mini|Galápagos-Inseln Der von Journalisten geprägte Begriff Galápagos-Affäre bezeichnet Ereignisse, die sich zwischen März und November 1934 hauptsächlich unter deutschen Ansiedlern auf der zum Galápagos-Archipel gehörenden Insel Floreana ereigneten. Im Verlauf der Ereignisse kamen drei Menschen unter teilweise ungeklärten Umständen zu Tode und drei weitere verschwanden spurlos. Die Vorfälle, die niemals restlos aufgeklärt wurden, beschäftigten weltweit die Massenmedien und regten bis in die jüngste Vergangenheit auch literarische und filmische Verarbeitungen an.

Insel Floreana Die Insel Floreana (auch Santa Maria) ist 173 Quadratkilometer groß, liegt im Süden des Galápagos-Archipels im Pazifischen Ozean und gehört politisch zu Ecuador. Die Entfernung zum ecuadorianischen Festland beträgt circa 1000 Kilometer. Die Insel wurde gelegentlich von Piraten als Unterschlupf genutzt; mehrmals diente sie als Strafkolonie, aber alle Versuche einer dauerhaften Besiedelung und ökonomischen Nutzung (durch Jagd, Viehzucht und Fischfang) scheiterten bis ins 20. Jahrhundert. Seit 1793 existiert (in inoffizieller Form bis heute) ein ursprünglich von britischen Walfängern eingerichteter Postumschlagplatz in der sogenannten Post Office Bay: eine Tonne, in der Poststücke zum Weitertransport durch vorbeikommende Schiffe hinterlegt werden können. Im Zuge seiner Weltreise mit der Beagle besuchte der junge Charles Darwin 1835 die Insel und beschrieb sie in seinem Reisebericht.

Besiedelung durch Zivilisationsflüchtlinge aus Deutschland Ab Ende der 1920er Jahre ließen sich mehrere Gruppen von Aussteigern aus Deutschland auf der zu diesem Zeitpunkt unbewohnten Insel nieder, um dort abseits der Zivilisation als Selbstversorger zu leben.

Die erste Gruppe bestand aus dem Berliner Arzt Friedrich Adolf Ritter (geboren am 24. Mai 1886 in Wollbach) und seiner Lebensgefährtin, der Lehrerin Dore KoerwienStA Lichterfelde Heiratsregister Nr. 109/1923 (geboren am 25. März 1901 in Groß-Lichterfelde als Dorothee Martha Mathilde StrauchStA Lichterfelde Geburtsregister Nr. 116/1901, die nach der Trennung von ihrem Mann wieder ihren Mädchennamen trug), die sich im September 1929 auf Floreana niederließen. Durch mehrere Zeitungsartikel und ein Buch, in dem er sich selbst zum „neuen Robinson“ stilisierte, machte Ritter sein Experiment der Öffentlichkeit bekannt, deren Interesse bereits durch aufsehenerregende Details wie den vorangegangenen „Partnertausch“ – Ritter wurde von seiner Geliebten begleitet, während seine Ehefrau mit deren Mann zusammenzog – geweckt worden war. Auch der Umstand, dass sich Ritter und Strauch vor der Abreise aus Deutschland sämtliche Zähne hatten ziehen lassen, um zahnmedizinischen Problemen vorzubeugen, fand große Aufmerksamkeit, ebenso die Tatsache, dass beide – außer wenn Besucher kamen – auf Floreana üblicherweise keinerlei Kleidung trugen.

Ritters und Strauchs „Zivilisationsflucht“ war angeregt durch der Form nach philosophische Überlegungen Ritters, die dieser jedoch nie in ausformulierter Weise publizierte. Im Wesentlichen bestanden seine philosophischen Überlegungen, soweit anhand seiner Veröffentlichungen rekonstruierbar, aus einer eklektischen Mischung aus Versatzstücken der Philosophien Nietzsches und Lao-Tses, erweitert durch mystizistische Elemente (so schrieb er etwa über die „tiefe Symbolik“ der Parabel, die als „faustische Kurve“ für den „germanischen Menschentypus“ stehe). Dazu gesellte sich eine grundlegende Ablehnung der westlichen Zivilisation (mit kuriosen Details wie der Abneigung gegen das Tragen von schwarzer Bekleidung und von Kopfbedeckungen), lebensreformerischen Überlegungen, der Ablehnung von Alkoholkonsum, Nikotin, Kaffee, Getreide- und Milchprodukten sowie dem programmatischen Bekenntnis zu vegetarischer Ernährung (Letzteres blieb Theorie; Ritter selbst konsumierte Fleisch, wie nicht zuletzt die Umstände seines Todes belegen). Er betonte nachdrücklich, dass seine Ablehnung zentraler Aspekte der europäischen Zivilisation nicht auf eine Verherrlichung des primitiven Lebens „der Wilden“ abziele, auch wäre es nicht seine Absicht, Schüler und Jünger heranzuziehen – seine Entscheidung, sich auf Floreana anzusiedeln, wurde von ihm als rein persönlich interpretiert. Darüber hinaus stand Ritter auch der medikamentösen Behandlung von Krankheiten kritisch gegenüber, diese sollten vielmehr durch die „Kraft der Gedanken“ überwunden werden. Ritters postum veröffentlichte Aufzeichnungen sind darüber hinaus von einer massiven Ablehnung der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsform (die USA galten ihm als „Ameisengesellschaft“) und von einem ausgeprägten Überlegenheitsgefühl gegenüber der lateinamerikanischen Bevölkerung geprägt; sie enthalten auch extrem rassistische und teilweise auch antisemitische Aussagen: Menschen afrikanischer Herkunft wurden von ihm etwa wörtlich als „große Affen“ bezeichnet.

Angeregt durch Ritters Artikel versuchten in der Folge mehrere Gruppen von Personen, in der Hauptsache Deutsche, sich gleichfalls auf Floreana niederzulassen: Die meisten gaben den Versuch jedoch rasch auf. Dauerhaft ließ sich im August 1932 das aus Köln stammende Ehepaar Heinz und Margret Wittmer, gemeinsam mit Harry, Heinz Wittmers zwölfjährigem Sohn aus erster Ehe, auf der Insel nieder (Heinz Wittmer war davor im Kölner Rathaus im Sekretariat des damaligen Bürgermeisters Konrad Adenauer angestellt gewesen). Die Wittmers versuchten einerseits, der Wirtschaftskrise in Deutschland zu entfliehen, andererseits erhofften sie sich durch das Klima eine Verbesserung des Gesundheitszustandes von Harry Wittmer, der an Lungen- und Augenkrankheiten litt; diese Hoffnung ging jedoch nicht in Erfüllung. Margret Wittmer war bei ihrer Ankunft auf Floreana schwanger; ihr Sohn Rolf, der am Neujahrstag des Jahres 1933 zur Welt kam, war der erste Mensch, der offiziell beurkundet auf Floreana geboren wurde (verstorben 2011). Vier Jahre später, am 18. April 1937, wurde die Tochter Floreana Ingeborg geboren.

Im Oktober 1932 ließ sich eine dritte Gruppe von Ansiedlern auf Floreana nieder. Angeführt wurde sie von einer Frau (vermutlich eine Hochstaplerin), die sich als österreichische Baronin Eloise Wagner de Bousquet ausgab (der Name Bousquet ging vermutlich auf die Ehe der „Baronin“ mit einem französischen Piloten zurück. Die Namensangaben differieren in den Quellen: So wird gelegentlich als Vorname auch Elvira, als Nachname auch Wehrborn de Wagner-Bosquet angegeben). Begleitet wurde sie von zwei Männern deutscher Herkunft, die beide offenkundig in intimer Beziehung zur „Baronin“ standen: Rudolf Lorenz, der davor gemeinsam mit der Baronin ein Geschäft namens „Antoinette“ in Paris betrieben und in den Konkurs geführt hatte, und Robert „Bubi“ Philippson aus Berlin. Anfangs gehörte auch noch ein ecuadorianischer Dienstbote namens Manuel Valdivieso zu dieser Gruppe, der die Insel jedoch bald wieder verließ. Mehrere weitere Begleiter deutscher bzw. österreichischer Herkunft blieben ebenfalls nicht auf Floreana. Erklärte Absicht der Baronin war es, auf Floreana ein Luxushotel zu errichten, wofür auch große Mengen an Baumaterial angeliefert wurden. Die sogenannte „Hacienda Paradiso“ bestand aber letztlich nur aus einer Wellblechhütte mit zwei Räumen, was die Baronin aber nicht daran hinderte, für ihr „Hotel“ Werbung zu betreiben. Die Anwesenheit des „philosophischen Robinson“ Ritter und der selbsternannten „Kaiserin von Floreana“ (so präsentierte sich die Baronin in Zeitungsartikeln) lockte in der Folge immer wieder Besucher, hauptsächlich wohlhabende US-amerikanische Jachtbesitzer, auf die abgelegene Insel. Die vermeintlich weitab von jeder Zivilisation gelegene Aussteigerkolonie wurde zu einer Attraktion für betuchte Touristen. Die Ansiedler auf Floreana wurden von diesen regelmäßig reich beschenkt und erstellten in der Folge auch Einkaufslisten für künftige Besucher. Insbesondere der US-amerikanische Millionär und Philanthrop George Allan Hancock besuchte die Insel wiederholt mit seiner Jacht, auf der auch zahlreiche Wissenschaftler, darunter der Zoologe und Meeresbiologe John S. Garth, den Galápagos-Archipel bereisten; von ihm stammt umfangreiches Filmmaterial über die Siedler von Floreana.

Von Anfang an gestaltete sich das Zusammenleben der übrigen Ansiedler mit der Baronin und ihren Begleitern konfliktträchtig. Einerseits waren die Süßwasservorräte auf der Insel beschränkt, andererseits erhob die Baronin bald den Führungsanspruch gegenüber allen anderen Bewohnern der Insel. Ihrer Auffassung nach wurden Ritter, Strauch und die Wittmers von ihr auf „ihrer“ Insel nur geduldet. Sie „beschlagnahmte“ unter Androhung von Waffengewalt Versorgungslieferungen, die für andere bestimmt waren, und kontrollierte auch den Postverkehr der übrigen Bewohner. Ihr nicht genehme Besucher wurden teilweise gewaltsam von der Insel vertrieben, wobei im November 1932 ein norwegischer Jäger erheblich verletzt und im Juni 1933 ein dänischer Kaufmann, der zuvor zeitweilig auf der „Hacienda Paradiso“ gelebt hatte, durch einen Bauchschuss, den ihm die Baronin unter ungeklärten Umständen beigebracht hatte, lebensbedrohlich verwundet wurde. Schriftliche Eingaben Ritters und der Wittmers an die ecuadorianischen Behörden, dem gewaltsamen Treiben der Baronin ein Ende zu setzen, führten zu keiner Verbesserung der Situation.

Nicht nur das Zusammenleben der einzelnen Siedlergruppen untereinander, sondern auch jenes innerhalb der einzelnen Gruppen gestaltete sich zunehmend konfliktgeladen. Das Verhältnis zwischen Friedrich Ritter und Dore Strauch, die aufgrund einer durch Krankheit (Multiple Sklerose) hervorgerufenen massiven Gehbehinderung mit den schwierigen Lebensumständen auf der Insel nur schlecht zurechtkam, gestaltete sich als zunehmend schwierig. Augenzeugenberichten zufolge wurde Strauch von Ritter, teilweise auch in Gegenwart von Dritten, körperlich misshandelt. Noch dramatischer gestalteten sich die Umstände innerhalb der Gruppe der Baronin, wo der mittlerweile (vermutlich an Tuberkulose) erkrankte Rudolf Lorenz zunehmend in die Rolle eines Arbeitssklaven gedrängt und von seinem körperlich überlegenen Rivalen Philippson regelmäßig verprügelt wurde. Anfang 1934 flüchtete Lorenz aus dieser für ihn zunehmend unerträglichen Situation und lebte in der Folge teilweise als Gast bei den Wittmers, teilweise versteckte er sich vor der Baronin und Philippson und bemühte sich gleichzeitig um eine Möglichkeit, die Insel zu verlassen. Dem Ehepaar Wittmer vertraute Lorenz an, er fürchte, dass die Baronin und Philippson vorhätten, ihn zu ermorden.

Ereignisse von 1934