mini|Rudolf Rahn (Foto des Auswärtigen Amts, ohne Jahr) Rudolf Rahn (* 16. März 1900 in Ulm; † 7. Januar 1975 in Düsseldorf) war ein deutscher Diplomat in der Zeit des Nationalsozialismus.

Leben Der Sohn eines Notars studierte Staatswissenschaft und Soziologie in Tübingen, Berlin und Heidelberg, wo er 1923 als Soziologe zum Dr. phil. promoviert wurde. Er trat 1928 in das Auswärtige Amt in Berlin ein. Seit 1931 war er bei der Deutschen Botschaft in Ankara als Botschaftssekretär tätig. Im Nationalsozialismus machte er eine große Karriere, nachdem er zum 1. Juni 1933 der NSDAP beigetreten war (Mitgliedsnummer 1.706.243).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/33651618Herrmann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Überarbeitete Neuausgabe. Fischer TB, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-13086-7, S. 364. Rahn wurde 1934 Legationssekretär und ging 1938 als Gesandtschaftsrat nach Lissabon. 1940 wurde er Vortragender Legationsrat in Paris und war 1941 mit Sonderauftrag in Syrien und Irak. Er war 1942 bis 1943 Vertreter des AA beim Afrikakorps unter Erwin Rommel. Am 22. Juni 1943, nach seiner Rückkehr aus Tunis, erhielt er von Hitler das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes und das Eiserne Kreuz Erster Klasse verliehen.Frankfurter Zeitung, 23. Juni 1943. Ab August 1943 war er Gesandter in Rom. Nach nicht einmal einem Monat Amtszeit verließ er mit dem Personal der Botschaft Rom, als durch den Kriegszustand und die Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages am 8. September 1943 das Kriegsbündnis zwischen Italien und Deutschland zusammengebrochen war. Die Geschäfte vor Ort übernahm daraufhin Generalkonsul Walther Wüster zur Abwicklung der diplomatischen Mission. Am 24. September 1943 hatte Rahn am Gardasee einen schweren Autounfall.Klaus Kühlwein (2013): Pius XII. und die Judenrazzia in Rom, S. 63 ff. (online). Von November 1943 bis Kriegsende war er Botschafter bei der Republik von Salò (Repubblica Sociale Italiana).

Von 1945 bis 1947 war er in Hohenasperg und Nürnberg inhaftiert. Ab 1950 war er Geschäftsführer der Coca-Cola-Niederlassung DüsseldorfRudolf Vierhaus: Deutsche Biographische Enzyklopädie (dbe). München, Bd. 8, S. 124 f. sowie Mitglied des Präsidiums der Deutsch-Indischen Gesellschaft, der Deutsch-Tunesischen Gesellschaft und des Rhein-Ruhr-Clubs.Handelsblatt, 16. März 1970, ZBW.

Von 1959 bis 1974 saß er im Beirat der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Paris siehe auch Vichy-Regime

Rahn war ab dem 17. August 1940 zunächst Leiter der Propaganda-, Presse- und Rundfunkarbeit unter dem Militärbefehlshaber in Frankreich Otto von Stülpnagel und wechselte am 12. November 1940 dann in derselben Funktion zur Deutschen Botschaft in Paris unter Botschafter Otto Abetz. Zu seinen Kollegen gehörten Ernst Achenbach (Leiter der politischen Abteilung), SS-Brigadeführer Werner Gerlach (Leiter des Kulturreferats), Karl Epting (kulturelle Angelegenheiten), der Jurist Friedrich Grimm und Botschaftsrat Friedrich Sieburg (ehemaliger Korrespondent der Frankfurter Zeitung), die bereits über Erfahrungen im Vorkriegs-Frankreich verfügten.

„Judenreferent“ war Carltheo Zeitschel, SS-Sturmbannführer und Legationsrat, einer der Motoren der „Endlösung in Frankreich“, also des Abtransports und der Ermordung der Juden.. Rahn selbst trug im Juni 1942 bei Ministerpräsident Laval die Forderung vor, dass 50.000 französische Juden in das KZ Auschwitz deportiert werden sollten.Robert M. W. Kempner: Das Dritte Reich im Kreuzverhör. Aus den unveröffentlichten Vernehmungsprotokollen des Anklägers Robert M. W. Kempner. München / Esslingen 1969. DNB, S. 234. Dieser Vorgang wurde im Nürnberger Prozess gegen Ribbentrop zitiert und führte später zu der Verurteilung von Ernst von Weizsäcker, erstem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, als Kriegsverbrecher.

Ebenfalls verurteilt und neun Jahre in Frankreich inhaftiert war der Botschafter Abetz. Grimm war sechzehn Monate im Zeugengefängnis bei den Nürnberger Prozessen inhaftiert. Dort war auch Rahn inhaftiert. Gerlach war drei Jahre interniert. Die anderen blieben straffrei. Epting wurde sogar Schulleiter in Baden-Württemberg.

Syrien und Tunis Rahn hatte vom 6. Mai 1941 bis 21. September 1941 einen Sonderauftrag im französischen Mandatsgebiet SyrienSyrien war ein so genanntes Völkerbundsmandat, die Mandatsverwaltung war zunächst gegenüber dem Vichy-Regime loyal. 8. Juni 1941: Einmarsch britischer Truppen und Freifranzosen. und im Irak. Der Absicht, die im April durch einen Militärputsch an die Regierung gekommene nationalistische Führung um den Ministerpräsidenten Raschid Ali al-Gailani für die deutschen Kriegsziele einzuspannen, war nur ein sehr kurzer Erfolg vergönnt.

In Syrien versuchte Rahn auf der Basis der „Pariser Protokolle“Vom 28. Mai 1941: Nach 7-tägigen Verhandlungen unterzeichneten der Deutsche Walter Warlimont und der Vichy-französische Kriegsminister Charles Léon Clément Huntziger ein Protokoll, das eine konkrete französische Unterstützung für den deutschen Krieg versprach. zu handeln und versprach über Ribbentrop weitere Gegenleistungen für ein militärisches Mitwirken der in Syrien und im Libanon stationierten französischen Truppen. Er stieg in die Rolle eines militärischen Organisators, ließ den General Henri Fernand Dentz, den Befehlshaber der Vichy-Truppen in Syrien, binnen drei Tagen zwei Eisenbahnzüge mit 50 Waggons mit Waffen für die irakischen Truppen beladen und begleitete den Waffentransport auf der Bagdad-Bahn nach Mossul. Den verletzten Fausi al-Kawukdschi ließ er in ein Lazarett nach Deutschland bringen und dessen führungslose Gruppe rüstete er für den Kampf gegen die Briten mit Waffen aus. Zwischendurch flog er nach Ankara und traf dort auf einen sichtlich desinteressierten, Tennis spielenden Botschafter Franz von Papen, der den Transit von Flugbenzin aus Rumänien durch die Türkei beschleunigen sollte.Rudolf Rahn: Ruheloses Leben, Aufzeichnungen und Erinnerungen. Düsseldorf 1949, S. 245 ff.; das Treffen mit Papen auf S. 250.

Der Emissär Fritz Grobba (er landete zusammen mit Rahn am 12. Mai 1941 in BagdadRolf Steininger (2015): Deutschland und der Nahe Osten: Von Kaiser Wilhelms Orientreise 1898 bis zur Gegenwart (ISBN 978-3-7065-4273-9), S. 77 ff. (online).) und die deutschen Kampfeinheiten kamen im Irak zu spät an. Die Briten marschierten nach der Niederlage des Irak auch in Syrien und im Libanon ein und besiegten in der „Operation Exporter“ die Vichy-Truppen. Rahn entkam in die Türkei.

Rahn war vom 15. November 1942 bis 10. Mai 1943 Vertreter des AA beim Deutschen Afrika-Korps. In Tunesien kam ab dem 24. November 1942 ein Einsatzkommando unter Leitung von Walter Rauff zum Einsatz. Am 6. Dezember einigte sich Rauff in einer Besprechung mit dem General Walther Nehring und Rahn auf den Einsatz von jüdischen Zwangsarbeitern und errichtete ein System von Arbeitslagern, die von Theo Saevecke organisiert wurden. Über 2500 tunesische Juden starben in sechs Monaten, auch die Wehrmacht beteiligte sich an Exekutionen. Zu weiteren geplanten Massenmorden kam es allerdings wegen der verschiedenen Interessenlagen Vichy-Frankreichs, Italiens und der Führung des Afrikakorps, das am 13. Mai 1943 kapitulierte, nicht mehr.Klaus-Michael Mallmann, Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina. Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-19729-3.

Rahn berichtete nach Berlin über die Zwangsarbeit der Juden beim Ausbau der Hauptkampflinie. Juden mit italienischer Staatsangehörigkeit wiederum sollten davon ausgenommen werden. Rahn berichtete über eine Zwangsabgabe der jüdischen Bevölkerung für die Schäden eines alliierten Luftangriffs in Höhe von 50 Millionen Franc. Rahn habe für die Propaganda nur eine „vorsichtige antijüdische Tendenz“ empfohlen, um Störungen der inneren Ordnung (etwa Konflikte zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung) zu vermeiden.Hans-Martin Stimpel: Die deutsche Fallschirmtruppe 1942–1945, Einsätze auf Kriegsschauplätzen im Süden. Mittler, Hamburg 2006, ISBN 3-8132-0851-6. Der Verlag hat eine entsprechende Tendenz.

Rahn schrieb in seiner Autobiographie, er habe die tunesischen Juden gerettet.

Italien Einen Tag nach dem Sturz Mussolinis wurde Rahn am 26. Juli 1943 ins Führerhauptquartier Wolfsschanze beordert. Dort wurde ihm seine Versetzung nach Rom und seine Ernennung zum Generalbevollmächtigten () des Deutschen Reiches mitgeteilt.Jobst Knigge: Das Dilemma eines Diplomaten, Otto II. von Bismarck in Rom 1940–1943. S. 57.Rudolf Rahn: Ruheloses Leben, Aufzeichnungen und Erinnerungen. Düsseldorf 1949, S. 223 f. Botschafter Mackensen wurde am 2. August 1943 nach einem Gespräch mit Hitler abberufen. Rahn wurde am 30. August 1943 zum kommissarischen Botschafter in Rom, um, nach Aussage von Goebbels, die abfallenden Italiener am kurzen Zügel zu führen.„Rahn ist unser Vertreter in Rom“, Goebbels am 18. September 1943. In: Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. K. G. Saur, München, Teil II: Diktate 1941–1945. 15 Bde. 1993–1996, ISBN 3-598-21920-2. Band 9, S. 445 und S. 529.

Die Deportation der Juden in Rom begann im Oktober 1943. „Dass die Leute in der Botschaft wussten, dass die Juden vernichtet werden sollten, zeigt der Streit um ein Telegramm des erst 30-jährigen Diplomaten Eitel Friedrich Möllhausen im September 1943. Er leitete vorübergehend den Reststab der deutschen Botschaft, während sich der neue Geschäftsträger Rahn nach einem Unfall in Fasano am Gardasee befand. Er schrieb direkt an Ribbentrop, der deutsche Polizeichef Kappler habe den Auftrag erhalten, die römischen Juden in den Osten zu deportieren, „wo sie liquidiert“ werden sollen. Der deutsche Stadtkommandant Reiner Stahel könne dem aber nur zustimmen, wenn er direkt vom AA die Anweisung erhalte. Er selbst setze sich dafür ein, die Juden lieber zum Arbeitsdienst in Italien einzuziehen. Ribbentrop regte sich fürchterlich auf, dass im Telegramm-Verkehr ganz offen von der Vernichtung der Juden die Rede war.“Knigge, S. 64; Eitel Friedrich Möllhausen: Die gebrochene Achse. Alpha, Alfeld 1949, S. 112 f., DNB (La Carta perdente. Memorie diplomatiche 1943–1945. Sestante, Roma 1948). Walter Bußmann u. a. (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik, Serie E: 1941–1945, Bd. VII. Rahn und Ernst von Weizsäcker hatten ebenfalls hiervon erfahren.siehe:Pius XII.#Zur Deportation römischer Juden 1943. Weizsäcker und sein Sohn Richard, der als Hilfsverteidiger auftrat, haben in Nürnberg behauptet, die verschleiernde Terminologie Endlösung der Judenfrage nicht verstanden zu haben. Richard von Weizsäcker war Mitte Mai 1944 zu Besuch in Rom.

Am 4. Juni 1944 wurde Rom von den Alliierten besetzt. Vorher hatte es noch einen Plan gegeben, den Papst zu entführen. Generalfeldmarschall Kesselring, SS-Polizeiführer Karl Wolff, Ernst von Weizsäcker und auch Rahn haben das Vorhaben eher hintertrieben.Alle Beteiligten außer Rahn wurden später als Kriegsverbrecher verurteilt. SS-General Karl Wolff war seit Juli 1943 höchster SS- und Polizeiführer in Italien. Er wurde 1964 zu 15 Jahren Zuchthaus wegen Beihilfe zum Mord an 300.000 Juden verurteilt.

1944 vereitelte Konsul Gerhard Wolf gemeinsam mit Ludwig Heinrich Heydenreich, dem Leiter des Kunsthistorischen Instituts, den geplanten Abtransport zahlreicher Florentiner Kunstschätze nach DeutschlandDavid Tutaev: Der Konsul von Florenz. Die Rettung einer Stadt. Düsseldorf 1967. und „rettete mit Hilfe Rahns Menschenleben“.Gerhard Wolf in der italienischsprachigen Wikipedia: „Dal 1940 al 1944 fu console tedesco a Firenze e nei mesi dell’occupazione tedesca dall’ 8 settembre 1943 all'agosto 1944 riuscì anche grazie all’appoggio di Rudolf Rahn … a salvare svariate vite umane.“