Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten ist ein 2009 auf Deutsch erschienenes erzählerisches Werk von Daniel Kehlmann. Die neun lose miteinander verbundenen Geschichten des Romans kreisen um Fragen der Kommunikation mit Mobiltelefon, Computer und Internet. Ihre Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, verändern oder vertauschen ihre Identität, werden vergessen. Der im Titel angesprochene Ruhm zieht sich als Leitmotiv durch die meisten Kurzgeschichten des Romans.
Inhalt Der Roman besteht aus neun einzelnen Geschichten über virtuelle und reale Welten, die mehr oder weniger offensichtlich miteinander verbunden bzw. ineinander verflochten sind.
StimmenDer Techniker Ebling legt sich ein Mobiltelefon zu. Er bekommt aber die noch aktive Nummer eines anderen Teilnehmers namens Ralf zugewiesen. Die nicht für ihn bestimmten Anrufe verführen ihn dazu, in die Rolle des anderen zu schlüpfen. Er verabredet sich mit den anrufenden Frauen, traut sich jedoch nicht, diese persönlich zu treffen. Außerdem versucht er sich ins Geschäftsleben des Fremden einzubringen und findet Gefallen an diesem Spiel. Ebling mutmaßt, bei Ralf könne es sich um den prominenten Schauspieler Ralf Tanner handeln. In GefahrDer überängstliche Schriftsteller Leo Richter fliegt mit seiner Freundin Elisabeth, einer Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen, auf eine Vortragsreise nach Lateinamerika. Während er sich dauernd über Kleinigkeiten und das immergleiche Prozedere der Lesungen und Empfänge sowie die stupiden Fragen der Gäste beklagt, fürchtet sie um das Leben dreier in Afrika entführter Arbeitskollegen und versucht, telefonisch mit einem Kontaktmann vor Ort in Verbindung zu treten. Leo wird dabei als Autor der Figur Lara Gaspard und der folgenden Geschichte eingeführt. Rosalie geht sterbenAuf der Reise zu einem Verein für Sterbehilfe in der Schweiz versucht die krebskranke Rosalie den Autor ihrer Geschichte (also Leo Richter) davon zu überzeugen, die Handlung zu verändern und sie am Leben zu lassen. Die immer wieder auftauchenden Hindernisse auf dieser Reise – der Flug nach Zürich wird nach Basel umgeleitet, die nachfolgende Zugfahrt endet wegen eines Schienensuizids in der Einöde – lassen den Leser glauben, dass sich ihr Schicksal doch noch zum Guten wendet. Leo lässt sich letztendlich davon überzeugen, verwandelt sie in ihr jüngeres Ich und lässt sie leben. Allerdings löst sich Rosalies Dasein ins Nichts auf, als der Autor die Geschichte beendet. Der AuswegZu einem Wettbewerb erscheint der berühmte Schauspieler Ralf Tanner als Imitator seiner selbst, erreicht dort jedoch nur den zweiten Platz, lernt aber eine Frau kennen. Durch den Eintritt in ein anderes Leben, also das Leben eines Imitators, entkommt er dem Rummel um seine Person und genießt das Leben als normaler Bürger unter dem Alias Matthias Wagner. Seinen Platz im alten Leben nimmt unterdessen ein anderer ein. Auch seine Anrufe erhält ein anderer. Im Zusammenhang mit der ersten Geschichte lässt sich schließen: der Techniker Ebling. OstenDie Schriftstellerin Maria Rubinstein begibt sich als Ersatz für den eigentlich eingeladenen Leo Richter auf eine Pressereise nach Zentralasien (Laut Leo wahrscheinlich Usbekistan oder Turkmenistan, vergleiche Teil 2 „In Gefahr“). Durch eine Verkettung eigenartiger Zufälle wird sie von der Reisegruppe vergessen und verliert sich ohne Geld, Handy und Sprachkenntnisse im fremden Land. Sie findet schließlich Unterschlupf bei einer alten Bäuerin auf dem Land, bleibt aber für die Außenwelt verschollen. Antwort an die ÄbtissinDer durch seine esoterischen Lebenshilfebücher weltweit bekannte Erfolgsautor Miguel Auristos Blancos – seine Bücher kommen in fast allen Geschichten vor – schreibt einen Brief an eine hilfesuchende Äbtissin zum Problem der Theodizee. Darin bricht er radikal mit allen seinen optimistischen Thesen zu Gott und der Welt. Um diesen Bruch zu signalisieren, erwägt er, sich umzubringen. Ob er es tut, bleibt offen. Ein Beitrag zur DebatteDer internetsüchtige Mollwitz, Mitarbeiter einer Mobilfunkgesellschaft, wird von seinem Chef zu einem Kongress geschickt, um einen Vortrag zu halten. Er trifft dort den Schriftsteller Leo Richter, den er aufgrund der Schaffung seiner Figur „Lara Gaspard“ verehrt. Mollwitz sucht den Kontakt zu Richter, weil er hofft, von diesem als Figur in einer seiner Geschichten erwähnt zu werden. Richter weicht Mollwitz jedoch aus. Dieser wird überdies durch die misslungene Präsentation zum Gespött des Kongresses. Nachdem Mollwitz schließlich in das Zimmer, dessen Nummer er von Richter aufgeschnappt hatte, eingedrungen ist, nach Hinweisen durchsucht und dabei völlig verwüstet hat, stellt sich zudem noch heraus, dass Richter zu diesem Zeitpunkt längst abgereist und Mollwitz somit einem Fremden Schaden zugefügt hat. Wie ich log und starbDer Abteilungsleiter einer großen Mobiltelefongesellschaft bei Hannover führt ein Doppelleben mit Ehefrau Hannah, die mit ihren Kindern in Süddeutschland lebt, und Freundin Luzia, die schließlich von ihm schwanger wird. In dieser Zeit geschehen aufgrund seiner Nachlässigkeit versehentlich Doppelvergaben von Mobiltelefonnummern. Wegen der verzwickten Verhältnisse in seinem Leben überlässt er eine wichtige Präsentation dem unfähigen Mollwitz – welche gründlich misslingt (vergleiche „Ein Beitrag zur Debatte“). Zudem versäumt es Mollwitz, das dringende Anliegen weiter zu bearbeiten, weil er stattdessen seine Erlebnisse in einen Forenbeitrag niederschreibt. Wie bereits am Anfang der Geschichte deutlich wird, verliert der Abteilungsleiter in Folge der Ereignisse seine Stelle. In GefahrDie Geschichte trägt den gleichen Titel wie die zweite. Die beiden Hauptpersonen – Leo und seine Freundin Elisabeth – treten wieder auf, diesmal in der Geschichte des Autors Leo Richter, der sich zu einem mutigen Begleiter seiner Freundin bei einem humanitären Einsatz im afrikanischen Kriegsgebiet gewandelt hat. Als sie vor Ort in einer der Helferinnen die Mitarbeiterin eines deutschen Kulturinstituts von der Lesereise durch Mittelamerika wiedererkennt und schließlich auf Lara Gaspard persönlich trifft, erkennt Elisabeth, dass ihr genau das passiert ist, was sie immer befürchtete: als Figur in einer Geschichte ihres Freundes Leo genutzt zu werden.
Figuren Ebling: Er ist ein Computertechniker, dessen einziger Lichtblick im Leben die unerklärlichen Spinnereien eines Computers sind. Doch mit der Anschaffung eines neuen, von ihm lange abgelehnten Handys hat Ebling eine neue interessante Tätigkeit. Er wird zu einer fremden Person, deren Nummer er irrtümlich bekommen hat. Er flüchtet sich förmlich ins Leben eines Fremden und genießt die neu erworbene Macht über einen Anderen.
Leo Richter: Er ist Schriftsteller, sehr eitel, neurotisch und hasst die Frage, wo er denn „auf diese genialen Ideen komme“, da er nicht zugeben will, dass er alle Menschen um sich herum in die Geschichten rund um seine Protagonistin Lara Gaspard steckt. Er ist der Autor der dritten Geschichte.
Elisabeth: Die Freundin von Leo Richter war lange Zeit in Kriegsgebieten als freiwillige Helferin unterwegs, wodurch sie tiefe psychische Wunden hat, welche sie vehement zu unterdrücken versucht. Sie will daher nicht, dass Leo Richter sie in einem seiner Romane verwendet, da sie fürchtet, so wieder damit konfrontiert zu werden.
Rosalie: Sie ist eine alte Frau, welche beschließt, Sterbehilfe in der Schweiz anzunehmen, da sie unheilbaren Krebs hat. Doch während ihrer Reise bemerkt sie, dass sie fürs Sterben noch nicht bereit ist, will sich dies aber nicht eingestehen. Nun direkt mit dem Tod konfrontiert, fängt sie an, den Autor der Geschichte anzuflehen. Die Bitte, eine zweite Chance zu leben zu bekommen, wird ihr gewährt.
Lara Gaspard: Sie ist die Hauptfigur mehrerer Erzählungen Leo Richters; in der Erzählung über Rosalie tritt sie als deren Nichte in Erscheinung. Elisabeth ähnelt ihr, was das Alter und Aussehen, aber auch den Beruf (Ärztin) angeht. In der letzten Geschichte begegnen sich Elisabeth und Lara als Figuren in einer Geschichte.
Ralf Tanner: Er ist ein berühmter Schauspieler, welcher jedoch in diesem Dasein keinen Reiz mehr sieht. Deshalb versucht er sich selbst zu entdecken, indem er bei einer Show eine Imitation seiner selbst mimt. So baut er sich ein Zweitleben auf und findet darin einen neuen Lebenssinn. Doch sein erstes Leben, in dem jemand anderer sich als er selbst ausgibt, gleitet ihm dabei aus den Händen.
Maria Rubinstein: Die auf Krimis spezialisierte Schriftstellerin Maria Rubinstein verlangt nicht viel vom Leben, jedoch mehr, als ihr im mittleren Asien geboten wird. Trostlos wirkt alles auf sie und (wie so vieles in diesem Buch) surreal. Doch als sie von ihrer Gruppe getrennt wird, verliert sie die Kontrolle über alles, wodurch sie nun erkennt, wie selbstverständlich das früher für sie war. Sie verkörpert hier wie Rosalie nun die Verzweiflung – mit der Ausnahme, dass sie nicht mit ihrem Autor sprechen kann.
Auristos Blancos: Er erscheint in fast allen Geschichten durch die häufige Erwähnung seiner Romane als eine Art übergeordnete Autorität. Dies ist jedoch nur Fassade, denn er leidet an schweren Depressionen, weshalb er sich auch umbringen will. Seine Frau, eine entfernte Verwandte von Ebling, verweigert ihm den Zugang zu seinen Kindern. Seine Romane dagegen sind geprägt von Optimismus, der seinen Lesern als Lebenshilfe dienen soll. Kurz vor Ende seiner Geschichte verfasst er einen Brief an eine Äbtissin, in dem er pessimistisch alle seine Thesen widerruft. Es wird jedoch nicht klar, ob er sich letztendlich erschießt.
Mollwitz: Er beschreibt sich selbst als groß und „vollschlank“ (Euphemismus für „dick“), ist ungeschickt und faul und schreibt in Internetforen über Klatsch und Tratsch (auch über die Ereignisse rund um Ralf Tanner), um sich so in eine andere Welt zu flüchten. Um seiner Unterlegenheit gegenüber anderen auszuweichen, verhält er sich ihnen gegenüber sehr grob und schiebt all seine Probleme auf sie. In der Begegnung mit Leo Richter auf einem Kongress sieht er nun eine Möglichkeit, seinem Leben etwas Gutes beizufügen. Er versucht sich Richter aufzudrängen, um in einem Roman mit dessen Figur Lara Gaspard aufzutauchen und so seiner „Liebe“ nahe zu sein. Als Richter aber vom Kongress abreist, ohne sich eingehend mit ihm unterhalten zu haben, zerbricht er an der endgültigen Erkenntnis, dass er bedeutungslos und sein Leben enttäuschend ist.
Abteilungsleiter: Er arbeitet bei einem Mobiltelefonanbieter und ist der Vorgesetzte von Mollwitz. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, wohnt unter der Woche aber aufgrund seiner Arbeit nicht bei seiner Familie. Eines Tages lernt er eine andere Frau kennen, mit der er eine Beziehung eingeht. Von diesem Zeitpunkt an ist er stets bemüht, beide Beziehungen zu führen, ohne dass die Partnerinnen voneinander erfahren.
Deutung Fiktionsebenen und Deutungsansatz Die Geschichten spielen auf unterschiedlichen Fiktionsebenen, sodass gleich mehrere Metalepsen geschehen: Die primäre Ebene bilden die Geschichten des Autors Kehlmann, eine sekundäre Ebene bilden die beiden Geschichten, als deren Urheber explizit Leo Richter – also eine Figur Kehlmanns – genannt wird (Rosalie geht sterben, In Gefahr (2)). Etliche Handlungsstränge und Figuren verletzen die logische Grenze dieser Ebenen. Dazu gehören etwa das Gespräch Rosalies mit ihrem Autor, die gesamte Komposition von In Gefahr (2) mit realen und virtuellen Personen, der Wunsch von Personen oder ihre Angst davor, in den Geschichten Leo Richters vorzukommen, oder die fiktive Figur der Lara Gaspard, die für Mollwitz in Ein Beitrag zur Debatte fast real wird.