mini|Götz Aly bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2012 Götz Haydar Aly (* 3. Mai 1947 in Heidelberg) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist. Thematisch konzentriert er sich auf den Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts und auf die Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere auf die Wirtschaft und Gesellschaft des NS-Staats, die NS-Rassenhygiene und den Holocaust. Viele seiner Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Leben Götz Aly wurde in Heidelberg geboren als Sohn des Verlegers und ehemaligen Hitlerjugend-Funktionärs Ernst Aly (1912–2007) und dessen Frau Ottilie, geb. Schneider. Er ist ein Nachfahre des königlich-preußischen Kammertürken Friedrich Aly und ein Enkel des Freiburger Philologen Wolfgang Aly (1881–1962). Sein Großvater mütterlicherseits, Friedrich Schneider (1888–1963), stammte aus Platz in Unterfranken (heute Ortsteil von Geroda), war Kaufmann und arbeitete später für eine Münchner Waggonfabrik.Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden?, S. 214f.

Aly besuchte Volksschulen und Gymnasien in Heidelberg (1954–1956), Leonberg (1956–1962) und Gräfelfing (1962–1967), wo er am Kurt-Huber-Gymnasium 1967 das Abitur ablegte. Dem Wehrdienst entging er durch eine Einstufung in die Ersatzreserve II. In den Jahren 1967 und 1968 ging er auf die Deutsche Journalistenschule in München. Anschließend studierte er bis 1971 Geschichte und Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Während seines Studiums engagierte sich Aly aktiv in der Studentenbewegung. Für die „Sozialistischen Arbeitskollektive“ wurde er im Sommer 1970 als studentischer Vertreter in den neu gebildeten Fachbereichsrat des Otto-Suhr-Instituts gewählt. 1971 gehörte er zu den Begründern und Redakteuren der Zeitung Hochschulkampf. Kampfblatt des Initiativkomitees der Roten Zellen in West-Berlin, das sich der maoistischen Proletarischen Linken/Parteiinitiative zuordnete.Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. erw. Ausg. Fischer TB, Frankfurt/Main 2009, S. 25, 138 f. Er beteiligte sich am 24. Juni 1971 an einer Aktion, bei der Aktivisten der „Grundsemester-Organisation“ (GSO) in ein Seminar des Professors Alexander Schwan eindrangen„Ende Juni schließlich mit dem Go-in bei Professor Schwan, schwappte diese neue Welle auf das Otto-Suhr-Institut über. Die Verantwortung dafür übernahmen diesmal nicht irgendwelche Roten Zellen, sondern die „Schweinejagd- und Lerneinheiten“ (Flugblatt-Text) der „Grundstudienorganisation“ (GSO) am Osi – ein Verband zumeist brachial-sozialistischer Gefühlsmaoisten aus den Anfangssemestern“; in: Der Name der Aktivistengruppe wird hier allerdings falsch wiedergegeben – er lautete korrekt „Grundsemesterorganisation“; vgl. Peter Schneider in: „Antwort auf Götz Aly: Tunnelblick aufs Totalitäre“, Frankfurter Rundschau, 10. April 2008 und gewalttätig gegen diesen vorgingen.Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. erw. Ausg., Fischer TB, Frankfurt/Main 2009, S. 140. Von Anfang 1972 bis Mitte 1973 engagierte er sich in der Roten Hilfe Westberlin.Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. erw. Ausg., Fischer TB, Frankfurt/Main 2009, S. 141 f.

Nachdem er 1971 sein Studium mit der Diplomprüfung im Fach Politikwissenschaft abgeschlossen hatte, arbeitete Aly ab 1973 als Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung in Berlin-Spandau. Im Juli 1978 wurde er an der Freien Universität Berlin mit der von Reinhart Wolff und Wolf-Dieter Narr begutachteten Studie Staatliche Jugendpflege und Lebensbedürfnisse von Jugendlichen, die auf seinen Erfahrungen im Bezirksamt Spandau beruht, zum Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Von 1981 bis 1983 und von 1991 bis 1993 arbeitete Aly als Redakteur für Innenpolitik der neu gegründeten Tageszeitung taz. 1997 bis 2001 war er leitender Redakteur und bis Juni 2021 freier Autor der Berliner Zeitung. In den Zwischenzeiten schrieb er gelegentlich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und den Spiegel.

Im Oktober 1982 beantragte Aly ein Habilitationsstipendium zum Thema „Die Entwicklung wissenschaftlicher Maßstäbe zur Begutachtung und Tötung behinderter deutscher Kinder in den Jahren 1939–1945. Vorschlag zur Aufhellung eines Tabus“ bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).Tobias Freimüller: Mord mit Komplizen. In: Die Zeit, 7. März 2013. Sein Interesse an den NS-„Euthanasiemorden“ hatte dabei nach eigenen Angaben seine 1979 geborene Tochter geweckt, die kurz nach ihrer Geburt eine Gehirnentzündung bekommen und einen schweren zerebralen Schaden erlitten hatte.Götz Aly: Die Belasteten: „Euthanasie“ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. S. Fischer, Frankfurt/M. 2013, S. 18. Die DFG lehnte Alys Antrag ab, weil die Zeithistoriker Eberhard Jäckel und Karl Dietrich Bracher zwar das Forschungsvorhaben an sich befürworteten, aber die fachliche Eignung des promovierten Politikwissenschaftlers für ein dezidiert historisches Projekt bezweifelten. Der dritte Gutachter, der Politologe Klaus Jürgen Gantzel, hatte Aly dagegen „innovatives Forscherpotential“ attestiert, „das gefördert werden sollte“. In den folgenden Jahren trieb Aly neben Klaus Dörner, Ernst Klee und Karl Heinz Roth die Erforschung der Krankenmorde im Nationalsozialismus maßgeblich voran. Von 1984 bis 1992 gab Aly die ersten zehn Bände der Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik mit heraus, von 1985 bis 1988 leitete er das Projekt „Täterbiografien“Beiträge zur Geschichte des NationalsozialismusTäterbiografien. In: learning-from-history.de. am Hamburger Institut für Sozialforschung.Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt am Main 1991. mini|Aly (2025) 1994 habilitierte sich Aly am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin in Politikwissenschaft. Nach Gastprofessuren in Wien und Salzburg hatte er von 2004 bis 2006 die auf vier Semester angelegte Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main inne. 2006 wurde er von Bundespräsident Köhler in den Stiftungsrat des Berliner Jüdischen Museums berufen, dessen Mitglied er bis 2020 war.

2011 lehnte das Otto-Suhr-Institut es trotz eines positiven Gutachtens von Hans Mommsen ab, Aly zum außerplanmäßigen Professor zu ernennen. Die Kommission begründete die Entscheidung im Fachbereichsprotokoll damit, Aly fehlten für eine politologische Professur die theoretischen und methodologischen Voraussetzungen. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik gab in der taz an, die Entscheidung sei auf Betreiben der Politikwissenschaftlerin Tanja Börzel und ihres Ehemanns Thomas Risse gefallen. Er urteilte, der Vorgang habe dem Otto-Suhr-Institut Schaden zugefügt. Der Journalist Jacques Schuster führte die Ablehnung in der Welt auf Alys Kritik an der 68er-Bewegung zurück.Jacques Schuster: Hochschulpolitik: Warum Götz Aly nicht Professor werden darf. Die Welt. 22. März 2011.

Aly kritisierte das Otto-Suhr-Institut im Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, es gehe zu wenig gegen Plagiate in studentischen Hausarbeiten vor. In der Berliner Zeitung schrieb er die Kolumne Meine kleinen Guttenbergs, er war dort bis 2021 als Kolumnist tätig. Ein Artikel im Cicero warf 2020 wiederum Aly vor, bei seiner eigenen Dissertation wissenschaftliche Standards missachtet und seinem Kommilitonen Udo Knapp durch Überbetonung von dessen Mitautorschaft zu einem Doktortitel verholfen zu haben zu haben; er zitiert Zweitgutachter Wolf-Dieter Narr mit der Aussage, er hätte die Arbeit nach seinen wissenschaftlichen Kriterien eigentlich nicht annehmen dürfen.

Im Wintersemester 2012/13 hatte Aly die Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessur am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien inne.Gerhard Lechner, Alexander Dworzak: "Das Gute kann Böses bewirken" In: Wiener Zeitung, 19. Januar 2013 (Interview).

Götz Aly ist verheiratet, hat vier Kinder und wohnt in Berlin.Götz Aly, Chrismon, abgerufen am 17. Februar 2021

Werk NS-Forschung Hauptthema von Alys wissenschaftlicher Arbeit war zunächst die Geschichte des Holocaust, die er weitgehend außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebs erforscht. Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema „Holocaust“ war das bis dahin umfangreichste Ermittlungsverfahren zur Euthanasie während des Dritten Reichs, das 1981 in Hamburg durchgeführt wurde. Aly zieht zur Erklärung des Holocaust weniger das ideologische Moment (Rassenwahn, Antisemitismus) als vielmehr rationale Gründe heran. Hierfür zentral ist das 1991 mit Susanne Heim veröffentlichte Buch Vordenker der Vernichtung, in dem die Autoren pointiert wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Motive in der Genese des Holocaust hervorheben. Um dieses Buch entbrannte eine wissenschaftliche Debatte, die sich insbesondere im von Wolfgang Schneider herausgegebenen Sammelband „Vernichtungspolitik“ (ebenfalls 1991) widerspiegelt. Einige Autoren äußerten sich kritisch zu Alys und Heims Thesen und zu ihrer Methodik, insbesondere Forscher wie Ulrich Herbert oder Norbert Frei.

Mit seinem Werk Endlösung (1995), das den Holocaust in die Umsiedlungspolitik der Nationalsozialisten einordnet und etliche neue Quellen auswertet, stieß Aly hingegen überwiegend auf Akzeptanz, so von Hans Mommsen und Raul Hilberg. Das 2005 erschienene Buch Hitlers Volksstaat löste in Fachkreisen dagegen wieder Kontroversen aus. Aly bezeichnete das NS-Regime als eine „Gefälligkeitsdiktatur“, von der die Deutschen seiner Ansicht nach unmittelbar profitierten und die durch soziale Fürsorge egalitäre Prinzipien zu verwirklichen suchte.

2002 bis 2010 gehörte Aly zu den Initiatoren und Herausgebern der auf 16 Bände angelegten Quellenedition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (VEJ), in der private Stimmen ebenso dokumentiert werden sollen wie auch staatliche und parteidienstliche Stellen sowie Verfolgte oder Augenzeugen. Das Langzeitprojekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 250.000 Euro pro Band finanziert und ist damit zurzeit das aufwendigste geisteswissenschaftliche Projekt der DFG.Bernhard Schulz: Alltag der Entrechtung. In: Der Tagesspiegel, 25. Januar 2008.

Für Widerspruch sorgten Äußerungen Alys während einer Pressekonferenz anlässlich der umstrittenen Berliner Kolonialismus-Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“, die die Leistungen der „Kolonialvölker“ für die Befreiung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg würdigen sollte. Aly kritisierte den in seinen Augen verharmlosenden Umgang der Ausstellungsmacher mit dem Thema der nazifreundlichen Kollaborateure und dass „das "Bild vom edlen Wilden" gepflegt werde“. Mahatma Gandhi sei „einer der größten Freunde“ der Nazis gewesen, die schwarzen Soldaten „unfreiwillige Befreier“. Im Übrigen könne „jedes Dorf in Südwestdeutschland von Vergewaltigungen durch schwarze Soldaten“ berichten, die „nicht anders als die Russen“ gehaust hätten.Alan Posener: Götz Aly platzt im Faschismus-Streit der Kragen. In: Die Welt, 4. September 2009. Die Behauptungen Alys wurden von dem britischen Veteranenvertreter Dennis Goodwin in der Tageszeitung The Daily Telegraph als haltlos zurückgewiesen.David Wroe: Mahatma Gandhi was one of Nazis greatest friends. In: The Daily Telegraph, 4. September 2009 (englisch).