Eine geschlechtsangleichende Operation (GaOP) oder geschlechtsaffirmierende Operation (, GAS) ist ein chirurgischer Eingriff bzw. eine Reihe von Eingriffen, durch die das äußere Erscheinungsbild und die Geschlechtsmerkmale einer Person so verändert werden, dass sie ihrer Geschlechtsidentität entsprechen. Der Begriff wird meist mit der medizinischen Versorgung von transgeschlechtlichen Personen in Verbindung gebracht, obwohl einige dieser Behandlungen auch von cisgeschlechtlichen Personen in Anspruch genommen werden.
Dabei wird zwischen feminisierenden und maskulinisierenden Operationen unterschieden. Feminisierende Operationen sind Eingriffe, die zu einer weiblich anmutenden Anatomie führen, wie beispielsweise Vaginoplastik, Brustaufbau und Gesichtsfeminisierende Operation (FFS). Maskulinisierende Operationen sind Eingriffe, die zu einer männlich anmutenden Anatomie führen, wie beispielsweise Phalloplastik und Mastektomie. Zusätzlich zur geschlechtsangleichenden Operation müssen Betroffene unter Umständen eine lebenslange maskulinisierende oder feminisierende geschlechtsangleichende Hormontherapie (GAHT) durchführen, sofern die Keimdrüsen entfernt wurden. Vor der Entfernung der Keimdrüsen sollte der Wunsch nach einer Kryokonservierung abgeklärt werden.
Schweden war 1972 das erste Land weltweit, das transgeschlechtlichen Personen nach einer geschlechtsangleichenden Operation erlaubte, ihren Geschlechtseintrag zu ändern und eine kostenfreie GAHT anbot. Singapur folgte kurz darauf im Jahr 1973 als erstes Land in Asien.
Terminologie Geschlechtsangleichende Operationen sind auch als geschlechtsaffirmierende Operationen (, GAS) oder geschlechtsbestätigende Operationen (, GCS) bekannt. Die englischen Begriffe Top-Surgery und Bottom-Surgery beziehen sich auf Operationen an der Brust bzw. an den Genitalien.
Trans Frauen und andere Personen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, können sich einem oder mehreren feminisierenden Eingriffen unterziehen. Dazu zählen Genitaloperationen wie die Penektomie (Entfernung des Penis), die Orchiektomie (Entfernung der Hoden), die Vaginoplastik (Konstruktion einer Vagina) und die Vulvoplastik (Konstruktion einer Vulva) sowie der Brustaufbau, die Chondrolaryngoplastik (Reduktion des Adamsapfels) und Gesichtsfeminisierende sowie Stimmfeminisierende Operationen.
Trans Männer und anderen Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde, können sich dagegen maskulinisierenden Eingriffen unterziehen. Dazu zählen beispielsweise eine Brustkorrektur, eine Mastektomie, eine Brustverkleinerung, eine Hysterektomie (Gebärmutterentfernung), eine Ovarektomie (Entfernung der Eierstöcke) oder eine Salpingektomie (Entfernung der Eileiter). Ein Penis kann durch eine Metoidioplastik oder eine Phalloplastik konstruiert werden, ein Hodensack durch eine Skrotoplastik, die manchmal durch Hodenimplantate ergänzt wird.
Da das Wissen über nicht-binäre Geschlechter in der medizinischen Fachwelt zunimmt, sind immer mehr Chirurgen bereit, Operationen auf individuelle Bedürfnisse abzustimmen. Bigenitale Operationen ermöglichen es den Betroffenen, einen Penis oder eine Vagina konstruieren zu lassen und gleichzeitig ihre ursprünglichen Organe zu behalten. Unter einer geschlechtsneutralisierende Operation versteht man die Entfernung aller äußeren Genitalien mit Ausnahme der Harnröhrenöffnung.
Geschlechtsangleichende Operationen können sich auch auf Eingriffe beziehen, die von cisgeschlechtlichen Menschen vorgenommen werden, wie beispielsweise eine Mammaplastik, ein Penisimplantat oder Hodenimplantate nach einer Orchiektomie.
Maskulinisierende Operationen
Mastektomie mini|hochkant|Mastektomie als geschlechtsangleichende Brustoperation für einen trans Mann, mit Erhaltung der Brustwarzen
Darunter versteht man die Entfernung der weiblichen Brustdrüse mit Erhaltung der Mamille und mindestens einem Teil der Haut, so dass eine flache Brust zurückbleibt. Es gibt unterschiedliche Techniken, welche auch deutlich von der Ausgangssituation (Brustgröße) abhängig sind. Ziel ist eine ästhetische Situation mit möglichst kleinen Narben. Im Gegensatz zu der Operation bei Brustkrebs können Haut und Brustwarzen eher geschont werden.H. Top, S. Balta: Transsexual Mastectomy: Selection of Appropriate Technique According to Breast Characteristics. In: Balkan medical journal. Band 34, Nr. 2, April 2017, S. 147–155, doi:10.4274/balkanmedj.2016.0093, PMID 28418342, .
Hysterektomie mit Adnexektomie Hierunter wird die Entfernung der inneren weiblichen Organe, also Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter verstanden. Ein derartiger Eingriff wird vor allem wegen des erhöhten Krebsrisikos durch die Hormonbehandlung empfohlen. Die Hysterektomie erfolgt entweder durch Bauchschnitt oder durch die Vagina, sehr selten endoskopisch.Gebärmutterentfernung. Auf: meine-gesundheit.de; abgerufen am 16. November 2015. Sie ist heutzutage ein Standard-Eingriff. Die Liegedauer beträgt zwischen drei und zehn Tagen.
Metaidoioplastik mini|hochkant|Beispiel einer abgeschlossenen Metoidioplastik einschließlich Neourethra und Skrotoplastik, zwei Jahre nach der Operation
Die durch die Hormontherapie vergrößerte Klitoris wird teilweise aus ihrem Hautmantel freigeschnitten und eine Harnröhre aus den kleinen Schamlippen geformt. Das Ergebnis sieht in der Regel authentisch aus – aber sehr klein.Infotext (PDF) abgerufen am 16. November 2015. Die Sensibilität bleibt weitestgehend erhalten, die Größe beträgt meistens zwischen 2 und 3,5 cm. Mit der richtigen Technik ist zumeist ein Geschlechtsverkehr möglich. Dafür ist die Metaidoioplastik eine relativ komplikationsarme Methode, und es wird kein Gewebe von anderen Körperstellen transplantiert. Die Liegedauer im Krankenhaus beträgt ein bis zwei Wochen.
Phalloplastik mini|hochkant|Ergebnis einer genitalangleichenden Operation mit Konstruktion eines Penis
Der Aufbau von männlich erscheinenden Genitalien (Phalloplastik) ist komplex.Yves Steinmetz: Geschlechtsangleichende Operationen bei Frau-zu-Mann-Transpersonen mit Phalloplastik. Vergleich verschiedener Operationstechniken sowie Einschätzung der Operationsergebnisse Dissertation, Universität Hamburg, 2010 (Volltext als PDF abgerufen am 28. Oktober 2014). Gängig sind folgende Techniken; bei allen wird meistens aus den großen Schamlippen ein Hodensack geformt und mit Hodenprothesen aus Kunststoff gefüllt:
Unterarm-Plastik: Aus dem nicht-dominanten Unterarm (meistens links), seltener aus dem Oberarm oder dem Unterschenkel, wird ein Hautlappen mit darunter liegendem Gewebe, Adern und Nervenstrang entnommen.Informationstext Auf: chirurgie-portal.de Aus diesen wird anschließend ein Penoid geformt. Gelegentlich wird diese Technik mit der Metaidoioplastik kombiniert, dann wird der Eingriff in zwei Schritten ausgeführt. Die Adern und der Nervenstrang werden in der Leiste angeschlossen, so dass das Penoid eine eigene Blutversorgung und Gefühlsfähigkeit erlangt. Bei dieser Methode wird die Harnröhre normalerweise bis zur Spitze des Penoids geführt. An der Entnahmestelle entsteht in der Regel eine Narbe. Abhängig von der Operationsmethode bleibt die Sensibilität normalerweise weitestgehend erhalten. Die Größe des Penoids beträgt üblicherweise 10–12 cm, gelegentlich auch mehr. Abhängig von der Armdicke ist der Umfang meistens klein. Bei einer zweiten Operation werden Hodenprothesen aus Kunststoff und ein Versteifungsimplantat (die für Männer mit Erektionsproblemen entwickelt wurden und daher wenig zum Umfang beitragen) eingebaut, damit Geschlechtsverkehr möglich wird. Die Liegedauer beträgt zwei bis 6 Wochen. Bauchmuskel-Plastik: Einer der beiden längs liegenden Bauchmuskeln wird vom Rippenbogen gelöst, aufgerollt, nach unten geklappt und mit Leistenhautlappen zu einem penisähnlichen Gebilde geformt. Die Harnröhre wird dabei nur selten bis an die Spitze des Penoids geführt, meistens endet sie an der Basis desselben. Dieses ist eine äußerst komplikationsträchtige Methode, oft stirbt die Penisplastik teilweise oder gänzlich ab. Die Sensibilität kann nach einigen Jahren teilweise wiederhergestellt sein. Die Größe beträgt üblicherweise bis 12 cm, gelegentlich auch mehr. Mit einem Versteifungsimplantat ist Geschlechtsverkehr möglich. Die Liegedauer beträgt 6 bis 10 Wochen für den ersten Eingriff. Latissimus-dorsi-Plastik:Latissimus-dorsi-Plastik. (PDF; 4,6 MB) S. 112, 5-643 Plastische Rekonstruktion des Penis. Weil die Bauchmuskel-Plastik sich wegen ihrer Komplikationsrate nicht bewährt hat und die Unterarm-Plastik wegen der Begrenztheit der Möglichkeiten hinsichtlich Größe zu erheblichen Unzufriedenheiten der Patienten führt, wurden in den letzten Jahren verschiedene andere Techniken auf den Fachkongressen vorgestellt. Als zielführend und deshalb mittlerweile von mehreren Zentren weltweit durchgeführt, gilt die Latissimus-dorsi-Plastik aus dem „breitesten Rückenmuskel“, bei der mit überschaubarem Risiko und geringem Funktionsausfall ein Penis konstruiert werden kann. Dieser hat in der Regel auch nach Abschluss der Heilung noch eine mit einem originären Penis vergleichbare Größe.
Feminisierende Operationen
Vaginoplastik mini|hochkant|Ergebnis einer genitalangleichenden Operation mittels peniler Inversion und Konstruktion einer Vulva
Geschichte Vorläufer dieser Operationen gab es bereits in den 1920er Jahren. Diese wurden in Kliniken in Berlin und Dresden durchgeführt. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurden diese Zentren geschlossen und ein Großteil der medizinischen Unterlagen vernichtet. Die überwiegend jüdischen Ärzte gingen ins Exil und führten ihre Arbeiten und Forschungen in verschiedenen Ländern fort. Die Unterlagen zu der durch den Dresdner Gynäkologen Kurt Warnekros durchgeführten Operation der dänischen Malerin Lili Elbe wurden vermutlich während der Luftangriffe auf Dresden vernichtet.
Georges Burou, französischer Gynäkologe in Casablanca (Marokko), beeinflusste in den 1960ern grundlegend die Vaginoplastik bei trans Frauen. Zu seinen Patientinnen zählte 1958 die französische Entertainerin und Sängerin Coccinelle und 1960 die erste Engländerin einer geschlechtsangleichenden Operation April Ashley.
Penisinversion-Methode (Penile Inversion) mini|hochkant|Die Ergebnisse einer Vaginoplastik mittels Penisinversion sechs Monate nach der Operation
Ein Teil der Eichel wird mitsamt den Blutgefäßen und Nerven aus dem Penis herausgelöst und an der entsprechenden Stelle wieder eingenäht. Dadurch entsteht dann die neue Klitoris, die durch die erhalten gebliebenen Nervenenden später ein sexuelles Lustempfinden ermöglicht. Ebenfalls herausgelöst wird die Harnröhre und entsprechend gekürzt. Die Hoden werden genau wie die Schwellkörper am Penisschaft restlos entfernt. Es gibt aber auch Techniken, bei denen letztere zum Teil als vaginale Schwellkörper Verwendung finden. Die Penishaut wird zur Auskleidung eines geschaffenen Körperhohlraums verwendet (Penisinversion) und bildet so die Neovagina.Marlon E. Buncamper, Wouter Van der Sluis et al.: Surgical Outcome after Penile Inversion Vaginoplasty: A Retrospective Study of 475 Transgender Women. In: Plastic and Reconstructive Surgery. Band 138, Ausgabe 5, November 2016, S. 999–1007. Schließlich werden aus dem Hodensack die Schamlippen geformt. Manche Operateure formen auch bei dieser Methode aus dem inneren Blatt der Penisvorhaut die kleinen Schamlippen. In vielen Fällen muss nach einigen Monaten noch eine zweite, kleinere Operation vorgenommen werden, um einige Korrekturen vorzunehmen, besonders dann, wenn der künstlich geschaffene Vaginalkanal wieder zugewachsen ist.
Die inneren Geschlechtsorgane mit ihren Funktionen wie Menstruation und Sekretbildung lassen sich derzeit nicht nachbilden.
Kombinierte Methode