Das Pantherfell (auch Leopardenfell) war im Alten Ägypten ein rituelles Kleidungsstück. Es ist seit der frühdynastischen Zeit (um 3000 v. Chr.) sicher belegt. Die mythologischen Wurzeln reichen bis in die Zeit davor (Prädynastik) zurück. In diesen Epochen diente noch die Göttin Mafdet als Himmelspanther,Hartwig Altmüller: Die Apotropaia und die Götter Mittelägyptens: Eine typologisch und religionsgeschichtliche Untersuchung der sogenannten "Zaubermesser" des Mittleren Reichs. Teil 2: Katalog. Dissertation, Universität München, 1965, S. 58–59. deren kosmische Funktionen im Verlauf der altägyptischen Geschichte die Himmelsgöttin Nut übernahm. Die Altägypter benutzten den Ausdruck „Pantherfell“ daher im Zusammenhang mit dem göttlichen Panther.
Zu Lebzeiten wies das Pantherfell den König oder seinen von ihm bestimmten Nachfolger als göttlich-legitimierten Herrscher aus. Im Totenkult wird das Pantherfell in den Pyramidentexten als ein besonderes Schutz- und Herrschaftszeichen des verstorbenen Königs in Verbindung seines Himmelsaufstieges nach dem Mundöffnungsritual genannt. Nach erfolgreichem Himmelsaufstieg nimmt ihn der Sonnengott Re in die göttliche Gesellschaft auf. Das Pantherfell ist das Herrschaftssymbol des Königs, mit dem er seine tägliche Fahrt durch die himmlischen Gewässer an der Seite des Sonnengottes unternimmt. Damit gehört das Pantherfell zu den Zeichen, die seine Unvergänglichkeit sichtbar machen. Mit dem Leoparden oder Gepard konnte es bis heute nicht gleichgesetzt werden.
Ursprünge Begriffsverwendung und Namensherkunft mini|Leopard (Panthera pardus) mini|Gepard (Acinonyx jubatus) mini|Gebärende Tiere, unten Panther und Löwe („Weltkammer“ vom Sonnenheiligtum des Niuserre)
In der Ägyptologie sind die Fachbegriffe Panther- oder Leopardenfell gebräuchlich, wobei in der deutschsprachigen Ägyptologie hauptsächlich der Ausdruck Pantherfell Verwendung findet. Einige zusätzliche Hinweise auf einen möglichen Bezug zum ähnlichen GinsterkatzenfellDarstellung der äthiopischen Ginsterkatze (Genetta abyssinica) sind durch die Schriftquellen hinsichtlich des Pantherfells nicht belegt. Die Ägypter zählten den Panther zu der Familie der Großkatzen und den göttlichen Wüstentieren. In dieser Verbindung waren mehrere hieroglyphische Darstellungen möglich, so beispielsweise auch in der Kurzform als „Die Göttliche“ oder als Ideogramm. Im Alten Reich (2707–2216 v. Chr.) ist zudem der Name einer Totengottheit mit „Kenmet“ als „Leopard“ übersetzt,Christian Leitz u. a.: Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Peeters, Leuven 2002, ISBN 90-429-1146-8, S. 289. wobei eine Gleichsetzung mit dem Leoparden auch dort nur indirekt abgeleitet wurde und nicht gesichert ist.Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch: (2800–950 v. Chr.). S. 955.
Im Mittleren Reich wechselte die ursprüngliche Bezeichnung in die neue Form „Ba-Abi“, mit der speziell weibliche Panther gemeint waren.Elmar Edel: Zu den Inschriften auf den Jahreszeitenreliefs der „Weltkammer“ aus dem Sonnenheiligtum des Niuserre. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Nr. 8, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961, S. 244. In direktem Zusammenhang steht die erstmals im Mittleren Reich bezeugte Nennung der zugehörigen Gottheit Abi.Christian Leitz u. a.: Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen, Bd 1: 3 - y. Peeters, Leuven 2002, ISBN 2-87723-644-7, S. 10.
Mythologische Verbindungen Das Pantherfell war ursprünglich eine Tracht, die im Zeitraum der 1. bis 2. Dynastie (3032–2707 v. Chr.) von Personen getragen wurde, die dem König sehr nahe standen; getragen wurde sie zumeist vom Königssohn. Seit der 3. Dynastie (2707–2639 v. Chr.) sind Pantherfellträger mit der Bezeichnung „Sem“ bezeugt, ohne dass zu diesem Zeitpunkt bereits das damit verbundene Priesteramt schon ausgebildet war. Möglicherweise liegt hier schon ein Bezug zu dem Gott Sameref als „liebender Sohn des Königs“ vor, der etwa zeitgleich erstmals mythologisch in Erscheinung trat.
Hinweise darauf, dass zu dieser Zeit nichtkönigliche Personen die Funktion eines „Sem“ als Pantherfellträger ausübten, liegen nicht vor, so dass es deshalb wahrscheinlich ist, dass der Königssohn die Aufgaben des „Sem“ vollzog. In der 5. Dynastie (2504–2347 v. Chr.) zeigen Abbildungen auf königlichen Tempelreliefs des Alten Reiches insbesondere eine Koppelung altägyptischer Beamtentitel an den Pantherfellträger; beispielsweise wird auf den Sedfestdarstellungen des Sahure in Verbindung mit dem Königssohn als Pantherfellträger das neue Priesteramt des „Sem“ erwähnt.
Darstellungsformen mini|Der Pantherfellträger vor Narmer
In prädynastischer Zeit (spätes 4. Jahrtausend v. Chr.) sind verschiedene Typen des Pantherfells dargestellt.Stan Hendrickx: Peaux d'animaux comme symboles prédynastiques. À propos de quelques représentations sur les vases White Cross-lined. In: Caribéens d’Egyptologie (CdE) 73. 1998. S. 203–230. Bruce Williams hält es für möglich, dass die abgebildeten Personen auf Vasen der Naqada-IIC-Zeit (3800–3300 v. Chr.) den Träger eines Pantherfells symbolisieren. Er setzt deshalb die zeremonielle Tätigkeit mit einem Funktionsträger sowie mit der des Tjet gleich, die in einer Grabanlage von Hierakonpolis abgebildet sind. Es bleibt jedoch in diesem Zusammenhang unklar, ob es sich um das Fell eines Panthers, Rindes oder einer rinderähnlichen Art handelt.Bruce Williams: The wearer of the leopard-skin in the Naqada Period. In: Jacke Phillips (Hrsg.): Ancient Egypt, the Aegean, and the Near East. Studies in honour of Martha Rhoads Bell. Band 2. Van Siclen, San Antonio 1997, ISBN 0-933175-44-2, S. 483–496.
Die zweifelsfrei älteste Abbildung ist auf dem Keulenkopf des Skorpion II. um 3100 v. Chr. belegt. Der Pantherfellträger befindet sich im unmittelbaren Gefolge des Königs. Er trägt wahrscheinlich eine Garbe Ähren und folgt einer Person, die Saatgut aus einem Korb in die Erde streut.Henri Asselberghs: Chaos en beheersing. Documenten uit aeneolithisch Egypte. Brill, Leiden 1961, Tafel XCVIII, Abbildung 173. Weitere Nachweise sind auf der Narmer-Palette und dem Keulenkopf des Narmer belegt.
Auf vielen Reliefdarstellungen ist für das Pantherfell keine Fleckung zu erkennen, obwohl es jedoch in vielen Fällen sicher in gemalten Varianten vorhanden war. Auf den wenigen erhaltenen farblichen Fassungen in ramessidischen Gräbern der Könige (1292–1070 v. Chr.) ist die Untergrundfarbe des Pantherfells stets Gelb. Die Zeichen sind auf die Untergrundfarbe in schwarzer oder weißer Farbe aufgetragen. In den thebanischen Königsgräbern finden sich für das Pantherfell in einigen Fällen ergänzend Darstellungen mit Sternen, was auf die Himmelssymbolik des Pantherfells verweist. mini|Der Pantherfellträger (ganz links) bei der Mundöffnungszeremonie (Papyrus Hunnefer, 19. Dynastie)
Die am häufigsten verwendeten ikonografischen Motive zeigen ein Fellgewand, das den gesamten Oberkörper bedeckt, sowie einen nur teilweise bedeckenden Fellumhang.Elisabeth Staehelin: Untersuchungen zur ägyptischen Tracht im Alten Reich. Hessling, Berlin 1966, S. 36. Der Fellumhang kann auf verschiedene Art am Körper angebracht werden; eine Möglichkeit ist das Durchziehen des Fells unter einem Arm, während die beiden Vorderpranken nur auf einer Schulter befestigt werden. Die andere Schulter bleibt frei. Der Rumpf ist dagegen vollständig vom Fell bedeckt.
Andere Varianten zeigen eine Vorderpranke und den Kopf des Panthers auf den Schultern oder das Kreuzen der Vorderpranken auf der Brust, wobei beide Tatzen unter den Armen durchgeführt werden. Der Pantherkopf wird zumeist am Hals vorbei über die Schulter gelegt, wobei dann der Bauch unbedeckt ist. Die damit verbundene Haartracht stellt einen nach vorn eingerollten Seitenzopf dar, öfter in Kombination einer kappenartigen Kurzhaarfrisur. Besonders in der 18. Dynastie (1550–1292 v. Chr.) wurde diese Erscheinungsform beispielsweise von Amenophis I. bis Thutmosis III. in Anlehnung an frühzeitliche Traditionen verwendet.
Geschichtliche Bedeutung des Pantherfells mini|hochkant=0.6|Die Jugendlocke bei Ramses II.
Der Pantherfellträger trug unter anderem ergänzend die Jugendlocke, die ihn als Sohn des Königs auswies. In der Ikonografie diente die Jugendlocke auch im weiteren Verlauf der altägyptischen Geschichte der Kennzeichnung vornehmlich jener königlicher Nachkommen, die als designierte Thronfolger in Frage kamen. Der mit dem Pantherfell ausgestattete älteste Königssohn trat im Rahmen seiner priesterlichen Funktion als Tjet oder „Sem“ sowie als Verkörperung des Sameref somit als Mittler zwischen dem König und der Götterwelt auf.Ute Rummel: Pfeiler seiner Mutter – Beistand seines Vaters: Untersuchungen zum Gott Iunmutef vom Alten Reich bis zum Ende des Neuen Reiches. Hamburg 2003, S. 31–37.
Frühzeit (3100–2707 v. Chr.) Aus dem Bereich des früheren Hathor-Tempels in Gebelein stammt ein Reliefbruchstück, auf dem der Pantherfellträger im Königskult zu sehen ist. Der Kalksteinblock, der sich im Museo Egizio Turin befindet, wird zumeist in die 2. oder beginnende 3. Dynastie datiert.Rolf Gundlach, Matthias Rochholz: Feste im Tempel. 4. Ägyptologische Tempeltagung, Köln, 10.–12. Oktober 1996. Harrassowitz, Wiesbaden 1998, ISBN 3-447-04067-X, S. 223. Ägyptologen deuten die Handlungen des Pantherfellträgers als Gründungs- oder Jagdritual und als Zeremonie innerhalb des Sedfestes. Zweifelsfrei handelte es sich aber um einen symbolischen Akt, da zusätzlich die Kronengöttin Wenut am Geschehen beteiligt war. Der Pantherfellträger wurde dabei im Umfeld des Horusgeleits tätig, in dem die königliche Amtsausübung als Aufrechterhaltung der Königsherrschaft das beherrschende Motiv der feierlichen Handlungen darstellte.
Altes Reich (2707–2216 v. Chr.) mini|Pantherfellträger der 4. Dynastie (Pyramiden von Gizeh)
In königlichen Ritualhandlungen des Alten Reiches war das Pantherfell ab der 5. Dynastie ausschließlich die Tracht des Sem-Priesters, der unter den Priestern des Königs die Person war, die in Prozessionen unmittelbar vor der Sänfte des Königs schritt. Wolfgang Helck verdeutlicht, dass nur der älteste Königssohn die königliche Zustimmung besaß, sich in seiner direkten Nähe aufzuhalten.Wolfgang Helck: Untersuchungen zu den Beamtentiteln des ägyptischen Alten Reiches. In: Ägyptologische Forschungen (ÄgFo) 18, Glückstadt 1954, S. 16–17. Diesen Zusammenhang zeigen bildlich auch die Festszenen der Pepi-II.-Pyramide, weshalb angenommen werden kann, dass das Amt des Pantherfellträges als Sem-Priester in den zugehörigen Zeremonien entweder der Königssohn besetzte oder ihn als handelnde Person symbolisch kennzeichnete.
Mittleres Reich (2137–1781 v. Chr.) Im Mittleren Reich dokumentiert ein aus Granit für Amenemhet III. gefertigter Torso die Möglichkeit, dass auch ein designierter König als Pantherfellträger auftreten konnte. Vor seiner alleinigen Thronbesteigung regierte Amenemhet III. mit seinem Vater Sesostris III. etwa zwanzig Jahre zusammen. Auf dem Granitblock ist Amenemhet III. mit einer Strähnenperücke sowie einem mehrreihigen Perlenstrang, dem „Menit“, zu sehen. Das hauptsächlich rücklings getragene Pantherfell endet auf seinen Schultern.
Wolfhart Westendorf hebt hervor, dass die Ikonografie des Mittleren Reiches der tradierten Priesterkleidung des Tjet entspricht und Amenemhet III. in der mythischen Phase des göttlichen Horus zeigt, bevor er den Platz seines Vaters einnahm.Wolfhart Westendorf: Das alte Ägypten. Naturalis, München 1988, ISBN 3-88703-712-X, S. 94. Ergänzend offenbart Amenemhet III. das von der Gottheit Iunmutef verkörperte Prinzip des jungen Horus in Chemmis. Den Hintergrund bildete die mythologische Vorstellung, dass sich der junge Horus am geheimen Ort Chemmis aufhielt, um verborgen vor Seth von Isis zum Mann heranzuwachsen, wobei das Pantherfell Amenemhet III. als jungen Horus und Ritualkundigen ausweist.
Neues Reich (1550–1070 v. Chr.)