Das Etablieren von Internetverbindungen und virtuellen Vernetzungsmöglichkeiten sollte auch in Indonesien ein wichtiger Schritt zur Modernisierung und zum Anschluss an die westlichen Industrieländer sein. So baute der damalige Technologie- und Forschungsminister Bacharuddin Jusuf Habibie Stipendienprogramme für Indonesier auf, die sich im Ausland das nötige technische Wissen aneignen sollten, um schließlich auch in Indonesien einen der Ende der 1980er Jahre vor allem in Südostasien viel besungenen „Multimedia-Korridore“ einzurichten. Die aus dieser Förderungspolitik entsprungenen indonesischen Fachkräfte, die sogenannten Habibies Kids, begannen ab 1986 das inter-universitäre Netzwerk IPTEKnet aufzubauen, das sich aus den javanischen Spitzenuniversitäten Universitas Indonesia (UI) in Jakarta, Institut Teknologi Bandung (ITB), der Gadjah-Mada-Universität (UGM) in Yogyakarta sowie dem Institut Teknologi Surabaya (ITS) zusammensetzte. Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 195 Ab 1994 wurde IPTEKnet zum ersten öffentlichen Internetprovider und blieb bislang der größte nichtkommerzielle Internet Service Provider (ISP) Indonesiens.Hill/Sen 1997: Wiring the Warung to GlobalGateways. The Internet in Indonesia. In: Indonesia No 63, Cornell University Press, S. 72
Nutzerstruktur Für Privatpersonen allerdings war das Internet zu der Zeit kaum erschwinglich und die Zugänge beschränken sich hauptsächlich auf Universitäten und Regierungseinrichtungen. So blieb Indonesien bis 1997 eines der am wenigsten vernetzten Länder in Südostasien.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 194. Im Jahre 1995 wurde mit »RADNET« der erste private Service Provider gegründet., rad.net.id Das führte im darauf folgenden Jahr vor allem auf Java zu einem relativ schnellen Verbreitung der privaten Internetnutzung. Die Zahl der registrierten Benutzer verdreifachte sich fast von 15.000 im Jahre 1995, verteilt auf fünf ISPs, auf 40.000 Ende 1996.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 196. Die Accounts wurden oft von mehreren Menschen geteilt, so dass die „Dunkelziffer“ der tatsächlichen User vermutlich viel höher lag. Der Anteil der Menschen mit Internetzugang an der Gesamtbevölkerung von über 200 Millionen Menschen war allerdings verschwindend gering.
Private ISPs bekamen leicht die nötigen Lizenzen. Im Gegensatz zu den Auflagen gegenüber Medienunternehmen gab es kaum staatliche Bestimmungen über die Nutzung und das Anbieten von Internetservices. Im Jahre 1996 neu verabschiedeten Gesetz zur Nachrichtenverbreitung fand das Internet nicht einmal Erwähnung. Die meisten Anbieter waren an bereits bestehende, große Medienkonglomerate angeschlossen, um entsprechende finanzielle Rückendeckung zu erhalten.Hill/Sen 1997: Wiring the Warung to GlobalGateways. The Internet in Indonesia. In: Indonesia No 63, Cornell University Press, S. 73
Verlässliche Statistiken zur Internetnutzung gab es zu Beginn kaum. Mitte der 1990er sind die meisten Benutzer vor allem in der Region Jakarta – Bandung verzeichnet. Über 90 % der Nutzung diente geschäftlichen oder universitären Zwecken oder ging auf Regierungsseiten. Der verschwindend geringe Restanteil am indonesischen Web verteilte sich auf Nichtregierungs-Organisationen, Forschungsinstitute und private Nutzung.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 197
Internetcafés
Populärer und alltagstauglicher wurde das Internet mit der Eröffnung von Internetcafés, sogenannten warnets. Die ersten drei öffneten im September 1996 in Yogyakarta und verbreiteten sich zunächst vor allem in den Universitätsstädten auf Java. Auch die indonesische Post eröffnete Internetcafés, die staatlichen Wasantara-net. Das Ziel sollte sein, das Internet als paralleles Kommunikationsmedium zu Telefon und Fax als Teil des 5. nationalen Entwicklungsplanes Repelita V indonesienweit zu verbreiten.Hill/Sen 1997: Wiring the Warung to GlobalGateways. The Internet in Indonesia. In: Indonesia No 63, Cornell University Press, S. 67
Zensur Die Erfolge, das Internet bezüglich „gefährlicher“ Inhalte zu kontrollieren, blieben gering. Politische und pornografische Inhalte werden von der Regierung (theoretisch) nicht geduldet.Low, Pit Chen 2003: The Media in a Society in Transition. A Case Study of Indonesia. The Fletcher School (Tufts University). Master of Arts Thesis, S. 44, Lim, Merlyna 2003: From real to virtual (and back again) – Civil society, public sphere, and the Internet in Indonesia. In: Ho, K. C./ Kluver, Randolph and Yang, Kenneth C. C.: Asia.com. Asia encounters the Internet. London and New York: Routledge Courzon. S. 113–128. Jedoch macht es die technische Ausstattung der Regierungsbehörden und die rasende Entwicklung der Computer- und Internetnutzung sowie mangelndes Interesse seitens der Regierung, das Internet unter staatliche Kontrolle zu bringen, politischen Aktivisten leicht, das Internet für Informationskampagnen gegen den amtierenden Präsidenten Suharto zu nutzen.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 206 So entziehen sich die Informationen im Cyberspace der staatlichen Kontrolle, der v. a. Indonesier ausgesetzt sind.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 202 Vor allem die mailingliste Indonesia-L, besser bekannt als Apakabar, tat sich in der Anfangszeit des Internet-Aktivismus in Indonesien hervor.
Behördliche Zuständigkeiten Die ministerialen Zuständigkeiten sind nicht eindeutig geklärt. Das Internet als Informations- und Telekommunikationsmedium unterliegt zum einen dem Informationsministerium, der Propaganda- und Zensurbehörde der Neuen Ordnung. Auf der anderen Seite untersteht das Internet als Kommunikationsmedium gleichzeitig dem Ministerium für Post, Telekommunikation und Tourismus.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 208 Besonders seit der Teilprivatisierung des Telekommunikationssektors 1989 vertritt dieses Ministerium zunehmend auch internationale Wirtschaftsinteressen. Liberale Politik soll Indonesien als Wirtschaftsstandort für ausländische Investoren attraktiv machen, der Ausbau des Internets als globales Kommunikationsmedium sei dafür unabdingbar.
Das Militär hingegen startet als Reaktion auf die immer lauter werdenden kritischen Stimmen aus dem Cyberspace eine Gegenkampagne zur „Richtigstellung falscher Informationen“, die angeblich auf alternativen Seiten im Internet kursieren.Hill/Sen 2000: Media, Culture and Politics in Indonesia. Oxford: Oxford University Press, S. 204 So äußert sich Edi Sudarajat, der Verteidigungs- und Sicherheitsminister, zur Eröffnung der Homepage der indonesischen Streitkräfte ABRI wie folgt: „Through Hankam-Net it is hoped that the deep-seated symptoms of crisis and erosion of nationalism as a consequence of the impact of globalization, which is difficult to resist, can be countered by the broadcasting of heroic and patriotic information via Internet to mobilize devotion to the Indonesian Nation and State.“Hill/Sen 1997: Wiring the Warung to GlobalGateways. The Internet in Indonesia. In: Indonesia No 63, Cornell University Press, S. 67 f.
Das Internet und die Ereignisse von 1998 Dem Internet als Ort alternativer Informationen und offenem Meinungsaustausch die zentrale Rolle bei den Ereignissen, die im Mai 1998 zum Sturz Suhartos führten, zuzuschreiben, mag übertrieben sein. Immerhin hatte nur knapp ein Prozent der indonesischen Bevölkerung Zugang zum Internet.Lim, Merlyna 2003: From real to virtual (and back again) – Civil society, public sphere, and the Internet in Indonesia. In: Ho, K. C./ Kluver, Randolph and Yang, Kenneth C. C.: Asia.com. Asia encounters the Internet. London and New York: Routledge Courzon, S. 121 Dennoch spielte es eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Aufbau einer Widerstandsbewegung, deren Arbeit sich vielmals im zunächst 'sicheren' Cyberspace abspielte. Diese virtuelle Opposition trug einen nicht zu vernachlässigenden Anteil zur Demokratisierung Indonesiens bei.
Vor allem in den Jahren nach 1994, seit dem Lizenzentzug der Wochenmagazine TEMPO, Editor und Detik wuchs ein enormes Bedürfnis nach kritischer Berichterstattung, die das Internet durch die gewährleistete Anonymität und der damit verbundenen Sicherheit vor Zensur- und Repressionsmaßnahmen bieten konnte. Durch die begrenzte Reichweite des Internets innerhalb der indonesischen Gesellschaft fiel der zusätzlichen, nichtvirtuellen Verbreitung der Informationen aus dem Cyberspace ebenfalls eine tragende Rolle zu, so dass bei den Protesten gegen Präsident Suharto im Mai, eine Massenbewegung entstand, die weit über den studentischen Mobilisationskreis als Hauptgruppe der Internetnutzer hinausging.Harsono, Andreas (2000): Indonesia. Dancing in the Dark. In Ed. Louise Williams and Roland Rich (2000): Losing Control. Freedom of the Press in Asia. Singapur: Asia Pacific Press, S. 83
Doch auch konventionelle, staatstreue Medien machten sich das Internet zunutze. MacDougall, der Gründer der Apakabar-Mailingliste bemerkte, dass bereits Ende 1996 von 86 registrierten Zeitungen 30 entweder bereits online waren oder doch zumindest kurz davor waren, Onlineausgaben herauszubringen.Mac Dougall, John A. (1997): Indonesia on the Net. In: Inside Indonesia 52. ( , 30. September 2008)
Zwischen 1996 und 1998 entstanden immer mehr pro-demokratische, anti-Suharto Bewegungen, die im Internet eine geeignete Kommunikations- und Vernetzungsplattform fanden auf der, geschützt durch Verschlüsselungen oder durch ausländische Server, alternative Informationen ins Land transferiert werden konnten, die von der Regierung nicht mehr zu kontrollieren waren. Versuche seitens der Regierung, einschlägige Mailinglisten oder Foren zu schließen wurden mit der Entstehung weiterer alternativer Listen beantwortet.Hill/Sen 2005: The Internet in Indonesia’s New Democracy. London and New York: Routledge, p. 44–49 Auch viele Printmedien wichen freiwillig oder unfreiwillig auf das Internet aus, um der Zensurbehörde der Neuen Ordnung zu entgehen. Neben den 1994 verbotenen Wochenzeitschriften Editor, Detik und Tempo, die zwei Jahre später ihre journalistische Arbeit und ihre Publikationen auf das Internet verlagerten, wechselte auch Pijar, eine indonesische Menschenrechtsorganisation, von seiner gedruckten Infozeitschrift zu einer Mailingliste, die Ende der 1990er Jahre als KdP (Kabar dari Pijar – Nachrichten von Pijar) zusammen mit der Apakabar-Liste große politische Bedeutung erlangte.Hill/Sen 1997: Wiring the Warung to GlobalGateways. The Internet in Indonesia. In: Indonesia No 63, Cornell University Press. S. 67–89, p. 75
Bis zur Asienkrise im Herbst 1997 waren etwa 20 indonesische NGOs miteinander online vernetzt und hatten Homepages, Diskussionsforen und Mailinglisten.Hill/Sen 2005: The Internet in Indonesia’s New Democracy. London and New York: Routledge, p. 48 Das bildete eine wichtige Grundlage für die Organisation und Mobilisierung der Anti-Suharto-Proteste, die im Mai 1998 zum Sturz des Diktators führten. Selbst ehemals regimetreue, konservative Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen brachten Bilder und Berichte von den Protesten.Harsono 2000: Indonesia. Dancing in the Dark. In Ed. Louise Williams and Roland Rich (2000): Losing Control. Freedom of the Press in Asia. Singapur: Asia Pacific Press. S. 74–92, p. 85
Reformasi und aktuelle Entwicklungen des Internets