miniatur|Schafskopf an einem Fabrikgebäude in Verviers Die Wollroute ist eine länderübergreifende Initiative, die grenzüberschreitend Informationen zum kulturellen Erbe der Tuchindustrie in der heutigen Euregio Maas-Rhein vermittelt, insbesondere zu historischen Werkbauten, Kulturlandschaften und Museen.
Die Route führt in der Dreiländerregion um Aachen durch Belgien, die Niederlande und Deutschland und berücksichtigt die zentralen Produktionsorte Aachen, Eupen, Euskirchen, Monschau, Vaals und Verviers. Die Wollroute ist keine von Ort zu Ort ausgeschilderte Route, sondern steht für das Netzwerk, das heute wieder diese sechs Orte verbindet.
Internationale Wollroute Euregio Maas-Rhein Seit 2004 existiert die Arbeitsgruppe „Euregio-Wollroute“, die grenzüberschreitend die Erinnerung an die gemeinsame Wolltuch-Geschichte in der Dreiländerregion bewahrt und befördert. In dieser internationalen Initiative arbeiten Denkmalpfleger, Museumsfachleute, Historiker, Kulturpolitiker, Städtebauer und Touristikfachleute Hand in Hand, um die Erinnerung an das kulturelle Erbe der alten Wirtschaftslandschaft zu wach zu halten und den Wissensstand über die gemeinsame Geschichte und Zeugnisse der Wolltuchindustrie in der Region grenzübergreifend zu verbessern. Die Arbeitsgruppe besteht aus folgenden Institutionen: aachen tourist service e.v., Tuchwerk Aachen, Stadt Eupen, Tourist Info Eupen, Stadtmuseum Eupen im Haus Gospertstraße 52, GrenzGeschichteDG, Eupener Geschichts- und Museumsverein, LVR-Industriemuseum Euskirchen (Tuchfabrik Müller), Stadt Monschau, Monschau-Touristik GmbH, Webereimuseum Höfen, Gemeente Vaals, Centre Touristique de la Laine et de la Mode Verviers. Website der Wollroute
Sie stellt zahlreiche Informationsmaterialien zur Verfügungaz-web.de, 17. Mai 2011; Detlef Stender: Wolle in Videoclips, in: Industriekultur 2/2011, S. 34–35; die Video-Clips zur Wollroute sind abrufbar auf der Website oder über den YouTube-Kanal der Wollroute; 2019 erschien eine Broschüre mit einer aktuellen Übersicht zu den Sehenswürdigkeiten: Die Wollroute Euregio Maas-Rhein. Euskirchen 2019 .
Gemeinsame Tuchmacher-Geschichte Die vorindustrielle Blütezeit
Seit dem Mittelalter war in der Region die Herstellung von Textilien aus Wolle und Flachs für den Eigenbedarf selbstverständlicher Bestandteil des ländlichen Lebens.Vgl. Irmgard Timmermann: Handweberei in der Eifel. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 27/1987/88: 123 ff.; Die Darstellung der Geschichte folgt im Wesentlichen: Detlef Stender: Vom „Schandfleck“ zum „Charme der Vergangenheit“ – Der Umgang mit dem baulichen Erbe der Wolltuchindustrie im Raum Verviers-Aachen-Euskirchen, in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 37, 2007/2008, S. 197–226 sowie der [Darstellung der Textil-Industrie auf der Website des Vereins der Industriemuseen in der Euregio Maas-Rhein: http://www.industriemuseen-emr.de/industrialisierung/]. Die handwerklich-zünftige Tuchmacherei hatte zunächst ihren Schwerpunkt in Aachen, die vor- oder protoindustrielle Tuchherstellung im Verlagssystem mit Tausenden von Heimarbeitern war zu ihrem Höhepunkt im späten 18. Jahrhundert vor allem in Monschau, Eupen und Verviers aber auch in Vaals angesiedelt.
Viele ehrgeizige Tuchmacher siedelten ihre Betriebe außerhalb von Aachen an, um die strengen städtischen Zunftregeln zu entgehen, die die Anzahl der Arbeiter und den Umfang der Produktion stark einschränkten. Johann Arnold von Clermont steuerte zum Beispiel von Vaals (nahe bei Aachen) sein Verlagsunternehmen und beklagte sich in einer Streitschrift, dass die Aachener Zunftregelung „aller Industrie die Flügel“ lähme und „selbst dem besten Genie den Muth sich empor zu bringen“ nähme.Vgl. Dietrich Ebeling: Zunfthandwerk, Heimarbeit und Manufakturwesen in den Rheinlanden während des 18. Jahrhunderts, in: Dietrich Ebeling (Hg.): Aufbruch in eine neue Zeit. Gewerbe, Staat und Unternehmer in den Rheinlanden des 18. Jahrhunderts. Köln 2000, S. 11–32, hier S. 17 In den zunftfreien Orten wie Monschau, Vaals oder Eupen konnte man hingegen Tuchherstellung in unbegrenzten Umfang betreiben.
Die Tuchverleger beschafften hochwertige Wolle (meist aus Spanien), gaben aber die Arbeit des Spinnens und Webens an Heimarbeiter in ländlichen Gegenden ab. Die arme Landbevölkerung in der Eifel, im Limburger Land und rund um Verviers verdiente sich insbesondere im Winter mit der Tuchherstellung zusätzliches Geld. Statt Flachs oder grober Eifelwolle hatte man jetzt feine spanische Merinowolle nach genauen Angaben der Verleger zu verarbeiten.
Ende des 18. Jahrhunderts arbeiten in Heimarbeit im Limburger Land 30.000 und im Raum rund um Verviers 25.000 Menschen für die Tuchverleger der Region!Stender 2007/2008, S. 199, Schmidt, Martin: Tuchmanufakturen im Raum Aachen. Frühneuzeitliche Werkbauten als Spiegel einer Betriebsform zwischen Verlag und zentralisierter Produktion. In: Dietrich Ebeling (Hg.): Aufbruch in eine neue Zeit. Gewerbe, Staat und Unternehmer in den Rheinlanden des 18. Jahrhunderts. Köln 2000, S. 129–164 Aus dieser Zeit sind in Monschau, Eupen, Vaals und Verviers sehr repräsentative, fast schlossartige Werkbauten erhalten, die zugleich Wohn- und Geschäftshaus waren.Wichtige frühe Bestandsaufnahmen boten Gerhard Fehl/Dieter Kaspari-Küffen/Lutz-Hennig Meyer: Mit Wasser und Dampf... Zeitzeugen der frühen Industrialisierung im Belgisch-Deutschen Grenzraum. Aachen 1991 sowie Gerhard Fehl/Dieter Kaspari/Marlene Krapols: Umbau statt Abriss! Zur Erhaltung des industriellen Erbes in der Euregio Maas-Rhein. Aachen 1995. Viele der frühindustriellen Bauten der Wollroute werden in einer Veröffentlichung zur Couven-Route beschrieben: Bauer, Marcel et al.: Unterwegs auf Couvens Spuren. Eupen 2005
Die Hochindustrialisierung
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Mechanisierung, also die Ablösung der rein handwerklichen Tuchherstellung, und die Region war – nicht zuletzt unter dem Einfluss des aus England zugewanderten James Cockerill so etwas wie die Wiege der industriellen Textiltechnik auf dem Kontinent: Die Reihenfolge der mechanischen Premieren in der Region rund um Aachen: automatische Wollkratzmaschine 1802, hydraulische Presse 1810, Dampfmaschine 1816, halbautomatische Spinning Mule 1818, Schermaschine 1818, Raumaschine 1826, Zylinderwalke 1840. Zunächst wurden die Maschinen mit Wasserrädern, ab 1820 zunehmend auch mit Dampfmaschinen angetrieben.
Die industrielle Tuchherstellung mit Dampfmaschine und mechanisch angetriebenen Textilmaschinen war ab Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem dort erfolgreich, wo frühzeitig Eisenbahnanschlüsse existierten: also in Aachen, Verviers und Euskirchen. Der Eisenbahnanschluss erleichterte den Transport der Kohle für die Dampfmaschinen, aber auch der Wolle, die jetzt aus Übersee – Argentinien, Neuseeland oder Südamerika – importiert wurde und den Versand der fertigen Wolltuche.
Seit dem 18. Jahrhundert fand also ein reger Austausch von Technik, Wissen, Kapital und Arbeitern in der Region – über alle Grenzen hinweg – statt und beflügelte die industrielle Entwicklung der Tuchherstellung.Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Eine Gesellschaft von Migranten. Kleinräumige Wanderung und Integration von Textilarbeiten im belgisch-niederländischen Grenzraum zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bielefeld 2008 1854 arbeiteten in Verviers bereits 212 Dampfmaschinen, davon 143 für die Tuchindustrie. Dort entwickelte sich eine sehr bedeutende Wollwäscherei, die eng mit dem Wollhandel verbunden war. Die Mechanisierung des Webens geschah hingegen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich dann in der Wolltuchherstellung langsam der mechanische Webstuhl durch.Stender 2007/2008, S. 202f. Insgesamt zu der Hochindustrialisierung: Gilson, Norbert: Zu Fuß durch Aachens Industriegeschichte. Aachener Spaziergänge 5. Aachen 1998; Minke, Alfred: Die wirtschaftliche Entwicklung des Grenzlandes Eupen-Malmedy-St. Vith vom Ende des Ancien Régime bis 1940, online; Rouette, Hans-Karl: Aachener Textil-Geschichte(n). Entwicklungen in Tuchindustrie und Textilmaschinenbau der Aachener Region. Aachen 1992; Stender, Detlef: Wüllenweber in Heimarbeit und Industrie. Tuchherstellung, in: G. Harzheim/M. Krause/D. Stender: Gewerbe- und Industriekultur in der Eifel. Touren zu Denkmälern, Landschaften und Museen. Köln 2001, S. 78–119; Wilhelm, Monika: Mit einem Steinwurf acht Tuchfabriken getroffen. Zur Geschichte der Euskirchener Tuchindustrie. In: Tuchfabrik Müller, Arbeitsort – Denkmal – Museum (= Rheinisches Industriemuseum, Kleine Reihe, Heft 17), Rheinland-Verlag, Köln 1997, S. 14–23
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden durch Mechanisierung der Produktion Tausende von selbstständigen Heimarbeitern arbeitslos. In Eupen kam es bei der Anlieferung von neuen Schermaschinen sogar zu einem dramatischen Maschinensturm der Tuchscherer, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten. Die Maschinenteile wurden von den Scherern in den Gospertbach geworfen. Vgl. dazu Martin Henkel / Rolf Taubert: Maschinenstürmer. Ein Kapitel aus der Sozialgeschichte des technischen Fortschritts. Syndikat, Frankfurt am Main 1979 sowie Ruland, Herbert (Hrsg.): „Gott segne die christliche Arbeit“. Ein Lesebuch zur Geschichte der Eupener Arbeiterschaft in französischer und preußischer Zeit (1792–1910), Aachen 1988. Aber letztlich war der technische Fortschritt nicht aufzuhalten. Viele der ehemaligen Heimarbeiter und Handwerker wanderten in die Fabriken in den neuen Produktionszentren ab.
Ihre größte Blütezeit erlebte die industrielle Tuchindustrie in der Dreiländerregion von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In Verviers waren bereits 1843 in 768 Betrieben 18.153 Arbeiter beschäftigt. In Deutschland sind die höchsten Beschäftigtenzahlen erst nach der Gründerzeit zu verzeichnen: 1889 zählte Aachen 151 Betriebe mit 13.671 Beschäftigen. Und selbst im kleinen Euskirchen existierten vor 1914 insgesamt 21 Tuchfabriken mit insgesamt 1.187 Beschäftigten, die gut zwei Drittel aller Industriearbeiter der Stadt ausmachten. Viele Fabriken aus dieser Blütezeit des Industriezeitalters sind heute noch erhalten. Einen guten Eindruck von der Funktionsweise einer Tuchfabrik der Zeit um 1900 gibt die Tuchfabrik Müller in Euskirchen, die authentisch erhalten ist und die zentralen Maschinen der Tuchproduktion von der losen Wolle bis zum fertigen Tuch in Funktion zeigt.
Der Niedergang