Als Werturteilsstreit wird in der deutschen Soziologie und Nationalökonomie ein Methodenstreit um die Frage, ob die Sozialwissenschaften normativ verbindliche Aussagen über die von der Politik zu ergreifenden Maßnahmen treffen sollen bzw. ob politische Handlungen wissenschaftlich gerechtfertigt werden können, bezeichnet.Hans Albert: Ökonomische Ideologie und politische Theorie, Göttingen 1972. S. 10
Der Streit wurde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vor allem zwischen den Mitgliedern des Vereins für Socialpolitik geführt. Hauptkontrahenten waren Max Weber, Werner Sombart und Gustav Schmoller. 1909 motivierte er stark die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.Vgl. Otthein Rammstedt, Die Frage der Wertfreiheit und die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in: Lars Clausen/Carsten Schlüter[-Knauer] (Hrsg.), Hundert Jahre „Gemeinschaft und Gesellschaft“, Leske + Budrich, Opladen 1991, S. 549–560.
Als „Zweiter Werturteilsstreit“ wird manchmal die Debatte zwischen den Vertretern der Kritischen Theorie und des Kritischen Rationalismus während der 1960er Jahre bezeichnet; besser bekannt unter der Bezeichnung Positivismusstreit.
Die Ausgangslage Im Werturteilsstreit, vor allem in den Jahren vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges ausgetragen, ging es um ethische Grundfragen und damit (auch) um das Verhältnis von Wissenschaft zur Politik. Im engeren Sinne ging es hierbei um das Feld der Sozialpolitik. Hierzu war die Frage aufgeworfen worden, was objektive Wissenschaft für die Politik zu leisten vermöge, ob sie hierfür allgemein verbindliche Werte, Werturteile oder „Sollens“-Sätze aufstellen könne.
Es standen sich hierbei im Verein für Socialpolitik zwei Gruppen gegenüber. Einerseits vertraten jüngere Wissenschaftler, vor allem Max Weber und Werner Sombart, den Standpunkt, Wissenschaft könne aus sich heraus zu keinerlei Werturteil führen und Forschung müsse daher von wertender Betrachtung jederzeit streng getrennt werden. Ihnen traten die Kathedersozialisten gegenüber, für welche die wissenschaftliche Betätigung auch die Stellungnahme zu gesellschaftspolitischen Problemen umfasste, wie etwa die zur sozialen Frage.
Die Auseinandersetzungen über diese Fragen hatten aber bereits etwa 20 Jahre früher begonnen. Dies wird z. B. in einem Artikel von Lujo Brentano von 1896 dokumentiert.Brentano, Lujo (1896): Die Meinungsverschiedenheiten unter den Volkswirtschaftlern. In: Cosmopolis - Revue internationale, Nr. 4, 1896, S. 241–260. 15 Jahre später hatte dann der liberal gesinnte Autor und Gründungsmitglied des Vereins für Socialpolitik diesen Aufsatz mit einer neuen Vorbemerkung im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik unter dem Titel „Ueber Werturteile in der Volkswirtschaftslehre“ noch einmal veröffentlichtBrentano, Lujo (1911): Ueber Werturteile in der Volkswirtschaftslehre. In: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Vol. 33, S. 695–714., nachdem der Werturteilsstreit bei den deutschsprachigen Sozialwissenschaftlern in ganzer Schärfe entbrannt war.
Die Kathedersozialisten Die Bezeichnung Kathedersozialismus ist polemischen Ursprungs; damit wurde eine Gruppe von Hochschullehrern gekennzeichnet, die tatsächlich dem Sozialismus weitgehend ablehnend gegenüberstanden.zu diesem Absatz vgl. Lindenlaub S. 86–95 Gustav Schmoller etwa, einer der führenden Denker dieser Richtung, sah in der von ihm geforderten Sozialpolitik die einzige Möglichkeit, einer Revolution vorzubeugen. Eine Revolution müsse, seiner Auffassung zufolge, notwendig aus einem Ungleichgewicht der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen heraus entstehen; nur ein Gleichgewicht der im Staat am Produktionsprozess beteiligten Gruppen könne gesellschaftliche Stabilität sichern. Maßstab für dieses Gleichgewicht sei hierbei ausschließlich die Eigentumsverteilung, wobei aber keineswegs Gleichheit – Schmoller war von der zitiert nach Lindenlaub S. 89/90 der Menschen überzeugt –, sondern angestrebt werden sollte. Das entscheidende Mittel zum Erreichen sozialer Gerechtigkeit aber und zur Verwirklichung des Gleichgewichts der Klassen sah Schmoller eben in einer umfassenden staatlichen Sozialpolitik. Dieter Lindenlaub unterscheidet im von dieser , vor allem auf Ausgleich der Klassen bedachten und letztlich auf das Staatswohl zielenden Richtung etwa Schmollers die , die demgegenüber das Einzelrecht und die Freiheit des Individuums betonte.Lindenlaub S. 86 Auch diese Gruppe verzichtete jedoch nicht darauf, im Staat den wesentlichen Träger sozialer Maßnahmen zu sehen.
Die Sozialpolitik im deutschen Kaiserreich Der Verein für Socialpolitik, in dessen Rahmen sich der hier besprochene Werturteilsstreit im Wesentlichen abspielte, wurde 1873 .Lindenlaub S. 1 Tatsächlich begann Bismarck ab 1878, sozialpolitische Ziele zu verfolgen, und er sah in ihnen, parallel zur Auffassung des Vereins für Socialpolitik, in erster Linie ein Vehikel nationaler Integrationspolitik. Etwa wollte er Stürmer, Michael: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866–1918. Berlin 1983. (= Die Deutschen und ihre Nation Bd. 3) S. 226 Hans-Ulrich Wehler – er überschreibt ein diesbezügliches Kapitel mit Wehler, Hans-Ulrich: Das deutsche Kaiserreich 1871-1918. Göttingen 51983. (= Deutsche Geschichte, hrsg. von Joachim Leuschner. Band 9) S. 136 – vertritt die Auffassung, die Bismarcksche Sozialpolitik habe den gesellschaftlichen Umbau geradezu verhindern wollen.
Nach dem Ende von Bismarcks Regierungszeit 1890 wurde die Sozialpolitik von seinen Nachfolgern fortgesetzt, mit spürbaren Auswirkungen, und .Stürmer S. 269 Nach wie vor war Sozialpolitik ein , vielleicht – hier schwanken die Beurteilungen – nicht mehr so ausschließlich wie zuvor, sicherlich zu gutem Teil aber immer noch im Hinblick auf ein übergeordnetes Interesse der Schwächung der Arbeiterbewegung. Dieses Ziel erreichte sie nach 1890, wie sich etwa an der Entwicklung der Sozialdemokratie ablesen lässt, Stürmer S. 269 offenbar besser als vorher.
Das Werturteil in der Wissenschaft Als im Jahr 1909 der eigentliche Werturteilsstreit begann, hatte sich die sozialpolitische Situation in Deutschland gegenüber der Gründungszeit des Vereins für Socialpolitik also stark verändert. Möglicherweise hat der Verein diese Veränderung bis zu einem gewissen Grad mitverursacht; Patrick Verley in: Palmade, Guy (Hrsg.): Das bürgerliche Zeitalter. Fischer, Frankfurt am Main 1974, (= Fischer Weltgeschichte Bd. 27) ISBN 3-596-60027-8, S. 306. – Ausführlich dazu: Lindenlaub S. 14–83; 141–153 u.ö. Tatsache ist, dass er eine Einflussnahme auf die Politik überhaupt in größerem Maße anstrebte, sowie, dass er seine Wirksamkeit durch oftmals widersprechende Forderungen, die einzelne seiner Mitglieder an die Politik stellten, selbst behinderte.vgl. Lindenlaub S. 19
Die Ausgangsposition Schmollers Die Forderung nach Freiheit der Wissenschaft von Wertung ist nicht erst bei Max Weber und Werner Sombart zu finden. Bereits Schmoller hatte sich 1893 in diesem Sinne geäußert.
Wissenschaft könne die umso mehr erreichen, je mehr sie darauf verzichte, ein Sollen zu lehren; zwar sei das ein praktisches, aber ein Sollen gehe immer nur aus dem hervor.Schmoller S. 29.
Webers Objektivitäts-Aufsatz Bereits 1904 formulierte Max Weber seinen Standpunkt in aller Schärfe. Es könne Weber, Objektivitäts-Aufsatz S. 149 Weber, Objektivitäts-Aufsatz S. 154 Aber auch wenn Werte nicht Ergebnis von empirischer Wissenschaft sein könnten, so seien sie ihr doch als Forschungsgegenstand zugänglich. Auf diesem Wege werde Sozialwissenschaft doch wieder praxisrelevant. Die Trennung zwischen (d. h. Werten) und , um diese Zwecke zu erreichen, gehöre zum logischen Besteck der empirischen Sozialwissenschaft. Diese könne: die Angemessenheit eines Mittels bei gegebenem Zweck beurteilen, eine Zwecksetzung in bestimmter historischer Situation als sinnvoll oder sinnlos (offenbar heißt das erreichbar oder unerreichbar) beurteilen, weitere Folgen der angewendeten Mittel zeigen und so das Material zur Abwägung bereitstellen (die Entscheidung zugunsten der einen oder der anderen Folgewirkung ist aber eine Wertfrage und der empirischen Wissenschaft logisch unzugänglich), die innere Widerspruchslosigkeit der Zwecke prüfen, die vorgegebenen Zwecke auf heimlich zugrundeliegende Zwecke zurückführen.Weber, Objektivitäts-Aufsatz S. 149–151
Aber auch sonst spielten Werte in der Wissenschaft eine bedeutende Rolle: Schon die Auswahl des Forschungsgegenstandes beruhe auf Werten – nämlich dem Forschungsinteresse –, die der Forscher an seinen Gegenstand herantrage.Objektivitäts-Aufsatz z. B. S. 181/182 Wenn Webers Position später, vor allem während des sogenannten Positivismusstreites, als die einer „wertfreien“ Wissenschaft bezeichnet wurde, beruht das auf einem Missverständnis, das möglicherweise durch den zu einseitig formulierten Titel von Webers zweitem Aufsatz (Der Sinn der „Wertfreiheit“ usw.) befördert worden ist: Webers Behauptung ist nur die, dass die Gültigkeit von Werten nicht wissenschaftlich beweisbar ist; im Übrigen sieht er Werte auf vielfache Weise in die Arbeit des Wissenschaftlers eingreifen.
Die logische Trennung zwischen Zweck und Mittel läuft nach Weber auf eine funktionale, personelle Trennung hinaus: Um die einem Zweck angemessenen Mittel zu finden, wird ein Fachmann, ein Wissenschaftler benötigt; die Entscheidung über die Zwecke dagegen ist Politik. Er war durchaus nicht der Ansicht, dass ein Wissenschaftler sich von dieser fernhalten solle; er selbst mischte sich in die Politik seiner Zeit ein. Freilich könne der Wissenschaftler seine politischen Werte nicht als „Wissenschaftler“ vertreten; im Moment der Wertung wechsle er seine Funktion in der Gesellschaft und werde zum „Politiker“.
Die Wege, auf denen Politik und empirische Wissenschaft zu ihren Ergebnissen und Entscheidungen kommen, haben bei Weber also grundsätzlich verschiedene Struktur; empirischer Wissenschaft kann, so könnte man Weber vielleicht umformulieren, die methodisch saubere Umformung von Aussagen in andere Aussagen gelingen, nicht aber die von Aussagen in Imperative. Dass es sich um eine strukturelle Grenze der Erfahrungswissenschaft handelt und das Herauslassen von Werten aus der Wissenschaft nicht selbst wiederum eine Wertfrage ist, zeigt der in der Debatte von 1909 verwendete Begriff z. B. Sombart in: Verhandlungen S. 570: mit wissenschaftlichen Mitteln Werte herausfinden zu wollen, beruht nicht einfach auf einer anderen Auffassung von der gesellschaftlichen Funktion des Wissenschaftlers, sondern ist methodisch unseriös.
Die Debatte von 1909 Werner Sombart und Max Weber Sowohl das Verhältnis von reiner Wissenschaft zu praktischer politischer Forderung als auch die Willkürlichkeit der aus Wissenschaft abgeleiteten Sollenssätze spielen eine wichtige Rolle in dem die eigentliche Diskussion auslösenden mündlichen Beitrag Sombarts in einer Debatte des Vereins für Socialpolitik vom 29. September 1909. Anlass für die Ausführungen Sombarts war ein Referat von Eugen von PhilippovichDas Wesen der volkswirtschaftlichen Produktivität und die Möglichkeit ihrer Messung, Verhandlungen S. 329 ff.: Verhandlungen S. 358 Gegen diese Verhandlungen S. 571 Gleichsetzung von Produktivität und einem nicht näher erläuterten Volkswohlstand wandte sich Sombart: