Afrikaans, früher auch Kapholländisch oder Kolonial-Niederländisch genannt, ist eine der elf Amtssprachen in Südafrika und eine anerkannte Minderheitensprache und Lingua franca in Namibia. Es gehört zum westgermanischen Zweig der indogermanischen Sprachen und ist aus dem Neuniederländischen des 17. Jahrhunderts entstanden. Verglichen mit der heutigen niederländischen Standardsprache hat Afrikaans erhebliche morphologische Vereinheitlichungen und Vereinfachungen durchlaufen. Ursprünglich war es die Sprache der Buren, während heute die Mehrheit der Afrikaans-Muttersprachler sogenannte Coloureds sind.
Verbreitung mini|Anteil der Afrikaanssprecher an der Bevölkerung Südafrikas (2011) mini|Geografische Dichte der Afrikaanssprecher in Südafrika. Rot: mehr als 3000 muttersprachliche Sprecher je Quadratkilometer; hellgelb: weniger als drei muttersprachliche Sprecher je Quadratkilometer mini|Anteil der Afrikaans-Muttersprachler an der Bevölkerung Namibias (2023) Afrikaans wird hauptsächlich in Südafrika (17,54 Millionen Sprecher) und Namibia (220.000) gesprochen, außerdem in anderen Staaten des südlichen Afrikas, darunter Sambia (96.000), Eswatini (17.000) und Botswana (8000).Afrikaans. Ethnologue.com. Abgerufen am 27. Juli 2020. Afrikaans ist ebenfalls in klassischen Einwanderstaaten örtlich anzutreffen: In Australien leben nahezu 50.000 Sprecher (Stand 2021),Census of Population and Housing: Cultural diversity data summary, 2021. Australian Bureau of Statistics, 2021. Abgerufen am 11. November 2025., in Neuseeland etwa 28.000 (Stand 2013),Top 25 Languages in New Zealand. Ethnic Communities, 2013. Abgerufen am 11. November 2025. in Kanada etwa 30.000 (Stand 2021),Census Profile, 2021 Census of Population. Statistics Canada, 2021. Abgerufen am 11. November 2025. in den Vereinigten Staaten rund 23.000 Sprecher (Stand 2015), in den Niederlanden 14.300 (Stand 2016) und im Vereinigten Königreich 11.200 (Stand 2011). Zudem finden sich Sprecher in Argentinien.
In Südafrika ist Afrikaans die Muttersprache von etwa 13,5 % aller Einwohner (laut amtlicher Volkszählung von 2011Zusammenfassung der Volkszählung 2011 (englisch; PDF), abgerufen am 14. Dezember 2015) bzw. von 13,78 % der über fünfzehnjährigen Bevölkerung (Stand 2015Institute of Race Relations: South Africa Survey 2017. Johannesburg 2017, S. 74). Damit nimmt Afrikaans hinsichtlich des muttersprachlichen Gebrauchs von den elf offiziellen Landessprachen hinter isiZulu und isiXhosa den dritten Platz ein. Seit den 1980er Jahren gibt es mehr nicht-weiße als weiße Muttersprachler. Von allen Afrikaans-Muttersprachlern in Südafrika sind 50,2 % Coloureds, 39,5 % Weiße, 8,8 % Schwarze, 0,9 % Asiatischstämmige und 0,6 % Sonstige (zur Unterscheidung siehe auch Demografie Südafrikas).
Muttersprachler in Südafrika, Stand 2011 Weiß 2,71 Millionen Coloured 3,44 Millionen Schwarz 0,60 Millionen Inder 0,06 Millionen Sonstige 0,04 Millionen Gesamt 6,86 Millionen
61 % der Weißen und 76 % der Coloureds in Südafrika sprechen Afrikaans als Muttersprache (Stand 2011). Daneben gibt es mehrere Millionen Menschen, die Afrikaans als Zweit- oder Drittsprache beherrschen. Nach dem Community Survey 2007 sowie der Mid-Year Estimation 2007 wurden folgende Schätzungen über die Anzahl der Südafrikaner mit Afrikaans als Zweit- oder Drittsprache angestellt:
Zweitsprachler mit Sprachfähigkeiten von Muttersprachlern in Südafrika Weiß 0,88 Millionen Coloured 0,43 Millionen Schwarz 5,44 Millionen Inder unbekannt Gesamt 6,75 Millionen Zweit- oder Drittsprachler mit sprachlichen Grundkenntnissen in Südafrika Weiß 0,52 Millionen Coloured 0,52 Millionen Schwarz 12–16 Millionen Inder unbekannt Gesamt unbekannt
Weltweit gibt es etwa 16 bis 22 Millionen Menschen, die sich auf Afrikaans verständigen können.
Geschichte Entstehen einer eigenständigen afrikaansen Sprache Im Jahr 1652 wurde Kapstadt im Auftrag der Niederländischen Ostindien-Kompanie gegründet. Die ersten Bewohner der Stadt waren vor allem Beamte und Seefahrer, die nur zeitweise dort lebten und Niederländisch sprachen. Mit der Gründung von Stellenbosch begann 1679 die systematische Besiedlung der Gebiete um Kapstadt durch niederländische Bürger.
Als Erklärung für die Entwicklung und Standardisierung des Afrikaans galt die sogenannte Ostgrenzhypothese des südafrikanischen Linguisten Christo van Rensburg (1938–2018) lange Zeit als wissenschaftlicher Konsens.H. P. Grebe: De taal is gans het volk - taalstandaardisatie en de constructie van identiteit. In: Internationale Neerlandistiek. Jahr 47. Rozenberg Publishers, Amsterdam, 2009, S. 21–34. Nach dieser Hypothese wurde das Ostgrenzafrikaans als eine weitgehend direkte und natürliche Weiterentwicklung der von den Treckburen gesprochenen niederländischen Dialekte (insbesondere holländischer und seeländischer Varietäten) betrachtet, während die beiden anderen Hauptdialekte, das Kap- und das Oranjerivierafrikaans, als stark kreolisiert galten. Dies wurde darauf zurückgeführt, dass in diesen Regionen ein erheblicher Teil der Sprecher das Niederländische nicht als Erstsprache, sondern als Zweitsprache erworben habe. Nach van Rensburg entwickelte sich das Ostgrenzafrikaans um 1775 zu einer stabilen und vergleichsweise homogenen niederländischen Dialektform, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend standardisiert und verschriftlicht worden sei; insbesondere in der Zeit nach 1806–1820, als das europäische Niederländisch zugunsten des Englischen aus seiner Funktion als Amtssprache verdrängt wurde.M. C. J. Van Rensburg: Soorte Afrikaans. In: T. J. R. Botha: Inleiding tot die Afrikaanse Taalkunde. Academica, Pretoria 1989, S. 436–467.
Neuere Forschungen kommen hingegen zu dem Schluss, dass die Entwicklung des Afrikaans wesentlich komplexer verlief, als es die Ostgrenzhypothese nahelegt, der zufolge im Wesentlichen ein lokaler Dialekt die Funktion der ehemaligen niederländischen Hochsprache übernahm.A. Deumert: Language standardization and language change: the dynamics of Cape Dutch. Benjamins Publishing, Amsterdam, 2004, S. 64–78. Stattdessen hätte sich das Afrikaans deutlich langsamer entwickelt, als ursprünglich angenommen wurde. Bis ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert bestand in Südafrika ein sehr breites Spektrum unterschiedlicher Sprachformen, das von Gemeinschaften reichte, die faktisch ein Standardniederländisch in der Schule lernten und im Alltag verwendeten, bis hin zu Gemeinschaften, für die das Niederländische bzw. Afrikaans eine Zweit- oder sogar Drittsprache darstellte. Alle diese Sprachgemeinschaften standen in außerordentlich komplexen Beziehungen zueinander, und der Gebrauch der jeweiligen Sprachvarietäten war nicht nur vom jeweiligen sprachlichen Bereich (formal bzw. informell) abhängig, sondern wurde zugleich durch soziale Faktoren wie soziale Klasse, Ethnizität und rassische Zuschreibungen bestimmt.
Im späten 18. Jahrhundert entstand eine Schreibtradition, die durch die Verwendung besonders auffälliger Merkmale des äußerst heterogenen südafrikanischen Vernakulären gekennzeichnet war. Die früheste (1795) gezielte Imitation der Umgangssprache findet sich in dem anonymen Gedicht Lied ter eere van de Swellendamsche en diverse andere helden bij de bloedige actie aan Muizenberg. („Lied zu Ehren der Helden von Swellendam und verschiedener anderer Helden bei der blutigen Schlacht von Muizenberg.“), in dem die Bewohner von Swellendam verspottet werden. In der Folge entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine ausgeprägte Dialekttradition, in deren Rahmen die Texte zunehmend mit stereotypen Merkmalen der als ungeschliffen wahrgenommenen Nichtstandardsprache durchsetzt wurden. Der damit verbundene Gestaltungswille wurde dabei zunehmend bewusster und stand in engem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen, in deren Zuge die Buren ihre Identität immer bewusster markierten, indem sie sich sowohl gegenüber den Briten als auch gegenüber den niederländischsprachigen Stadtbewohnern Kapstadts abgrenzten.
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert beschleunigte sich die Kodifizierung und Institutionalisierung des Afrikaans erheblich. 1875 wurde die Genootskap van Regte Afrikaners gegründet, mit dem expliziten Ziel das gesprochene Afrikaans auch als Schriftsprache zu etablieren. Die im Jahr 1891 von dem niederländischen Sprachwissenschaftler Roeland Kollewijn propagierte Rechtschreibreform mit dem Schwerpunkt auf phonetischer Rechtschreibung wurde in den Niederlanden und Belgien meistens als „zu modernistisch“ oder „entwürdigend“ empfunden.R. A. Kollewijn: Onze lastige spelling. Een voorstel tot vereenvoudiging. In: Vragen van den dag : maandschrift voor Nederland en koloniën, Band 6 (1891), S. 577–596. In Südafrika wurde Kollewijns Vereenvoudigde Nederlandse spelling (deutsch: vereinfachte niederländische Rechtschreibung) hingegen 1905 als offizielle Rechtschreibung der niederländischen Sprache eingeführt und diente danach als Grundlage der Rechtschreibung des Afrikaans.J. Noordegraaf: Van Kaapsch-Hollandsch naar Afrikaans. Visies op verandering. In: S. Daalder, Th. Janssen, J. Noordegraaf (red.): Taal in verandering. Artikelen aangeboden aan Arjan van Leuvensteijn bij zijn afscheid van de opleiding Nederlandse Taal en Cultuur aan de Vrije Universiteit Amsterdam. Stichting Neerlandistiek VU, Amsterdam / Münster 2004, S. 169–184.
Sprachkontakte mit anderen südafrikanischen Sprachen Bis 1714 erhielten die sogenannten Treckburen pachtfreies Weideland an den Grenzen der Kapkolonie, was eine schnelle Ausbreitung des Niederländischen ins Landesinnere ermöglichte. Zu dieser Zeit bestand ein enger Sprachkontakt der Siedler mit dem Volk der Nama. Die Pockenepidemie von 1713 hatte zur Folge, dass sich viele Nama bei den Niederländern verdingten und schließlich in deren Sprachgruppe aufgingen.Mesthrie: 3 Der Kontakt mit den Nama trug Anfang des 18. Jahrhunderts zum Beginn des Flexionsabbaus der niederländischen Sprache in Südafrika und dem Entstehen des Afrikaans als eigenständige Sprache bei.
Einfluss auf die Entwicklung des Niederländischen hin zum Afrikaans hatte zudem der am Ende des 17. Jahrhunderts einsetzende und im gesamten 18. Jahrhundert anhaltende Import von Versklavten aus Südostasien, die Malaiisch oder Kreolportugiesisch sprachen. Das von dieser Bevölkerungsgruppe unvollständig erlernte Niederländisch hatte ebenfalls Einfluss auf den Flexionsabbau und die Vereinfachung der Grammatik des südafrikanischen Niederländisch.
Konkurrenz des Afrikaans mit Englisch und Niederländisch, Ausbau des Afrikaans zur Staatssprache mini|Zweisprachiges Hinweisschild (Afrikaans/Englisch) am Blyde River Canyon mini|hochkant|Zweisprachiges Parkverbotsschild (Englisch/Afrikaans) in Kapstadt mini|hochkant|Das Afrikaanse Taalmonument, Sprachdenkmal bei Paarl, Provinz Westkap
1806 ging die Kapkolonie in britischen Besitz über. Fortan stand Afrikaans in ständiger Konkurrenz zum Englischen, das durch die Ansiedlung einer britischen Führungsschicht in Südafrika ein höheres Prestige errang. Der Kontakt mit dem Englischen bewirkte zahlreiche Entlehnungen in verschiedenen Bereichen des Wortschatzes.
1875 gründete sich in Paarl die Genootskap van Regte Afrikaners, eine Vereinigung, die auf die Anerkennung des Afrikaans als eigenständige Sprache hinarbeitete, um es aus der dialektalen Abhängigkeit vom Niederländischen zu lösen. Der Verein gab von 1876 an die erste afrikaanssprachige Zeitschrift heraus, Die Afrikaanse Patriot. Der vom Niederländischen unabhängige Wortschatz des Afrikaans hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits stark vergrößert, und die ersten Bücher auf Afrikaans, darunter Grammatiken und Wörterbücher, erschienen.