Bei den III. Olympischen Winterspielen 1932 in Lake Placid fanden vier Wettbewerbe im Eisschnelllauf statt. Austragungsort war das Olympic Stadium mit einer Natureisbahn.

In der olympischen Geschichte waren die Eisschnelllaufwettbewerbe von 1932 die einzigen, die komplett im Massenstart ausgetragen wurden. Bei dem als amerikanische Eigenheit geltenden Modus sahen sich die bis dahin führenden Europäer benachteiligt und reisten teilweise erst gar nicht an. Tatsächlich entschieden US-amerikanische Athleten alle vier Wettbewerbe für sich; insgesamt gewannen US-Amerikaner und Kanadier zehn von zwölf olympischen Medaillen. Erfolgreichste Teilnehmer waren Jack Shea und Irving Jaffee, die jeweils in zwei Rennen siegten.

Neben den Männerwettbewerben stand in Lake Placid erstmals auch der Eisschnelllauf der Frauen als Demonstrationswettbewerb auf dem Programm, in dem keine olympischen Medaillen vergeben wurden. Das Starterfeld war noch sehr klein, es nahmen nur zehn Athletinnen aus zwei Ländern teil. Als offizieller olympischer Wettbewerb wurde der Eisschnelllauf der Frauen erst bei den Olympischen Winterspielen von 1960 ins Programm aufgenommen.

Überblick Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 4 1 – 5 2 – 2 – 2 3 – 1 4 5

Medaillengewinner Konkurrenz Gold Silber Bronze 500 m Jack Shea Bernt Evensen Alexander Hurd 1500 m Jack Shea Alexander Hurd Willy Logan 5000 m Irving Jaffee Eddie Murphy Willy Logan 10.000 m Irving Jaffee Ivar Ballangrud Frank Stack

Vorbereitung Einordnung mini|Clas Thunberg bei den Olympischen Winterspielen 1924 Eisschnelllauf war seit den ersten Winterspielen von 1924 Teil des olympischen Programms, wozu ausschließlich die Männerwettkämpfe über vier verschiedene Distanzen (500 Meter, 1500 Meter, 5000 Meter und 10.000 Meter) zählten. Bei den bisherigen beiden Austragungen hatte jeweils der Finne Clas Thunberg am erfolgreichsten abgeschnitten, der insgesamt fünf olympische Goldmedaillen gesammelt hatte. Thunberg war zudem amtierender Mehrkampfweltmeister: 1931 hatte er in seiner Heimatstadt Helsinki den Titel mit zwei Streckensiegen über 500 Meter und 1500 Meter geholt. Die Silber- und die Bronzemedaille waren dabei an die Norweger Bernt Evensen und Ivar Ballangrud gegangen, die beide 1928 schon Olympiasieger geworden waren. Zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele 1932 war Thunberg 38 Jahre alt, Ballangrud und Berntsen mehr als zehn Jahre jünger.

Im Mai 1931 beschloss der Weltverband der Eisschnellläufer, die Internationale Eislaufunion (International Skating Union; ISU), dass die Wettkämpfe bei den Olympischen Winterspielen von Lake Placid nach den Regeln des US-amerikanischen Verbandes – der Amateur Skating Union of the United States – auszutragen seien. Das bedeutete, dass die Entscheidung nicht wie in Europa verbreitet (und wie sonst bei ISU-Wettbewerben) im paarweisen Lauf fiel, sondern im Massenstart (pack-style): Zunächst wurde das Starterfeld in Vorläufe aufgeteilt, die schnellsten Läufer eines jeden Vorlaufs qualifizierten sich für das Finale. Auch dort galt die Regel, dass der erste Athlet im Ziel gewonnen hatte. An die Stelle des reinen Laufens auf Zeit in festgelegten Bahnen trat somit ein Wettbewerb mit einem taktischen Element, der sich deutlich vom konventionellen Eisschnelllauf europäischer Art unterschied. Unter anderem kam es in Massenstarts vor, dass Sportler sich schubsten, mit dem Ellbogen drängten oder anderweitig behinderten. Die Veranstalter unterbanden ein solches Verhalten trotz entsprechender Regeln nur selten.Ture Widlund: Olympic Speed Skating Lake Placid 1932. In: International Society of Olympic Historians (Hrsg.): Journal of Olympic History. Heft 11/1, Januar 2003, S. 44–54. Den Antrag auf die Einführung des Massenstarts hatte Godfrey Dewey, der Präsident des Organisationskomitees der Spiele, gestellt. Die Begründung der Organisatoren war, dass der direkte Kampf der Athleten untereinander die Rennen deutlich attraktiver machen würde als der konventionelle Modus.Organization Following the Award of the Games to Lake Placid (S. 68). In: Official Record of the Winter Games of the III Olympiad Lake Placid, 1932. Abgerufen am 12. April 2020.

Eine weitere Entscheidung des ISU-Kongresses vom Mai 1931 war die erstmalige Anerkennung von Frauenweltrekorden, die alle von der Polin Zofia Nehringowa gehalten wurden.Volker Kluge: Olympische Winterspiele – Die Chronik. Sportverlag, Berlin 1999, S. 109. Auch wenn es bis dahin keine Welt- oder Europameisterschaften für Frauen gegeben hatte, entschieden sich die Veranstalter von Lake Placid, Frauenrennen als Demonstrationswettbewerbe in das olympische Programm für 1932 aufzunehmen. Anders als bei den Männern fanden für Frauen nur Wettbewerbe über drei Distanzen statt (500 Meter, 1000 Meter und 1500 Meter) und es wurden keine olympischen Medaillen vergeben.

Organisation Innerhalb der Vereinigten Staaten war das im Norden des Bundesstaates New York gelegene Lake Placid ein Zentrum des Eislaufs. 1918 hatten auf dem gefrorenen ortsnahen Mirror Lake die Eastern Skating Championships stattgefunden, in den 1920ern Wettkämpfe unter Beteiligung der Olympiasieger Clas Thunberg und Charles Jewtraw. Die Lake Placid Skating Association war als erster Wintersportverein des Ortes gegründet worden und 1926/27 in den breiter gefassten Lake Placid Athletic Club übergegangen. Im offiziellen Bericht der Olympischen Spiele hoben die Veranstalter hervor, der Eisschnelllauf sei in Lake Placid als „eine der beliebtesten Wintersportarten“ etabliert und betonten die Erfahrung des Ortes in Bezug auf die Sportart.History of Winter Sports at Lake Placid (S. 38). In: Official Record of the Winter Games of the III Olympiad Lake Placid, 1932. Abgerufen am 12. April 2020. “Today speed-skating is firmly establisht as one of the favorite winter sports in Lake Placid.”

Nach der Olympiavergabe an Lake Placid wurde 1930/31 ein Stadion gebaut, dessen Laufbahn im Winter geflutet und vereist wurde, sodass eine 400-Meter-Natureisbahn entstand. Die Tribünen des Stadions, das auch für die Eröffnungs- und Schlussfeier der Spiele verwendet wurde, fassten knapp 7500 Zuschauerplätze.Volker Kluge: Olympische Winterspiele – Die Chronik. Sportverlag, Berlin 1999, S. 97. Im Winter 1931 fanden im (noch nicht vollendeten) Stadion die nordamerikanischen Meisterschaften im Eisschnelllauf statt, ebenso Vorentscheidungsrennen für das US-amerikanische Olympiateam. Ergänzend zum Stadion und zur Eisfläche auf dem Mirror Lake konnten die Eisschnellläufer auch die Olympic Arena für ihr Training nutzen. Die überdachte Arena war für das Finale des Eishockeyturniers sowie für den Eiskunstlauf vorgesehen.Organization Following the Award of the Games to Lake Placid (S. 72). In: Official Record of the Winter Games of the III Olympiad Lake Placid, 1932. Abgerufen am 12. April 2020.

Der schwedische Journalist Sven Lindhagen, der für das Idrottsbladet schrieb und gleichzeitig auch stellvertretender Leiter des schwedischen Skiteams in Lake Placid war, kritisierte die Organisation der Wettbewerbe scharf als „improvisiert“: Unter anderem habe es zu wenig Offizielle und Zeitnehmer gegeben; zudem seien die Rennergebnisse schlecht kommuniziert worden.Ture Widlund: Olympic Speed Skating Lake Placid 1932. In: International Society of Olympic Historians (Hrsg.): Journal of Olympic History. Heft 11/1, Januar 2003, S. 45f. Die Leitung der Wettkämpfe hatte Joseph Savage, der Präsident der Amateur Skating Union of the United States, inne. Der offizielle Bericht führte dreizehn Männer als Schiedsrichter, von denen zehn aus den Vereinigten Staaten stammten, zwei aus Kanada und einer aus Norwegen.

Wettkämpfe Teilnehmer mini|Das norwegische Team: Bernt Evensen, Håkon Pedersen, Erling Lindboe, Michael Staksrud, Ivar Ballangrud, Hans Engnestangen (v. l. n. r.) Bei seiner Teilnahme an mehreren Wettkämpfen in Nordamerika hatte Clas Thunberg 1925 die Erfahrung gemacht, dass in Massenstartrennen nicht die schnellsten, sondern die taktisch geschicktesten Läufer die vorderen Plätze belegten und es Vorteile bringe, als Team zu arbeiten. In seiner 1964 erschienenen Autobiographie gab der Finne an, er habe daher den Leiter des norwegischen Eislaufverbandes Gerhard Karlsen kontaktiert: Finnen und Norweger sollten eine „europäische Gruppe“ (im Original: „en europeisk grupp“) bilden, sich gegen die von ihm befürchteten „Tricks“ (im Original: „knep“) der US-Amerikaner auf gleiche Weise wehren und so für Siege Bernt Evensens auf der 500-Meter- und der 1500-Meter-Strecke sorgen. Im Gegenzug forderte Thunberg selbst die norwegische Hilfe für die beiden Langdistanzen ein, wo er weitere Goldmedaillen sammeln wollte. Die Norweger zeigten sich jedoch nicht an einem Bündnis interessiert.Clas Thunberg: Isen var mitt liv. Söderström & Co., Borgå 1964, S. 144. In einem anderen Buch gibt Thunberg an, er habe sich direkt an Ballangrud und Staksrud gewandt, mit dem gleichen Ergebnis: Sie hätten sich selbstsicher präsentiert und gemeint, nicht auf seine Hilfe angewiesen zu sein. (Clas Thunberg: Alene mot hele Norge. Ekko Forlag, Oslo 1947, S. 105.) Die Überzeugung, dass ohne Kooperation ein Sieg nicht möglich sei, – gepaart mit ohnehin vorhandenen Geldproblemen als Folge der Weltwirtschaftskrise – bewegte Thunberg zur Absage seiner Olympiateilnahme.Clas Thunberg: Isen var mitt liv. Söderström & Co., Borgå 1964, S. 145f. Auch die Vertreter anderer europäischer Länder verzichteten auf die Reise nach Lake Placid: Vier Jahre zuvor waren in St. Moritz 40 Sportler aus 14 Nationen an den Start der Eisschnelllaufwettbewerbe gegangen, 1932 standen lediglich 32 Sportler aus 6 Nationen in den Aufgeboten für die Veranstaltungen. Der Schwede Carl Lindberg (Eisschnellläufer) und der Finne Ossi Blomqvist waren dabei die einzigen Eisschnellläufer in den olympischen Teams ihrer Länder.

Jede Nation konnte pro Wettkampf acht Sportler nominieren, von denen aber nur vier auch tatsächlich in den Vorläufen an den Start gehen durften.Speed-skating (S. 208). In: Official Record of the Winter Games of the III Olympiad Lake Placid, 1932. Abgerufen am 12. April 2020. Die Norweger waren die einzigen Europäer, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machten und mit sechs Athleten in Mannschaftsstärke an den olympischen Eisschnelllaufwettkämpfen teilnahmen. Ivar Ballangrud erklärte später seine Befürwortung einer Teilnahme trotz der Ablehnung des Formats damit, dass nach den olympischen Wettkämpfen auch die Weltmeisterschaft in Lake Placid angesetzt war – diese dann aber im europäischen Paarlauf-Stil.Ivar Ballangrud: Veien opp til gullstolen. Aschehoug, Oslo 1949, S. 63. Die größten Aufgebote stellten die US-Amerikaner (13 EisschnellläuferAus dem 13-köpfigen Team nahm Milford Deitz als einziger an keinem einzigen Wettbewerb teil. Daher gibt sports-reference etwa die Größe des US-Teams mit zwölf Sportlern an.) und die Kanadier (7). Das US-Team umfasste alle vier Athleten, die 1928 angetreten waren. Dazu zählte auch Irving Jaffee, der in St. Moritz den 10.000-Meter-Lauf angeführt hatte, als dieser wegen Tauwetter frühzeitig abgebrochen werden musste. Neu hinzugestoßen war hingegen der aus Lake Placid stammende Jack Shea, der bei der Eröffnungsfeier den olympischen Eid gesprochen hatte.Volker Kluge: Olympische Winterspiele – Die Chronik. Sportverlag, Berlin 1999, S. 106. Zudem traten vier japanische Eisschnellläufer an, die erstmals bei Olympia an den Start gingen, auf allen vier Strecken bereits in den Vorläufen ausschieden und somit kein Top-6-Ergebnis einfuhren.