Der Luftangriff auf Magdeburg vom 16. Januar 1945 war einer der verheerendsten Luftangriffe auf eine deutsche Stadt im Zweiten Weltkrieg. Das von Verbänden des RAF Bomber Command ausgeführte Flächenbombardement verursachte einen Feuersturm. Der Angriff war nach einem großen Stadtbrand im Jahr 1207 und der Verwüstung Magdeburgs durch Tilly und Pappenheim im Dreißigjährigen Krieg („Magdeburger Hochzeit“) die dritte große Zerstörung der Stadt. Befehlshintergrund des Angriffs bildete die britische Area Bombing Directive.
Der Angriff vom 16. Januar 1945 war der bei weitem schwerste von 38 Luftangriffen der Alliierten auf Magdeburg zwischen 1940 und 1945. Bei diesen Angriffen warfen insgesamt 5.000 schwere Bombenflugzeuge der britischen Royal Air Force (RAF) und der amerikanischen United States Army Air Forces (USAAF) 12.500 Tonnen Bomben auf die Stadt. Industrieanlagen, Wohnviertel und Kulturbauten wurden massiv getroffen. Der Zerstörungsgrad von Magdeburg lag insgesamt bei 60 %, der des Wohnraums bei 68 %, die Innenstadt wurde fast vollständig vernichtet. 5.000 bis 6.000 Menschen starben, 16.000 wurden verletzt, Tausende vermisst und weit über 200.000 obdachlos.
Bedeutung von Magdeburg mini|Unten Stadtplan der Altstadt 1946. Oben 1960 Magdeburg war bis Juni 1944 Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen und ab 1. Juli 1944 nach deren Aufteilung Hauptstadt der Provinz Magdeburg. In der Liste der größten deutschen Städte 1939, wo auch Wien, Breslau und Königsberg mitzählen, steht Magdeburg auf Rang 21 knapp hinter Chemnitz. Die Einwohnerzahl der mittleren Großstadt lag 1940/41 bei rund 346.000 Personen. Magdeburg war Kulturstadt, Behördenzentrum und in Mitteldeutschland eine der wichtigsten Handels- und Industriestädte mit bedeutenden Firmen der Lebensmittel- und Metallverarbeitung. Für die Binnenschifffahrt spielte die Lage am Wasserstraßenkreuz von mittlerer Elbe, Mittellandkanal und Elbe-Havel-Kanal eine große Rolle. Der Magdeburger Hafen war über das 1938 eingeweihte Schiffshebewerk Rothensee mit dem Mittellandkanal und damit dem Ruhrgebiet verbunden.
Aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg waren nur der Magdeburger Dom, das Kloster Unser Lieben Frauen und einige andere Kirchen erhalten. Viele Bauten stammten aus der Gründerzeit und im Zuge der Hochindustrialisierung in Deutschland entstanden viele Gebäude im Wilhelminischen und Jugendstil. Besonders an der Hauptgeschäftsstraße Breiter Weg gab es noch viele Häuser aus der Zeit des Barock.
Die Festung war ab Ende des 19. Jahrhunderts geschleift worden, jedoch blieb die Stadt ein wichtiger Garnisonsort von Preußischer Armee, Reichswehr und Wehrmacht. Von besonderer Bedeutung für die Aufrüstung der Wehrmacht war das ab 1934 östlich Magdeburgs neu errichtete Heerespanzerzeugamt Königsborn, wo neue Panzerfahrzeuge aus allen Werken des Reiches für den Einsatz ausgerüstet wurden. Daneben gab es andere Neubauten wie die Hindenburg-Kaserne in Herrenkrug.
Für die Kriegsführung besonders wichtig war die Metallindustrie. Größter Betrieb war das zum Essener Krupp-Konzern gehörende Grusonwerk in Buckau, wo diverse „Sonderkraftfahrzeuge“ wie der Panzer I, Panzer IV (bis Ende 1941 als einziger Hersteller) und das Sturmgeschütz IV (ab Ende 1943) gebaut wurden. Die 1885 gegründeten Polte-Werke, ein Hersteller von Großarmaturen, waren auch einer der größten Munitionsproduzenten der WeltGem. Astrid Pawassar: Bildatlas Leipzig, Halle, Magdeburg. Band 233 des HB Bildatlas. 2007, S. 96 f. größter Munitionsproduzent des Deutschen Reichs und einer der wichtigsten Arbeitgeber Magdeburgs.Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges arbeiteten rund 14.000 Magdeburger Einwohner in den Polte-Werken, gem. Martin Nathusius: Die Magdeburger Linie. , siehe LitVerz. (S. 109) Die Maschinenfabrik Buckau R. Wolf stellte u. a. neben Feldhaubitzen auch die 8,8-cm-Kanone für die Tiger-Panzer her.
In Rothensee befanden sich ein Kohlekraftwerk zur Stromerzeugung sowie die Großgaserei. Zusätzlich wurde dort in den 1930er Jahren von der BRABAG (Braunkohle-Benzin AG) ein großes Hydrierwerk zur Erzeugung von synthetischem Benzin gebaut, das speziell die Luftwaffe benötigte. Zur gleichen Zeit entstand in der Schwiesaustraße der Neuen Neustadt das Motorenbau-Zweigwerk Magdeburg (MZM) der Dessauer Junkers Flugzeug- und Motorenwerke.
Luftschutz und Luftabwehr Magdeburg wurde, zusammen mit Dessau, als „Luftschutzort 1. Ordnung“ eingestuft. Luftschutzkeller in bestehenden Gebäuden wurden mit Kriegsbeginn verstärkt, 120 öffentliche Luftschutzräume und Rettungsstellen eingerichtet, ein unterirdisches Verbindungs- und Fluchtnetz geschaffen. Dazu erfolgten über 6.000 Brandmauerdurchbrüche. Magdeburg wurde als Schwerpunkt in das ab Herbst 1940 forcierte Luftschutzbunkerbau-Programm einbezogen. Zehn Luftschutzbunker entstanden: in der Durchbruchstraße als Pfeilerbunker an der Stromelbe (1.750 Liegeplätze), ein Bunker unter dem Rathausplatz, ein Hochbunker im ehemaligen Friedrichsbad, ein Bunker am Tannenberg-Platz, einer am Nicolai-Platz, ein Hochbunker am Nordfriedhof (613 Liegeplätze), ein Bunker am Körnerplatz, ein großer am Stadttheater (200 Liege-, 1.800 Sitzplätze), je ein Bunker am Handelshafen und am Güterbahnhof. Dazu kamen drei „bombensichere Operationsbunker“: je einer am Krankenhaus Sudenburg, in der Altstadt und in der Landes-Frauenklinik. Die Luftschutzbereitschaftsdienste für öffentliche Gebäude wurden aufgestockt, zunehmend auch mit Frauen und älteren Schülern. In die Feuerwehrbereitschaften wurden ab 1943 ebenfalls Frauen aufgenommen, die Werks- und Freiwilligen-Feuerwehren wurden verstärkt und durch eine Jugendfeuerwehr ergänzt. Man legte 17 unterirdische Wasserbassins und zehn Feuerlöschteiche an.Dann färbte sich der Himmel blutrot. Ausstellung, Magdeburg 1995. S. 50 ff
Magdeburg war dem „Luftgau-Kommando III“ zugeordnet. Jagdflugzeuge waren bei Burg, bei Zerbst und Heyrothsberge stationiert. In Prester war eine Kasernenanlage für das Flak-Regiment 52 gebaut worden. Magdeburg wurde mit einem Gürtel von Flakstellungen umgeben, die besonders dem Schutz von militärischen Einrichtungen, der Rüstungsindustrie, des Hydrierwerks und von Verkehrschwerpunkten (Schiffshebewerk) dienen sollten. Es gab leichte Flak zum direkten Objektschutz, mittlere und schwere Flak mit Kaliber bis zu 12,5 cm, auch als Eisenbahngeschütze. Scheinwerfer-Batterien sollten das Zielen bei Nacht ermöglichen. Ab 1942 erfolgten Verlegungen von Flakbatterien an die Fronten, was zum teilweisen Ersatz durch „Heimat-Flak“ führte. Diese wurde überwiegend von nicht voll kriegsdiensttauglichen Soldaten und jugendlichen Luftwaffenhelfern bedientDann färbte sich der Himmel blutrot. Ausstellung, Magdeburg 1995, nicht selten unterstützt von hilfswilligen Kriegsgefangenen.
Trotz Abwehrerfolgen konnten Flak und dezimierter Jagdschutz der zunehmenden Wucht der alliierten Luftangriffe nicht standhalten. Flächenbombardements unter Einsatz von Minenbomben und mit ausgelöstem Feuersturm überforderten naturgemäß trotz allen Einsatzes auch die Bergungs- und Löschkräfte am Boden. Zitat aus den Aufzeichnungen von Dr. Trimborn: „Die meisten (Magdeburger) wußten auch, dass all die vielen Luftschutzmaßnahmen … die Stadt vor dem Verhängnis nicht bewahren konnten…“Dann färbte sich der Himmel blutrot. Ausstellung 1995. S. 65
Angriffe von 1940 bis 1944 mini|Britischer schwerer Bomber Halifax mini|Britischer schwerer Bomber Avro Lancaster Von 1940 bis 1943 erfolgten Luftangriffe auf Magdeburg nur durch die britische Royal Air Force (RAF), von ihren Basen in Südengland aus. Sie fanden immer zur Nachtzeit statt. 21./22. August 1940: Erste Bomben auf Magdeburg. Betroffen waren Wohnhäuser in der Ottersleber Straße und Jordanstraße in Sudenburg und der Schlachthof. Es gab drei Tote und sieben Verletzte. 16. Dezember 1940: Etwa 25 Flugzeuge warfen nachts Bomben auf das Friedrich Krupp AG Grusonwerk in Buckau, auf Eisenbahnanlagen in Salbke und Wohnanlagen in Buckau und der Neuen Neustadt. Es gab 9 Tote und 24 Verletzte. 18. April 1941: Eine kleine Bombergruppe warf nachts 5 Spreng- und etwa 100 Stabbrandbomben auf die Altstadt, die Braunehirschstraße, die Beaumont-Straße und die Venedische Straße. Es gab 12 Tote und 37 Verletzte. 13. August 1941: Eine kleine Bombergruppe warf nachts Bomben auf Wohnhäuser in der Gartenstadt Westernplan. Es gab 7 Tote und 23 Verletzte. 29. Dezember 1943: 8 Flugzeuge der RAF griffen nachts mit 5,4 Tonnen Bomben Ziele in Magdeburg an. Über Tote und Verletzte liegen keine Angaben vor. 11. Januar 1944: leichter Tagangriff (USAAF ?) auf Ziele in Magdeburg. Keine Angaben über Tote und Verletzte. 14. Januar 1944: 10 Flugzeuge der RAF warfen nachts 6,9 Tonnen Bomben ab. Keine Angaben über Tote und Verletzte. 21. Januar 1944: Erster Großangriff auf Magdeburg. Von 22.50 bis 23.20 Uhr griffen 585 viermotorige Flugzeuge der RAF, überwiegend Avro Lancaster, mit 2.272 Tonnen Bomben die Stadt an. 55 (61) Bomber wurden abgeschossen, hauptsächlich auf dem Hinflug durch Nachtjäger. Das Flächenbombardement entsprechend der Area Bombing Directive kam nicht wie geplant zustande. Daran waren die Jagdflugzeuge, die Flak und die meteorologischen Bedingungen beteiligt.Dann färbte sich der Himmel blutrot. Ausstellung 1995. S. 201 Heftiger Wind trieb die gesetzten Leuchtmarkierungen Richtung Osten und Südosten ab, sodass der größte Teil der Bombenlast auf die Elbauenlandschaft, auf Felder und auf Orte südlich und östlich von Magdeburg fiel. Insgesamt 23 Kleinstädte und Dörfer waren dadurch betroffen. In Magdeburg wurden 69 Wohnhäuser zerstört oder beschädigt. Bombentreffer gab es auch in den Pfeifferschen Stiftungen (Samariterhaus), auf die Lutherkirche in Magdeburg-Friedrichstadt, die Flak-Kaserne, die Aktien-Brauerei, ein Umspannwerk und das Wasserwerk Buckau. Das Naturkundemuseum am Domplatz brannte aus, die Domfenster zerbarsten und einige Regierungsgebäude wurden beschädigt. 120 Tote und 400 Verwundete wurden registriert. Die öffentliche Trauerfeier fand in der Stadthalle vor 70 aufgereihten Särgen unter einem Eisernen Kreuz statt. Über 1.000 Magdeburger wurden obdachlos. Insgesamt konnte der Abwurf von 13 Minenbomben, 456 Sprengbomben, 70.000 INC 4 lb-Stabbrandbomben, 1.256 Phosphorbrandbomben, 53 Flüssigkeitsbrandbomben und 81 Phosphorkanistern ermittelt werden.Dann färbte sich der Himmel blutrot. Ausstellung 1995 in Magdeburg. S. 58, 59 mini|Amerikanische schwere Bomber Boeing B-17 „Flying Fortress“
Unmittelbar nach diesem Angriff wurde die Evakuierung von Frauen mit Kindern, Schülern und Teilen der nicht berufstätigen Bevölkerung aus Magdeburg beschleunigt: „Aktion Magdeburg“.Dann färbte sich der Himmel blutrot. Ausstellung, Magdeburg 1995. S. 59
Ab Februar 1944 begannen die Amerikaner mit ihrer Beteiligung an den Bombardements. Die 8th Air Force der USAAF führte, von ihren Basen in England aus, Tagangriffe mit ihren schweren Bombern in Begleitung von jeweils Hunderten Langstrecken-Jagdflugzeugen auch auf Magdeburg aus. Zum Einsatz kamen viermotorige Bomber der Typen B-17 „Flying Fortress“ und B-24 „Liberator“, und als Jagdflugzeuge besonders P-51 „Mustang“ und P-47 „Thunderbolt“.
22. Februar 1944: Erster US-amerikanischer Angriff auf Magdeburg. Er sollte dem Hydrierwerk der BRABAG, den Junkers-Flugzeugmotorenwerken und den Friedrich-Krupp-Grusonwerken gelten. 16 B-17 griffen mit 42 Tonnen Spreng- und Brandbomben den Ostteil der Stadt an. Zerstörungen und Schäden entstanden in Wohnbereichen von Magdeburg-Friedrichstadt (heute Brückfeld), den Pfeifferschen Stiftungen und der Flakkaserne. Keine Schäden hatten die Junkerswerke zu verzeichnen. 41 Tote und 194 Verletzte wurden registriert.