hochkant=1.5|mini|Streckenverlauf Unter der Bezeichnung Sapsan werden die Hochgeschwindigkeits-Elektrotriebwagen der Baureihen ЭВС1 (EWS1) und ЭВС2 (EWS2) der Russischen Eisenbahnen (RŽD) zusammengefasst. Vom Hersteller Siemens werden diese Baureihen Velaro RUS genannt (RUS für Russland). Beide bilden die dritte Generation auf Basis der Velaro-Plattform entwickelter Hochgeschwindigkeitszüge, die aus dem deutschen ICE 3 abgeleitet wurde. Sie erhielten zur Vermarktung die Bezeichnung Sapsan (, Wanderfalke). Mit seinen verbreiterten Wagenkästen basiert der Sapsan auf dem Velaro CN (CRH3), fährt aber auf russischer Breitspur und ist insbesondere den speziellen klimatischen Bedingungen vor Ort angepasst.

Die ersten acht Triebzüge der Baureihe ЭВС2 sind Zweisystemzüge für Gleichstrom (3 kV) und Wechselstrom (25 kV, 50 Hz). Sie befinden sich seit Dezember 2009 im planmäßigen Verkehr. Die anschließende Baureihe ЭВС1 bestehend aus acht zehnteiligen Einsystem-Triebzügen ausschließlich für Gleichstrom (3 kV) nahm 2014 ihren Betrieb auf.

Planungen Im Jahr 2002 war das Projekt der RŽD-Baureihe ЭС250 gescheitert.

Am 21. Dezember 2004 schlossen Siemens, die RŽD und die russische Firmengruppe Neue Transporttechnologien (NTT), unter Anwesenheit von Bundeskanzler Schröder und Staatspräsident Putin, ein Abkommen zur gemeinsamen Entwicklung und Fertigung von zunächst 60 Hochgeschwindigkeitszügen. Bei der Entwicklung sollten Siemens und NTT zusammenarbeiten, die Fertigung sollte weitgehend in Russland erfolgen. Die Fertigstellung des ersten Zuges wurde für 2007 erwartet, der Gesamtauftragswert belief sich auf rund 1,5 Milliarden Euro. Darüber hinaus wurde eine Option für weitere 90 Züge vereinbart.Meldung Siemens baut Hochgeschwindigkeitszüge für Russland. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 2/2005, , S. 76. Arbeitsgruppen klärten technische, organisatorische und finanzielle Fragen.Vereinbarung zu Entwicklung und Bau von Hochgeschwindigkeitszügen für die Russische Eisenbahn. In: ZEVrail, Glasers Annalen. Bd. 129, Nr. 1/2, Berlin 2005, S. 52. .

Am 10. April 2005 (andere Quelle: 11. April 2005Meldung Vertrag für russische Hochgeschwindigkeitszüge. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 6/2005, , S. 286.) schlossen Siemens und die RŽD, im Beisein von Schröder und Putin, in Hannover einen Vertrag über die Entwicklung von Hochgeschwindigkeitszügen für Russland. Im Rahmen dieses Papiers wurde die Entwicklung und Projektierung ebenso geregelt, wie das Lokalisierungskonzept und die Struktur eines später zu schließenden Liefervertrages. Die Entwicklungskosten wurden mit 40 Millionen Euro veranschlagt.Delivery of eight high-speed trains to Russia. In: tslive. Nr. 7, Hamburg 2006, S. 15. Der ursprünglich auf den Entwicklungsvertrag aufbauende Liefervertrag, der im Sommer 2005 geschlossen werden sollte, hätte die Lieferung von 60 Zügen, bei einem Projektvolumen von 1,5 Milliarden Euro, umfasst.Siemens und Russische Staatsbahn schließen Entwicklungsvertrag für Hochgeschwindigkeitszüge. In: ZEVrail, Glasers Annalen. Bd. 129, Nr. 9, Berlin 2005, S. 394. . Die Auslieferung des ersten Zuges war für Ende 2007 vorgesehen. Präsident Putin kündigte an, die Siemens-Werke in Deutschland könnten mit Aufträgen aus Russland bis 2015 ausgelastet werden.

Ende 2005 berichteten Medien, der neue RZD-Chef Jakunin wolle das Volumen des geplanten Auftrags auf sechs Züge kürzen.Meldung Schlechte Karten für ICE-Export nach Russland. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 12/2005, S. 592.

Erste Bauserie Am 18. Mai 2006 wurden in Sotschi die Verträge über die Lieferung von acht zehnteiligen Hochgeschwindigkeitszügen vom Typ Velaro RUS zwischen dem Betreiber RŽD und dem Geschäftsbereich Siemens Mobility unterzeichnet.Meldung Acht schnelle Züge für Russland. In: Eisenbahn-Revue International. Heft 7/2006, , S. 360.

Im April 2006 wurde ein Modell eines Endwagens im Maßstab 1:1, ein sogenanntes Mock-up, in Auftrag gegeben, drei Monate später in Augsburg fertiggestellt und am 3. August 2006 in St. Petersburg präsentiert. Am 23. April 2007 folgte in Moskau die Unterzeichnung eines Wartungsvertrages der Züge für die Dauer von 30 Jahren – der Auftrag mit der bisher längsten Laufzeit in Russland. Diese Wartung, für die der Hersteller voll verantwortlich zeichnet, findet im Instandhaltungswerk Metallostroy, südöstlich von St. Petersburg, statt. Anfang Juni 2008 wurde dort Richtfest gefeiert. Neben einem dreigliedrigen Werkstattkomplex entstanden eine Außen- und Innenreinigungsanlage sowie eine Unterflurradsatzdrehmaschine und -prüfanlage.Richtfest für Velaro RUS-Werk. In: Der Eisenbahningenieur. Hamburg 2008, Juli, S. 74. . Inzwischen (Stand: 2012) sind dort 70 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 40 Mitarbeiter von Siemens (davon 6 aus Deutschland) und 30 von der Russischen Staatsbahn geliehene Arbeiter.Oliver Bilger: Sorgsame Pflege für den Wanderfalken. In: Handelsblatt. Nr. 174, 7./8./9. September 2012, , S. 24 f.

Der Präsident der Russischen Staatsbahn, Wladimir Jakunin, setzte am 20. Juli 2007 im Siemenswerk in Krefeld-Uerdingen symbolisch die Produktion des Velaro RUS in Gang.Produktionsstart für Velaro RUS. In: Eisenbahntechnische Rundschau. Bd. 56, Nr. 9, Hamburg 2007, S. 574. Der Auftragswert beträgt rund 630 Millionen Euro, davon 276 Millionen für die Lieferung der Züge und 354,1. RIA Novosti, 22. August 2012. Millionen für den Wartungsvertrag.Michael Ludwig: Der Wanderfalke fliegt nach Petersburg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 177, 3. August 2009, S. 9. Zur Finanzierung der Triebzüge nahm die RZD im Januar 2008 bei der Deutschen Bank einen Kredit über 422 Millionen US-Dollar auf.

Zweite Bauserie Am 17. Dezember 2011 wurden weitere acht zehnteilige 3-kV-Einsystem-Triebzüge (mit Vorbereitung für 25 kV/50 Hz) durch die Russische Staatsbahn RŽD beauftragt. Der Auftrag beinhaltet einen Instandhaltungsvertrag für die Dauer von 30 Jahren und beläuft sich über einen Gesamtwert von rund 600 Millionen Euro. Die Fertigung der Züge findet im Siemens-Werk in Krefeld-Uerdingen statt.Siemens Pressemitteilung: Russische Eisenbahn bestellt erneut den Superzug Velaro, 19. Dezember 2011.

Der erste Wagen eines zehnteiligen Triebzuges bietet 19 Sitze in der Premiumklasse sowie eine VIP-Lounge hinter dem Führerstand mit vier Sitzen an einem Tisch. Der zweite Wagen verfügt über 52 Sitze in der Businessklasse und einen Servicebereich. Die anderen acht Wagen halten je bis zu 66 Sitzplätze in der Touristenklasse bereit.

Am 3. Dezember 2012 wurde die Fertigung der acht neuen Züge durch Vertreter von Auftragnehmer und -geber im Siemens-Werk Krefeld-Uerdingen gestartet. Die Züge der zweiten Bauserie sollen ab Januar 2014 in Betrieb genommen werden und ab Oktober 2014 auf der Strecke Sankt Petersburg–Moskau und weiter bis Wladimir verkehren, wobei Fahrten in Doppeltraktion vorgesehen sind. Dazu erhalten die Züge Scharfenberg-Frontkupplungen vom Typ 10 mit Adaptern auf SA-3, um von einer Lokomotive geschleppt bzw. rangiert werden zu können. Die Triebzüge können auch mit Fahrzeugen der ersten Bauserie gekuppelt werden.

Mitte Dezember 2013 ist der erste Triebzug der zweiten Bauserie über den Seeweg, siehe Absatz Produktion und Auslieferung, in Sankt Petersburg angekommen.Siemens delivers new high-speed Sapsan train to Russia, Global Rail News vom 19. Dezember 2013 (englisch)

Laut Angaben von Siemens vom Februar 2018 liefen Verhandlungen über elf neue Triebzüge und zusätzliche Wagen für die Bestandsflotte.

Dritte Bauserie Im Juni 2019 erteilte die Russische Staatsbahn einen Auftrag von 13 weiteren zehnteiligen Triebzügen für die Strecke Sankt Petersburg–Moskau. Einschließlich Instandhaltung für 30 Jahre beträgt der Auftragswert 1,1 Milliarden Euro. Beauftragt wurden Siemens Mobility und Ural Locomotives, ein Joint Venture der Sinara Group und der Siemens AG.

Die Auslieferung wurde im März 2022 aufgrund des russischen Überfalls auf die Ukraine gestoppt. Bis dahin waren vier Triebzüge ausgeliefert worden, fünf weitere im Bau. Diese Triebzüge wurden fertiggestellt und eingelagert. Die vier übrigen Triebzüge werden nicht mehr gebaut.Ukraine-Krieg: Mannigfache Auswirkungen auf die Eisenbahn. In: Eisenbahn-Revue International 7/2022, S. 358–360 (360).

Produktion und Auslieferung Die Konstruktions- und Projektierungsarbeiten erfolgten in Erlangen und Krefeld. Rohbau und Endmontage fanden in Krefeld-Uerdingen statt. Die Drehgestelle stammen von Siemens in Graz.

Die ersten Wagen des Velaro RUS wurden Anfang 2008 in Krefeld montiert.Siemens hält bei Hochgeschwindigkeitszügen hohes Tempo Offiziell vorgestellt hatte man die ersten drei Wagen des ersten Zuges auf der Schienenfahrzeugmesse InnoTrans am 23. September 2008 in Berlin. Der erste vollständige Mehrsystemzug wurde am 13. November 2008 über den Fährhafen Sassnitz-Mukran von der Insel Rügen nach Ust-Luga in Russland verschifft. Zuvor musste der Zug auf der Straße von Krefeld nach Rügen transportiert werden. Erst in Sassnitz-Mukran, dem einzigen deutschen Fährhafen mit russischer Breitspur, konnte der Zug aufgegleist und in zwei Zugteilen auf die Fähre Vilnius gerollt werden. Auf diesen Wegen erfolgte auch die Auslieferung aller weiteren Züge, wobei auf die vier Mehrsystem-Einheiten die vier Einsystem-Einheiten folgten. Am 26. Dezember 2008 wurde der erste Zug am Moskauer Bahnhof in St. Petersburg vorgestellt. Inbetriebsetzung und Prüfungen finden im Depot in St. Petersburg sowie auf der Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg, auf dem Versuchsbahnring in Schtscherbinka und auf Hochgeschwindigkeits-Versuchsstrecken in Beloretschensk statt.

Am 22. Dezember 2009 wurde der letzte der acht Züge des ersten Lieferloses verschifft.Deutsche Bahn AG: Letzter Hochgeschwindigkeitszug nach Russland verschifft. Presseinformation vom 21. Dezember 2009.

Im Februar 2014 begann die Auslieferung der zweiten Bauserie.Eisenbahn-Revue International 04/2014, S. 188 Dazu wurden die Wagen im Hafen Krefeld-Uerdingen auf ein Binnenschiff verladen und nach Amsterdam transportiert. Von dort erfolgte der Transport auf dem Seeweg über Sassnitz (Umladung auf Breitspur-Eisenbahnfähre) nach Ust-Luga.

Betrieb mini|Blick aus dem Führerstand Am 2. Mai 2009 stellte ein Sapsan bei einer Testfahrt einen Geschwindigkeitsrekord von 281 km/h auf, was die bis dahin höchste Geschwindigkeit auf einer russischen Bahnstrecke bedeutet. Auf der Strecke St. Petersburg–Moskau, zwischen Okulowka und Mstinski Most übertraf der in Serie gefertigte Zug damit seine zugelassene Höchstgeschwindigkeit um rund 10 Prozent. Am 2. August 2009 fand im Beisein des Präsidenten der Russischen Staatsbahn, Wladimir Jakunin, die Jungfernfahrt auf der Strecke St. Petersburg–Moskau statt.

Unmittelbar vor der Eröffnungsfahrt kam der Sapsan bereits am 27. November 2009 zur Rettung der Verletzten des Terroranschlags auf den Newski-Express zum Einsatz.

Zum Betriebsstart gab es einige technische Probleme, die zu Verspätungen von bis zu 45 Minuten führten. Die russische Staatsbahn drohte Siemens mit Strafzahlungen.Siemens droht Strafgeld. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 300, 28. Dezember 2009, S. 14. Als im Dezember 2009 infolge eines Motorschadens ein Zug 45 Minuten zu spät am Ziel ankam, forderte Jakunin eine Entschädigung von Siemens, die das Unternehmen bezahlte.

Der Radsatzverschleiß an den Zügen erwies sich in den ersten Monaten als unerwartet hoch.. In: Der Mobilitätsmanager (Onlineausgabe), 1. Mai 2010

Zum 5. April 2010 wurde die Fahrzeit aufgrund von Bauarbeiten und dichter belegter Trassen von 225 auf 235 bis 285 Minuten angehoben, gleichzeitig das Angebot von drei auf fünf Zugpaare pro Tag erhöht.Meldung Wanderfalken fliegen langsamer. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 5, 2010, , S. 246. Die durchschnittliche Auslastung lag im Mai 2010 bei mehr als 90 Prozent.