mini|Paul Langevin Paul Langevin (* 23. Januar 1872 in Paris; † 19. Dezember 1946 ebenda) war ein französischer Physiker.
Leben Langevin studierte 1888 bis 1891 an der École supérieure de physique et de chimie industrielles de la ville de Paris (ESPCI) und der 1894 bis 1897 École normale supérieure (Paris) (ENS). Nach einer Zeit 1897/98 am Cavendish Laboratory in Cambridge bei Joseph John Thomson wurde er 1902 an der Sorbonne bei Pierre Curie mit der Dissertation Recherches sur les gaz ionisés über ionisierte Gase promoviert.
Langevin war 1898 bis 1902 an der Sorbonne, ab 1900 als Präparator. Ab 1902 war er Professor für Physik am Collège de France, zunächst ab 1902 Professeur remplacant, ab 1903 Professeur suppléant und ab 1909 Professeur titulaire. Von 1905 bis 1926 war er außerdem Professor an der ESPCI und 1926 bis 1940 deren Direktor.Karrieredaten nach Mehra, Rechenberg, The historical development of quantum theory, Band 1, Springer 1982, S. 423
Langevin engagierte sich für Menschenrechte und gegen den Faschismus. Er war 1934 einer der Gründer des Comité de vigilance des intellectuels antifascistes, das nach rechten Unruhen in Frankreich gegründet wurde. Wegen seines öffentlichen Auftretens gegen Faschismus stand er im Vichy-Regime die meiste Zeit unter Hausarrest. Er verlor seine Professur am Collège de France und erhielt sie erst 1944 wieder. Nach der Befreiung trat er der Kommunistischen Partei bei und war 1944 bis 1946 Präsident der Ligue des droits de l’homme et du citoyen (LDH).
Langevin war ab 1898 mit Emma Jeanne Desfosses verheiratet, mit der er vier Kinder hatte: Jean (1899–1990), Andre (1901–1977), Madeleine (1903–1977) und Helene. Sein Sohn Paul-Gilbert Langevin aus einer Beziehung mit der Physikerin Éliane Montel war Musikwissenschaftler.
Langevin hatte ab 1910 eine Affäre mit der verwitweten Marie Curie, was öffentlich wurde und zur „Langevin-Affäre“ wurde.
Langevin starb am 19. Dezember 1946 in Paris. Seine sterblichen Überreste ruhen seit 1948 im Panthéon von Paris.
Werk Langevin arbeitete sowohl theoretisch als auch experimentell. 1905 gab er eine Erklärung von Paramagnetismus und Diamagnetismus über die Bewegung der Elektronen in Atomen: die Elektronen bewegen sich danach in Bahnen in Atomen und Molekülen, sind diese symmetrisch verteilt, so dass sich die magnetischen Momente aufheben, liegt Diamagnetismus vor, ansonsten Paramagnetismus.Mehra, Rechenberg, The historical development of quantum theory, Band 1, Springer 1982, S. 423
Die Langevin-Gleichung,Langevin, Sur la théorie du mouvement brownien, C. R. Acad. Sci. (Paris), Band 146, 1908, S. 530–533 eine stochastische Differentialgleichung, wird in der statistischen Physik verwendet, um mikroskopische Prozesse in Gegenwart zufälliger Kräfte (Rauschen) zu beschreiben, so zum Beispiel die brownsche Molekularbewegung bei Gasmolekülen. Er ist Namensgeber der Langevin-Funktion und der durch die Langevin-Gleichung beschriebenen Langevin-Dynamik.
Er wendete als erster im Ersten Weltkrieg die Piezoelektrizität von Quarzkristallen mit dem Bau der ersten Ultraschall-Objekterfassung (Sonar) technisch für die Suche nach U-Booten an und entwickelte für die französische Marine das erste Echolot-System. Darauf hielt er 1916 und 1917 US-Patente, zur Anwendung kam das Sonar im Ersten Weltkrieg aber nicht mehr.A. Manbachi, R. S. Cobbold, Development and application of piezoelectric materials for ultrasound generation and detection, Ultrasound, Band 19, 2011, S. 187. Die Entdeckung des Piezoeffekts geht allerdings auf die Brüder Curie im Jahre 1880 zurück (siehe Piezoeffekt).
Er war ein früher Verfechter der Speziellen Relativitätstheorie in Frankreich. So diskutierte er in Anschluss an Albert EinsteinEinstein, Die Relativitätstheorie, Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft Zürich, Band 56, 1911, S. 1–14 1911 das Zwillingsparadoxon,Langevin, L'évolution de l'espace et du temps, Scientia, Band 10, 1911, S. 31, Online was wiederum Max von Laue zu weiteren Erklärungen anregte.Max von Laue, Zwei Einwände gegen die Relativitätstheorie und ihre Widerlegung, Physikalische Zeitschrift, Band 13, 1911, S. 118–120, sowie sein Buch Das Relativitätsprinzip, Vieweg 1913, und Das Relativitätsprinzip, Jahrbücher der Philosophie, Band 1, 1913, S. 99–128
Langevin arbeitete über die Moderierung (Abbremsung in Materie) von Neutronen, was später eine Grundlage für den Bau von Kernreaktoren war.
Ehrungen und Mitgliedschaften 1911 wurde Langevin zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 144. Am 21. Juni 1928 wurde Langevin als Auslandsmitglied („Foreign Member“) in die Royal Society gewählt, die ihm 1915 die Hughes-Medaille und 1940 die Copley-Medaille verlieh. Am 25. Juni 1934 wurde Langevin in die Académie des sciences aufgenommen. Seit 1921 war er auswärtiges Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei.
Nach dem Tod von Hendrik Antoon Lorentz war er von 1928 bis 1940 dessen Nachfolger als Vorsitzender des wissenschaftlichen Komitees des Internationalen Solvay-Instituts, das die Solvay-Kongresse organisierte.
Nach Langevin mitbenannt sind das Institut Laue-Langevin in Grenoble und das Institut Langevin – Ondes et Images in Paris. Der Paul-Langevin-Preis der französischen physikalischen Gesellschaft, der für Leistungen in theoretischer Physik vergeben wird, ist nach ihm benannt.
Der Mondkrater Langevin ist ebenfalls nach ihm benannt.
Sonstiges Langevin war Pazifist. Er war zu einer Demonstration deutscher Pazifisten unter dem Motto Nie wieder Krieg! 1923 in Berlin eingeladen, nahm auch teil, lehnte es aber ab, das Wort zu ergreifen; die Kriegsschuldfrage entzweite noch die beiden Völker.
1934 gründete er gemeinsam mit dem Philosophen Émile Chartier (Pseudonym Alain) ein Komitee der Wachsamkeit (gegenüber kriegerischen Bestrebungen), dem sich zahlreiche prominente Intellektuelle aus verschiedenen ideologischen Lagern zur Verfügung stellten.Ilja Ehrenburg: Menschen – Jahre – Leben (Memoiren), München 1962, Sonderausgabe München 1965, Band II 1923–1941, ISBN 3-463-00512-3, Seite 328.
Ebenfalls 1934 hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass der aus Deutschland emigrierte Fritz Karsen von der französischen Regierung die Genehmigung erhielt, in Paris die École nouvelle de Boulogne zu gründen.
Sein Enkel Michel Langevin (1926–1985) heiratete die Kernphysikerin Hélène Langevin-Joliot, eine Enkelin von Marie und Pierre Curie.
Schriften (Auswahl) Bücher Recherches sur les gaz ionisés. Gauthier-Villars, Paris 1902 (Digitalisat) – Dissertation. Les quantités élémentaires d’électricité: Ions, électrons, corpuscules. 2 Bände, Gauthier-Villars, Paris 1905 (Band 1, Band 2) – herausgegeben mit Henri Abraham. Le principe de relativité. Conférence faite à la Société française des électriciens. Etienne Chiron, Paris 1922 (Digitalisat).
Zeitschriftenbeiträge Magnétisme et théorie des électrons. In: Annales de chimie et de physique. 8. Folge, Band 5, 1905, S. 70–127 (Digitalisat, Volltext). Sur la théorie du magnétisme. In: Journal de physique théorique et appliquée. Band 4, Nr. 4, S. 678–693, Oktober 1905 (doi:10.1051/jphystap:019050040067800, PDF). Sur la recombinaison des ions dans les diélectriques. In: Comptes rendus de l’Académie des sciences. Band 146, 1908, S. 1011–1014 (Digitalisat). Mesure de la valence des ions dans les gaz. In: Radium. Band 10, Nr. 4, Paris 1913, S. 113–118 (doi:10.1051/radium:01913001004011300, PDF). Sur la recombinaison des ions. In: Journal de physique et le radium. Band 6, Nr. 1, 1945, S. 1–5 (doi:10.1051/jphysrad:01945006010100, PDF).
Gesammelte Schriften Oeuvres scientifiques de Paul Langevin. CNRS, Paris 1950 (Inhaltsverzeichnis).
Literatur
Frédéric Joliot: Paul Langevin. 1872–1946. In: Obituary Notices of Fellows of the Royal Society. Band 7, Nr. 20, 1951, S. 405–426 (doi:10.1098/rsbm.1951.0009). André Langevin: Paul Langevin, mon père: l’homme et l’oeuvre. Paris 1971. André Langevin: Paul Langevin, my father. The man and his work. EDP Sciences, 2022, ISBN 978-2-7598-2782-4. Benoit Lelong: Ions, electrometers, and physical constants: Paul Langevin’s laboratory work on gas discharges, 1896–1903. In: Historical Studies in the Physical and Biological Sciences. Band 36, Nr. 1, 2005, S. 93–130 (doi:10.1525/hsps.2005.36.1.93). Michel Paty: Paul Langevin (1872–1946), la relativité et les quanta. In: Bulletin de la Société francaise de physique. Nr. 119, 1999, S. 15–20 (PDF). B. Bensaude-Vincent: Langevin, Science et Vigilance. Belin, Paris 1987.
Weblinks
Biographieeintrag bei Wolfram Research von Michel Barran (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Träger der Copley-Medaille Kategorie:Physiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Collège de France) Kategorie:Mitglied der Académie des sciences Kategorie:Auswärtiges Mitglied der Royal Society Kategorie:Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Kategorie:Mitglied der Accademia dei Lincei Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Marie Curie Kategorie:Person der Friedensbewegung Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1872 Kategorie:Gestorben 1946 Kategorie:Mann