mini|Jesidische Männer, traditionell mit SchnurrbartSefik Tagay, Serhat Ortac: Die Eziden und das Ezidentum – Geschichte und Gegenwart einer vom Untergang bedrohten Religion. Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2016, S. 90, ISBN 978-3-946246-03-9 mini|Eine Gruppe von Jesiden auf dem Sindschar-Höhenzug im syrisch-irakischen Grenzgebiet (um 1920) Jesiden, () auch Eziden, Yeziden, oder Jeziden ( Êzîdî), sind eine zumeist Kurmandschi sprechende ethnisch-religiöse Gruppe mit etwa einer Million Angehörigen, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei liegen. Die Jesiden betrachten sich teilweise als ethnische Kurden, teilweise als eigenständige Ethnie. Derzeit sind Jesiden in Armenien als eigenständige Ethnie anerkannt. Auch die Vereinten Nationen erkennen die Jesiden als eine eigenständige Ethnie an. Heute sind Jesiden durch Auswanderung und Flucht auch in anderen Ländern verbreitet. Aufgrund von Verfolgungen sind viele Jesiden im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Armenien und Georgien geflohen. Die Jesiden in Deutschland bilden mit geschätzt 200.000 Mitgliedern (2017) die mit Abstand größte Diaspora der Jesiden.Die steigende Zahl der Jesiden in Deutschland kann nur grob geschätzt werden. REMID hat ihre Zahl von 35.000–40.000 (2005) über 60.000 (2011) auf 100.000 (2015) nach oben korrigiert und gibt weitere Schätzungen an: Zentralrat der Yeziden in Oldenburg: 120.000 (2016), neuer Zentralrat der Êzîden in Bielefeld: über 150.000 (Anfang 2017). Mitgliederzahlen: Yeziden. REMID

Jesiden praktizieren Endogamie. Das Jesidentum ist eine monotheistische, nicht auf einer heiligen Schrift beruhende, synkretistische Religion. Die Mitgliedschaft ergibt sich ausschließlich durch Geburt, wenn beide Elternteile jesidischer Abstammung sind. Eine Heirat von Jesiden (beiderlei Geschlechts) mit Nicht-Jesiden hat angesichts jesidischer Heiratsregeln den Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge.Christine Allison: The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Curzon, Richmond 2001, ISBN 0-7007-1397-2, S. 26 (englisch; ). Im Zentrum des jesidischen Glaubens stehen Melek Taus („Engel Pfau“), der Scheich ʿAdī ibn Musāfir (um 1073–1163) sowie die sieben Mysterien. Das Grab von Scheich ʿAdī im irakischen Lalisch-Tal ist das Hauptheiligtum des Jesidentums und Ziel einer jährlichen Wallfahrt im Herbst.

Seit August 2014 sind Jesiden Opfer eines andauernden Genozids.Clemens Wergin: Das primitive Glaubensverständnis der IS-Terroristen. In: Die Welt. 14. Oktober 2014. Als sogenannte „Ungläubige“ fliehen sie im Norden des Iraks vor Verfolgung, Versklavung und Ermordung durch die terroristisch agierende fundamentalistische Miliz Islamischer Staat.

Herkunft der Bezeichnung mini|hochkant|Jesiden-Oberhaupt in Baschiqa (1910er Jahre, Foto von Albert Kahn) Jesiden werden auch Yeziden oder Eziden genannt. In Deutschland lebende Jesiden verwenden mehrheitlich das Ethnonym „Eziden“ oder „Êzîden“ als Eigenbezeichnung und vermeiden eher die Fremdbezeichnungen „Jesiden“, „Yeziden“, „Yazidis“ oder „Yezidis“. Die Herkunft der Bezeichnung Êzîdî ist bis heute ungeklärt. Einige Wissenschaftler führen die Bezeichnung Jesidi auf den Kalifen der Umayyaden Yazid I. (680–683) zurück. Jesiden lehnen eine Beziehung zwischen ihren Namen und dem Kalifen ab.Çakır Ceyhan Suvari: In: Forum of EthnoGeoPolitics, Band 4 Nr. 2 Winter 2016, S. 32 Stattdessen führen einige Jesiden wie andere Wissenschaftler die Bezeichnung auf das altiranische Wort Yazata für „göttliches Wesen“ zurück und stellen so zugleich eine Verbindung mit dem altiranischen Gott Ahura Mazda her, was sie dem Namen nach zu „Gottesanbetern“ macht.Vgl. , Junker, Alavi: Persisch-Deutsches Wörterbuch. Leipzig/Teheran 1970, S. 71. Der Religionsgelehrte asch-Schahrastānī (1076–1153) führte den Namen der Jesiden auf den charidschitischen Geistlichen Yazid bin Unaisa zurück, dessen Anhänger sie gewesen seien.Irene Dulz: Die Yeziden im Irak. Zwischen „Modelldorf“ und Flucht (= Studien zur Zeitgeschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas. Band 8). Lit, Münster 2001, ISBN 3-8258-5704-2, S. 18 (). Eine andere Ableitung der Wortherkunft nutzt den Bezug zu Ez dā („Mich erschaffen“). Jesiden verweisen auch auf die Wendungen Xwedê ez dam („Gott hat mich erschaffen“) und Em miletê ezdaîn („Wir sind die Ezdayi Nation“).

Anzahl und Hauptsiedlungsgebiete

mini|Jesiden feiern das jesidische Neujahrsfest im Sindschar-Gebirge. Im Hintergrund ist der jesidische Tempel Quba Pire Ewra (Tempel vom Pir der Wolken) zu sehen. (16. April 2014) mini|Jesiden im Dschabal Sindschar mini|Der jesidische Friedhof Hesen Begê im Südosten der Türkei. Die ursprünglichen Siedlungsgebiete der Jesiden liegen in Nordmesopotamien und werden auch als Ezidchan (Land der Jesiden) bezeichnet. Es gibt keine offizielle Zählung der Jesiden. Ihre Zahl wird auf weltweit über eine Million geschätzt. Den Hauptanteil stellen die im Irak lebenden Jesiden mit einer halben Million Angehörigen. In Deutschland leben etwa 200.000, im restlichen Europa kommen noch etwa 65.000 hinzu. In den USA und Kanada leben einige Tausend Jesiden, meist aus dem Irak. In Armenien leben über 35.000. In Georgien und in Russland leben ebenfalls Jesiden. In Syrien leben einige tausend Jesiden. Laut einem Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge leben in der Türkei über 2000 Jesiden, überwiegend in Südostanatolien. Die Bundesregierung der Vereinigten Staaten schätzte die Anzahl der Jesiden in der Türkei im Jahr 2019 auf weniger als 1000. In den 1980er Jahren lebten ca. 60.000 Jesiden in der Türkei. Jesiden sind heute also unter der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung des Nahen Ostens eine religiöse Minderheit.

Muttersprache der meisten Jesiden ist die nordwestiranische Sprache Kurmandschi. Nur in den jesidischen Dörfern Baʿšiqa und Baḥzānē in den umstrittenen Gebieten des Nordiraks wird Arabisch gesprochen.

Die größte Zahl der Jesiden lebt im Nordirak. Die Jesiden verteilen sich hier im Wesentlichen auf zwei Gebiete. Das eine ist die Schaichān-Region nordöstlich der Stadt Mossul. Hier befinden sich Lalisch, das religiöse Zentrum der Jesiden, der Ort Baʿadhrā, in dem der Mīr von Schaichān, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Jesiden, residiert, sowie die beiden Dörfer Baʿšiqa und Bahzānē, die als die Gelehrtenzentren der Jesiden gelten. Das zweite Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden ist der Höhenzug Dschabal Sindschar westlich von Mossul an der Grenze zu Syrien,Philip G. Kreyenbroek: EI 2). In: Peri J. Bearman (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 11, Brill, Leiden 2001, S. 313b (englisch). aber auch in der Stadt selbst leben viele Jesiden. Die Baath-Partei unter Saddam Hussein erklärte während ihrer Arabisierungskampagne in den 1970er und 1980er Jahren die Jesiden im Nordirak zu Arabern.Stephen C. Poulson: Patterns of violence directed against civilians in small ethnic enclaves during war in Iraq (2003–2009) in Mazzei, Julie M. (Hrsg.): Non-State Violent Actors and Social Movement Organizations: Influence, Adaptation, and Change. Wagon Lane, Emerald Publishing Limited 2017, S. 77.

Wegen des Vormarschs der dschihadistischen IS-Armee (Islamischer Staat in Irak und Syrien) im Juli und August 2014 sind viele Jesiden aus Mossul und Umgebung in das kurdische Gebiet um die Stadt Erbil sowie in das Sindschar-Gebirge geflohen.US-Luftwaffe greift IS-Stellung an. In: n-tv, 8. August 2014.

Zählungen und Schätzungen von türkischer, britischer und irakischer Seite aus den 1920er Jahren ergaben einen jesidischen Anteil von 4 bis 7 Prozent an den irakischen Kurden, was heute bei gleich bleibendem Anteil 160.000 bis 350.000 Personen entspräche. Manche Maximalschätzungen gehen heute von bis zu 550.000 jesidischen Gläubigen aus. Die Jesiden machen schätzungsweise 1 Prozent der irakischen Bevölkerung aus. Seit 1991 ist die jesidische Gemeinschaft im Irak zweigeteilt. 90 Prozent der irakischen Jesiden leben in irakisch verwaltetem und nur etwa 10 Prozent in kurdisch verwaltetem Gebiet.

In Nordsyrien leben Jesiden vorwiegend in Afrin und in Nordost-Syrien vorwiegend in und um die Stadt Qamischli und im Gouvernement al-Hasaka. Allerdings ging ihre Zahl beträchtlich zurück. Eine Schätzung gibt 12.256 für das Jahr 1990 an, für Ende 2008 nur noch 3.357. Nach anderen Schätzungen liegt ihre Zahl zwischen 35.000 und 50.000. Durch Auswanderung nach Europa geht sie zurück.KurdWatch: Yeziden in Syrien. Zwischen Akzeptanz und Marginalisierung. Bericht 7, Europäisches Zentrum für Kurdische Studien, Berlin, Dezember 2010, S. 5–7 (PDF-Datei; 384 kB; 13 Seiten auf kurdwatch.org).

In den 1830er Jahren kamen nach dem Ende des Russisch-Türkischen Krieges 1828/29 die ersten Jesiden aus Anatolien in das zum Russischen Kaiserreich gehörende Ostarmenien. 1855 wurden etwa 340 Jesiden im Distrikt Sardarabad (etwa die heutige Armawir) gezählt. Mehrere Tausend anatolische Jesiden wurden Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem in der Provinz Schirak angesiedelt. 1912 lebten über 17.000 Jesiden im Gebiet des heutigen Armenien. Bei der Volkszählung 2001 lag ihre Zahl bei 40.000.Levon Yepiskoposian, Ashot Margarian u. a.: Genetic Affinity between the Armenian Yezidis and the Iraqi Kurds. In: Iran and the Caucasus. Band 14, Brill, Leiden 2010, S. 37–42, hier S. 38 (englisch; auf kurdipedia.org). Sie stellten 2022 mit einem Anteil von 1,1 Prozent an der Gesamtbevölkerung die größte Minderheit des Landes.Armenia. Country Summary. In: The World Factbook, Schätzung für 2022 Ihr kulturelles Zentrum in der Provinz Aragazotn war in der sowjetischen Zeit das Dorf Alagyaz.Hasmik Hovhannisyan: In: fravahr.org. 3. November 2007, abgerufen am 25. August 2014 (englisch).

Frühe Geschichte Über die Entstehung der jesidischen Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Theorien: Der arabische Autor Ahmad Taimur sieht ein Aufkommen der jesidischen Gemeinschaft nicht vor dem 12. Jahrhundert (6. Jahrhundert AH). Der jesidische Autor Darwis Hasso vertritt die Position, dass sich das Jesidentum aus dem Zoroastrismus entwickelte. Eine Autorengruppe aus dem Nahen Osten stellt das Jesidentum als sehr alte Religion der Kurden dar, die auf iranische Mythologie, im Speziellen auf den Mithraskult zurückzuführen sei.Irene Dulz: Die Yeziden im Irak. Zwischen „Modelldorf“ und Flucht (= Studien zur Zeitgeschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas. Band 8). Lit, Münster 2001, ISBN 3-8258-5704-2, S. 15 ff. ().

Zum ersten Mal schriftlich erwähnt werden die Jesiden im 12. Jahrhundert. Als Beginn ihrer religiösen Entwicklung gilt die Ankunft von Scheich ʿAdī ibn Musāfir in den kurdischen Bergen am Anfang jenes Jahrhunderts. Allerdings gab es schon vor ihm im Kurdengebiet eine Bewegung, die als Yazīdīya bekannt war und von der zeitgenössische arabische Quellen berichten, dass sie mit dem Umayyaden Yazid I. sympathisierte. Außerdem geht aus den zeitgenössischen Quellen hervor, dass bei den Kurden religiöse Vorstellungen iranischen Ursprungs verbreitet waren.Philip G. Kreyenbroek: Yezidism. Its Background, Observances and and Textual Tradition. Mellen, Lewiston u. a. 1995, S. 27–28 (englisch). ʿAdī selbst begründete, nachdem er sich im Tal von Lalisch niedergelassen hatte, einen Sufi-Orden, die sogenannte ʿAdawīya, die sich über den ganzen Nahen Osten, insbesondere nach Syrien und Ägypten verbreitete.