Überfremdung ist ein politisches Schlagwort, das im deutschen Sprachraum ein Übergewicht von als fremd und schädlich bewerteten Einflüssen auf Gesellschaft, Kultur, Nation oder Sprache bezeichnet. Im Rechtsextremismus wird der Ausdruck im Zusammenhang mit ausländer- und fremdenfeindlichen Forderungen, Maßnahmen und Zielen benutzt. 1993 wurde der Ausdruck zum deutschen Unwort des Jahres gewählt. In der Wirtschaft betrifft der Begriff die Anschaffung größerer Kapitalbeteiligungen an einem Unternehmen mit dem Ziel, maßgeblichen Einfluss auf dessen Unternehmensleitung zu gewinnen. mini|300px|Deutsche Rechtsradikale mit Transparent bei antiislamischen Protesten der Niederländischen Volksunion (NVU), die eine „Rückbesinnung auf die germanisch-christliche Kultur“ fordert (2011)

Überblick Der Ausdruck wird umgangssprachlich auf verschiedene Vorgänge bezogen, jedoch nirgends präzise definiert. Als Schlagwort soll er äußere Einflüsse als „fremdartig“, „übermäßig“ und bedrohlich kennzeichnen und insofern abwerten.Brockhaus Enzyklopädie. 17. Auflage. Wiesbaden 1966–1974.

Der Duden zeigt seinen Bedeutungswandel: Er nannte das Substantiv erstmals 1929 und erklärte es ökonomisch als „Aufnahme zu vielen ausländischen Geldes“. 1934 kam das „Eindringen Fremdrassiger“, 1941 das „Eindringen fremden Volkstums“ hinzu.Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 3-11-019549-6, . Ab 1956 ersetzte „Fremder“ den Begriff „Fremdrassige“. „Fremdes Volkstum“ war nach wie vor angegeben. Als Beispiel wurde etwa genannt: „ein Land ist überfremdet“.Paul Grebe (Hrsg.): Der Grosse Duden, Band 1. Dudenverlag des Bibliographischen Instituts, 1956, S. 698 (Stichwort „Überfremdung“). Erst 1958 wurden die Näherbestimmungen von 1934 entfernt.Horst Dieter Schlosser: Es wird zwei Deutschlands geben: Zeitgeschichte und Sprache in Nachkriegsdeutschland 1945–1949. Peter Lang, 2005, ISBN 3-631-53705-0, S. 72. Seit 1991 wird das Verb „überfremden“ im Rechtschreibduden als „mit fremden Einflüssen durchsetzen, als fremder Einfluss in etwas beherrschend werden“ erklärt. Das Substantiv wird seit 1993 mit dem Beispiel „die Furcht vor Überfremdung (vor der Anwesenheit zu vieler dauernd hier lebender Ausländer) ist unbegründet“ erläutert.Der Duden – Deutsches Universalwörterbuch. 3., erweiterte Auflage 2006, ISBN 3-411-05506-5 (Stichworte „überfremden“, „Überfremdung“ online)

Nur in der Wirtschaftswissenschaft dient der Begriff als Fachterminus. Manche Sprachpfleger benutzen ihn zur Kritik an Anglizismen.Harald Süss: Verlust der Sprache. Zur Überfremdung des Deutschen. Bund für deutsche Schrift und Sprache, 2001, ISBN 3-930540-13-4. Besonders Rechtsextremisten benutzen ihn als Kampfbegriff, um religiöse, ethnische, rassische oder kulturelle Minderheiten als Gefahr für die „Einheimischen“, ihre Kultur und/oder Nation darzustellen. Damit verbinden sie politische Ausgrenzungsforderungen. Diese Verwendung stammt aus der Volkstumsideologie und völkischen Bewegung des 19. Jahrhunderts in deutschsprachigen Ländern. Aber auch Populisten und Demokraten benutzen den Begriff mitunter in Debatten um Ausländerpolitik, Migration, Integration und Asylrecht.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wählte „Überfremdung“ 1993 mit folgender Begründung zum deutschen Unwort des Jahres:

Auch Linguistik, Literatur-, Politik- und Sozialwissenschaften kritisieren den Begriff wegen seiner Unschärfe, seiner Verwendung in der Sprache des Nationalsozialismus und fortdauernden negativen Konnotation als Schlüsselwort zur Stimmungsmache.Alexander Pollak, Ruth Wodak: Der ausgebliebene Skandal. Diskurshistorische Untersuchung eines Wiener Gerichtsurteils. Czernin Verlag, Wien 2001, ISBN 3-7076-0134-X, S. 10 und 150.Hartmut Wilke: Gefühlte Überfremdung – eine phänomenologische Kritik soziobiologischer Erklärungsansätze. In: sicetnon. zeitschrift für philosophie und kultur, 20. November 2005;

Im Englischen gibt es vergleichbare Ausdrücke wie und , wobei der ‚Ausländer‘ vom ‚Fremden‘ unterschieden wird. Im Französischen trifft man , oder an, im Spanischen , im Italienischen . Diese Begriffe haben jeweils eigene historische Hintergründe und Nebenbedeutungen.

Ökonomische Begriffsbedeutung Anteilskäufer können schon durch eine Sperrminorität Einfluss auf ein Unternehmen erreichen. Nach Umfragen fürchten viele Aktionäre von Aktiengesellschaften solche Aufkäufe und damit verbundene Einflussverluste.Sonja Weigel: (PDF; 44 kB) Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt-Mainfranken.

Als Gegenmaßnahme können Unternehmen Aktien nach Abs. 1 Satz 4 HGB mit einem Mehrfachstimmrecht ausstatten: Dies wurde in der Inflationszeit vermehrt zur Abwehr von Überfremdungsgefahren durch in- und ausländische Anleger eingesetzt.Historie und Recht des Aufsichtsrats Unternehmen können auch Namensaktien ausgeben: Damit versuchen besonders Familienunternehmen, eine Übersicht über den Aktionärskreis zu behalten. Zudem können sie das Stimmrecht der Aktionäre einschränken. Ob ein Firmenvorstand auch präventiv eigene Aktien erwerben darf, ist umstritten und soll nach vorherrschender Ansicht nur bei durch Überfremdung bevorstehendem schweren Schaden für die Gesellschaft erwogen werden. Dies wird im Aktiengesetz () nicht explizit geregelt.

Der Deutschen Lufthansa AG wurde der Erwerb eigener Aktien im März 2006 ausdrücklich zugestanden, als der Anteil ausländischer Aktionäre auf über 40 Prozent angestiegen war. Das europäische Luftverkehrsrecht ließ nur einen ausländischen Anteil bis zu 50 Prozent des Grundkapitals einer Gesellschaft für das Recht zum Anflug außereuropäischer Ziele zu.

Solche Schutzmaßnahmen spielen auch für Volkswirtschaften eine Rolle. Als Mitte der 1970er Jahre einige ölfördernde Staaten große Mengen deutscher Aktienpakete kauften, wurde über Möglichkeiten zum „Schutz der deutschen Wirtschaft gegen Überfremdung“ diskutiert. Die übermäßige Beteiligung ausländischer Investoren an deutschen Unternehmen galt als unerwünscht.

Gegner der Globalisierung begründen ihre Ablehnung ausländischer Investitionen oft mit Nationalismus: etwa in Lateinamerika gegen Investoren aus den USA. Deutsche Beobachter sehen dies wiederum als Chance für verstärkten Warenaustausch mit Ländern wie Argentinien.Krise am La Plata. In: Die Zeit. Nr. ?, S. 2. In Thailand wehren sich sogar Vertreter fast insolventer Banken aus Überfremdungsängsten gegen den Kapitalzustrom des Auslands.Jutta Hoffritz: Die Krise als Medizin. Zwei Jahre danach: Nur anhaltender Leidensdruck hilft den Ländern in Fernost. In: Die Zeit. Nr. 33, 1999. Die Forschung sieht allerdings inzwischen, auch aufgrund von fragen, kaum noch Raum für einen nationalstaatlichen Protektionismus.

Deutschsprachige Rechtsextremisten greifen wirtschaftliche Überfremdungsängste auf. Die NPD behauptet, amerikanische Investoren versuchten durch eine „Kapitalüberfremdung in der deutschen Volkswirtschaft“ diese zu erobern, um so die „völlige Herrschaft über die Schlüsselindustrien in Europa“ zu erreichen.Stefan Mannes: Shoa.de, 2009.

Sprachkritische Begriffsbedeutung Eine einheitliche Sprache galt in Europa seit dem 18. Jahrhundert als Hauptmerkmal und einheitsstiftendes Band der Nation. Dabei bildete sich nationale Identität durch Abgrenzung von anderen Sprachen, deren Sprechern und mit ihnen verbundenen kulturellen Eigenarten. Die Kritik an einer „Überfremdung“ der eigenen Sprache diente im deutschsprachigen Raum dieser Abgrenzung, so dass sprachkritische und politisch-ideologische Verwendung des Begriffs historisch gleichzeitig auftraten und inhaltlich kaum zu trennen sind.David Crystal: The Cambridge encyclopedia of language. Zweitausendeins Verlag, 1995, ISBN 978-3-86150-705-5, S. 34.

mini|hochkant|Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Eine „Sprachmengerei“ (Sprachvermischung), wie sie damals als Nachahmung italienischer und französischer Hofsprache an deutschen Fürstenhöfen üblich war, kritisierte schon Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621–1676) in seinem Traktat Dess Weltberuffenen Simplicissimi Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel. Er wollte damit zur Erhaltung der damaligen Reichsordnung beitragen.Dieter Breuer: Simplicianische Sprachkritik – Grimmelshausens Traktat Deß Weltberuffenen Simplicissimi Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel. In: Axel Gellhaus, Horst Sitta (Hrsg.): Reflexionen über Sprache aus literatur- und sprachwissenschaftlicher Sicht. (=Germanistische Linguistik, 218), Tübingen, Niemeyer 2000, , S. 7ff.

Johann Heinrich Campe veröffentlichte von 1801 bis 1807 das sechsbändige Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke, in dem er deutsche Alternativen für damals favorisierte Fremdwörter vorschlug. Die 1815 gegründete Berlinische Gesellschaft für deutsche Sprache widmete sich der „Erforschung und Reinhaltung des Deutschen“ und dem Kampf gegen Gallizismen. Bei Mitgliedern wie Friedrich Ludwig Jahn war dies mit einer nationalistischen Franzosenfeindschaft gepaart.

Gustav Wustmann verband in seinem 1891 erschienenen Traktat Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen Sprachkritik mit verschwörungstheoretischem Antisemitismus:

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden solche Klischees für rassistische Propaganda zur Rechtfertigung von Völkermord vereinnahmt.

Im heutigen deutschen Sprachraum bezieht sich Sprachkritik vor allem auf Anglizismen. So klagte z. B. der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2001:

Ähnlich äußerten sich die Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach oder der Sprachwissenschaftler Ulrich Knoop, Vorsitzender der Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache:

Fragen der Sprachnorm spielen heute wieder eine große Rolle, oft im Kontext öffentlicher Debatten über deutsche Identität und Leitkultur. Dabei wird die Verbreitung einer sprachlichen Varietät mit vereinfachter Grammatik, Lautveränderungen und Einsprengseln anderer Sprachen zunehmend kritisiert. Verein Deutsche Sprache. Manche türkischstämmige Deutsche verwenden gängige Mischformen gern bewusst selbstironisch als Kanak Sprak. Manche deutsche Politiker fordern dagegen Sprachschutzgesetze, ähnlich denen in Frankreich, Polen und Lettland. Institut für Deutsche Sprache.

Politische Verwendung Deutschland Kaiserzeit

Schon vor der Reichsgründung hatten Deutschnationale wie Ernst Moritz Arndt gegen Einwanderung aus Osteuropa polemisiert und vor einer „Überschwemmung“ durch Fremde und ihre Kultur, vor allem der Juden, gewarnt. Seit 1871 lehnten sich die Argumente dazu immer häufiger an Denkmuster des pseudowissenschaftlichen Rassismus an. Auch wo dieser abgelehnt wurde, betrachtete man das eigene Volk oft als Kollektiv, das sich im Sinne eines Sozialdarwinismus gegen andere „Volkstümer“ innen wie außen aggressiv behaupten und die Anpassung von Minderheiten erzwingen müsse.