mini|hochkant=1.8|Ergebnis eines Rankings, bei dem Frauengesichter, nach Schönheit beurteilt werden sollten. Je höher die Punktzahl, desto attraktiver das Gesicht. Anschließend wurden diese nach Bewertung sortiert und Bilder mit ähnlichen Bewertungen am Computer per Morphing übereinandergelegt.

Die evolutionäre Ästhetik beschäftigt sich mit der evolutionären Entstehung und Entwicklungsgeschichte des ästhetischen Empfindens. Die evolutionäre Ästhetik greift dabei auf Ansätze der evolutionären Erkenntnistheorie zurück.

Im Detail wird der Begriff „evolutionäre Ästhetik“ – wie auch der Begriff „Ästhetik“ selbst – unterschiedlich verwendet,Gabor Paal: Woher kommt der Sinn für das Schöne? Grundzüge einer evolutionären Ästhetik. In: Helmut A. Müller (Hrsg.): Evolution: Woher und Wohin. Antworten aus Religion, Natur- und Geisteswissenschaften. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, S. 172 ff. insbesondere für die Untersuchung der Frage, warum Menschen etwas schön oder hässlich finden bzw. warum sie von bestimmten Reizen angezogen werden, der Ursprünge von Kunst und künstlerischer Tätigkeit, der Entstehung bestimmter universeller Wahrnehmungsweisen, zum Beispiel, dass die Farben Rot und Gelb, insbesondere in der Kombination mit Schwarz, überall auf der Welt als Signalfarben wahrgenommen werden.

Evolutionstheorie des ästhetischen Empfindens Nach der Theorie der evolutionären Psychologie ist auch das ästhetische Empfinden des Menschen das Ergebnis evolutionärer Anpassung.Denis Dutton: Aesthetics and Evolutionary Psychology. In: Jerrold Levinson (Hrsg.): The Oxford Handbook of Aesthetics. Oxford University Press, Oxford 2003, ISBN 0-19-927945-4, S. 693–705. Vorausgesetzt wird, dass es eine genetische Grundlage für bestimmte ästhetische Vorlieben gibt, die sich im Laufe der Evolution des Menschen und seiner Vorfahren entwickelt haben, sowie einen evolutionär begründbaren Vorteil durch ästhetische Vorlieben. Menschen reagieren auch heute noch auf bestimmte Schlüsselreize, die in früheren Jahrmillionen dem Überleben, der Fortpflanzung und der Weitergabe der menschlichen Gene förderlich waren. Ähnliches wie für Schlüsselreize soll demnach auch für ästhetische Empfindungen gelten.

Anpassung der Präferenzen an natürliche Lebensbedingungen Die evolutionäre Ästhetik geht davon aus, dass sich das ästhetische Empfinden an die natürlichen Lebensbedingungen angepasst hat. So lässt sich beispielsweise nachweisen, dass Menschen in allen Kulturen Flusslandschaften sowie halboffene Parklandschaften besonders reizvoll finden.Gordon H. Orians: . In: Bulletin of Psychology & the Arts: Evolution, Creativity, and Aesthetics. Dies, so vermuteten Evolutionspsychologen, sei ein Erbe des Lebens in der Savanne, wo für die Frühmenschen Landschaften von Vorteil waren, die Aussicht auf Nahrung und Wasser, zugleich aber auch einen gewissen Schutz boten.J. H. Heerwagen, G. H. Orians: Humans, Habitats and aesthetics. In: Stephen R. Kellert, E. O. Wilson (Hrsg.): The Biophilia Hypothesis. Washington, D. C. 1993. Der Evolutionsbiologe Carsten Niemitz wiederum sieht in der Attraktivität von Wasserlandschaften ein Indiz dafür, dass Gewässer ein zentraler Lebensraum der frühen Vorfahren des Menschen gewesen sind.Carsten Niemitz: Das Geheimnis des aufrechten Gangs. München 2004, S. 56–59.

Sexuelle Selektion Eine zweite Form der Anpassung, die in der Evolution des Schönheitsempfindens eine Rolle spielt, ist die sexuelle Selektion, wie sie bereits Charles Darwin beschrieben hat.C. Darwin: The descent of man, and selection in relation to sex. Princeton University Press, 1981. Mit ihr lassen sich insbesondere solche ästhetischen Präferenzen begründen, die bei der Partnerwahl eine Rolle spielen, etwa die körperliche Attraktivität. Mit dem Modell der sexuellen Selektion lassen sich eine Vielzahl ästhetischer Präferenzen erklären.Einen Überblick gibt: Geoffrey F. Miller: Die sexuelle Evolution. Partnerwahl und die Entstehung des Geistes. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin 2001, ISBN 3-8274-1097-5.

Bestimmte Merkmale des Gesichts werden ebenfalls fast durchgehend als attraktiv gewertet. Nach Ergebnissen von Rhodes (2006) sind Durchschnittlichkeit, Symmetrie und Sexualdimorphismus in weiblichen und männlichen Gesichtern attraktiv.

Versuche am Computer ergaben, dass in Bezug auf die Gesichtsproportionen ein weibliches Durchschnittsgesicht als besonders attraktiv empfunden wird. Gesichtsproportionen, die genau dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen, so lautete die Interpretation, signalisieren ein hohes Maß an Gesundheit. Später zeigte sich allerdings, dass es Gesichter gab, die von den Testpersonen als noch attraktiver beurteilt wurden, nämlich solche, bei denen bestimmte Proportionen – etwa die Höhe der Wangenknochen oder der Abstand zwischen Kinn und Mund markant vom Durchschnitt abwichen.H. Rehm: Schönheit – doch mehr als bloßer Durchschnitt? In: Spektrum der Wissenschaft. 7, 1994, S. 20.

Symmetrie ist im Gesicht und im Körperbau ein bevorzugtes Merkmal, weil es sich durch die sexuelle Selektion als ein Indikator für Gesundheit herausgebildet hat.I. S. Penton-Voak et al.: . In: Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences. 268, Nr. 1476, 2001, S. 1617–1623. . So ergaben Untersuchungen, dass Frauen eine Präferenz für Männer zeigen, die gut tanzen können. In einer Studie, die in Jamaika durchgeführt wurde, stellte sich heraus, dass die Körper derjenigen Männer, denen die Frauen gerne beim Tanzen zusahen, eine stärkere Symmetrie aufweisen.W.M. Brown u. a.: Dance reveals symmetry especially in young men. In: Nature Vol. 438, 2005, S. 1148–1150.

In weiblichen Gesichtern werden feminine Züge (z. B. kleineres Kinn, höhere Wangenknochen, vollere Lippen) als attraktiv empfunden, wobei Femininität nach Rhodes sogar ein stärkerer Faktor als Durchschnittlichkeit ist. Maskuline Gesichtszüge (z. B. kräftiger Unterkiefer) hängen ebenfalls mit Attraktivität zusammen, wobei die Forschungsergebnisse teilweise widersprüchlich sind und der Zusammenhang laut Rhodes weniger ausgeprägt ist als bei Femininität in weiblichen Gesichtern. Sehr feminine Züge in weiblichen bzw. sehr maskuline Merkmale in männlichen Gesichtern repräsentieren einen hohen Geschlechtshormonspiegel (Östrogen bzw. Testosteron) im Blut des Individuums.Bernhard Fink u. a.: Second to fourth digit ratio and face shape. In: Proceedings of the Royal Society Biological Sciences. 272, Nr. 1676, Oktober 2005, S. 1995–2001. . Einige Studien haben gezeigt, dass Gesichter von Männern mit einem hohen Testosteronspiegel von Frauen als attraktiver empfunden werden,Anthony F. Bogaert, Catherine C. Fawcett und Luanne K. Jamieson: Attractiveness, body size, masculine sex roles and 2D:4D ratios in men. In: Personality and Individual Differences. 47, Nr. 4, September 2009, S. 273–278. .Camille Ferdenzi u. a.: Digit ratio (2D:4D) predicts facial, but not voice or body odour, attractiveness in men. In: Proceedings of the Royal Society Biological Sciences. 278, Nr. 1724, Dezember 2011, S. 3551–3557. . während andere Untersuchungen zum Ergebnis kamen, dass Männer mit einem hohen Testosteronspiegel von Frauen als männlicher und dominanter, aber nicht attraktiver, bewertet werden.Nick Neave u. a.: Second to fourth digit ratio, testosterone, and perceived male dominance. In: Proceedings of the Royal Society Biological Sciences 270, Nr. 1529, Oktober 2003, S. 2167–2172. .John P. Swaddle und Gillian W. Reierson: Testosterone increases perceived dominance but not attractiveness in human males. In: Proceedings of the Royal Society Biological Sciences. 269, Nr. 1507, November 2002, S. 2285–2289 . Gesichter von Frauen mit einem hohen Östrogenspiegel werden laut einer Studie aus 2006 als femininer, attraktiver und gesünder wahrgenommen.M. J. Law Smith u. a.: Facial appearance is a cue to oestrogen levels in women. In: Proceeding of the Royal Society Biological Sciences. 273, Nr. 1583, Januar 2006, S. 135–140. . Geschlechtshormone wirken immunsupprimierend (der Grund hierfür liegt in der chemischen Struktur; Testosteron und Östrogen sind Verwandte der bekannten immunsupprimierenden Medikamente Cortison und Prednison). Deshalb können sehr feminine bzw. sehr maskuline Gesichtszüge nach Rhodes ein Zeichen für ein intaktes Immunsystem sein, weil sich nur gesunde Frauen und Männer sehr feminine bzw. sehr maskuline Gesichtszüge leisten können. Zum Zusammenhang von Durchschnittlichkeit, Symmetrie und Sexualdimorphismus mit Gesundheit liegen nach Rhodes aber keine aussagekräftigen Studien vor.G. Rhodes: The Evolutionary psychology of facial beauty. (PDF; 312 kB) In: Annual Review of Psychology. 57, Januar 2006, S. 199–226. .

Schwierigkeiten und Kritik Wie bei anderen Modellvorstellungen der Evolutionspsychologie besteht eine zentrale Schwierigkeit darin, dass sich viele Thesen bestenfalls plausibilisieren, aber kaum nachvollziehbar rekonstruieren lassen.Stephen Jay Gould: Evolution: The Pleasures of Pluralism. New York Review of Books 44(11), 1997, S. 47–52.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, evolutionär bedingte ästhetische Präferenzen von kulturell geprägten zu unterscheiden. Ein evolutionärer Hintergrund würde bedeuten, dass es sich bei den jeweiligen ästhetischen Vorlieben um Universalien handelt, sie also bei Menschen aller Kulturen zu beobachten sind. Dies ist jedoch nur in einzelnen Fällen nachweisbar. Gábor Paál bezeichnet diese Art von Präferenzen als „elementarästhetisch“.Gábor Paál: Was ist schön? Die Ästhetik in allem. Würzburg 2020, S. 47–58.

Zudem kann die evolutionäre Ästhetik nicht erklären, wie es innerhalb relativ kurzer Zeiträume zu grundlegenden Veränderungen ästhetischer Präferenzen gekommen ist, beispielsweise dass im 18. Jahrhundert Gebirge, deren Anblick man zuvor vermieden hatte, nun wegen ihrer ästhetischen Qualitäten aufgesucht wurden – ein Wandel, für den kulturalistische Ansätze plausible Erklärungen anzubieten vermögen.Majorie H. Nicolson: Mountain gloom and mountain glory. The development of the aesthetics of the infinitive. Cornell University Press Seattle, 1959; Ruth Groh, Dieter Groh: Weltbild und Naturaneignung. Zur Kulturgeschichte der Natur. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996.

Der Versuch, konkrete Schönheitsideale evolutionär zu erklären, beinhaltet meist die Gleichsetzung von Schönheit mit biologischer „Attraktivität“ bzw. von Schönheits- mit „Lust“-empfinden.Gábor Paál: Auf Aphrodites Spuren. Gehirn und Geist. 2004, 66. Paál weist jedoch darauf hin, dass die biologische Reaktion auf einen attraktiven Reiz meist unbewusst abläuft, während ein ästhetisches Urteil eine vergleichend-abwägende, also geistige Entscheidung ist.Gábor Paál: Was ist schön? Ästhetik und Erkenntnis. Würzburg 2003, S. 11. Mittlerweile mehren sich auch die Hinweise aus der Neurowissenschaft, dass beim Lustempfinden andere Prozesse im Gehirn aktiv sind als beim bewussten ästhetischen Urteil, ob ein Objekt schön ist oder nicht.Breiter u. a. In: Neuron. 8, 2001. Auch zeigt sich, dass bei Prozessen, die mit biologischer Attraktivität zu tun haben eher Bereiche des limbischen Systems tätig sind, während hingegen ästhetische Urteile vor allem in der Großhirnrinde gefällt werden.Paál, 2020, S. 32–36.

Kunsttheorie der evolutionären Ästhetik