mini|Luftbild des nördlichen Kastellbereichs mit der rekonstruierten Porta decumana. mini|Luftbild des Kastells Weißenburg aus nordöstlicher Richtung (2026) Das Kastell Weißenburg, in der Antike Biriciana genannt, war ein römisches Alen-Kastell, das nahe am Obergermanisch-Rätischen Limes, einem UNESCO-Weltkulturerbe, errichtet wurde und im Stadtgebiet von Weißenburg im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen liegt. Heute zählt das Kastell mit seinen teilweise unterirdisch konservierten Bauresten, dem rekonstruierten Nordtor, den großen Thermen sowie dem Römermuseum mit integriertem Limes-Informationszentrum zu den wichtigsten Adressen der Limesforschung in Deutschland.
Lage mini|links|Lage des Kastells(Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert) mini|links|Biriciana auf derTabula Peutingeriana (oben links) mini|300px|Rekonstruktionsversuch der Anlage. Etliche bauliche Details dieser Zeichnung sind wissenschaftlich für den Standort Weißenburg nicht zu belegen.
Das Kastell Weißenburg befindet sich in der Flur „Kesselfeld“ am westlichen Rande der Stadt auf einem freigehaltenen Areal, das als archäologische Schutzzone ausgewiesen ist. Der Garnisonsort wurde auf einer deutlichen Bodenwelle gegründet, die nach Nordwesten, zur Schwäbischen Rezat hin, flach abfällt. Mit seiner Prätorialfront und dem Haupttor, der Porta praetoria, orientiert sich die Fortifikation nach Südosten, während die nördlich gelegene, rückwärtige Porta decumana im abfallenden Gelände zum rund fünfeinhalb Kilometer nördlich verlaufenden Rätischen Limes ausgerichtet ist. Von dem erhöhten Standort aus hatte die römische Besatzung einen strategisch günstigen Rundumblick.
Forschungsgeschichte Der römische Name Biriciana ist durch die Tabula Peutingeriana, die mittelalterliche Kopie einer spätantiken Straßenkarte, überliefert, doch blieb die genaue Lokalisierung des Ortes bis in das frühe 19. Jahrhundert unsicher. Der Historiker Andreas Buchner (1776–1854) war 1818 der erste, der sich in seinem Bericht Reise auf der Teufels-Mauer für Weißenburg aussprach, doch glaubte er fälschlicherweise, in dem 2,5 Kilometer östlich von Weißenburg gelegenen Burgstall Alten Bürg das Kastell zu erkennen.Andreas Buchner: Reise auf der Teufels-Mauer. Montag-Weissische Verlagsbuchhandlung, Regensburg 1818, S. 20; Ludwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 15. Jahrzehntelang blieb diese Feststellung bestehen. Während der Regierungszeit des Königs Maximilian II. (1848–1864) wurde auf dem Westende der Bürg ein Erinnerungsstein für das Castrum errichtet.Ludwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 14.
Im Februar 1868 fand sich beim Bau des Bahnhofs das in der Folgezeit oft zitierte Weißenburger Militärdiplom vom 30. Juni 107.. Im Umfeld der nordwestlich des Bahnhofs gelegenen Flur „Kesselfeld“ wurde zunächst lediglich eine römische Zivilsiedlung gemutmaßt. Es war der Archäologiepionier Friedrich Ohlenschlager (1840–1916), der diesen Platz 1884 nach theoretischen Überlegungen für den richtigen Standort der Garnison hielt.Ludwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 18. Lautgeschichtlich kann der Name „Kesselfeld“ auf das antike Wort Castellum zurückgeführt werden.Ludwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 26. Ohlenschlagers eigene Nachgrabungen brachten jedoch keine klaren Ergebnisse. Den archäologischen Nachweis eines Auxiliarkastells trat daher erst der altertumsbegeisterte Apotheker Wilhelm Kohl (1848–1898) an, der 1890 eine Ausgrabung des 1889 gegründeten Weißenburger Altertumsvereins leitete. Bis zu seinem Tod führte Kohl als Streckenkommissar der ab 1891 tätigen Reichs-Limeskommission (RLK) die Untersuchungen weiter. 1898 waren alle wesentliche Steinbauten der Anlage bekannt. Seine Nachfolger, die Kommerzienräte Julius Tröltsch (1841–1910) sowie Max Raab (1860–1946), führten die eigentlichen Grabungen der Reichs-Limeskommission bis 1913 weiter. 1914 gelang es Raab, das Kastellareal nachhaltig vor einer Überbauung zu schützen, indem er federführend den Ankauf des Geländes durch den Regierungsbezirk förderte. Anschließend nahm er bis 1917 ergänzende Untersuchungen im Lagerareal vor. Damit war die Zeit der bis heute bedeutendsten archäologischen Ausgrabungen am Garnisonsstandort Biriciana abgeschlossen.
Als bedeutendste Grabung der Zwischenkriegszeit wurde 1926 westlich des Kastells ein kleineres Bad teiluntersucht. Es lag an der dortigen Ausfallstraße der Fortifikation. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in und um Weißenburg immer wieder zu teilweise sensationellen Entdeckungen, bei denen zumeist das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege federführend beteiligt war. Die bis dahin offenliegenden Fundamente der Kastellbauten selbst wurden 1965 wieder zugeschüttet, nachdem sich keine der bekannten Konservierungsmethoden bewährt hatte.Ludwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 19. Um dem Publikum jedoch die Grundrisse der Steinbauten sichtbar zu verdeutlichen, war 1963/1964 Beton auf die Mauerkronen aufgebracht worden.Eveline Grönke: Neue Ausgrabungen im Steinkastell Biriciana. Stadt Weißenburg i. Bay., Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, Mittelfranken. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1986 (1987), S. 116–118, hier: S. 118.
1976 wurde rund 1,6 Kilometer vom Kastell entfernt, am nordöstlichen Stadtrand von Weißenburg in der Flur „Breitung“ mit Hilfe der Luftbildarchäologie ein Holz-Erde-Lager entdeckt, das in mehreren GrabungskampagnenLudwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 28. bis 1991 erschlossen wurde. Rund 1,7 Kilometer südöstlich der Garnison von Biriciana wurde im Sommer 1977 der Teilgrundriss eines weiteren Kastells bei Emetzheim bekannt, das in der Flur „Steinmaueräcker“ liegt.Ludwig Wamser: Biriciana – Weißenburg zur Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0323-7, S. 29. Bereits im März desselben Jahres war während des Baus einer Siedlung die bis dahin größte rätische Thermenanlage eines Lagerdorfs (Vicus) entdeckt worden.Jochen Garbsch: Weißenburg/Biriciana. In: Walter Sölter (Hrsg.): Das römische Germanien aus der Luft. 2. Auflage, Lübbe, Bergisch Gladbach 1983, ISBN 3-7857-0298-1, S. 39. Aufgrund ihrer Bedeutung und des guten Erhaltungszustandes wurde dieses Bad 1983 mit einer vorläufigen Dachkonstruktion versehen, bis 1985 vollständig restauriert und letztendlich durch einen aufwändigen Schutzbau für die Nachwelt gesichert. Eine archäologische Sensation wurde der Schatzfund von Weißenburg, der bei Gartenarbeiten unweit der Thermen im Herbst 1979 zu Tage kam.Jochen Garbsch: Weißenburg/Biriciana. In: Walter Sölter (Hrsg.): Das römische Germanien aus der Luft. 2. Auflage, Lübbe, Bergisch Gladbach 1983, ISBN 3-7857-0298-1, S. 40. 1986/1987 gelang es bei Nachgrabungen an der Nordfront des Steinkastells erstmals, einen sicheren Beweis für die Existenz eines Holz-Erde-Lagers als Vorgängerbau zu erbringen. 1989/90 entstand auf den Originalfundamenten eine Rekonstruktion der Porta decumana, welche nach dem heutigen Wissenstand wohl ein Stockwerk höher hätte ausfallen müssen. In dem 1990 gegründeten archäologischen Park, der sich über das gesamte Kastellareal erstreckt, sind die Konturen der Wehrmauern und der Principia in ihrem Verlauf konserviert. 2006 fand eine Magnetometermessung auf dem Kastellareal statt, die erstmals seit dem 1906 veröffentlichten Lagerplan teils neue, mitunter abweichende Ergebnisse erbrachte.Martin Pietsch, Jörg Faßbinder, Ludwig Fuchs: Mehr Tiefenschärfe durch Magnetik: Der neue Plan des Kastells Weißenburg. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2006. Stuttgart 2007, S. 98–101; hier: S. 98.
Der Weißenburger Römerschatz als bedeutendster süddeutscher Fund dieser Art wurde nach dem Ankauf durch das Land Bayern zum Mittelpunkt des ab 1981 aufgebauten Weißenburger Römermuseums, einer Zweigstelle der Archäologischen Staatssammlung. Im Zusammenhang mit der Anerkennung des obergermanisch-raetischen Limes als Welterbestätte 2005 wurde Weißenburg zum Standort des bayerischen Limes-Informationszentrums gewählt, in das Römermuseum Weißenburg integriert und im Mai 2006 eröffnet.
Baugeschichte mini|1990 fertiggestellter Nachbau der Porta decumana, Blick über die Lagerringstraße (1991) mini|Die Frontseite der wohl ein Stockwerk zu niedrig rekonstruierten Porta decumana (1999)
In domitianischer oder wahrscheinlicher frühtrajanischer Zeit, vermutlich um das Jahr 100, wurde ein erstes, rund 2,8 Hektar großes Holz-Erde-Kastell durch die Reitereinheit Ala I Hispanorum Auriana an strategisch bedeutsamer Stelle angelegt. Die Garnison diente dort der Sicherung des nördlich der Donau neu eroberten Territoriums, das dem Gebiet der Provinz Raetia einverleibt worden war. Wie die an der Grabungen von 1986 ergaben, bestand die an der Nordfront nachgewiesene Porta decumana des Holz-Erde-Lagers aus zwölf Pfosten, je sechs dieser Pfosten gehörten zu einem der beiden Tortürme, durch die das eigentliche Tor flankiert wurde. Die beiden in Holzbauweise errichteten rechteckigen Türme besaßen einen 3,20 × 3,60 Meter großen Grundriss. Ein rund 0,60 Meter breites Palisadengräbchen verband das Tor zu beiden Seiten mit den anschließenden Zwischentürmen, die von jeweils vier Pfosten getragen wurden.
Um die Mitte des 2. Jahrhunderts wurde das Holz-Erde-Kastell durch ein Steinkastell von 3,1 Hektar Größe ersetzt. Dabei wurde die neue steinerne Umfassungsmauer mit ihren Toren und Türmen unmittelbar vor dem älteren Holzkastell errichtet. Wohl um 253, spätestens 254Marcus Reuter: Das Ende des raetischen Limes im Jahr 254 n. Chr. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter. Band 27, 2007, S. 105–108.Veronika Fischer: Die mittelkaiserzeitliche Donaugrenze in Raetien. Die „Ripa Danuvii provinciae Raetiae“. In: Der Limes. 14. Jahrgang, Nummer 2, 2020, S. 20–25; hier S. 24. wurden Kastell und Vicus im Zuge der alamannischen Einfälle zerstört (Limesfall). Die Schlussmünzen aus einem Münzschatzfund an der Via principalis dextra datieren auf die Jahre 251 und 253.
Bei Biriciana in seiner letzten Ausbauphase handelte es sich um ein mit den Abmessungen von 170 auf 174 mal 179 Meter nahezu quadratisches Steinkastell für eine Ala. Die Kastellmauer war an den Ecken abgerundet und mit Wehrtürmen versehen. Die insgesamt vier Tore wurden von Doppeltürmen flankiert, zwischen diesen und den Ecktürmen befand sich je ein weiterer, kleinerer Turm.
Die Mauer war ihrerseits von einem Doppelgraben umgeben, ein weiterer Graben konnte bislang lediglich auf drei Seiten des Kastells nachgewiesen werden. Dieses Spitzgrabensystem war nur im Bereich der Lagertore unterbrochen. An der Nordfront wurde 1986 bei den archäologischen Ausgrabungen auch das Grabenwerk wieder angeschnitten. Dabei konnte festgestellt werden, dass der äußerste Spitzgraben 2,70 Meter breit und 1,60 Meter tief erhalten geblieben war. Der mittlere Graben wurde mit einer Breite von 4,50 Metern und eine Tiefe von 1,40 Metern eingemessen. Als Besonderheit war dieser Graben als Fossa Punica angelegt worden. Die feindwärts gerichtete Seite war senkrecht in den Boden eingetieft, während die der Umfassungsmauer zugewandten Seite abgeschrägt war. Der innerste Graben war mit 5,40 Metern der breiteste.
Das Kastell Weißenburg ist mit seiner Porta praetoria (Haupttor) nach Süden ausgerichtet, die kleinere Porta decumana weist zum Limes. Porta principalis dextra (rechtes Seitentor) und Porta principalis sinistra (linkes Seitentor) entsprechen in ihrer Größe der Porta praetoria.