Ab Anfang der 1980er Jahre traten weltweit Infektionen durch HIV-kontaminierte Blutprodukte auf. Erst seit wirksame Gegenmaßnahmen getroffen werden können, hat die Bedeutung dieses Infektionsweges und damit auch die durch Bluttransfusionen drohende Ansteckung mit dem HI-Virus entscheidend nachgelassen. So wurde in Deutschland 2017 die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion über Blutkonserven auf 1:10 Millionen geschätzt. Um dies zu erreichen, war vor allem wichtig, die Ursache der Erkrankungen und damit auch die verschiedenen Infektionswege zu verstehen.

1981 erkannten die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erste Anzeichen der AIDS-Epidemie.Epidemiology of HIV/AIDS (US 1981–2005) CDC, MMWR 55(21), 589-592; 2. Juni 2006Pneumocystis Pneumonia (Los Angeles) CDC, MMWR 30(21), 1-3; 5. Juni 1981. Es dauerte jedoch noch bis Mai 1983, bis eine Forschergruppe um die Franzosen Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi das HI-Virus isolierte,Françoise Barré-Sinoussi, Luc Montagnier et al.: Isolation of a T-lymphotropic retrovirus from a patient at risk for acquired immune deficiency syndrome (AIDS).Science. 1983 220(4599):868-71, PMID 6189183. so dass daraufhin gezieltere Gegenmaßnahmen getroffen werden konnten. Durch rasches und konsequentes Einführen der verschiedenen Maßnahmen hätten dennoch viele Ansteckungen über Blutprodukte mit dem HI-Virus verhindert werden können. Selbst in den meisten Industrienationen wurden die verschiedenen Maßnahmen erst verspätet oder nur wenig konsequent eingeführt. In verschiedenen Ländern wurde diese inkonsequente oder verspätete Einführung von Gegenmaßnahmen sowie die Verwendung von Blutprodukten, von denen bekannt war, dass sie teilweise HI-Viren enthielten, als „Blut-Skandal“ bezeichnet.

Verspätete oder inkonsequent durchgeführte Gegenmaßnahmen

Verzögerter Ausschluss von Risikogruppen von Blutspenden Bestimmte Gruppen werden als Risikogruppen für die Blutspende eingestuft. So wurden in Deutschland z. B. homo- und bisexuelle Männer, Prostituierte, Drogenabhängige, Häftlinge und Personen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern von der Blutspende ausgeschlossen (s. Ausschlusskriterien bei der Blutspende).Wer kann spenden? Universität Greifswald.

Im Juli 1982 berichteten die CDC von drei Hämophilen (Blutern), die sich infiziert hatten, und warnten vor möglichen Ansteckungen durch Blutprodukte.Walt Bogdanich, Eric Koli: 2 Paths of Bayer Drug in 80's: Riskier One Steered Overseas. New York Times, 22. Mai 2003. Am 20. Juni 1983 untersagte der französische Directeur Général de la Santé Jacques Roux in einem Rundschreiben das Sammeln von Blut in Risikogruppen. Dennoch forderte Myriam Ezratty, die Generaldirektorin der Gefängnisverwaltung am 13. Januar 1984 die Regionaldirektoren in einem Rundschreiben auf, die Häufigkeit von Blutspenden in Gefängnissen zu erhöhen. L’Humanité, 6. November 1992.Un deni de Justice. L’Humanité, 10. November 1992.

In den USA nahmen Unternehmen bis 1985 Blutspenden auch von Risikogruppen (Homosexuelle, Drogenabhängige, Häftlinge), um daraus Gerinnungsfaktor-Produkte für Hämophile herzustellen. Newsletter der Anwaltskanzlei Lieff Cabraser Heimann & Bernstein, LLP, 2003/04. Dennoch wurden in Deutschland etwa 90 % der Blutprodukte für Hämophile aus den USA eingeführt, obwohl in Deutschland selber Risikogruppen früher von Blutspenden ausgeschlossen worden waren. Entschließungsantrag der SPD-Fraktion 28. Juni 1995.

Verspätete Einführung der Hitzeinaktivierung von HI-Viren 1978 entwickelte Behring ein aufwändiges Verfahren zur Hitzeinaktivierung von Viren, das 1981 vom Bundesgesundheitsamt (BGA) zugelassen wurde. Interessengemeinschaft Hämophiler e. V. Bereits im Mai 1983 wurde berichtet, dass Erhitzen auch das HI-Virus inaktiviert. Dennoch wurden weiterhin Blutprodukte verwendet, in denen Viren nicht inaktiviert worden waren.Peter R. Foster: The Discovery of Heat-Treatment Conditions for the Inactivation of HIV in Coagulation Factor Concentrates (PDF) Scottish National Blood Transfusion Service, September 2001.

So wurde in Deutschland z. B. dieses Verfahren zur Virusinaktivierung erst 1984/85 flächendeckend eingeführt.Situation der durch Blutprodukte mit dem Hepatitis-C-Virus infizierten Hämophilen (Bluter). (PDF; 62 kB). In Japan haben 1989 etwa 400 Hämophile gegen die Regierung geklagt, weil diese weiterhin unbehandelte Blutprodukte zugelassen habe, obwohl die Regierung gewusst habe, dass HI-Viren mit Hitze inaktiviert werden können.Settlement Is Reported On AIDS Virus in Japan. In: The New York Times, 14. März 1996.

Verzögerungen bei der Zulassung von HIV-Tests in Blutspenden In verschiedenen Ländern wurden HIV-Tests erst mit Verzögerung, in anderen Ländern wenig zuverlässige Tests eingeführt. Im Februar 1985 beantragten Abbott und das Institut Pasteur z. B. die Zulassung ihrer Tests in Frankreich.Catherine Smadja, Philippe Froguel: Politische Ökonomie eines Aids-Skandals. In: Le Monde diplomatique, 12. Februar 1999. Dennoch führte Frankreich erst im August 1985 die allgemeine Pflicht für HIV-Tests bei Blutspenden ein.Jon Henley: French politicians on trial for mass Aids infection guardian.co.uk, 6. Februar 1999. Es wurden aber auch Zweifel an der Zuverlässigkeit dieses ersten Tests von Abbott laut. So wurden in den USA mehrere Personen mit Blutkonserven infiziert, die beim Abbott-Test nicht als HIV-positiv aufgefallen waren.

Ferner gab es Unternehmen, die die vorhandenen Tests nicht konsequent bzw. nicht bestimmungsgemäß einsetzten. In Deutschland z. B. hat das Koblenzer Unternehmen UB Plasma als Sparmaßnahme jeweils Blutspenden miteinander vermengt (= gepoolt) und sie dann gemeinsam auf HIV getestet. Das damals verwendete Test-Verfahren war jedoch nicht empfindlich genug für diese Vorgehensweise, so dass trotz Tests HIV-kontaminierte Blutprodukte verkauft und drei Patienten infiziert wurden. Das Unternehmen UB Plasma wurde daraufhin geschlossen und zwei Manager verhaftet.Tödlicher Cocktail Focus (31) 1994.

Export von Produkten, die im Herkunftsland nicht verkauft werden konnten Zum Teil wurden Produkte, die im Herkunftsland nicht vertrieben werden konnten, weil sie die schärferen Bestimmungen nicht erfüllten, ins Ausland exportiert. Cutter, ein US-amerikanisches Tochterunternehmen der Bayer AG erhielt im Februar 1984 in den USA die Lizenz zur Herstellung von Blutpräparaten, in denen HIV durch Hitze inaktiviert wurde. Dennoch hat Cutter nach Angaben der New York Times bis Mitte 1985 unbehandelte Produkte nach Taiwan, Singapur, Malaysia, Indonesien, Hong Kong, Japan und Argentinien exportiert. Als Gründe dafür wurden von Bayer genannt, dass es nicht genug Plasma zur Herstellung des neuen, Hitze-inaktivierten Produktes gab, dass Ärzte der erprobteren Wirkung wegen lieber auf das alte Produkt vertrauten und dass sich die Anmeldung bei Behörden verzögerte.

Im US-Bundesstaat Arkansas sammelte das Unternehmen Health Management Associates in Gefängnissen Blutspenden. Als diese in den USA nicht mehr vertrieben werden durften, wurden sie in ein halbes Dutzend andere Länder verkauft (u. a. nach Kanada). Der Dokumentarfilm „Factor 8: The Arkansas Prison Blood Scandal“ berichtet über diese Vorgänge und speziell über Opfer in Schottland. The Sunday Herald, 30. Oktober 2005 zitiert nach National Hemophilia Foundation, 2006.

In Österreich hat das Unternehmen Albovina zwischen 1993 und 1996 Blutplasma aus nicht-europäischen Ländern als österreichisches Plasma deklariert. Untersuchungen zeigten das Vorhandensein von HIV an. Obwohl die Ware nur für diagnostische Zwecke freigegeben war, wurde sie nach Reimport für therapeutische Zwecke verpackt.Blutskandal in Österreich. (PDF; 18 kB) Anfrage der Abgeordneten Mag. Haupt, Dr. Pumberger und Kollegen. Laut Stern wurden davon 47.000 Portionen nach Indien verkauft. Salzburger Nachrichten, 3. Oktober 2008. The Hindustan Times, 12. November 2000.

Chronologie der wichtigsten Ereignisse zur Einführung von Gegenmaßnahmen Datum Ereignis Februar 1981 BGA lässt aufwändiges Verfahren zur Hitzeinaktivierung von Viren in Gerinnungspräparaten zu. 5. Juni 1981 erste Fälle von AIDS publiziert (bei 5 jungen, homosexuellen Männern) 16. Juli 1982 AIDS bei 3 Hämophilen publiziert März 1983 CDC warnen: Blutprodukte für AIDS bei Hämophilen verantwortlich 20. Mai 1983 Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi isolieren das HI-Virus. 20. Juni 1983 Jacques Roux, Directeur Général de la Santé, untersagt in Frankreich das Sammeln von Blut in Risikogruppen: Homosexuelle oder Bisexuelle, die mehrere Partner haben; Drogenabhängige; Sexualpartner dieser Gruppen und Personen aus Haiti oder Zentralafrika. Februar 1985 US-Unternehmen Abbott und Institut Pasteur beantragen jeweils Zulassung ihrer HIV-Tests in Frankreich. März 1985 Einführung der Hitzeinaktivierung von Blutprodukten in Deutschland. Juli/August 1985 Deutschland und Frankreich führen allgemeine Pflicht von HIV-Tests bei Blutspenden ein.

Betroffene Potentiell betroffen war jeder, der Blutprodukte benötigte. Insbesondere betraf es aber Hämophile (Bluter), denen aus HIV-kontaminiertem Blut hergestellte Gerinnungsfaktoren verabreicht wurden. Diese Gerinnungsfaktoren wurden damals noch aus dem Blut von je 2000 bis 5000 Spendern gewonnen. Dadurch war das Risiko für Hämophile erheblich höher, als das von Empfängern einfacher Blutkonserven von einem einzelnen Spender. Daher wurde bereits am 12. Dezember 1982 im Bundesgesundheitsblatt darauf hingewiesen, dass Hämophile besonders gefährdet seien, ohne dass jedoch Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen wurden. Zu diesem Zeitpunkt war bekannt, dass AIDS besonders stark unter Homosexuellen verbreitet war, so dass man diese Gruppe von Blutspenden hätte ausschließen können. Ferner hat das BGA 1981 die Hitzeinaktivierung von Viren als Methode für Blutprodukte eingeführt. 1982 war zwar noch nicht nachgewiesen, dass AIDS von Viren ausgelöst wird. Wenn die Hitzeinaktivierung als flächendeckende Vorsichtsmaßnahme gegen Vireninfektionen allgemein eingeführt worden wäre, hätten dennoch viele Ansteckungen verhindert werden können.

In Frankreich wurden nach Angaben des Sprechers des französischen Hämophilenverbandes bis 1985 1348 von 2500 Hämophilen infiziert, von denen bis 1999 625 verstorben waren.Gerard Naville: France’s HIV infected blood trial set to conclude this week WSWS, 3. März 1999. In Deutschland stellte der HIV-Bundestagsausschuss fest, dass bis 1993 43,3 % der behandelten Hämophilen mit kontaminierten HIV-Blutprodukten angesteckt worden und 423 von ihnen bis 1994 verstorben waren. AgV, ec.europa.eu, 25. Januar 2000. Die folgende Tabelle zeigt die Situation in verschiedenen Industrienationen.

+ HIV-Infektionen unter Hämophilen (Mitte der 1980er Jahre) Land Anzahl Hämophile davon HIV-infiziert (Anzahl) davon HIV-infiziert (prozentual) von HIV-Infizierten verstorben Zahlungen / Angebote