Das Pflegemodell der Transkulturellen Pflege basiert auf der 1966 veröffentlichten Pflegetheorie von Madeleine Leininger. In ihrer Theorie Kulturelle Dimensionen menschlicher Pflege legt sie die Grundlage für das auch als Culture Care oder Interkulturelle Pflege bezeichnete Modell, das jeden Menschen, sowohl die Gepflegten wie auch die Pflegenden, als durch ihre Kultur sowie durch Werte und Normen ihres sozialen Umfeldes geprägte ganzheitliche Wesen sieht, die das Bedürfnis haben, entsprechend dieser Vorstellungen zu leben, zu interagieren und behandelt zu werden.

Begriffsbestimmung

Zu Beginn der Betrachtung der Theorie von Leininger werden zum einheitlichen Verständnis einige Begrifflichkeiten geklärt. Leininger spricht in ihrer Theorie von Transcultural Nursing also von Transkultureller Pflege. Nach Leininger bezieht sich die Kultur auf „[...] erlernte, gemeinsam überlieferte Werte, Überzeugungen, Meinungen, Normen und Lebensweisen einer bestimmten Gruppe, die das Denken, Entscheidungen, Handlungen und strukturierte Wege leiten.“Leininger, M. Madeleine: Kulturelle Dimensionen menschlicher Pflege. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 1998. Diesen Denkansatz entnimmt Leininger der Anthropologie. Nach Domenig stützt sich Leininger auf den klassischen Kulturbegriff, des Kulturkonzeptes von E.B. Tylor (1871), der Kultur als komplexes Ganzes begreift, das Wissen, die Glaubensvorstellungen der Menschen, Kunst, Moral, Gesetze, Bräuche und alle anderen Fähigkeiten und Eigenschaften, die man als Gesellschaftsmitglied erwirbt, einschließt.

Madeleine Leininger definiert Pflege als eine humanistische Kunst und Wissenschaft, die sich auf persönliches Pflegeverhalten konzentriert. Einen weiteren Fokus richtet sie auf die Funktionen und Prozesse, die auf die Förderung und Erhaltung des Gesundheitsverhaltens gerichtet sind oder auf die Genesung von Krankheiten, die physische, psychokulturelle und soziale Bedeutung für diejenigen haben, denen immer eine Pflegekraft hilft. Pflege (nursing) ist das dominante, spezifische und vereinheitlichende Merkmal der Krankenpflege.

Aus diesen Definitionen leitet sie eine weitere Definition, nämlich die der kulturspezifischen Fürsorge (cultural care) ab, die sich auf bekannte Werte und Meinungen beziehe, die den Menschen helfen bzw. sie in die Lage versetzen soll, das Wohlbefinden zu erhalten, indem sie die Lebensweise verbessere oder die Menschen befähige, mit Tod oder Behinderung fertigzuwerden. Professionelle Pflegende, die Zielgruppe ihrer Forschungen, sind Menschen, die einen humanistisch ausgerichteten und wissenschaftlich fundierten Beruf ausüben (professionelle Pflege = nursing), dessen Kern die Fürsorge (care) sei. Eine Fürsorge – im Sinne von helfender, unterstützender und fördernder Verhaltensweisen zugunsten anderer Menschen, die einer Verbesserung der Lebensbedingungen bedürfen – sollte den Bedürfnissen der Patienten entsprechen und dazu führen, gesunde Lebensbedingungen zu erhalten, schädliche Lebensweisen zu verbessern und mit Krankheit, Behinderung oder dem Sterben besser umgehen zu können. Diese Fürsorge bezeichnet Leininger als humanistische Fürsorge, die darin besteht, „[...] den Bedürfnissen der Patienten uneingeschränkt Aufmerksamkeit entgegenzubringen und ihre ethischen, moralischen und geistig-religiösen Vorstellungen sowie ihre psychophysischen Bedürfnisse zu berücksichtigen.“

Leininger hat unter dem Gesichtspunkt „Was ist Fürsorge?“ eine Liste erstellt, in der sie die Bedeutung des Begriffes Fürsorge aus der Sicht von Menschen aus 54 verschiedenen Kulturen zusammengetragen hat. Gesundheit (health) beschreibt Leininger als einen „Zustand von Wohlbefinden [...], der kulturell definiert, bewertet und praktisch ausgelebt wird und der die Fähigkeit von Einzelpersonen (oder Gruppen) widerspiegelt, ihre alltäglichen rollenspezifischen Aktivitäten auf kulturspezifisch angemessene, positive und strukturierte Weise auszuführen.“

Madeleine Leininger definiert transkulturelle Pflege folgendermaßen: „Ein ausgewiesener Bereich des Studiums und der Praxis, der sich auf eine vergleichende, ganzheitliche Sicht der Kultur-, Pflege-, Gesundheits- und Krankheitsmuster von Menschen konzentriert; der Unterschiede und Ähnlichkeiten in ihren kulturellen Wertvorstellungen, Glaubenssätzen und Praktiken berücksichtigt; der das Ziel hat, Menschen verschiedensten kulturellen Hintergrunds kulturell kongruente, sensible und kompetente Krankenpflege angedeihen zu lassen.“Leininger 1995

Intention für die Entwicklung der Theorie Bereits Mitte der 1940er Jahre wurde sich Madeleine Leininger der Notwendigkeit der kulturspezifischen Fürsorge bewusst.

Das Ziel Leiningers war es, in allen Kulturen das Kulturspezifische zu erfassen, für dessen Erforschung sie die Methode der Ethnopflege (Ethnonursing, siehe Abschnitt Methoden) begründete. Kranksein in einem anderen Kulturkreis bedeutet oft ein Ausgeliefertsein an fremde Bezugspersonen, fremde Behandlungsformen und fremde Medizin. Diese Faktoren beeinflussen den Heilungs- und Genesungsprozess aber auch den Sterbeprozess im positiven als auch im negativen Sinn. Pflegende benötigen daher eine Fülle an Informationen bezüglich der die Pflege betreffenden Kulturspezifika. Jede Kultur prägt die menschliche Vorstellung von Körper und Geist, Krankheit und Gesundheit, Krankheitsdiagnose, Therapie und Krankheitsverarbeitung anders. Der kulturellen Prägung ist ein Kind bereits ab seiner Geburt ausgesetzt (vielleicht auch noch früher). Das selbstverständliche Übernehmen von zentralen Werten der Kultur verhilft dem Menschen zur Einbindung in die Gemeinschaft und gibt ihm Zugehörigkeitsgefühl und Selbstwert.

Darstellung der Theorie Methoden Im Gegensatz zu traditionellen Theorien in der Krankenpflege, die eine Theorie als eine Reihenfolge logisch aufeinander bezogenen Konzepte definiert, beschreibt Leininger ihre Theorien als einen systematischen und kreativen Weg, um etwas kennenzulernen oder auch um ein begrenzt oder vage bekanntes Phänomen zu erklären. Kulturspezifische Einflüsse auf den Patienten müssen berücksichtigt werden. Geschieht dies nicht in ausreichender Form, könnte es dazu kommen, dass die Pflegepraxis wenig wirksam ist, mit der Folge der Unzufriedenheit bezüglich der geleisteten Pflege. Madeleine Leininger untersucht Pflege ethnowissenschaftlich, da ihrer Ansicht nach die Ethnowissenschaft eine der genauesten Methoden sei, die in der Anthropologie verwendet würde, um Pflegewissen zu entdecken. Der Schlüssel für die Erarbeitung und für den Aufbau erkenntnistheoretischer Grundlagen des Pflegewissens liegt nach Leininger im Einblick in das emische und das etische System der verschiedenen Kulturen. Die Fürsorge (care) bildet den zentralen Kern der professionellen Pflege. Demnach ist Fürsorge die Voraussetzung für Wohlbefinden, Gesundheit, Heilung und für den Umgang mit dem Tod. Sie unterscheidet sich zwischen den verschiedenen Kulturen, jedoch sind auch Gemeinsamkeiten festzustellen. Leininger unterscheidet zwei Arten von Wissen über Fürsorge. Zum einen ist dies das generische (laienhaftes, volkstümliches) Wissen, zum anderen das professionelle Pflegewissen. Religion, Werte, Meinungen und Überzeugungen beeinflussen dabei die Methoden der Fürsorge. Die Berücksichtigung dieser Einflüsse auf Fürsorge – aus Sicht der Pflegenden, aber auch aus Sicht der Patienten – ist nötig für eine kulturkongruente professionelle Pflege.

Grundannahmen Leininger definiert transkulturelle Pflege als

Leininger entwickelte die Theorie auf der Basis kulturanthropologischer Grundannahmen und ethnographischer Methoden. Die wichtigsten dieser Grundannahmen sind: Menschliche Pflege ist ein universelles Phänomen, aber die Begriffe, Prozesse, strukturelle Formen und Pflegemuster sind in den Kulturen verschieden. Pflegehandlungen und Prozesse sind für die Geburt des Menschen, seine Entwicklung, Wachstum, Überleben und einen friedlichen Tod wesentlich. Betreuung ist die Essenz der Pflege und die charakteristische, dominante und vereinheitlichende Natur der Pflege. Pflege hat eine biophysikalische, kulturelle, psychologische, soziale und ökologische Dimension, und das Konzept der Kultur bietet die umfassendsten Möglichkeiten, um die Pflege kennenzulernen und zu verstehen. Pflege ist ein transkulturelles Phänomen, da die Pflegekräfte mit den Klienten, dem Personal und anderen Gruppen interagieren, und es erforderlich sei, dass die Pflegenden interkulturelle Faktoren der Pflegenden-Klienten-Beziehung und des Systems zu erkennen und anzuwenden. Pflegeverhalten, Ziele und Funktionen der Kulturen sind unterschiedlich, da soziale Strukturen, Weltanschauung und kulturelle Werte sich in verschiedenen Kulturen unterscheiden. Selbsthilfehandlungen unterscheiden sich in verschiedenen Kulturen. Die Identifikation von universellen und nicht-universellen ethnischen und professionellen Pflegeverhaltensweisen, Meinungen und Handlungen ist wichtig, um die epistemologische und ontologische Grundlage des Pflegewissens zu entdecken. Pflege ist größtenteils kulturell abgeleitet und erfordert begründetes Wissen und Fähigkeiten, um die Pflegetätigkeiten zufriedenstellend und wirksam auszuführen. Es gibt keine Heilung ohne Pflege, aber Pflege ohne Heilung.

Das Sunrise-Modell Das Modell dient als Instrument, die oben erwähnten Kulturspezifika zu ergründen und Zusammenhänge, die auf die Genesung, Heilung oder den Verlauf des Sterbens starken Einfluss nehmen zu verstehen. Leininger hat das Sunrise-Modell im Laufe von 30 Jahren entwickelt und immer wieder an ihre neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse angepasst. mini|Sunrise-Modell – Gesamtüberblick über die verschiedenen Dimensionen kultureller Pflege Das Sunrise-Modell ermöglicht einen Gesamtüberblick über die verschiedenen, eng zusammenhängenden Dimensionen kultureller Pflege, die aber nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Das Modell umfasst die mit menschlicher Fürsorge in Verbindung stehenden Faktoren. Der wichtigste Aspekt besteht hierbei darin, die kulturelle Welt mit seinen unterschiedlichen Lebensäußerungen und Einflüssen auf die menschlichen Lebensbedingungen zu verstehen. Des Weiteren bietet es die Möglichkeit, von verschiedenen Ausgangspunkten aus die menschliche Fürsorge zu erforschen. So kann bei der Erforschung kulturspezifischer Umstände mit der Dimension Welt- und Wirklichkeitsverständnis begonnen werden, um sich dann zum unteren Teil des Sunrise-Modells vorzuarbeiten. Ebenso ist es aber auch möglich mit der Untersuchung der Ebene der professionellen Pflege zu beginnen, um dann das vorliegende Welt- und Wirklichkeitsverständnis oder die kulturspezifischen und soziostrukturellen Dimensionen zu erkunden. Im Sunrise-Modell werden also unterschiedliche Faktoren berücksichtigt, die auf das Sorgemuster, auf Krankheit und Pflege Einfluss haben, aber auch, ob und welche Verbindung diese Faktoren untereinander und aufeinander haben. Diese Faktoren sind, noch einmal zusammengefasst:

technologische Umstände, religiöse und philosophische Einflüsse, verwandtschaftliche und soziale Faktoren, politische und gesetzliche Gegebenheiten, wirtschaftliche Verhältnisse, bildungsbedingte Faktoren und kulturelle Werte und Lebensweisen.

Anwendung der Theorie in der Praxis