mini|Martin Robbe
Martin Robbe (geb. Kettler; auch Martin Robben; * 22. September 1932 in Auerbach bei BensheimVademekum der Geschichtswissenschaften. F. Steiner, Stuttgart 2000, S. 530.; † 23. Oktober 2013 in Berlin) war ein deutscher Historiker und Orientalist, spezialisiert auf Entwicklungsländer und insbesondere den Nahen Osten.
Leben Martin Robbe war der Sohn der Sprachwissenschaftlerin Gertrud Pätsch, geborene Kettler, mit der er 1948 aus Münster in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) übersiedelte.Im Dezember 1948 siedelten Gertrud Pätsch, Karl Kettler, Mathilde Kettler, Martin Robbe, Julius Pätsch und Ferdinand Hestermann gemeinsam aus der Britischen Besatzungszone in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) über.Alexander Heinich: „Der Westfale“ – eine Druckerei und ein Verlag in Münster mit einer gleichnamigen Zeitung (von 1894 bis 1916). In: Torhaus Aktuell – Zeitschrift des Stadtheimatbundes Münster e.V. und seiner 37 Mitgliedsvereine. Nr. 1/2025, September 2025, Münster, Seite 58–60. Er kam unehelich als Martin Kettler zur Welt, die Identität seines Vaters ist unbekannt. Er wuchs bis 1940 bei Pflegeeltern in Frankfurt am Main und Gronau (Bad Vilbel) auf. 1939 wurde er durch die Eheschließung seiner Mutter mit dem Kaufmann Heinrich Robbe(n) legitimiert und erhielt den Namen Robbe(n). 1948 wurde der KPD-Funktionär Julius Pätsch sein Stiefvater. Karl Kettler, Direktor der Firma „Der Westfale“, Verlag und Druckerei, war sein Großvater.
Er besuchte unter anderem das Gymnasium Paulinum in Münster. 1940 wurde er für den Besuch einer Adolf-Hitler-Schule bestimmt, seine Mutter lehnte es ab. 1948 trat er als Schüler in Münster in die FDJ und in die KPD ein. 1950 legte er das Abitur an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ab. Dort war er für die SED Vorsitzender des Fakultätsrates.
Ab 1950 studierte Robbe zunächst zwei Semester Geschichte an der Universität Jena und wechselte dann an die Humboldt-Universität zu Berlin, wo er mit dem Studium der Philosophie begann. Er hörte Vorlesungen und besuchte Seminare unter anderem bei Walter Hollitscher – bei dem er Hilfsassistent im Bereich der formalen Logik war –, Wolfgang Harich, Kurt Hager, Karl Schröter, Hermann Scheler, Robert Naumann und Wolfgang Heise.Kai Hafez: Orientwissenschaften in der DDR: zwischen Dogma und Anpassung, 1969–1989. Schriften des Deutschen Orientinstituts, Hamburg 1995. 1955 legte er das Staatsexamen mit einer Arbeit über den „idealistischen Charakter der Geschichtsphilosophie Heinz Heimsoeths und ihre profaschistische Tendenz“ ab.Der idealistische Charakter der Geschichtsphilosophie H. Heimsoeths und ihre profaschistische Tendenz. Staatsexamensarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin, 1955, 149 Seiten.
Während des Studiums war er in Jena für die Agitprop-Arbeit innerhalb der SED-Universitätsparteiorganisation zuständig und leitete in Berlin die Propagandakommission der Universitätsparteileitung. Zudem wurde er an der Abend-Universität des Marxismus-Leninismus der SED-Bezirksleitung Groß-Berlin als Lehrer für Philosophie und Politische Ökonomie eingesetzt.
Nach dem Diplom wollte Robbe Philosophie und Religionsgeschichte betreiben, musste aber ins Lehrfach für Grundlagen des Marxismus-Leninismus und wurde als Assistent an die Hochschule für Ökonomie Berlin geschickt. Dort hielt er Seminare und Vorlesungen über dialektischen und historischen Materialismus für Fernstudenten und arbeitete zum gleichen Themenkreis Studienanleitungen und Lehrbriefe aus. Daneben hielt er fakultative Vorlesungen für Studenten des Direktstudiums.Mythos, Religion und Gesellschaft: Eine Kritik der Remythisierung der bürgerlichen Religionswissenschaft und -theorie in der Epoche des Untergangs des Kapitalismus und des Aufstiegs des Sozialismus. Dissertation, HU Berlin, 1963. Nach Konflikten wurde ihm die Ausübung der Lehrtätigkeit im Direktstudium, dann auch im Fernstudium, verboten, und er musste für ein Jahr in die Produktion (Produktionsbewährung), zuerst in die Stickstoffwerke Piesteritz und dann ins Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf.
Danach wollte er zurück zur Philosophie und Wolfgang Heise war bereit, ihn als Aspiranten anzunehmen, jedoch gab die Hochschule für Ökonomie dazu nicht das nötige Einverständnis. . Heinrich Junker, ein Iranist und parteiloser Professor, der sich an solche Vorgaben der SED-Parteiorganisation der Hochschule nicht zu halten brauchte, nahm ihn zu sich. Robbe wandte sich den Themen Islam und Naher Osten zu. Zwischenzeitlich sollte er für ein Jahr in den Iran oder zur Aspirantur nach Moskau gehen, doch beides zerschlug sich. Er war von 1959 bis 1962 Aspirant an der Humboldt-Universität. Neben der Arbeit an seiner Dissertation über die Theorie der Religionsgeschichte, die von Heinrich Junker und Wolfgang Heise betreut wurde, beschäftigte er sich mit Problemen der Geschichte des Islam und des Christentums.
Von 1962 bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1992 (S. 2; PDF-Datei; 533 kB). war Robbe wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Deutschen Akademie der Wissenschaften, seit 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW). 1963 promovierte er zum Dr. phil. 1968 absolvierte er ein Zusatzstudium (Fachrichtung Geschichte) an der Universität Kairo. Seit 1962 war er im Institut für Orientforschung, baute dort die Arbeitsgruppe „Naher Osten“ mit auf und war deren Leiter, bis das Institut nach der Akademiereform 1968/69 aufgelöst wurde, die Arbeitsgruppe zum Zentralinstitut für Geschichte ging und sich dort umformiert hat. 1970 wurde er Leiter der Abteilung Geschichte der Entwicklungsländer am Zentralinstitut für Geschichte. 1980 wurde er habilitiertM. Robbe (Dissertation B): Der Nahostkonflikt: Ursprung, Wesen, Entwicklung und Lösungsmöglichkeiten. Eine historisch-analytische Studie. Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin 1980. und 1983 zum Professor ernannt.Gabriele Baumgartner, Dieter Hebig (Hrsg.): Biographisches Handbuch der SBZ/DDR. 1945–1990. Band 2: Maassen – Zylla. K. G. Saur, München 1997, ISBN 3-598-11177-0, S. 723. 1986 wurde er stellvertretender Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte der AdW und dort Leiter des Bereichs Orientforschung,Fritz Klein: Drinnen und draussen: Ein Historiker in der DDR. Erinnerungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 347. nachdem die Schaffung eines eigenen Instituts für Entwicklungsländergeschichte nicht durchgesetzt werden konnte und die Abteilung des Zentralinstituts in diesem neugegründeten Institut aufgegangen war. Während der Wende im Jahr 1989 bemühte er sich erfolglos um die erneute Schaffung eines Akademie-Instituts für Orientalistik. Robbes Arbeitsverhältnis an der Akademie endete gemäß Artikel 38 des Einigungsvertrages am 31. Dezember 1991.
Robbe war im Zentralen Rat für Asien,- Afrika,- und Lateinamerikawissenschaften (ZENTRAAL) Leiter der Arbeitsgruppe Ideologie (bestehend aus den Arbeitskreisen Philosophie, Islam, Katholizismus). Von 1978 bis 1990 war er Präsident des Freundschaftskomitees DDR-Arabische Republik Ägypten (Liga für Völkerfreundschaft).Andreas Herbst, Winfried Ranke, Jürgen Winkler: So funktionierte die DDR. Band 1: Lexikon der Organisationen und Institutionen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1994. Er war außerdem Mitglied des Präsidiums der Historiker-Gesellschaft der DDR und Mitglied des Redaktionskollegiums für das Jahrbuch für Geschichte.Lothar Mertens: Lexikon der DDR-Historiker. K.G. Saur, 2006, S. 508.
Bis zur Einstellung ihres Erscheinens im Jahr 2002 war Robbe Mitherausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Asien Afrika Lateinamerika, die seit 1973 herausgegeben wurde. Davor war er bis 1972 Herausgeber der Mitteilungen des Instituts für Orientforschung (MIO).
Beiträge von ihm erschienen in Zeitschriften wie Deutsche Außenpolitik, Einheit, Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Horizont, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Asien Afrika Lateinamerika, Berliner Debatte Initial, Inamo und Marxistische Blätter. Mehrere Titel von ihm sind in der broschierten Sachbuchreihe nl konkret erschienen.
Er war regelmäßig Gastdozent an der Parteihochschule „Karl Marx“ in Lehrgängen für Teilnehmer aus dem Ausland.
Robbe referierte auf zahlreichen nationalen und internationalen Veranstaltungen, als DDR-Wissenschaftler unter anderem auf Internationalen Historikerkongressen und Internationalen Orientalistenkongressen,Revolutionen und Revolutionäre heute. Neues Leben, Berlin 1972 / 2. Auflage auch Weltkreis, Dortmund 1975, S. 5. und auch nach der Wiedervereinigung, wie 1991 in der „Herbstakademie“ des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) im Centro Interculturale Villa Palagione (Italien).Programm der Herbstakademie des BdWi 1991.
Er ist anonym auf dem Friedhof Berlin-Pankow III bestattet.
Familie Robbe war erst mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Waltraud Falk, dann mit der Solotänzerin an der Staatsoper Berlin und Schauspielerin Ramona Gierth (* 1942) und zuletzt mit der Erzieherin Marion Goldbeck (* 1955) verheiratet.
Mit Waltraud Falk hatte er eine Tochter – Petra Heinich (1953–2024), die als Wissenschaftlerin in verschiedenen Fachbereichen, wie der Mathematik, unter anderem in der sowjetischen „Wissenschaftsstadt“ Puschtschino, an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin und an der Bergischen Universität Wuppertal tätig war.Petra Heinich: Interdisziplinarität und Unternehmensökotop - Auf der Suche nach einer Perspektive. In: magaz*in. Ausgabe Wintersemester 2005/06. Die gleichstellungsbeauftragte, Bergische Universität Wuppertal, S. 9–10. Aus der Beziehung mit der Ärztin Hannelore Rosenkranz (* 1943) stammt die Tochter Julia Hättig (* 1963), die als Lehrerin und Bildungsreferentin im pädagogischen Bereich arbeitet.
Wissenschaftliche Arbeit Religionsgeschichte Robbes wissenschaftliche Arbeit befasste sich zunächst mit dem Themenkreis Religionsgeschichte, Religionssoziologie und Atheismusforschung. Sein Buch Der Ursprung des Christentums war die erste marxistische Darstellung der Entstehung des Christentums, die in der DDR erschienen ist.Ingeborg Bier (Rezension): Martin Robbe: Der Ursprung des Christentums. Deutsche Zeitschrift für Philosophie 17 (7) 1969. Mit diesem Buch würdigte er zugleich das Lebenswerk des französischen Religionswissenschaftlers und ehemaligen Priesters Prosper Alfaric, dessen Buch Die sozialen Ursprünge des Christentums von Robbe in Zusammenarbeit mit Gertrud Pätsch auf Deutsch herausgegeben worden war. Daneben entstand eine Reihe von Aufsätzen, unter anderem zu ideologischen Aspekten der Auseinandersetzungen zwischen Christen und Marxisten. Später verlagerte sich sein Interesse auf Orientalistik und Entwicklungsländer. Das Thema Ideologie und Ideologiegeschichte beschäftigte ihn auch weiterhin.
Naher Osten Im Bereich der Geschichte der Entwicklungsländer beschäftigte sich Robbe mit der modernen Geschichte arabischer Länder, der Geschichte und Gegenwart des Nahostkonfliktes sowie mit Entwicklungen vor allem im modernen Islam. Außerdem wandte er sich übergreifenden Themen wie den Beziehungen zwischen Europa und dem Orient zu. Seine Kollegen Fritz Klein und Gerhard Höpp bescheinigen Robbe, dass er mit wachem Problembewusstsein, umfassenden Kenntnissen und Risikobereitschaft in Forschung, Publikation und Lehre eine von dialektischem Denken geprägte Sicht auf Abläufe und Zusammenhänge im Nahen und Mittleren Osten sowie in ihrer globalen Verflechtung entwickelt und verbreitet habe.Fritz Klein, Gerhard Höpp: Institut für Allgemeine Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR: Zeugnis für Martin Robbe, 1991, Archiv der AdW.