eigenen Worten acht Drehbuch-Versionen. Er achtete darauf, dass die Film-Dialoge nicht zu nah am Buch sind, denn „Werktreue heißt Motivtreue“, und es „war klar, dass Buch-Dialoge niemals Film-Dialoge sein dürfen, wenn es gute Dialoge sein sollen“. Eine bereits 1986 gezeigte Fernsehverfilmung der gleichen Novelle unter der Regie von Peter Beauvais war Walser zufolge eine „Katastrophe“ und daran gescheitert, dass Ulrich Plenzdorfs Drehbuch „einfach nur die Novelle geplündert“ habe.
Während die 1978 entstandene Buchvorlage als Hintergrund die widerstreitenden gesellschaftlichen Konzepte zu Zeiten der sich etablierenden sexuellen Revolution hatte – Aufgeschlossenheit gegen Spießigkeit –, liegt laut Rainer Kaufmann in seiner Filmadaption der Schwerpunkt auf der Tragfähigkeit der langjährigen Beziehung des Ehepaars Helmut und Sabine und der Frage, wie „man eine solche Beziehung in der Mitte seines Lebens noch mal aufbrechen oder renovieren oder verändern“ kann. Im Film seien Klaus und Helene eigentlich aus dem Unterbewusstsein der Halms entstandene Figuren, die einerseits für die Hoffnung stünden – in Form der Erotik – und andererseits für die Furcht – in Form der Bedrängnis und der Zerstörung des Alten.
Das Drehbuch überträgt die Geschichte in die Gegenwart. So lässt sich Helmut vom Handy wecken, die Vogelbeobachter sprechen über den Preis eines Spektivs bei einem Internet-Auktionshaus, die Miete des Segelboots wird in Euro bezahlt und Hel ist Pilates-Trainerin. Als Jahr einer lange zurückliegenden Abiturfeier gibt Klaus Buch 1979 an, später spricht er von Helmuts Teilnahme am Literaturwettbewerb für Schüler 1980. Auch sehr deutliche Änderungen gegenüber der Novelle akzeptierte Walser: Helmuts Leidenschaft für Ornithologie und sein Drogenabsturz kamen hinzu, die Autoren schrieben ein völlig neues Filmende. Das Geständnis Hels über die Unzufriedenheit mit ihrem Zusammenleben mit Klaus, durch das dieser in der Buchvorlage entzaubert wird, entfällt. Klaus’ Schwächen kommen nur am Rand vor, etwa wenn er sich vor einem Hund ekelt oder wenn sich auf dem Polizeiboot herausstellt, dass er die Segeljolle gestohlen hat. Während in der Novelle die Buchs Gesundheitsfanatiker und die Halms eher übergewichtige, lethargische Rotweintrinker sind, verteilt das Drehbuch Laster und Liebenswürdigkeiten gleichmäßiger auf die Paare. Da Walser das Drehbuch schließlich redigierte und einzelne Passagen von ihm stammen, konnten die Schauspieler die Texte nur begrenzt abwandeln.Petra Schmidt-Schaller: Presseheft, S. 18.
Regie und Besetzung mini|hochkant|Ulrich Noethen (2010) mini|hochkant|Katja Riemann Als Regisseur wählten von Gagern und Günczler frühzeitig Rainer Kaufmann aus, denn sie wollten sich „im Ton etwas an französischen Beziehungskomödien orientieren“ und eine „trockene, verstaubte, schwere Literaturverfilmung“ vermeiden. Kaufmann bekennt sich zum Einfluss durch das französische Kino und Regisseure wie Claude Chabrol und François Truffaut, und er nennt sich selbst einen Unterhaltungsregisseur, was er nicht negativ besetzt sehen will. Martin Walser befürwortete im Vorfeld, nach Ansicht von vier DVDs mit älteren Werken des Regisseurs, die Wahl Kaufmanns. Insbesondere Stadtgespräch und Einer meiner ältesten Freunde, die Verfilmung einer Erzählung von F. Scott Fitzgerald, sagten Walser zu. Da Kaufmann es problemlos geschafft habe, Fitzgeralds literarischen Stoff aus den 1920er Jahren in die 1990er zu übertragen, habe er sich bezüglich der Adaption seiner eigenen Novelle aus den 1970er Jahren keine Sorgen mehr gemacht.
Für die Rollen der drei älteren Hauptfiguren dieses „sehr intimen Ensemblestückes“ wurden etablierte Stars des deutschen Films engagiert. Ulrich Noethen spielt Helmut Halm. Regisseur Kaufmann schätzt an ihm das Verhältnis zwischen Ernsthaftigkeit und Komik und die Tragik, die er mit einer gewissen Leichtigkeit einer Figur gebe. Noethen war zuvor bereits in einigen Filmen als Lehrer aufgetreten und hatte in Bibi Blocksberg und Das wahre Leben Katja Riemanns Ehemann gespielt. Die Darstellerin der Sabine Halm arbeitete seit 1989 des Öfteren mit Rainer Kaufmann zusammen, so etwa in den erfolgreichen Produktionen Stadtgespräch und Die Apothekerin. Ulrich Tukur in der Rolle des Klaus Buch wird von Kaufmann als völlig angstfreier, unbekümmerter Schauspieler bezeichnet, der gerne und mit großer Leichtigkeit und Können gebe.Rainer Kaufmann, Presseheft, S. 13.