mini|Fleischhackerhaus der Familie Lang in der Bügellohe im Winter (2009) mini|Ruinen der Siedlung Bügellohe (2012) mini|Naturdenkmal Weißbachquelle (Weißbrunn) in der Bügellohe (2012) mini|Ruinen des ehemaligen Gasthauses Florl in der Bügellohe (2012) mini|Zweisprachige Informationstafel im Fleischhackerhaus mit Lageskizze "Häuser auf der Bügellohe" (2017) Die Wüstung Bügellohe ist eine verlassene Siedlung im deutsch-tschechischen Grenzgebiet nordöstlich von Stadlern, Stadt Schönsee, Freistaat Bayern, im Naturraum südlichen Oberpfälzer Wald. Heute ist sie Teil des Naturschutzprojektes Grünes Band Europa in dessen Hauptabschnitt Zentraleuropa.
Geographie Geographische Lage Rund um die Bügellohe bildet die deutsch-tschechische Grenze einen nach Norden gewölbten Halbkreis mit knapp einem Kilometer Durchmesser. In diesem Halbkreis liegt die Bügellohe auf einem 830 Meter hohen Sattel zwischen dem 848 Meter hohen Malý Zvon (deutsch Glöckelberg) im Norden und dem 898 Meter hohen Weingartenfels im Süden. Entlang der Grenze zieht sich eine breite ausgedehnte Feuchtwiese.
Gewässer Die Wasser dieser Feuchtwiese sammeln sich unter anderem im Weißbrunnen, der als eine der Quellen der Ascha gilt, und seit 2011 als Naturdenkmal „Weißbachquelle“ naturschutzrechtlich per Verordnung durch das Landratsamt Schwandorf gesichert ist. Umgangssprachlich wird die Weißbachquelle auch Weißbrunnen oder Weißbrunn bezeichnet. Im Quellgebiet heißt das oberirdische Gewässer in Deutschland Weißbach und in Tschechien Plešský potok (deutsch Plösser Bach). Ab den Zusammenfluss von Weißbach und Lohbach bildet das Oberflächengewässer die Ascha, südlich von Dietersdorf.
Über den Nordhang des Weingartenfels zur Bügellohe und weiter über den Südwesthang des Malý Zvon (deutsch Glöckelberg) verläuft die Europäische Hauptwasserscheide Donau - Elbe. Die Wasser des Weißbrunnens fließen den westlichen Hang des Sattels, über Plešský potok (deutsch Plösser Bach), hinunter nach Dietersdorf im Weißbach zur Ascha und von dort über Schwarzach, Naab und Donau in das Schwarze Meer.
Ungefähr 200 Meter östlich des Weißbrunnens, direkt hinter der deutsch-tschechischen Staatsgrenze, befindet sich die Quelle des Johannesbächleins, der auch als Johanneshüttener Bach (tschechisch Mostecký potok) bezeichnet wird. Aus den sumpfigen Wiesen der Bügellohe bilden sich kleine Rinnsale, die südöstlich seiner Quelle in das Johannesbächlein münden. Dessen Wasser fließen den östlichen Hang des Sattels hinunter über Radbuza, Berounka, Moldau und Elbe in die Nordsee.Fritsch Wanderkarte Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald, Maßstab 1 : 50.000.atlas.bayern.de
Klima Wie Schönsee hat die Bügellohe ein humides, kühlgemäßigtes Übergangsklima eines extrazonalen Gebirgsklimates im Mitteleuropa, welches nicht sehr maritim, aber mit kontinentalen Einflüssen aus Osteuropa geprägt ist. Die monatlichen Durchschnittstemperaturen schwanken zwischen −0,3 °C im Januar und 18,3 °C im Juli, jedoch werden im Sommer Höchsttemperaturen von 34,8 °C und im Winter von −13 °C erreicht (Quelle: Station Oberviechtach (596 m NHN), Datenbasis: 02/2021–01/2026 in wetterdienst.de).
Geschichte Nach der Vertreibung 1946 bauten sich Sudetendeutsche etwa einen Kilometer südlich und rund hundert Höhenmeter über ihrer früheren Heimat neue Häuser auf überwiegend landwirtschaftlichen Flächen unmittelbar hinter der Grenze auf bayerischer Seite. Im Zeitraum von etwa 1875 bis 1885 hatten die überwiegend aus Sudetendeutschen bestehenden Bewohner von Václav (deutsch Wenzelsdorf) Grundstücke in der Bügellohe erworben. Die feucht-nassen Waldstandorte, bestehend aus Weiden-Büschen, Heidekraut und Moosen, wurden in Folge gerodet und als Acker- oder Grünland landwirtschaftlich bewirtschaftet.Stefan Schmid: Bügellohe, Plösserlohe - Heimat für kurze Zeit. Regionalverlag LebensART, Inhaber: Stefan Schmid, 1. Auflage, Februar 2019 Das Dorf lag in einem bügelähnlichen, in das Nachbarland ragenden Geländeteil auf dem „Bügellohe/Reichenstein/Weingartner-Fels“-Rücken, der bis über ansteigt und damit die höchste Erhebung im heutigen Landkreis Schwandorf ist. Die Kartenwerken lässt sich die bügelartige Struktur an der östlichen Außengrenze von Bayern mehr oder weniger gut erkennen.
Die einstigen Bewohner stammten überwiegend aus dem untergegangenen Ort Václav mit dem Weiler Rabov (deutsch Rappauf). 1930 lebten in beiden Ortschaften 453 Menschen in 61 Häusern.Stefan Schmid: Bügellohe, Plösserlohe - Heimat für kurze Zeit. Regionalverlag LebensART, Inhaber: Stefan Schmid, 1. Auflage, Februar 2019 Ab 1945/1946 suchten elf Familien mit fast 60 Personen, auf oberpfalznetz.de/ auf den meist ihnen selbst gehörenden Grundstücken in der Bügellohe eine vorübergehende Bleibe. Hier wollten sie der drohenden Vertreibung entgehen und später wieder in ihr Dorf zurückkehren.oberpfalznetz.de: Man baute sich in Wald- oder Landwirtschaftsflächen zunächst nur Baracken. Die notwendigen Bretter und andere Materialien für die Holzhäuser wurden nachts illegal aus den eigenen Gehöften auf tschechischer Seite über die Grenze in die Bügellohe getragen und an den neuen Gebäuden verwandt.
Allerdings wurde das frühere Wenzelsdorf von der tschechischen Regierung 1952 dem Erdboden gleichgemacht, eine Rückkehr kam nicht mehr in Frage. Die Bügelloher Bürger errichteten daraufhin feste Häuser aus zumeist Feld- und Bruchsteinen, unter anderem auch ein Gasthaus (Florl, erweitertes Anwesen mit Hausnummer 1) mit überdachter Kegelbahn und umgebenden Laubbäumen. Ziegel konnten nicht von Pferdefuhrwerken angeliefert, sondern mussten von den Männern in mühevoller Arbeit den Berg hinauf getragen werden. Die Siedlung war kommunalen Stellen ein Dorn im Auge, da eine Verkehrsanbindung nach damaligen Größen unverhältnismäßig teuer und umständlich gewesen wäre.
Die Lebensbedingungen waren sehr hart; es gab weder Strom, noch fließendes Wasser noch eine ordentliche Straße, über die das Dorf hätte erreicht werden können. Als Wegeverbindung nutzten die neuen Bewohner der Bügellohe den unbefestigten und nur schwer passierbaren Hohlweg mit Namen „Sautreibergasse“, die einen Abschnitt eines ehemaligen Handelsweges von Nürnberg, über Schwandorf, Nabburg, Schönsee, nahe der Bügellohe bis Prag (tschechisch Praha) bildete. Die Schaffung oder Instandsetzung annehmbarer Wegeverhältnisse wurde von den Anwohner mehrfach beantragt, aber finanziell von administrativer Seite nicht unterstützt. Medizinische Hilfe leistete sehr umständlich ein Arzt aus dem etwa sieben Kilometer südwestlich gelegenen Schönsee., auf oberpfalznetz.de Nach und nach verließen die Menschen Bügellohe: 1950 lebten 59 Personen dort, 1960 nur noch 8. Am 27. November 1969 verließ der letzte Bewohner, Josef Licha (Gabter Beppi), Siedlung Bügellohe Nummer 11, die grenznahe Siedlung im Oberpfälzer Wald.Bügellohe im Oberpfälzer Wald: Das verlassene Dorf der Sudetendeutschen, auf hierdadort.deHistorischer Atlas von Bayern: Altbayern Reihe I Heft 61: Oberviechtach S. 216, 217. Laut Zeitzeugen war es in den kalten Jahreszeiten auf der Hochebene des Grenzkamms zu unwirtlich und landwirtschaftliche Erträge konnten in diesen Höhenlagen kaum erzielt werden. Auch angesichts des Wirtschaftsaufschwungs in Deutschland sah man dort oben keine Zukunft mehr., auf onetz.de
In den 1960er-Jahren wurde das geduldete Verweilen des letzten Bügelloher Bewohners öffentlich bekannter. Journalisten zeigten an Josef Licha zunehmendes Interesse. Mit Titel "Einsiedler wider Willen" drehte der Bayerische Rundfunk (BR) 1966 unter anderem über das Leben von Josef Licha auf der Bügellohe eine Dokumentation. Ein erster Versuch, die Fernsehleute und deren Ausrüstung mit einem Fahrzeug zur Bügellohe zu bringen, scheiterte. Erst im zweiten Anlauf konnte Mensch und Material für die Dreharbeiten mittels Geländewagen auf die Bügellohe transportiert werden. In der Doku wurde auch die schwierige An- und Abfahrt des Schönseer Hausarztes Dr. Seidl im Wegeabschnitt vom heutigen Wanderparkplatz „Vierziger“, Namensgebung von der Kilometrierung der Staatsstraße 2159 im Abschnitt zwischen Schönsee und Stadlern abgeleitet, über den steinig-steilen Weg zur Bügellohe nachgestellt.Stefan Schmid: Bügellohe, Plösserlohe - Heimat für kurze Zeit. Regionalverlag LebensART, Inhaber: Stefan Schmid, 1. Auflage, Februar 2019
Heutiger Zustand Die Bügellohe ist heute stark verfallen, ihre Gebäude sind einsturzgefährdet. Jahrzehntelanger Frost, Regen und Wind haben an den verlassenen Häusern genagt. Nur ein Haus, das Fleischhackerhaus, ist wegen seines intakten Blechdachs noch relativ gut erhalten. 2012 hat die Stadt Schönsee ein Informationszentrum mit elektrischer Beleuchtung und drehbaren Bildtafeln über die Siedlung Bügellohe und ihre Geschichte eingerichtet., auf boronk.de
Von der Mehrzahl der Gebäude des verlassenen Dorfes Bügellohe sind heute nur noch wenige Reste zu erkennen. Die überwiegend aus Bruch-/Lesesteinen bestehenden Fundament- und/oder Mauerfragmente sind tatsächlich vor Ort sowie digital in der Reliefkarte (Schummerungsbild) im Kartendienst BayernAtlas sichtbar.
Biotopverbund Grünes Band Die Bügellohe ist heute Teil des Naturschutzprojektes „Grünes Band Europa“ in dessen zentraleuropäischem Abschnitt. Im Zeitraum von 1945 bis 1989 haben sich entlang des etwa 12.500 km langen Eiserner Vorhangs einzigartige Rückzugsorte für Pflanzen, Pilze und Tiere entwickelt. Nach der Überwindung der Ost-West-Teilung soll heute die Lebensader Grünes Band Europa erhalten werden. Seit den 2010er-Jahren haben sich der bayerische Regierungsbezirk Oberpfalz und die tschechischen Regionen Karlsbad und Pilsen die gemeinsame Aufgabe gestellt, dass die Themenfelder Biotopverbund und Biodiversität, historische Kulturlandschaft und naturverträglicher Tourismus gefördert und weiterentwickelt werden.
Am 4. April 2017 hat die Bayerische Staatsregierung im Zuge der Sitzung in Amberg die Idee eines grenzüberschreitenden Lückenschlusses im oberpfälzischen Abschnitt des Grünen Bandes diskutiert und begrüßt. Der Kabinettsbeschluss bildete einen wichtigen Meilenstein für die Erstellung der Machbarkeitsstudie „Grünes Band Oberpfalz – Tschechische Republik“. Im Zeitraum von 2017 bis 2019 suchte die Studie in einem etwa ein bis fünf Kilometer breiten Korridor und im etwa 200 Kilometer langen Grenzabschnitt nach Zielräumen, Lücken und erforderlichen Maßnahmen für den Biotopverbund. Weiterhin wurde im Untersuchungsgebiet die kulturhistorische Bedeutung planerisch beleuchtet und das Potenzial für einen naturverträglichen Tourismus mit vorrangig lokaler Wertschöpfung ermittelt. Insgesamt ist eine wichtige Datengrundlage für das Grüne Band Europa im Abschnitt Oberpfalz – Karlsbad und Pilsen für die weitere Kooperation in den bearbeiteten Themenfeldern zusammengetragen. Mit ihrer gegenwärtigen Naturausstattung und zeitgeschichtlich-kulturellen Hintergründen stellt die Bügellohe einen bedeutsamen Bereich im grenznahen Biotopverbundsystem dar.
Projekte und Lernort Von 2018 bis 2020 ist das Projekt „Verbinden und Zusammenwachsen - von Land zu Land“ mit den Partnern Galerie Klatovy / Klenová, Westböhmische Universität in Pilsen, der Städte Vilseck und Schönsee sowie dem Centrum Bavaria Behemia (CeBB) in Schönsee umgesetzt.