mini|hochkant=1.8|Verbreitung der Stämme in Virginia um 1610.
Die Virginia-Algonkin sind eine Gruppe kulturell verwandter Indianerstämme, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts an den von den Gezeiten betroffenen Flüssen Virginias an der Ostküste Nordamerikas lebten. Sie gehören zu den südöstlichen Stämmen der Algonkin-Sprachgruppe, ihre Sprache ist jedoch heute ausgestorben.
Wohngebiet und Umwelt Im Westen wurde ihr traditionelles Wohngebiet durch das sogenannte Piedmont begrenzt, ein den Appalachen Mountains vorgelagertes maximal 300 Meter hohes Plateau. Hier lebten mit den Sioux verwandte Stämme, die den Küstenvölkern feindlich gegenüberstanden. Südlich lag der Great Dismal Swamp, der die Virginia-Algonkin von ihren sprachlich verwandten Gruppen in North Carolina trennte, während im Norden der Potomac River die Grenze ihres Wohngebiets bildete.
Die Küstenebene Virginias besteht aus Schwemmland, das sich bis zu 100 Meter über dem Meeresspiegel erhebt und teilweise von ausgedehnten Sümpfen und Marschland bedeckt wird. Vier Gezeiten-Flüsse ergießen sich in Chesapeake Bay, nämlich der Potomac, Rappahannock, York und James River, und teilen das Gebiet in vier große Halbinseln.
Das subtropische Klima der Region erstreckt sich bis über deren Nordgrenze hinaus und sorgt im Sommer für feuchtwarme Temperaturen mit ausreichendem Niederschlag. Nördlich des James River gedeihen ausgedehnte Eichen- und Kiefernwälder, im Süden dagegen überwiegend feuchte Kiefernwälder. Zahlreiche Fischarten leben in den Küsten- und Inland-Gewässern, essbare Muscheln gibt es in der unteren Chesapeake Bucht und Austernbänke werden in vielen der Flussmündungen gefunden. Neben den ortsansässigen Vogelarten gibt es verschiedene Wasservögel, die in Virginia überwintern. An Säugetieren sind hauptsächlich Rotwild, Bär, Fuchs, Waschbär, Opossum, Biber, Fischotter, Eichhörnchen und Puma zu nennen.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15. Northeast. Kapitel: Virginia Algonquians, Seite 253.
Sprache Die Wörterliste von John Smith, dem Gründer von Jamestown, und William Stracheys Vokabular bilden die Hauptquellen, die von der Sprache der Virginia-Algonkin existieren; bei diesen sind allerdings Orts- und Eigennamen unterrepräsentiert. Die vorhandenen Beweisstücke reichen jedoch aus, um die Virginia-Algonkin in die Untergruppe der östlichen Algonkin-Sprache einzuordnen. Mindestens zwei Dialekte sind eindeutig auf phonetischer Basis zu unterscheiden, sie können jedoch nicht mit besonderen Gebieten verbunden werden.
Stämme der Virginia-Algonkin Nach der Ankunft der Engländer im Jahr 1607 wurden alle Stämme an James River, York River und Payankatank River und deren Nebenflüssen, mit Ausnahme der Chickahominy, Teil eines zentral regierten Bündnisses unter Powhatan als höchstem Häuptling. Einige der zuletzt beigetretenen Stämme, wie die Chesapeake und andere Stämme aus dem Süden Virginias, wurden jedoch niemals voll in das Imperium integriert.
Der unabhängige Stamm der Chickahominy verbündete sich abwechselnd mit seinen Powhatan-Nachbarn oder den Engländern, um seine Unabhängigkeit zu bewahren. Die Powhatan Gruppe brach nach dem Zweiten Powhatan-Krieg von 1644 bis 1646 auseinander. Besonders die Stämme am James River konnten nicht länger von den bis jetzt dominierenden Pamunkey beherrscht werden. Die Weanock befanden sich im Krieg mit den Nansemond, Potchayick und Powhatan. Obwohl die Kolonialregierung ihre Angriffe reduzierte, waren die Pamunkey nicht mehr in der Lage, die Kontrolle über die Chickahominy zu erhalten. Die wachsende Isolation der Indianer in den von Weißen bewohnten Gebieten trug zum Zerfall der früheren Konföderation bei.
GruppeStammWohngebietPowhatan-KonföderationChesapeakeChesapeake BayMattaponiChickahominy RiverNansemondNansemond RiverPamunkeyPamunkey RiverPowhatanJames RiverWerowocomocoYork River und 25 weitere Stämmeweitere Virginia-AlgonkinChickahominyChickahominy RiverRappahannockRappahannock River
Demografie Nach der Ankunft der Engländer 1607 wurden alle Stämme an James, York und Payankatank River und deren Nebenflüssen, ausgenommen die Chickahominy, Teil einer zentral regierten Konföderation unter Powhatan als höchstem Häuptling.
Die Bevölkerungszahlen des siebzehnten Jahrhunderts werden durch zeitgenössische Quellen überliefert und zeigen den zahlenmäßigen Rückgang der Virginia-Algonkin, sind jedoch offensichtlich zu niedrig geschätzt, ausgenommen Stracheys Zahlen. Berechnungen bei nachgewiesenen Fällen ordnen die Bevölkerung der Virginia-Algonkin in die Größenordnung von 14.000 bis 21.000 Personen ein. Wenn man die frühen Bevölkerungsverluste durch importierte Infektionskrankheiten und kriegerische Auseinandersetzungen berücksichtigt, dann war die Gesamtzahl der Bevölkerung wahrscheinlich eher größer.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15. Northeast. Kapitel: Virginia Algonquians, Seite 257f.
StämmeSmith1608Strachey1611Hening1669Beverley1703Zensus2000Powhatan3.92510.3807802651.342Chickahominy8351.000200551.007Cuttatawomen100100---Matchotic335335---Moratico265265135--Nansatico500500165--Potomac665535---Potopaco--20017-Rappahannock335335100einige Familien269Secacawoni100100---Tauxenent135135---Wicocomoco43543523510-
Kultur im 17. Jahrhundert Lebensunterhalt Das Leben der Virginia-Algonkin wurde durch die Beschaffung von Nahrungsmitteln bestimmt, wobei mit Jagen, Fischen und Sammeln von Wildkräutern etwa drei Viertel des Bedarfs gedeckt wurde, während der Rest aus dem Gartenanbau stammte. Der Jahreszyklus begann im Winter, wenn die Stämme flussaufwärts in ihre Jagdgründe zogen. Es beteiligten sich häufig bis zu 300 Jäger an organisierten, gemeinsamen Jagden. Mit Feuer wurde das Wild in den Schussbereich der Jäger getrieben oder in einen Fluss gejagt und von Booten aus getötet.
Für den Gartenanbau wurde Land rund um das Dorf mittels Brandrodung vorbereitet. Von April bis Juni wurde Mais von Frauen und Kindern mit Pflanzstöcken gepflanzt und Unkraut gejätet. Die Männer waren zur Arbeit auf den Feldern des Häuptlings verpflichtet. Außer Mais wurden zwei Bohnensorten, Melonen, Kürbisse, Passionsblumen und Tabak angebaut. Bis zur Ernte im August bis Oktober teilten sich die Stämme in kleine Gruppen. Während das Sammeln von Wurzeln, Nüssen und Eicheln Frauenarbeit war, fischten die Männer mittels Flusswehren aus Rohr, Angelhaken, Netzen und Pfeilen, die mit dem Bogen durch Leinen verbunden waren. Versuche der Engländer etwa ab 1650, bei den Indianern Viehzucht einzuführen, hatten wenig Erfolg. Einige Ureinwohner züchteten um 1673 Schweine, aber die meisten Gruppen zogen es vor, die Tiere ihrer englischen Nachbarn zu erbeuten.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15. Northeast. Kapitel: Virginia Algonquians, Seite 258f.
Fleisch, Fisch und Schalentiere wurden zu einer Suppe gekocht. Teig aus Maismehl, gemahlen in hölzernen Mörsern, wurde in Form von Kugeln oder flachen Kuchen entweder gebacken oder gekocht. Wohlbekannt war ein dicker Maisbrei, der Hominy genannt wurde. Junger Mais fand bei mehreren Speisen Verwendung und sogar geröstete und pulverisierte Maiskolben wurden gegessen. Brot und Suppe stellte man außerdem aus Eicheln, Kastanien und Grassamen her. Die Asche von Hickorybäumen und anderen Pflanzen diente als Salzersatz. Wasser war das alleinige Getränk vor der Einführung des Alkohols. Im begrenzten Umfang wurden Nahrungsmittelvorräte auf Gestellen oder in Gruben gelagert. Nur die Häuptlinge allein waren in der Lage, größere Mengen an Mais, Bohnen, Trockenfleisch, Fisch und Austern in ihren Vorratslagern zu speichern.
Die englische Kolonie beeinflusste die einheimische Wirtschaft stark. In den frühen Tagen wurden von den Siedlern große Maismengen von den Indianern gekauft oder gestohlen. Nach dem Jamestown-Massaker im Jahr 1622 bestand die Taktik der Engländer darin, die Indianer durch Abbrennen ihrer Felder in jedem Sommer zu bestrafen. Später erwiesen sich die Reservate häufig als zu klein für den Lebensunterhalt, da sich der Boden durch den Maisanbau schnell erschöpfte, aber das Recht zum Jagen, Fischen und Sammeln von Wildpflanzen außerhalb des Reservats musste von der Kolonialregierung bewilligt werden.
Materialwirtschaft Werkzeuge bestanden aus Stein, Knochen, Muscheln, Holz oder Metall. Bäume wurden durch Feuer gerodet oder durch Schälen der Rinde zum Absterben gebracht. Die Holzbearbeitung erfolgte durch kantige Steine und Muschelschalen. Das Hirn von Tieren diente zum Gerben von Häuten und Fellen. Frauen waren geschickte Töpferinnen, die ihre mit zermahlenen Muscheln gehärteten Tonwaren mit erfundenen Motiven verzierten. Frauen stellten zudem Körbe und Matten aus Binsen und Indianer-Hanf her. Ein einfacher Drill diente als Feueranzünder und als Zunder wurden Moos, trockene Blätter und verrottetes Holz verwendet. Neben Töpfen dienten geflochtene Taschen und Körbe, Kürbisse, hölzerne und steinerne Schüsseln und Lederbeutel als Behälter. Ein sogenanntes Wiegenbrett diente als Babytrage. Einbaum-Kanus bis 17 Meter Länge wurden auf den Wasserwegen gepaddelt oder gestakt. Brücken aus hölzernen, gespalteten Pfosten und Laufbrettern überspannten Bäche und Sümpfe und gut erkennbare Pfade durchquerten die Wälder.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15. Northeast. Kapitel: Virginia Algonquians, Seite 259f.
Die Werkzeuge der Ureinwohner, wie Messer aus Ried-Splittern, Schaber aus Stein und Muscheln, Gravierwerkzeug aus Bärenzähnen, Ahlen und Nadeln aus Knochen, hölzerne Hacken und steinerne Äxte mit Holzgriffen, wurden frühzeitig von eisernen Werkzeugen europäischem Ursprungs verdrängt. Eiserne Tomahawks ersetzten die bisher üblichen hölzernen, säbelförmigen Keulen mit einem Kugelkopf, der mit Stein- oder Metallspitzen bewehrt war. Einfache Bögen aus Ahorn, Akazie oder Haselnusszweigen wurden mit gedrehten Lederstreifen oder Därmen bespannt. Die Pfeile hatten einen Schaft aus Holz oder Ried, hinten zwei Federn zur Stabilisierung und eine Spitze aus Stein, Knochen, Truthahnkrallen, Vogelschnäbeln und Muscheln. Trotz Verbots erlernten die Indianer bald den Gebrauch von Feuerwaffen. Pfeifen wurden aus Ton hergestellt und mit punktierten Mustern oder eingelegtem Kupfer geschmückt.
Die Dörfer bestanden zumeist aus mehreren benachbarten Weilern, die an den Flüssen entlang aufgereiht waren. Nur wenige Dörfer, besonders in Nord-Virginia, waren von Palisaden geschützt. Die Häuser von viereckigem Grundriss waren rund 9 Meter breit und 17 Meter lang, bestanden aus einem Gerüst gebogener Stangen und waren mit Matten aus Rinde oder Ried bedeckt. Sie hatten zwei Türen aus beweglichen Matten, ein Loch in der Decke als Rauchabzug und ein offenes Feuer in der Mitte. Mattenbedeckte erhöhte Plattformen entlang der Wände dienten als Nachtlager. Außerdem gab es Vorratslager, Schwitzhütten, Tempel und das Haus des Häuptlings und das Versammlungshaus. Während der Jagdzeit errichteten die Frauen kleine, mit Matten bedeckte Hütten, die nur vorübergehend bewohnt wurden.
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