Als Miktion ( Mictio, Plural Mictiones; von mingere „harnen, urinieren“; gleichfalls medizinischer Fachbegriff für die „natürliche Harnentleerung aus der Blase“ Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München/Wien/Baltimore ohne Jahr , Teil III (L–R), S. 1603.), auch UreseWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-033997-0, S. 2199.Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1903.Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1989, 9. Band, ISBN 3-7653-1109-X, S. 490. bzw. UresisLudwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 1074. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München/Wien/Baltimore ohne Jahr , Band IV (S–Z), S. 2546. ( „Harnlassen“, zu „Harn“), Urinieren, Harnen, Harnlassen, Wasserlassen oder Blasenentleerung genannt, wird die Ausscheidung des Urins aus der Harnblase bezeichnet. Dieser Vorgang wird durch komplexe Regelkreise des autonomen und willkürlichen Nervensystems gesteuert.

Anatomie Die Miktion setzt folgende nervale Mechanismen voraus: Erschlaffung des quergestreiften Schließmuskels (über die somatische Innervation); Erschlaffung der glatten Muskulatur des Schließmuskels und Öffnung des Harnblasenhalses (Cervix vesicae) (über eine sympathische Innervation); Kontraktion der glatten, die Harnblase (Cervix vesicae) umgebenden Detrusormuskulatur (über eine parasympathische Innervation). Nicht abgrenzbare Teile des Musculus detrusor vesicae wurden als Musculus sphincter vesicae bezeichnet.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , Teil II (F–K), S. 1646.

Synonyme Neben dem Fachbegriff Miktion gibt es eine Vielzahl von, teils regional gehäuft verwendeten, teilweise vulgären und je nach Situation mehr oder weniger angepassten Synonymen: Blasenentleerung, Wasserlassen, Harnen (früher auch HarmenMatthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Auflage. neubearbeitet von Ulrich Pretzel. Salomon Hirzel Verlag, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1992, ISBN 3-7776-0493-3, S. 82.), Urinieren, Austreten, Pinkeln, Pieseln, Pissen,Vgl. Franz Maria Feldhaus: Ka-Pi-Fu und andere verschämte Dinge. Privatdruck, Berlin-Friedenau 1921 (= Quellenforschungen zur Geschichte der Technik und Industrie G. m. b. H.).Vgl. auch Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 388 (gepissen ‚harnen‘, im Mittelalter auch harmen) und 395 (zu pisse für Harn und pissen für harnen). Lullern, Rappeln, Seichen (Bewirkungswort zu „seihen“), Sicken, Schiffen, Brunzen (vergleiche Brunnen als Euphemismus im 16. Jahrhundert für HarnKarl Ludwig Sailer: Die Gesundheitsfürsorge im alten Bamberg. Dissertation, Erlangen 1970, S. 51.), Brünzeln, Ludeln, Strullern, Pullern, Pritscheln oder aber auch „Pipi machen“ (für kleine Jungen/Mädchen), „mal müssen“, „an Wiss machen“ (mundartlich in Franken) oder „(sich) sein Wasser abschlagen“ (bei Männern).

Die Wörter Wasser, Harn und Urin haben indogermanische Wurzeln.Dudenverlag: Etymologie – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, "Der Duden in 10 Bänden", Band 7, Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich 1963, ISBN 3-411-00907-1.

Physiologie der Miktion Die Harnblase dient als Zwischenspeicher für den von den Nieren kontinuierlich gebildeten Urin, der als Sekundärharn über die Harnleiter zu ihr geleitet wird. Sie wird bei normaler Flüssigkeitsaufnahme in der Regel zwei bis sechs Mal pro Tag über die Harnröhre (Urethra) entleert. Die dabei ausgeschiedene Urinmenge beträgt normalerweise jeweils etwa 300 bis 400 Milliliter; es gibt jedoch keine allgemein akzeptierten Werte – einige Menschen scheiden bei einem Toilettengang über einen Liter Urin aus. Zur Diagnostik dienen die Uroflowmetrie, die MiktionszystourethrographieMaxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin. 16. Auflage. Ullstein Medical Verlag, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X, S. 1295. oder andere urodynamische Untersuchungen.

Endstrecke der Exkretion des Urins ist die Harnröhre. Sie gehört zu den ableitenden Harnwegen und beginnt am unteren Ende der im Becken lokalisierten Harnblase. Die Harnröhre mündet bei männlichen Menschen an der Penisspitze auf der Eichel und bei weiblichen im Scheidenvorhof.

Die maximale Blasenkapazität ist dabei jenes Füllvolumen, bei dessen Erreichen es zuerst zu einem Dehnungsschmerz und dann zu einer sogenannten imperativen MiktionWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 254. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-007187-8, S. 752. (Mikturition,Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 626. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive. Harndrang, HarnzwangGünter Thiele: Handlexikon der Medizin, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , Teil III (L–R), S. 1604.) beziehungsweise zu einer unwillkürlichen Blasenentleerung kommt. Für Männer wird der Normwert mit 400 bis 600 Millilitern, für Frauen wird ein geringerer Wert (weil die inneren Geschlechtsorgane der Frau den Platz beanspruchen) von 300 bis 400 Millilitern angegeben. Diese Werte schwanken jedoch von Mensch zu Mensch stark, und es gibt keine bestätigten Maximalwerte. Berechnet wird sie als die Summe der funktionellen Blasenkapazität und des nach der Miktion in der Blase verbleibenden Restharns. Als funktionelle Blasenkapazität wird das mittlere Entleerungsvolumen bezeichnet.

Die Speicherfunktion der Blase wird einerseits durch zwei Schließmuskeln gewährleistet: einen äußeren, quergestreiften, und einen inneren, bestehend aus glatten Muskelzellen. Daneben muss sich bei zunehmender Blasenfüllung der „Blasenentleerer“ (M. detrusor vesicae, kurz als Detrusor bezeichnet) den veränderten Druckverhältnissen anpassen und sich dazu entspannen. Dies wird als Akkommodation beziehungsweise Compliance der Blase bezeichnet. Störungen des Zusammenspiels führen zu einer sogenannten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie.

Wird die Fähigkeit zur weiteren Akkommodation des Detrusors überschritten, kommt es zu einem steilen Druckanstieg im Blaseninneren und über Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand zur Auslösung des Miktionsreflexes, damit zur Kontraktion des Detrusors, zu einer passiven Dehnung des inneren Schließmuskels und zu einer willkürlich gesteuerten Erschlaffung des äußeren Schließmuskels. Der normale maximale Miktionsdruck beträgt 60–70 mmHg.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , Teil III (L–R), S. 1603. Beim Erwachsenen verursacht ein Blasendruck von 3400 Pascal oder 35 Zentimeter Wassersäule einen starken Harndrang.Wissenschaftliche Tabellen Geigy, herausgegeben von Ciba-Geigy, Basel, 8. Auflage, 4. Nachdruck 1985, Band Einheiten im Meßwesen, S. 51 ff.

Die zentrale Steuerung erfolgt in der pontinen Formatio reticularis. Für das Einleiten des Entleerungsvorgangs ist der Parasympathikus zuständig. Er reizt die Blasenmuskulatur zur Anspannung und hilft beim Entleeren der Blase. Der Sympathikus hingegen sorgt dafür, dass die Blase erschlafft, um sich füllen zu können, und zur Anspannung der Schließmuskeln. Er verhindert somit eine ständige Entleerung.

Abhängig von der Flüssigkeitszufuhr produziert ein gesunder Mensch in 24 Stunden etwa 1000 bis 1500 ml (Sekundär-)Harn, den er zwei bis sechs Mal am Tag ausscheidet. Dabei ist die Urinproduktion allerdings nicht zu jeder Tageszeit gleich groß. Am meisten Urin produziert der Mensch um sechs Uhr morgens (siehe Chronobiologie). Unmittelbar nach der Geburt steigert sich das Harnvolumen, so verdoppeln termingerecht Neugeborene „ihr tägliches Harnvolumen von ersten zum zweiten Lebenstag von 17 auf 34 Milliliter.“ Frühgeborene produzieren anfangs weniger Harn als gleichaltrige termingerecht Neugeborene.Wissenschaftliche Tabellen Geigy, herausgegeben von Ciba-Geigy, Basel, 8. Auflage, 4. Nachdruck 1985, Band Einheiten im Meßwesen, S. 51 ff.

Entwicklung der Blasenkontrolle Eine Kontrolle der Blasenentleerung wird im Verlauf der kindlichen Reifungsprozesse (bzw. der „Reinlichkeitserziehung“) erst nach der Kontrolle über den Stuhlgang erlangt. Im 5. Lebensjahr sind ca. 80 Prozent der Kinder tagsüber und nachts trocken.

Fetale Miktion mini|Miktion eines männlichen Fetus mit 19 Schwangerschaftswochen Der Fötus uriniert im etwa stündlichen Abstand in das ihn umgebende Fruchtwasser, welches wiederum durch das fetale Schlucken „recycelt“ wird.

Miktionsstörungen Siehe Hauptartikel: Blasendysfunktion als Sammelbegriff für Blasenentleerungs- und Blasenspeicherstörungen

Eine Miktionsstörung tritt vor allem als Enuresis (Einnässen, Bettnässen, Mictio involuntaria,Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 2. Auflage, Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1901, S. 99.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , Teil III (L–R), S. 1604.Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe, 9. Auflage, Dudenverlag, Mannheim / Zürich 2012, ISBN 978-3-411-04619-5, S. 500. unfreiwilliges HarnenHerbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie, 30. Auflage, Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1941, Spalte 591.) oder als Harninkontinenz (Blasenschwäche, Blaseninkomtinenz, Incontinentia urinae,Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 530. UrgeinkontinenzPeter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1173.) in Erscheinung und kann Ursache für wiederkehrende Harnwegsinfektionen sein.Stephan Heinrich Nolte: Psychosomatische Sichtweise fehlt. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 116, Heft 29 f., (22. Juli) 2019, S. 506.

In jedem Alter kann eine Vielzahl von Ursachen zu einer Blasendysfunktion (als eine Sammelbezeichnung für Blasenspeicher- und Blasenentleerungsstörungen) führen, wobei im Kindesalter ein nächtliches Einnässen, im höheren Alter eine unvollständige Blasenentleerung mit Restharnbildung, vor allem aber ein unwillkürlicher Harnabgang besonders hervorzuheben sind.

Paruresis bezeichnet das Unvermögen des Urinierens aus psychischen Gründen, insbesondere die Hemmung, in Gegenwart anderer Personen zu urinieren. „Bei gehäufter Miktion spricht man von Pollakisurie, bei schmerzhaftem Wasserlassen von Algurie“Jürgen Sökeland: Urologie. 10. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1987, ISBN 3-13-300610-X, S. 38. oder Strangurie. „Ist die Miktion durch ein Hindernis am Blasenausgang oder in der Harnröhre erschwert, besteht eine Dysurie.“Jürgen Sökeland: Urologie. 1987, S. 38. Das nächtliche Harnlassen heißt Nykturie (Mictio nocturna, „das nächtliche Bettpissen“Julius Mahler: Kurzes Repetitorium der medizinischen Terminologie. 4. Auflage. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1922, S. 180.). Die zweizeitige Miktion bei einem Blasendivertikel nennt man Doppelmiktion.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , Teil I (A–E), S. 545.