Friedrich „Fritz“ Wotruba (* 23. April 1907 in Wien; † 28. August 1975 ebenda) gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk löst er zunehmend die figürlichen Komponenten zugunsten geometrischer Abstraktion auf.

Leben Frühe Jahre Fritz Wotruba wurde 1907 als Sohn von Maria Kotsis (* 27. August 1860), einem ungarischen Dienstmädchen, und Adolf Wotruba (* 30. April 1855), einem gebürtigen Tschechen und Schneidergehilfen, in Wien als jüngstes von acht Kindern geboren.Otto Breicha (Hrsg.): Fritz Wotruba. Werkverzeichnis. Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle. St. Gallen 2002, S. 15.Taufbuch Wien-08., Alservorstadtpfarre, tom. ?, fol. 26 (Faksimile), abgerufen am 31. Dezember 2024. Seine Eltern hatten am 7. Juli 1890 in der Schottenfelder Kirche geheiratet.Trauungsbuch Wien-07., Schottenfeld, tom. ?, fol. 34 (Faksimile), abgerufen am 31. Dezember 2024. Der junge Wotruba wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Umfeld auf. 1920 nahm Wotruba an einer sozialdemokratischen Kindererholungsaktion in Capodistria teil, wo er sich mit einem Franziskaner anfreundete und viel Zeit im dortigen Kloster verbrachte. Die imposanten Bildwerke beeindruckten ihn, nach eigenen Angaben besonders eine Darstellung von Judith und Holofernes. Hier entwickelte er sein Interesse am Zeichnen und an der Malerei.Gabriele Stöger-Spevak: Fritz Wotruba – zwischen den Zeiten. Wotrubas Leben und Werk 1907-1938 In: Agnes Husslein-Arco (Hrsg.): Fritz Wotruba. Einfachheit und Harmonie. Skulpturen und Zeichnungen aus der Zeit von 1927 – 1949. Weitra 2007, S. 33.

Ausbildung Von 1921 bis 1925 erlernte Wotruba den Beruf des Stanzengraveurs in einer Wiener Graveur- und Stanzenwerkstätte. Zu dieser Zeit gehörte er einer sozialdemokratischen Arbeiterjugendgruppe in der Josefstadt an und trat der Gewerkschaft bei. Als Künstler betätigte er sich vorwiegend mit dem Kopieren von Zeichnungen berühmter Bildhauer, allen voran Michelangelos.

1926 besuchte er den Abend-Aktkurs an der Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien, der ihn dazu bewog, sich dort zum Bildhauer ausbilden zu lassen. Bereits im Herbst 1926 wurde er als Student in die Fachklasse für Bildhauerei von Anton Hanak aufgenommen. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau, Marian Fleck, Tochter eines jüdischen Kaufmanns, kennen. Sie gab ihre eigene künstlerische Tätigkeit auf, um sich der Förderung des Werkes ihres Mannes zu widmen.

Von 1928 bis 1929 besuchte Wotruba die Klasse von Eugen Steinhof. In dieser Zeit arbeitete er weiterhin als Stanzengraveur, um sich seine Ausbildung zu finanzieren.Gabriele Stöger-Spevak: Fritz Wotruba – zwischen den Zeiten. Wotrubas Leben und Werk 1907–1938. In: Agnes Husslein-Arco (Hrsg.): Fritz Wotruba. Einfachheit und Harmonie. Skulpturen und Zeichnungen aus der Zeit von 1927 – 1949. Weitra 2007, S. 34.

Ab 1927 unterhielt Wotruba eine eigene Werkstatt, wo 1928/1929 der Torso aus Kalkstein entstand.Otto Breicha (Hrsg.): Fritz Wotruba. Werkverzeichnis. Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle. St. Gallen 2002, S. 16. Die Figur, in der noch die Nähe zum ursprünglichen Stein spürbar ist, wurde im Frühjahr 1930 öffentlich in der Secessions-Ausstellung gezeigt. Bereits in dieser Skulptur deuteten sich das Blockhafte und eine Strenge an, die in den 1950er Jahren in Wotrubas Werken kontinuierlich eine Steigerung erfuhr. Der Künstler maß nicht dem Detail große Bedeutung bei, für ihn war vielmehr die Gesamterscheinung entscheidend. Seine menschlichen Darstellungen erfuhren eine deutliche Streckung, die Egon Schiele und Anton Hanak zu Vorbildern hat.

Im Mai 1929 musste Wotruba als Folge eines Disziplinarverfahrens gegen ihn die Ausbildungsstätte verlassen, erhielt jedoch ein Abgangszeugnis mit sehr guter Bewertung. Er richtete sich eine Werkstatt unter einem Stadtbahnbogen in Wien ein und versuchte von diesem Zeitpunkt an, seinen künstlerischen Weg als freischaffender Bildhauer zu finden.

Wotrubas Schaffen ist im Kontext der historischen und soziokulturellen Eigenheiten Wiens um 1900 zu sehen, die auch noch nach 1920 allgegenwärtig waren. Im zeichnerischen Œuvre und in den frühen Torsi sind noch Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka spürbar. Die starke Verbundenheit mit seiner Heimat und die durchaus kritische Auseinandersetzung mit deren gebauter wie gemalter Historie bedeutete für ihn nicht nur Inspiration, sondern auch Reibungsfläche. Das barocke Wien ließ ihn nach einem ästhetischen Kontrapunkt formaler Reduktion streben – Einfachheit und Harmonie standen in seiner Kunst im Vordergrund. In dieser elementaren Opposition zur Opulenz, die ihn in Wien umgab, fand Wotruba zu einer eigenen Formensprache.

Durch die Beschäftigung mit Schiele lernte Wotruba die Werke Georg Minnes näher kennen. Minne zeigte 1928 in der „Internationalen Aktausstellung“ der Secession in Wien seine marmorne Skulpturengruppe Fraternité, die in Wotrubas frühen Jünglingsdarstellungen zum Teil rezipiert wurde. Diese waren jedoch noch deutlich von Anton Hanak und Wilhelm Lehmbruck geprägt. Die zunächst langgezogenen, manieristisch und hünenhaft wirkenden Körper aus der Frühzeit verloren langsam ihre menschliche Statur, um im späteren Schaffen beinahe zu architektonischen Landschaften zu mutieren.Natalie Hoyos: Metaphern eines steinernen Weltbildes. In: Agnes Husslein-Arco (Hrsg.): Fritz Wotruba. Einfachheit und Harmonie. Skulpturen und Zeichnungen aus der Zeit von 1927 – 1949. Weitra 2007, S. 17–18.

mini|hochkant|Mensch verdamme den Krieg, Pestalozzi-Park, Leoben (hier als Leihgabe im Belvedere Wien zu sehen)

Sein wachsendes Interesse für internationale Bildhauer führte Wotruba gegen Ende der 1920er Jahre zu einer Auseinandersetzung mit Wilhelm Lehmbruck, dessen Skulpturen er erstmals in Essen und Düsseldorf 1930 direkt studieren konnte. Ästhetische Impulse lieferten neben Lehmbruck auch Auguste Rodin und Aristide Maillol. Seine Studien an Skulpturen internationaler Künstler halfen Wotruba bei der Überwindung des expressiven Figurentypus seines Lehrers Anton Hanak. Auch Stilisierungen nach secessionistischem Vorbild sowie impressionistische Stilmittel gerieten zunehmend in den Hintergrund.Natalie Hoyos: Metaphern eines Steinernen Weltbildes. In: Agnes Husslein-Arco (Hrsg.): Fritz Wotruba. Einfachheit und Harmonie. Skulpturen und Zeichnungen aus der Zeit von 1927 – 1949. Weitra 2007, S. 17.

Von 1930 bis 1933 zeigten sich Wotrubas erste Erfolge durch die Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. Er konnte sich unter anderem an drei Ausstellungen der Vereinigung Bildender Künstler Wiener Secession beteiligen, zu deren Mitglied er 1932 ernannt wurde, sowie an der Werkbundausstellung 1930. Im Jahr 1932 widmete ihm die Galerie Würthle eine eigene Ausstellung. Besonders hervorzuheben sind einige seiner internationalen Auftritte wie 1931 eine Einzelausstellung im Folkwang-Museum in Essen, die Teilnahme an der Internationalen Ausstellung Plastik im Kunsthaus Zürich sowie an der Biennale in Venedig 1932.

1930 wurde Wotruba zum jüngsten Mitglied der Kunstschau, der repräsentativen Künstlervereinigung Österreichs ernannt. Im Jahr darauf vollendete der Bildhauer den Großen Hockenden und die Große Liegende.Otto Breicha (Hrsg.): Fritz Wotruba. Werkverzeichnis. Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle. St. Gallen 2002, S. 16–17.

Die Gemeinde Wien ließ zwischen 1923 und 1934 etwa 350 Gemeindebauten errichten, die oftmals mit Bauplastiken ausgestattet oder mit Freiplastiken geschmückt wurden. Durch die Vermittlung von Eduard Leisching, dem Direktor des Wiener Museums für Angewandte Kunst, erwarb die Gemeinde Wien 1930 Wotrubas Bleiguss-Figur Junger Riese, die 1932 im Hof des Gemeindebaus am Friedrich-Engels-Platz aufgestellt wurde. 1938 wurde sie von dort entfernt und im Jahr 1940 eingeschmolzen. Aus dem Verkaufserlös des Jungen Riesen reiste das Ehepaar nach Deutschland und Holland. In Düsseldorf und Essen sah Wotruba zum ersten Mal Werke von Lehmbruck und Maillol, die ihn nachhaltig beeindruckten.Otto Breicha (Hrsg.): Fritz Wotruba. Werkverzeichnis. Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle. St. Gallen 2002, S. 16.

Ein weiteres monumental-repräsentatives Werk Wotrubas im öffentlichen Raum wurde 1932 auf dem Friedhof von Donawitz in der Steiermark zum Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges aufgestellt. Das Werk trug den Titel Mensch verdamme den Krieg. Der Künstler übernahm unentgeltlich die künstlerische Organisation und errichtete das Denkmal in Zusammenarbeit mit Kriegsverletzten und Arbeitslosen des Eisenhüttenwerks in Donawitz. Auch dieses Kunstwerk wurde im Nationalsozialismus entfernt und konnte erst 1988 im Pestalozzi-Park in Leoben wieder aufgestellt werden.

Zeit des Austrofaschismus Die politische Situation in Österreich änderte sich jetzt grundlegend. Auf die Februarunruhen 1934 folgte ein Verbot der Sozialdemokratischen Partei. Wotrubas Atelier wurde bereits 1933 durchsucht; der Künstler fühlte sich zunehmend bedroht, so dass er mit seiner Frau Österreich verließ. In Zürich fand er Arbeit bei einem Steinmetz. Die folgenden sieben Monate waren eine besonders produktive Zeit; es entstand eine Fülle an Steinarbeiten; darunter sind so bedeutende Werke wie Großer liegender Jüngling und die Große dunkle Figur.

Zur Rückkehr nach Wien hat ihn wahrscheinlich der Maler Carl Moll bewegt, der ihm den ursprünglich an Hanak vergebenen Auftrag für ein Gustav-Mahler-Denkmal vermittelt hatte. Wotruba arbeitete von 1934 bis 1936 an zwölf Modellen für das Denkmal. Trotz der positiven Resonanz zu den Vorarbeiten wurde das Projekt verworfen.

mini|Grabmal für Selma Halban-Kurz auf dem Wiener Zentralfriedhof

Moll unterstützte Wotruba die folgenden Jahre hindurch finanziell und verschaffte ihm Aufträge, so für die Gestaltung des Grabmals der Opernsängerin Selma von Halban-Kurz auf dem Wiener Zentralfriedhof. Der Künstler schuf hiefür eine nackte Frauengestalt, die große Empörung hervorrief, bereits 1934 verhüllt und in weiterer Folge bis 1945 hinter dichtem Gebüsch versteckt wurde.

Im Herbst 1934 nahm Fritz Wotruba an einem Wettbewerb der Gemeinde Wien für ein Denkmal der Arbeit auf dem Schmerlingplatz teil. Wotruba arbeitete zusammen mit dem Architekten Arnold Nechansky an einem Entwurf. Vom Architekten Josef Hoffmann, der zur Jury gehörte, wurden sie zwar protegiert, erreichten aber nur den dritten Preis von 115 Einreichungen. Wotruba hatte Josef Hoffmann 1930 bei der Werkbundausstellung kennengelernt. Der berühmte Architekt förderte den Bildhauer des Öfteren, so auch bei der Teilnahme an den Secessions-Ausstellungen und an der XIX. Biennale von Venedig 1934.

In den 1930er Jahren lernte Wotruba viele Intellektuelle, bildende Künstler und Literaten kennen. Zu diesen zählten unter anderen Elias Canetti, Hermann Broch, Franz Theodor Csokor, Hans Erich Apostel, Herbert Boeckl, Josef Dobrowsky und Georg Merkel, Carry Hauser, Alban Berg, Robert Musil und Franz Ullmann. Alma Mahler ließ ihre Tochter Anna bei Wotruba Privatunterricht nehmen. Im Kreis der Wiener Künstler genoss Wotruba hohe Wertschätzung. Im April 1934 nahm Wotruba an der Ausstellung „Austria in London“ teil, die unter der Leitung des Architekten und Staatsrats für Kunst Clemens Holzmeister stand. 1934 beteiligte sich Wotruba abermals an der Biennale in Venedig. 1936 trat Wotruba aus der „Vereinigung Bildender Wiener Künstler Secession“ aus, da er ihr Nähe zu den Nationalsozialisten vorwarf.